Hajo Schindler

Paris s’éveille

„Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu sein, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst“.

(Ernest Hemingway)

 

1968 - Ein Pariser Morgen, wie ihn nur Paris hervorbringen kann: der Duft von frischem Baguette, das Klirren von Geschirr, gedämpfte Stimmen aus allen Ecken des Frühstücksraums. Ich saß dort mit der Gruppe aus der St. Mariengemeinde, die eine Woche lang Paris erkunden wollte. Einquartiert hatten wir uns in einem kleinen einfachen Hotel in der Rue Mouffetard. Noch halb verschlafen biss ich im Frühstücksraum in mein Croissant, als plötzlich ein Chanson aus dem Radio erklang.

Schon nach den ersten Takten wusste ich: Dieses Lied gehörte zu Paris wie der Eiffelturm. Es war, als würde die Stadt selbst durch die Lautsprecher atmen. Neugierig und ein wenig verzaubert ging ich zur Rezeption und fragte nach dem Interpreten. Die junge Frau hinter dem Tresen lächelte wissend, als hätte sie diese Frage schon oft gehört. „Jacques Dutronc“, sagte sie, „Paris s’éveille.“

Damals ahnte ich nicht, dass sich dieses Lied wie ein feiner Faden, der zwar mitunter abriss, durch mein Leben ziehen würde. Als ich es nun an einem völlig gewöhnlichen Tag letzte Woche nach langer, langer Zeit wieder im Radio hörte, stiegen Erinnerungen auf - warm, bittersüß, wie ein Duft, den man sofort erkennt, obwohl ich ihn seit Jahren nicht mehr so direkt wahrgenommen hatte. Plötzlich stand ich wieder dort: ein junger Mensch auf seiner ersten Reise nach Paris, voller Neugier, voller Sehnsucht. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Als wäre ich wieder dort, in diesem Hotel, in diesem Frühstücksraum, in diesem Moment, in dem Paris für mich erwachte.

 

 

Paris s’éveille (Paris erwacht)

Paris glich in jenen Apriltagen einem überhitzten Kessel, dem Zentrum der aufbrechenden 68er‑Bewegung. Die Stadt vibrierte vor Unruhe, trug den Duft von Neubeginn und jugendlicher Energie in der Luft. Aus allen Ecken drangen Stimmen, die Veränderung forderten, und dennoch lag ein zarter Schleier von Frühling über allem, der die Boulevards mit Helligkeit und leiser Zuversicht erfüllte.

Auf den Straßen drängten sich Studenten, diskutierten leidenschaftlich, skandierten Parolen. Hin und wieder durchschnitt ein fernes Sirenengeheul die Geräuschkulisse, wenn die Polizei irgendwo eingriff. Für uns als Jugendgruppe von der Kirchengemeinde St. Marien war es ein seltsamer Zeitpunkt, um eine Woche in Paris zu verbringen – und vielleicht war es gerade diese Spannung, die die Reise unauslöschlich in meinem Gedächtnis verankerte.

Unser Hotel befand sich in der Rue Mouffetard, einer engen Straße, die selbst inmitten der aufgewühlten Zeiten wie ein eigenständiges kleines Universum wirkte. Händler priesen lautstark ihre Waren an, aus den Cafés drang lebhaftes Stimmengewirr, und bis spät in die Nacht blieb alles geöffnet. Über den alten Pflastersteinen lag der warme Duft frisch gebackener Baguettes, der sich wie ein feiner Schleier über die Straße legte. Ich war dieser Gasse, diesem Viertel, vom ersten Augenblick an verfallen.

Die Begegnung

An einem späten Nachmittag, als ich die knarrende Holztreppe des Hotels herunterging, um im Foyer zu den anderen aus unserer Gruppe zu stoßen, blieb mein Blick plötzlich hängen. Sie stand am Ende der Treppe, als gehöre dieser Platz schon seit einer Ewigkeit ihr. Ein junges Mädchen, ungefähr in meinem Alter, mit dunklem Haar und einem Blick, der zugleich fordernd und doch ein wenig scheu wirkte.

„Ich bin Claire, komme aus der Schweiz, ich bin seit ein paar Tagen mit meiner Mutter hier ….. Verzeihung …hm, wäre es möglich, mich heute eurer Gruppe anzuschließen?“, fragte sie mich leise und sah mich dabei prüfend an.

Es war ein einfacher, klarer Satz, aber er traf mich unerwartet. Vielleicht, weil ich nicht damit gerechnet hatte, vielleicht weil er so direkt war. Vielleicht, weil sie mich ansah, als würde sie hoffen, dass ich ja sage. Vielleicht, weil ich in diesem Moment spürte, dass dieser Nachmittag, dieser Abend anders werden könnte, wie die vorausgegangenen Tage.

