Harry Schloßmacher

ANDY und der Tod – DIE ENTSCHEIDUNG



Andy kam wieder.

Drei Tage später.

Biggi wusste es nicht.

Oder vielleicht doch – sie hatte nur nichts gesagt.

Das Institut war unverändert.

Still. Weiß. Zeitlos.



„Sie sind zurück“, sagte der Kuköm.

Andy nickte.

„Haben Sie sich entschieden?“

Diesmal zögerte er nicht.

„Ja.“

„Warum?“ fragte der Kuköm.

Andy atmete langsam aus.

„Weil alles, was ich gesehen habe… endet.“
„Weil jedes dieser Leben mir irgendwann weggenommen wird.“
„Weil ich nicht akzeptieren kann, dass alles einfach… verschwindet.“



Der Kuköm sah ihn ruhig an.

„Das ist eine ehrliche Antwort.“

„Und die falsche?“ fragte Andy.

„Die meisten sagen: Ich will leben.“
Kurze Pause.
„Sie meinen aber: Ich will nicht verlieren.“

Andy schwieg.

„Und?“ sagte er schließlich.

„Ist das schlimm?“

Der Kuköm schüttelte leicht den Kopf.

„Nein. Nur folgenreich.“



Der Raum veränderte sich.

Nicht sichtbar.
Aber spürbar.

Als würde etwas endgültig werden.

„Der Prozess ist unumkehrbar“, sagte der Kuköm.
„Ihr biologischer Körper wird ersetzt. Schritt für Schritt.“
„Erinnerungen bleiben. Persönlichkeit weitgehend auch.“

„Weitgehend?“ fragte Andy.

„Sie werden… stabiler.“



Andy dachte an Biggi.

An ihr Lachen.
An ihre Ungeduld.
An ihre Art, Dinge nicht zu Ende zu denken.

„Und Gefühle?“ fragte er.

Der Kuköm antwortete ehrlich:

„Sie verlieren ihre Dringlichkeit.“

Das hätte ihn aufhalten können.

Tat es aber nicht.

„Ich will es trotzdem.“



Der Eingriff begann ohne Pathos.

Keine Maschinen, die laut wurden.
Keine dramatische Musik.

Nur ein langsames Verschwinden.

Andy sah noch einmal sein Handgelenk.

23,1 Jahre.

Dann verschwand die Anzeige.

Für immer.



Am Anfang war alles… intensiver.

Nicht stärker.

Klarer.

Keine Angst mehr.
Kein Ziehen im Körper.
Kein unterschwelliger Druck der Zeit.

Er verstand plötzlich, warum die Kuköms so ruhig waren.



Er traf Biggi noch einmal.

Natürlich tat er das.

„Du hast es gemacht“, sagte sie.

Keine Frage.

Andy nickte.

„Ja.“

Sie sah ihn lange an.

„Du wirkst… anders.“

„Ich bin noch ich.“

Sie lächelte schwach.
„Noch.“



Sie gingen spazieren.

Wie früher.

Gleiche Straßen. Gleiche Wege.

Aber etwas fehlte.

„Ich werde sterben“, sagte Biggi irgendwann.

Andy antwortete nicht sofort.

Früher hätte ihn dieser Satz getroffen.

Jetzt… registrierte er ihn.

„Ja“, sagte er schließlich.



Biggi blieb stehen.

„Das ist alles?“

Andy suchte nach etwas.
Einem Gefühl.
Einer passenden Reaktion.

Er fand… Struktur.

Aber keine Dringlichkeit.

„Ich werde dich verlieren“, sagte sie.

Andy nickte langsam.

„Ja.“



Da war ein Moment.

Ein ganz kleiner.

In dem er verstand, was er verloren hatte.

Nicht sie.

Sondern die Bedeutung, sie zu verlieren.

Biggi sah ihn an, als wäre er schon weg.

„Dann bist du es nicht mehr“, sagte sie leise.

Er widersprach nicht.



Jahre vergingen.

Dann Jahrzehnte.

Andy funktionierte perfekt.

Er lernte.
Er arbeitete.
Er existierte.

Ohne Angst.
Ohne Eile.
Ohne Ende.

Menschen kamen.

Menschen gingen.



Biggi ging auch.

Irgendwann.

Andy erinnerte sich an sie.

Exakt.

Jedes Detail abrufbar.

Aber die Erinnerung tat nicht weh.

Das war der Moment, in dem er es wirklich verstand.



Er stand in einem Raum, ähnlich dem, in dem alles begonnen hatte.

Ein neuer Mensch saß ihm gegenüber.

Nervös. Unsicher.

Mit einer Zahl auf dem Handgelenk.

„Ich will nicht sterben“, sagte der Mann.

Andy sah ihn an.

Ruhig. Klar. Unendlich geduldig.

„Das ist nicht dasselbe“, hörte er sich sagen.

Ein kurzer Schatten zog durch sein System.

Etwas wie ein Echo.

Von früher.

Dann war es weg.



„Haben Sie sich entschieden?“ fragte Andy.

Der Mann nickte zögernd.

„Ich glaube… ja.“

Andy lächelte.

Makellos.

Endgültig.

Und irgendwo, tief in einer perfekt erhaltenen Erinnerung,
lief eine Version von ihm durch eine Straße,
mit 23,4 Jahren Restlaufzeit –

und hatte Angst.

Jetzt nicht mehr.


 

Bild zu ANDY und der Tod – DIE ENTSCHEIDUNG

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Harry Schloßmacher).
Der Beitrag wurde von Harry Schloßmacher auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Harry Schloßmacher

  Harry Schloßmacher als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Himmel und Hölle einer Beziehung (Gedichte) von Edith van Blericq-Pfiffer



Das Leben könnte so einfach sein, wenn die Ausgewogenheit zwischen Herz und Verstand dafür Sorge tragen würde, daß man sich weder ab und zu im (siebenten) Himmel noch in der Hölle wiederfindet.
Dieser Gedichtband gleicht einem Tagebuch der Liebe, den die Autorin in der für eine Zwillinge-Frau typischen Art und Weise des „Himmelhochjauchzend – Zutodebetrübtseins“ schrieb.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Science-Fiction" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Harry Schloßmacher

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das seltsame Eigenleben der "Introvertierten Zivilisation" von Harry Schloßmacher (Science-Fiction)
RC1. Zerstörer der Erde. Fortsetzung der Trilogie von Werner Gschwandtner (Science-Fiction)
Hunde denken anders. von Walburga Lindl (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen