Die Zeit verging langsam und die Nacht wich der zunehmenden Morgendämmerung. Es herrschte im Moment noch Ruhe. In der Dunkelheit kaum zu sehen schlich jemand und schnüffelte mit der Nase fest über dem Boden an der Zeltplane entlang. Es war der einzige Laut in den nächsten Minuten. Dann kam Kinderlachen auf, die ersten leisen Stimmen waren zu hören. Bhaki war fasst eingenickt, als die Türplane plötzlich zurückgeschlagen wurde. Akecheta trat ein, hinter ihm stand Heika und ein zweiter großer Mann, mit silberweißem Haaren, breitschultrig und von Selbstsicherheit geprägt. Er sah Bhaki mit seinen dunklen Augen lange und prüfend, wie bei einer Einschätzung an. Sein Mund bildete eine gerade Linie. Bhaki stand einfach am Pfosten gelehnt da, als ob er auf etwas wartete. Er war ein Gefangener, wusste nicht, was morgen sein würde, oder wie lange er durchhalten wird, oder er jemals sein Zuhause wieder sehen würde. Also musste er durchhalten, durfte weder zerbrechen, noch sich aufgeben. Langsam zeigte sich ein Lächeln bei dem Weißhaarigen und schließlich trat der Mann näher auf Bhaki zu, ohne Eile, ohne Angst. Schlang die Arme um ihn. Ein Schauer und ein merkwürdiges Gefühl durchdrang Bhaki. Vor ihm tauchten Bilder eines Freundes auf. Bilder und Gedanken kämpften mit ihm. Die letzten Ereignisse lagen gut ein Jahr zurück. „ Oh, was...“, wisperte Bhaki in seiner Überraschung und sah ihn fragend an. Etwas wichtiges war für ihn geschehen.
Akecheta bedeutete mit einer Geste zu ihm und den anderen, sich zu setzen. Alle taten es. Eine ältere Frau brachte Fleisch, das im gebackenen Fladenbrot gewickelt war. Es schmeckte gut. Danach wischte man sich den Mund mit dem Handrücken ab und wuschen sich die Hände in einer ihnen gereichten Wasserschüssel ab. Nach dem Essen zog jeder eine kleine Pfeife hervor, stopfte sie mit Tabak und rauchte ein paar Züge, um sich die Zeit zu vertreiben. Bhaki`s Blick schweifte umher und blieb an seinen langjährigen Freund hängen, sie kannten sich gut. Es blieb Akecheta vorbehalten als erster zu sprechen, was er nach kurzer Zeit begann. „ Wir Häuptlinge und Ältesten haben nach einer ausführlichen Diskussionen über das Schicksal des Gefangenen Bhaki entschieden. Was zählt ist der Mann, nicht seine Waffe. Er hat gezeigt, das er die Eigenschaften wie Mut und Stärke verbindet. Der Geist eines Kriegers lebt in seinen Taten. Ich habe schon genug Hass und Kämpfe erlebt. Unsere Freiheit ist in Gefahr, wenn wir die Eindringlinge nicht stoppen. Wir können jemanden brauchen, um wieder atmen zu können. Bhaki wäre eine große Bereicherung und Freund für uns alle. Deswegen werden wir Bhaki adoptieren, um einer Familie den verstorbenen Sohn zu ersetzen. Deine Kleidung ist noch zerrissen, aber ab jetzt, wird er eine Teil unseres Stammes sein. Ich habe gesprochen.“ Akecheta setzte sich und der Weißhaarige stand auf. „ Mein Name ist Calian ( Krieger des Lebens ), viele kennen mich noch aus Jugendjahren. Viel ist seitdem geschehen. Wir wissen, das Leben ist hart und voller Widrigkeiten. Jeder von uns weiß von klein auf, Fehler haben schwerwiegende Folgen. Jeder kennt den Hunger, wenn immer öfter die Jagderfolge ausbleiben, es steigt der Druck auf die Familie. Die Weißen sind es, die sich immer weiter ausbreiten, unsere Wälder vernichten, um Städte zu bauen, unsere Flüsse als Müllkippe nutzen und das Wild vergraulen. Dazu sind es habgierige Lügner... Ich weiß, es war Bhaki der mich schwer verletzt in der Wildnis gefunden hatte. Er hat mein Leben gerettet. Er war auf der Jagd, trug nur einen Lendenschurz, die Füße in einfachen Mokassins und sein Medizinbeutel (Todem) um den Hals. Es waren Weiße, die mich schändlich hintergangen, geschlagen und dem Tod überlassen hatten. Mir blieb nur eine Wahl, ich musste überleben und Rache nehmen“ Zornig blitzte es in seinen schwarzen Augen auf und seine Stimme war bitter und voller Ironie. „ Ich habe gelernt, Freundlichkeit kann ein gefährliches Geschenk sein. In meinen Augen sind alle Weißen nur Gauner und Betrüger, man kann ihnen nicht trauen und es ist mir bitterernst damit. Bei den Weißen gibt es keine Ehre, es gibt nur handeln aus Gier, Macht und Land... Nur, es ist eine traurige Erkenntnis, dass Undank der Welt Lohn ist. Aber ich will nicht weiter abschweifen. Schon seit einiger Zeit verfolgte ich, auf irgendeinen Hinweis hoffend, seine Spur. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von der Gefangennahme eines großen Kriegers, mit dem Name Bhaki. verbreitet. Deshalb bin ich hier.