Claire bat mich, dass wir gemeinsam zu ihrer Mutter gehen, um sie darüber zu informieren, dass sie mit unserer Gruppe den Nachmittag und Abend verbringen möchte. Ich war sprachlos, aber als ich Claires Blick sah, legte ich meine Scheu ab. Als ich wenig später mit Claire vor der Tür ihres Hotelzimmers stand und anklopfte, spürte ich eine leichte seltsame Nervosität in mir, die ich nicht recht einordnen konnte.

Die Mutter machte die Tür auf. Ihr Gesicht wirkte offen und freundlich, doch ihr Blick blieb wachsam. Für einen Moment hielt sie inne, als müsste sie Claire noch ein bisschen länger festhalten, bevor sie sie raus in diese unruhige Welt ließ. Dann nickte sie schließlich. Ich versprach, gut auf Claire aufzupassen — ein Versprechen, das sich schwerer anfühlte, als ich mir eingestehen wollte.

Der Abend im Caveau de La Huchette

Wir schlenderten zunächst alle gemeinsam den Boulevard Saint‑Michel hinunter, dann weiter zur Kathedrale Notre‑Dame. Dabei fiel mir auf, wie Claire immer wieder neben mir auftauchte, als würde sie bewusst meine Nähe suchen. Als sich die Gruppe später in alle Himmelsrichtungen aufteilte, blieben wir wie selbstverständlich zusammen zurück.

Wir setzten uns auf eine Bank am Ufer der Seine. Diese Bank war in diesem Moment wie ein idyllischer Zufluchtsort, nur für uns beide. Wir sprachen darüber, wie wir den Abend verbringen wollten, ohne Eile, fast so, als hätten wir den Rest der Stadt für einen Moment ausgeblendet.

In meinem Reiseführer hatte ich von einem Jazzkeller gelesen, dem Caveau de la Huchette. Wer nach Paris kommt, müsse unbedingt dort hingehen. Ich erwähnte es beiläufig, und Claire lächelte, ein stilles, neugieriges Lächeln, das mir mehr bedeutete, als ich zugeben wollte. Also machten wir uns am Abend gemeinsam auf den Weg dorthin.

Schon draußen hörten wir die Musik aus dem Souterrain - ein lebendiger Rhythmus, der durch die alten Mauern vibrierte. Wir gingen hinein. Eine enge Treppe führte hinab in das alte Kellergewölbe. Dort war es eng, warm, fast ein wenig stickig, aber voller Bewegung. Die Band spielte mit einer Energie, die den Raum füllte, und die Menschen tanzten, lachten, klatschten im Takt. Es wirkte auf mich, als würde der ganze Keller für ein paar Stunden die aufgeheizte Stimmung in der Stadt vergessen.

Und mitten in diesem Trubel stand Claire neben mir, so nah, dass ich ihren Atem spüren konnte. Es war, als würde der Lärm um uns herum verschwimmen - und nur der Moment zwischen uns blieb klar.

Wir lachten viel, manchmal ohne Grund, einfach weil wir die Zeit genossen und uns inmitten des Trubels wohlfühlten. Wenn die Musik lauter wurde, beugte sie sich zu mir, damit ich sie besser verstehen konnte. Ihr Haar streifte dabei meine Wange, und jedes Mal durchzog mich ein kleiner Schauer. Gänsehaut. Ich weiß noch, wie sie lachte - dieses helle, offene Lachen, das befreiend ansteckend wirkte.

Als die Band ein langsames Stück spielte, hob sie den Blick. Kein forderndes Zeichen, kein bewusst gesetzter Moment — nur ein leiser, ruhiger Blick, der sich mit meinem verfing, als hätte sie schon darauf gewartet.

Etwas in mir reagierte sofort, kaum spürbar zuerst, dann deutlicher, wie ein sanfter Schlag gegen die Rippen. Und ich wusste, ohne es benennen zu können, dass sich dieser Abend in mir festsetzen würde — nicht laut, nicht dramatisch, sondern still, wie etwas, das man erst später wirklich versteht.

Als wir später durch die nächtlichen Straßen zu unserem Hotel zurückgingen, war Paris stiller geworden. Die Laternen warfen weiches Licht auf das Straßenpflaster, die Luft roch nach Frühling und Nacht. Claire ging dicht neben mir, und irgendwann suchte ihre Hand die meine.

Ich sagte nichts. Sie auch nicht. Es brauchte keine Worte. Wir schauten uns einfach nur an.

Am Hotel angekommen, blieben wir eine Weile vor der Eingangstür stehen. „Das war ein schöner Abend“, flüsterte sie leise. Ich nickte nur, weil ich spürte, dass meine Stimme nicht halten würde.

