Stephan Flommersfeld

die topografie der großmutter

an der haltestelle wartete niemand
das schild mit dem grünen h stand schief
ein zettel flatterte daran 
halb vom wind gelöst
sie las ihn nicht
sie setzte sich auf die bank und wartete
die großmutter lag im schnee und duftete nach pflaumenkuchen
ein feiner dampf stieg von ihr auf
wie aus einem frisch geöffneten glas kompott
in ihrem haar klebten blüten – oder waren es zuckersterne
ein vogel setzte sich auf ihre schulter und schloss die augen
niemand kam
die uhr an der wand des himmels stand still
der schnee leuchtete von unten
und irgendwo hinterm wäldchen lachte ein fuchs
die enkelin zog die schuhe aus
der schnee schmolz nicht unter ihren füßen
sie ging los dorthin wo das weiß sich öffnete
dorthin wo man keinen namen mehr braucht
ein reh trat aus dem wäldchen blieb stehen
senkte den kopf und sprach
du bist zu spät
sie nickte
die worte waren ihr zu schwer geworden
wie münzen die man einem toten auf die augen legt
dann erhob sich der wind
und mit ihm hob sich der körper der großmutter
langsam ohne eile
der schnee blieb unberührt
ein dunkler schatten spannte sich unter ihr auf
mit flügeln aus altem tuch
die enkelin stand auf
etwas knackte unter ihren füßen –
kein ast sondern ein kleiner spiegel
darin sah sie das haus
das alte
die tür stand offen
die stufen waren aus brot
und jemand wartete dort
ein lila könig mit einem zepter aus tintenfischbein
und einem umhang aus alten wetterberichten
du bist also die enkelin sagte er
sie seufzte
und was ist mit der großmutter fragte sie
der könig zuckte mit den schultern
ist jetzt teil der landschaft schau genau
da links der hügel – das war ihr rücken
und der kleine teich ihr linkes auge
sie nickte
dann stand sie auf
nahm den lila umhang vom könig
schnürte ihn sich um die schultern
und verschwand im wald
wo alles ein bisschen roch
nach pflaume wachs und schlechten entscheidungen
 

Bild zu die topografie der großmutter

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