“ Sein Blick blieb auf Bhaki hängen. „ Du warst einfach verschwunden. Ich wollte nur das du weißt, das ich.... Durch Beobachtungen und Berichte von verschiedenen Clans, welche in familiären Beziehungen zueinander stehen, fanden heraus, das ein gewisser Clark Wayne, wegen würdeloses, schändliches Verhalten, unehrenhaft aus der Armee, mit Verlust aller Dienst- und Sachbezüge, entlassen wurde. Dieser Clark Wayne hat eine Bande von Banditen und Kopfgeldjäger um sich gescharrt, war an Waffen- und Alkoholschmuggel beteiligt und hatte sein Dorf angegriffen. Diese Gruppe hatte es vor allem immer auf Indianer abgesehen, dabei gab es keinen Unterschied zwischen feindlichen Kriegern und friedlichen Familien. Es wurde systematisch Indianerdörfer überfallen, um Kopfgelder zu kassieren. Ein Akt der Gewalt, für eine Rechtfertigung für Landraub und Genozid. Clark Wayne ist ein großer Prahler, hat eine große Klappe und trägt einen schmalen Schnurrbart. Als Anführer schmiedete er Pläne. Aber wenn es hart auf hart kam, ist er mit eingezogenen Schwanz immer davon gelaufen. Die Drecksarbeit durften die anderen machen. Trotzdem bekam er immer seinen Anteil aus den Skalp-Prämien. Denn ein Skalp war ein Skalp, ob von Frauen, Kindern, Männern oder Greise, es brachte gutes Geld ein.“ Es herrschte ein kurzes Schweigen. Bhaki ballte die Hände zu Fäusten, wagte erst zu sprechen, als er die nötige Aufforderung bekam. Stand auf, sprach einige Worte und setzte sich wieder. Heika hatte gut zugehört und neigte seinen Kopf zu Akecheta, murmelte leise einige Sätze mit Ihm. Sah dann Bhaki direkt an, musterte ihn abwägend, urteilend, als wenn er ihn testen wolle. „ Ich möchte eine wichtige Frage stellen.“ Bhaki´s Augen weiteten sich, sagte aber nichts.. „ Du erhältst ein neues Leben und neue Aufgaben. Aber... man muss seine Treue erst beweisen.“ „ Ich soll also beweisen, das ich hierher gehöre?“ „ Ein Mann muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen,wenn er frei sein will.“ „ Sag einfach , was willst du von mir?“ „ Wenn wir zusammen arbeiten wollen, also wirklich zusammen arbeiten, dann sollte keiner in eine Gefahr geraten und ...“ Sie standen sich jetzt gegenüber. „ Also geht es darum, ob ich nützlich aber nicht unverzichtbar bin?“ Zornig blitzte es in seinen schwarzen Augen auf. Er hatte gewusst, das es schwer werden würde, aber hatte nicht damit gerechnet, sich innerhalb von ein paar Minuten entscheiden zu müssen. Mochte es nicht, wenn Leute zu viel Fragen stellten. Sie sollten ihn nicht unterschätzen. Er würde ihnen schon das Gegenteil beweisen. „ Man muss auf das Schlimmste, vorbereitet sein.... Aber, Anerkennung und Respekt verdient man sich durch Fehler und Schmerz, verstanden?“ Heika nickte. „ Außerdem hat Angst die Eigenschaft, Dankbarkeit in Misstrauen zu verwandeln. Und weggehen ist manchmal der einzige Weg, sich selbst zu retten.“ Heika reichte Bhaki einen Bogen und Pfeil. „ Komm mit raus.“ Zeigte auf eine Tanne mit vielen Zapfen. „ Triffst du den großen Zapfen, oben an der Spitze?“ Bhaki lächelte dünn, spannte den Bogen, bog ihn, um die Sehne zu befestigen, legte den Pfeil an und visierte das Ziel an. Der Pfeil flog und durchbohrte den Zapfen in der Mitte, reist ihm vom Zweig und fiel auf den Boden. Heika trat mit einem breiten Lächeln an Bhaki heran. Verschränkte die Arme vor seiner Brust.„ Kein Zweifel. Er hat seine Aufgaben mit Schnelligkeit und Konzentration neben inhaltliche Richtigkeit bestanden. Er wird ein volles Mitglied des Stammes werden.“ Jubel brach aus.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2026.
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In Schattennächten: Prosa und Reime
von Rainer Tiemann
Was wäre ein Tag ohne die folgende Nacht? Die tiefschwarz, aber auch vielfarbig sein kann. In der so manches geschieht. Gutes und Schönes, aber auch Böses und Hässliches. Heiße Liebe und tiefes Leid. Dieser stets wiederkehrende Kreislauf mit all seinen täglichen Problemen wird auch in diesem Buch thematisiert. Schön, wenn bei diesem Licht- und Schattenspiel des Lebens vor allem Liebe und Menschlichkeit dominieren. In Prosa und Reimen bereitet der Autor ernsthaft, aber auch mit einem Augenzwinkern, diverse Sichtweisen auf. Auch ein Kurzkrimi ist in diesem Buch enthalten. Begleiten Sie Rainer Tiemann auf seinen Wegen „In Schattennächten“.
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