Harry Schloßmacher

DIE GERECHTE FEE /// Ein modernes Märchen



(Version-2 von: "Modernes Märchen VON DEN GUTEN + DEN BÖSEN FRAUEN")





Es war einmal eine Welt,
in der Männer und Frauen zwar ständig übereinander schimpften,
aber trotzdem erstaunlich gut miteinander funktionierten.

Die Männer behaupteten gern, Frauen würden beim Einparken versagen.
Die Frauen behaupteten gern, Männer würden ohne Bedienungsanleitung nicht einmal einen Toaster verstehen.

Und irgendwie stimmte beides manchmal.

Trotzdem lief die Welt.

Die Kraftwerke summten.
Die Züge fuhren.
Die Krankenhäuser arbeiteten.
Der Müll wurde abgeholt.
Und jeden Abend diskutierten Millionen Menschen im Internet darüber, warum eigentlich immer die jeweils anderen schuld seien.




Doch mit den Jahren wurden die Diskussionen aggressiver.

Vor allem eine kleine, aber extrem laute Gruppe hatte sich darauf spezialisiert, aus jedem Problem einen Geschlechterkrieg zu machen.

„Männer sind überbewertet“, sagte Vanessa Stahl gern in Talkshows.
„Die meisten Systeme laufen sowieso automatisch.“

„Automatisch?“, fragte dann oft irgendein Handwerker aus dem Publikum.
„Wer repariert denn die Systeme? Der Weihnachtsmann?“

Das Publikum lachte.
Vanessa nicht.

Sie war überzeugt:
Die Zukunft gehörte allein den Frauen.




Andere Frauen sahen das deutlich entspannter.

„Vielleicht sollten wir einfach aufhören, uns gegenseitig dauernd anzuschreien“, meinte Richterin Miriam Berger einmal trocken.

Doch mit vernünftigen Menschen gewinnt man selten Einschaltquoten.

Hoch über allem beobachtete die Gerechte Fee das Treiben.

Sie war uralt.
Sie hatte Königreiche untergehen sehen, Imperien scheitern sehen und sogar die Erfindung von Social Media überlebt.

Doch nun bekam selbst sie Kopfschmerzen.

Eines Abends saß sie auf einer Wolke, las Kommentare im Internet und murmelte:

„Vielleicht brauchen die Menschen einfach einmal praktische Erfahrung.“

Sie schnippte mit den Fingern.

Am nächsten Morgen geschah das Unfassbare.




Milliarden Menschen verschwanden.

Alle Männer.
Und fast alle Frauen ebenfalls.

Zurück blieb nur jene kleine Gruppe radikaler Aktivistinnen, die jahrelang erklärt hatte, Männer seien praktisch überflüssig.

Gleichzeitig fanden sich die übrigen Menschen auf einer zweiten Erde wieder.

Die beiden Welten waren identisch.

Fast identisch.

Denn auf Erde-1 fehlten nun Männer.
Und auf Erde-2 fehlten die lautesten Männerhasserinnen.




Außerdem hatte die Fee überall riesige Bildschirme installiert.

„Ein bisschen Unterhaltung muss sein“, sagte sie zufrieden.

Anfangs lief auf Erde-1 alles überraschend gut.

Die Supermärkte waren voll.
Der Strom funktionierte.
Die sozialen Medien explodierten vor Begeisterung.

„Seht ihr?“, sagte Vanessa triumphierend in die Kameras.
„Nichts ist zusammengebrochen!“

Tatsächlich wirkten die ersten Monate fast friedlicher als zuvor.

Weniger Streit.
Weniger Macho-Gehabe.
Weniger peinliche Dating-Ratschläge von Männern mit Sonnenbrille im Profilbild.




Doch dann begannen die kleinen Probleme.

Zunächst fiel irgendwo ein Umspannwerk aus.

Nicht dramatisch.
Nur eine Stadt ohne Strom.

Dann zwei.

Dann stellte sich heraus, dass die einzige Ingenieurin, die das betreffende Kühlsystem wirklich verstand, inzwischen auf Erde-2 lebte.

„Dann schauen wir eben Tutorials“, sagte jemand optimistisch.

Leider gab es dort zwölf widersprüchliche Tutorials.

Und eines davon war von einem Verschwörungstheoretiker.




Auf Erde-2 lief es ebenfalls nicht perfekt.

Zwar funktionierte die Infrastruktur stabil weiter,
doch viele Männer hatten plötzlich festgestellt,
dass „emotionale Arbeit“ offenbar doch existierte.

