Istvan Hidy

Idole braucht das Volk. Nur: Wo sind sie hin?

Früher war das einfacher. Ein deutscher Abend, zwei Gläser Wein – und irgendwo zwischen Vorspeise und Verdauungsspaziergang stand plötzlich ein Weltveränderer im Raum. Nicht als These, sondern als Typ. Groß, kantig, mit Sendungsbewusstsein.

Siegfried? Hat nicht diskutiert. Hat geliefert.

Hermann der Cherusker? Hat Imperien erklärt, dass „weiter so“ keine Strategie ist.

Und dann kam Martin Luther – weniger als Religionsgründer, mehr als Spracharchitekt. Einer, der nicht nur Thesen anschlug, sondern einer Sprache Rhythmus, Wucht und Reichweite gab.

Auf diesem Fundament dann die Sprachgenies und Systembauer: Goethe, Schiller, Hegel – Männer, die nicht nur dachten, sondern gleich ganze Denksysteme in die Landschaft stellten. Benutzbar, aber nicht nebenwirkungsfrei.

Selbst die Mathematik hatte noch Größenwahn: Gauß, der ernsthaft in Erwägung zog, dass Unendlichkeit vielleicht nur ein Rechenproblem ist – wenn man die Geduld mitbringt.

Und dann Marx. Kein Kommentar, sondern Umbau. Einer, der nicht fragte, wie die Welt ist, sondern wie sie zu sein hat – und gleich Baupläne mitlieferte. Das Ergebnis: ein Gedankengebäude, das über Jahrzehnte nicht nur Seminarräume, sondern halbe Kontinente beschäftigte. Rückbau? Bis heute nicht abgeschlossen.

Dann kam die Wirklichkeit. Und sie blieb.

Nach 1945 wurde der Ton vorsichtiger. Weniger Pose, mehr Praxis. Aber Wirkung gab es noch.

Fritz Walter gewann 1954 nicht nur ein Spiel, sondern ein Lebensgefühl: „Geht doch wieder.“

Willy Brandt ging weiter. Er kniete – und verschob damit nicht nur Perspektiven, sondern Politik. Ein Moment, der hängen blieb, weil er mehr war als Symbol. Seine Ostpolitik: keine Geste, sondern ein Prozess. Und ohne diesen Prozess? Die spätere Einheit zumindest schwerer vorstellbar.

Und dann Beckenbauer. „Der Kaiser“. Ein Titel, der eigentlich nur ironisch funktionieren dürfte – und hier plötzlich ernst gemeint war. Vielleicht das letzte große deutsche Augenzwinkern mit Machtanspruch.

Im Osten: Frank Schöbel. Keine Überhöhung, keine Revolte. Dafür Verlässlichkeit. Ein Idol im Alltagsmodus – nahbar, anschlussfähig, langlebig.

Und heute?

Heute wirkt Größe verdächtig.

Zu laut? Problematisch.

Zu klar? Polarisierend.

Zu einflussreich? Erst mal moderieren.

Wir haben gelernt, alles einzuordnen, einzuhegen – zur Not doppelt. Niemand soll zu groß werden, schon gar nicht ungefiltert. Das Ergebnis: viele Stimmen, wenig Wucht.

Dabei zeigt die Geschichte eine ziemlich einfache Wirklichkeit: Ohne große Figuren keine großen Debatten. Ohne Reibung keine Bewegung. Ohne Übermaß keine Richtung.

Idole braucht das Volk. Früher kamen sie als Monumente – mit Ecken, Kanten und Kollateralschäden. Heute eher als Profile: gepflegt, kommentierbar, jederzeit kündbar.

Vielleicht ist das Fortschritt. Vielleicht aber auch nur Risikovermeidung mit modernem Design.

Und irgendwo zwischen Mythos, Methode und Medienkompetenz bleibt eine unbequeme Frage stehen:

Sind die Idole verschwunden – oder haben wir verlernt, sie auszuhalten?

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