Dann lächelte sie und ging schnell ins Hotel. An dieses warme, ein wenig scheue Lächeln erinnere ich mich heute noch. Ich blieb noch einen Moment draußen vor dem Hotel stehen, hörte in der Ferne die Geräusche der pulsierenden Stadt und wusste: Dieser Abend würde bleiben. Nicht als poetisches Drama, nicht als unerfüllte Liebe, sondern als etwas Zartes, Kostbares. Als ein Funke, der in mir weiter Glühen würde.

Die Tage danach

Claire verbrachte auch an den nächsten Tagen viel Zeit mit mir in unserer Gruppe. Wir gingen durch die Gassen des Quartier Latin, standen gemeinsam auf der Pont Neuf und sahen den Ausflugsbooten auf der Seine nach. Wir saßen auf den Treppen vor Sacre Coeur und blicken hinunter auf Paris. Manchmal streiften sich dabei unsere Hände, und jedes Mal blieb ihre Berührung ein wenig länger.

Wir redeten miteinander ohne Plan und ohne Ziel — über ihre Schweizer Heimat, dass sie Architektur studieren wollte, über meinen Wohnort in Deutschland, über unsere Reisegruppe, über Musik, über Träume, über das, was wir uns vom Leben erhofften. Zwischendurch erzählte sie, dass sie Paris liebe, auch wenn die Stadt sich in diesen Tagen anders anfühlte. Die Streiks, die Proteste der Studierenden - all das habe ihr manchmal ein leichtes Unbehagen bereitet.

Sie sagte es nicht dramatisch, eher beiläufig, fast entschuldigend. Und doch spürte ich, wie erleichtert sie war, nicht allein unterwegs zu sein oder nur mit ihrer Mutter von einem Museum zum nächsten zu gehen. Es klang, als sei sie froh, die Zeit mit jemandem zu teilen, mit dem sie reden und der ihr einfach zuhören konnte.

Ich verschwieg ihr, wie sehr mich ihre Nähe berührte, wie sehr ich ihre Gesellschaft genoss. Die Worte lagen irgendwo in mir, doch jedes Mal, wenn ich sie aussprechen wollte, lösten sie sich wieder auf. Vielleicht aus Vorsicht, aus Unsicherheit, vielleicht aus Furcht, etwas Unangebrachtes und Falsches zu sagen.

Also ließ ich es unausgesprochen - dieses leise, warme Ziehen in meiner Brust, das sich meldete, sobald sie neben mir war, als wüsste es längst mehr, als ich selbst zuzugeben bereit war.

Der Abschied

Am Tag der Abreise von Claire standen wir morgens vor dem Hotel. Die Rue Mouffetard war stiller als sonst, und das Licht der morgendlichen Frühlingssonne legte sich weich auf ihre Gesichtszüge.

„Danke, ich werde diese Tage nie vergessen“, flüsterte sie leise.

Ich wollte etwas sagen, etwas Großes, etwas Bedeutendes — aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Also nickte ich nur. Manchmal ist ein Nicken ehrlicher als ein Satz.

Sie trat einen Schritt näher, als wollte sie noch etwas sagen, zögerte, lächelte dann und berührte kurz dabei meine Hände. Eine Berührung, so leicht wie ein Hauch - und doch schwer genug, um zu bleiben.

Danach verschwand sie urplötzlich im Hotel. Ich sah ihr nach, bis die Tür sich hinter ihr schloss.

Was ist geblieben

Erinnerungen an Tage, Stunden in Paris, die sich mir eingeprägt haben — Gespräche, die sich leicht anfühlten, Blicke, die länger blieben als nötig, kleine Berührungen, die mehr sagten als Worte. Eine kleine, vielleicht unscheinbare Episode aus meiner Jugend, die ich nie ganz abgelegt habe. Die Jahre gingen vorüber und Claire tauchte manchmal auf – in meinen Träumen – nicht laut, nicht fordernd, eher wie jemand, der kurz an einer Tür vorbeigeht und einen Blick hineinwirft. Nicht dramatisches, nur dieses „traumhafte Wiedersehen“, das mich dann am Morgen für einen Moment innehalten ließ.

Manchmal sind es genau solche unscheinbaren Momente, die sich festsetzen und einen ein Leben lang begleiten, ohne dass man es groß merkt und darüber redet.

Und Paris — Paris ist für mich die Stadt geblieben, in der ich zum ersten Mal spürte, wie ein Funke entstehen kann. Ein Funke, der nicht brennt, sondern wärmt. Einer, der bleibt, selbst wenn alles andere längst vergangen ist.

Paris s’éveille (Paris erwacht).

Bild zu Paris s’éveille

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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