Innerhalb weniger Monate verwandelten sich zahllose Wohnungen in biologische Krisengebiete.

Außerdem merkten viele Männer erstaunt,
dass Kinder nicht automatisch schlafen,
nur weil man ihnen sagt:

„Jetzt wird geschlafen.“

Ein besonders stolzer Maschinenbauingenieur scheiterte drei Stunden lang daran, einem achtjährigen Mädchen einen Pferdeschwanz zu machen.

Das Video wurde ein riesiger Public-Viewing-Hit auf beiden Erden.

Selbst die Gerechte Fee lachte Tränen.




Die Jahre vergingen.

Auf Erde-1 wurde vieles schwieriger.

Nicht weil Frauen unfähig gewesen wären — ganz im Gegenteil.

Viele lernten unglaublich schnell.

Pilotinnen wurden zu Mechanikerinnen.
Journalistinnen zu Elektrikerinnen.
Professorinnen zu Hafenarbeiterinnen.

Das eigentliche Problem war etwas anderes:

Eine moderne Zivilisation war komplizierter,
als irgendjemand gedacht hatte.

Niemand konnte alles ersetzen.




Und genau das galt auch für Erde-2.

Dort lief zwar die Technik stabiler,
doch die Gesellschaft wurde zunehmend seltsam.

Weniger Streit bedeutete nicht automatisch mehr Glück.

Viele Männer vermissten ihre Partnerinnen.
Viele Kinder vermissten ihre Mütter.
Und erstaunlich viele Kneipenabende endeten damit,
dass betrunkene Männer plötzlich über Gefühle redeten.

Eine Entwicklung, mit der niemand gerechnet hatte.




Eines Tages aktivierte die Gerechte Fee schließlich sämtliche Bildschirme gleichzeitig.

„Nun“, sagte sie,
„habt ihr genug gelernt?“

Auf beiden Erden wurde es still.

Vanessa Stahl trat langsam vor eine Kamera.

Sie wirkte älter als früher.

Müde.

„Vielleicht“, sagte sie vorsichtig,
„war unser größter Fehler nicht, dass wir unabhängig sein wollten.“

Sie machte eine Pause.

„Sondern dass wir irgendwann glaubten, wir bräuchten einander überhaupt nicht mehr.“

Auf Erde-2 nickte der Maschinenbauingenieur mit dem katastrophalen Pferdeschwanz langsam.

„Ja“, murmelte er.
„Das war wahrscheinlich ziemlich dumm.“




Die Gerechte Fee lächelte zufrieden.

Dann schnippte sie erneut mit den Fingern.

Und plötzlich waren wieder alle zu Hause.

Natürlich stritten Männer und Frauen später weiterhin miteinander.

Über Klodeckel.
Über Politik.
Über Beziehungen.
Und darüber, wer schuld daran war, dass die Waschmaschine schon wieder komische Geräusche machte.

Aber eine Sache hatten fast alle verstanden:

Eine Welt funktioniert selten besser,
wenn die eine Hälfte glaubt, sie könne problemlos auf die andere verzichten.

Ende.

Bild zu DIE GERECHTE FEE /// Ein modernes Märchen

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Harry Schloßmacher).
Der Beitrag wurde von Harry Schloßmacher auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Harry Schloßmacher

  Harry Schloßmacher als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Oasenzeit. Gedichte und Geschichten von Rainer Tiemann



Hin und wieder brauchen Menschen Ankerplätze in ihrem Leben. Sie suchen deshalb nach Oasen, die Entspannung bieten. Dies können geliebte Menschen, die Familie oder gute Freunde sein. Für manche sind es ganz bestimmte Orte oder Landschaften. Anregungen oder Ruheorte, z.B. durch entspanntes Lesen von Lyrik zu finden, ist ein Anliegen von Rainer Tiemann mit diesem Buch „Oasenzeit“. Es lädt dazu ein, interessante Regionen, z.B. Andalusien, Cornwall, die Normandie oder das Tessin zu entdecken. Aber auch Städte, wie Brüssel, Florenz und Paris, Schwerin, Leipzig oder Leverkusen können Oasen sein, die jeder Mensch neben dem Glück der Liebe zeitweise braucht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Harry Schloßmacher

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ungeklärte Regelverstöße im Absoluten Nichts von Harry Schloßmacher (Sonstige)
Ali von Claudia Lichtenwald (Gesellschaftskritisches)
Schau mich an und ich sage dir, was du isst von Norbert Wittke (Satire)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen