Der heutige Mann hat es nicht leicht. Jahrtausende lang war seine Aufgabe klar definiert: Mammuts jagen, Feuer bewachen, gelegentlich gegen Säbelzahntiger antreten und dabei möglichst heldenhaft aussehen. Die Evolution hatte ihn sorgfältig ausgestattet: breite Schultern, schnelle Reflexe und eine gewisse Bereitschaft, in lebensgefährlichen Situationen zunächst zu handeln und erst später darüber zu reden.
Dann kam die Moderne.
Heute sitzt der Nachfahre des Mammutjägers in einem ergonomischen Bürostuhl, bearbeitet Excel-Tabellen und wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass seine evolutionär geprägte Existenz ein gesellschaftliches Problem darstellt. Was früher als Mut galt, heißt nun Risikoverhalten. Was früher Durchsetzungsvermögen war, gilt als Dominanzproblem. Und wer Schutzinstinkte zeigt, steht im Verdacht, ein patriarchales Relikt aus der Bronzezeit zu sein.
Der Mann befindet sich damit in einer bemerkenswerten Lage: Einerseits soll er stark sein, andererseits keinesfalls stark wirken. Er soll Gefühle zeigen, aber bitte die richtigen. Er soll Verantwortung übernehmen, aber nicht zu viel Raum einnehmen. Er soll führen können, ohne zu führen, und selbstbewusst auftreten, ohne Selbstbewusstsein auszustrahlen. Kurz gesagt: Er soll gleichzeitig Kampfhund und Kuscheltier sein – bitte in derselben Minute.
Besonders beliebt ist die Vorstellung, Männlichkeit müsse vor allem kritisch betrachtet werden. Kaum eine Eigenschaft bleibt verschont. Wettbewerbsorientierung? Problematisch. Körperliche Stärke? Verdächtig. Abenteuerlust? Potenziell toxisch. Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, die Evolution habe über mehrere hunderttausend Jahre hinweg einen Fehler gemacht, der nun in pädagogischen Workshops korrigiert werden muss.
Besonders verwirrend ist die Lage auf dem Feld der Fortpflanzung. Über Jahrtausende galt ein Mann als erfolgreich, wenn er gesund, kräftig, durchsetzungsfähig und für potenzielle Partnerinnen attraktiv war. Die Evolution belohnte solche Eigenschaften großzügig mit Nachwuchs. Heute bewegt sich derselbe Mann auf einem kommunikativen Minenfeld. Initiative soll er zeigen, aber bitte nicht zu viel. Interesse bekunden, aber möglichst geräuschlos. Selbstbewusst auftreten, ohne aufdringlich zu wirken. Der ehemalige Balztanz des Homo sapiens gleicht inzwischen einem Verwaltungsverfahren mit unklarer Rechtslage. Eigenschaften, die einst als Zeichen von Vitalität galten, stehen nun vorsorglich unter Generalverdacht. Die Evolution blickt ratlos auf ihr eigenes Werk und fragt sich vermutlich, ob sie vor dem Start nicht doch eine Bedienungsanleitung hätte mitliefern sollen.
Dabei wirkt die Debatte oft erstaunlich stereotyp. Ausgerechnet jene, die Geschlechterklischees bekämpfen wollen, beschreiben Männer gern als emotional verkümmerte, latent aggressive Wesen mit eingeschränkter Gesprächsfähigkeit. Der Mann erscheint als eine Art biologisches Projekt, das dringend nachjustiert werden muss – eine Mischung aus Softwarefehler und Altlast der Menschheitsgeschichte.
Der durchschnittliche Mann reagiert darauf typisch männlich: Er sagt wenig und mäht den Rasen.
Vielleicht liegt darin sogar eine gewisse Weisheit. Denn die meisten Männer erkennen sich weder im Bild des unfehlbaren Helden noch in jenem des gesellschaftlichen Störfalls wieder. Sie gehen arbeiten, kümmern sich um Familie und Freunde, reparieren tropfende Wasserhähne, tragen schwere Kisten und fragen sich gelegentlich, weshalb ihre bloße Existenz Gegenstand ideologischer Grundsatzdebatten geworden ist.
Natürlich gibt es problematische Verhaltensweisen bei Männern. Ebenso wie bei Frauen. Das ist die wenig sensationelle Erkenntnis, dass Menschen menschlich sind. Die überwältigende Mehrheit lebt jedoch weder als toxischer Patriarch noch als revolutionäre Geschlechtertheoretikerin, sondern versucht schlicht, halbwegs anständig durchs Leben zu kommen.
Vielleicht wäre es deshalb hilfreich, Männlichkeit nicht ständig als Verdachtsfall zu behandeln. Die Evolution hat nämlich nicht nur Aggression hervorgebracht, sondern auch Loyalität, Opferbereitschaft, Schutzinstinkte und Verantwortungsgefühl. Eigenschaften, die über Jahrtausende keineswegs nutzlos waren und auch heute noch erstaunlich gefragt sind – etwa wenn nachts ein verdächtiges Geräusch im Erdgeschoss zu hören ist.
Dann zeigt sich regelmäßig, dass selbst die progressivste Wohngemeinschaft plötzlich sehr traditionell werden kann. Der Mann erhebt sich seufzend vom Sofa, schreitet der Gefahr entgegen und erfüllt damit erneut seine uralte evolutionäre Bestimmung: nachzusehen, ob wirklich eingebrochen wurde – oder ob die Katze wieder den Mülleimer umgeworfen hat.
Und während er mit Taschenlampe und leicht erhöhtem Puls die Lage erkundet, dämmert ihm vielleicht eine letzte Erkenntnis: Der ehemalige Mammutjäger ist weder Held noch Problemfall. Er ist lediglich das Ergebnis einer Evolution, die über Hunderttausende von Jahren erstaunlich erfolgreich funktionierte – und nun von Menschen erklärt bekommt, was an ihr alles falsch war. Das Mammut ist ausgestorben. Der Mann nicht. Aber manchmal hat man den Eindruck, man arbeite mit bemerkenswertem Eifer daran, ihn für sein bloßes Dasein in Rechtfertigungsseminare zu schicken. Die Evolution wird auch das überleben. Sie hat schließlich schon die Mammuts-Zeit überstanden – und die war vermutlich weniger kompliziert als ein heutiges Sensibilisierungsseminar.
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Istvan Hidy).
Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
t-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Istvan Hidy als Lieblingsautor markieren

Liebe in Stücke
von Paul Riedel
Pragmatische Rezepte können nur zusammengestellt werden, wenn man täglich kocht. Einer mag ein Gemüse nicht, andere wollen nur die Rosinen aus dem Kuchen, und so gestaltet sich der Alltag in der Küche.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: