Die nächsten Tage vergehen langsam. Nachts lag Bhaki erneut schlaflos da, dachte nach. Er folgte mit den Augen der kleinen Rauchfahne die sich vom Feuer aufsteigend, nach draußen schlängelte und zu den Sternen aufstieg. Er war kein Gefangener mehr und sein Leben veränderte sich erneut. Er stand an einem Scheideweg. Wusste, er muss eine Entscheidung treffen, solange er hier war. Er kämpfte mit seiner Wut und Trauer. Für ihn gab es eine Spur im Leben, diese ist die Wichtigste, ein wahrer Mensch zu sein.
Er dachte zurück an seine ermordete Frau Tautropfen und seinem Sohn Yoki. Er erinnerte sich daran, wie sanft ihre Augen oft geblickt hatte, wenn sie alle beisammen saßen. Aus dem scheuen Mädchen von damals war eine selbstbewusste, attraktive Frau geworden. Damals, hatte er sie kaum beachtet, wenn sie mit einem mit Wasser gefüllten Ledersack an ihm vorbei ging. Doch eines Tages, am Abend, stand sie am Fluss, nackt, nur ihr langes, glänzendes Haar umspielte ihre Schultern, geschmeidige Gliedmaßen, aufmerksame Augen in ihrem Gesicht. Sie bewegte sich selbstsicher, wie jemand der es gewohnt war, keine Scheu zu haben. Zum ersten mal schaute er sie richtig an. Als sie ihn bemerkte, stand Überraschung, Verwirrung und etwas anderes in ihren Augen. Aber Frauenaugen bergen keine Geheimnisse. Die langen seidigen Wimpern verdecken meist den Blick der schönen Augen, so als wollten sie vermeiden, dass kein Fremder Einblick in ihr Innerstes erhielt. Schon bei dem ersten Blick fühlte er sich von dem zurückhaltenden Mädchen angezogen. Sie war stark, stolz, unnahbar, hatte gelernt, keine Schwäche zu zeigen. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Blickte auf den Boden. Hitze stieg in ihr hoch, eine innere Unruhe befiel sie und lies ihre Wangen leicht rot werden. Es reizte ihn, ihre herbe Sprödigkeit zu durchbrechen. Sein Herz war plötzlich von einer ungeduldigen Erwartung und Sehnsucht erfüllt. Er hatte sie einfach in seine Arme gezogen und geküsst. Dann ging er weg. Doch schon am nächsten Morgen, der Boden war noch von Tau benetzt, kam er mit zwei Pferden am Zügel führend, auf das Zelt ihrer Eltern zu. Sie trug nun ein einfaches Hirschlederkleid, wie es alle jungen Mädchen im Dorf trugen. Sie ritten los, schweigend, weil es kein Geheimnis gab, worüber es zu sprechen gab. Sie fanden sich, als keiner damit gerechnet hatte. Sie erreichten einen gespaltenen Felsen. Der leichte Geruch von Gras und Salbei, der hier überall wild wuchs, lag in der Luft. Der Schrei eines Falken war zu hören, sonst nur Stille. Die Schönheit der Natur konnte man noch ohne Suchen finden. Er sah sie an, warm, zärtlich, doch sah auch ihre Angst, das leichte zittern ihres Körpers und ihre Einsamkeit. Sie konnte ihren Herzschlag spüren und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Bhaki beobachtete sie lang genug, jede ihrer Bewegungen, das streicheln über die Blütenköpfe vom Gras, das Lächeln beim pflücken der Stiele vom Salbei, das schnelle binden eines Kräuterkranzes und das Leuchten in ihren Augen. Sie setzte sich neben ihn, griff nach einer kleinen umgehängten Ledertasche an ihrer Seite. Nahm ein Päckchen, darin etwas Fladenbrot und getrocknete, braune Äpfel eingewickelt, heraus. Reichte ihm einen Teil davon. Ihre Finger berührten sich kurz. Sie spürte seine Körperwärme. Etwas huschte über sein Gesicht. Es viel ihm schwer, seine brennende Ungeduld zu bezähmen.
Nahm ihre Hand. Studierte ihr Gesicht. Vorsichtig nahm er sie in seine Arme. Er wusste, sie war das, was sich ein Mann von einer Frau wünscht. Strich ihr sacht über Haar und Wange. „ Ich kann dir nicht versprechen, das du glücklich wirst... doch, ich liebe dich.“ flüsterte er leise. Ihre Augen füllten sich mit Tränen voller Freude und Glück. Nachdem zwei Winter vergangen, wurde Yoki geboren. Die kleine Familie verbrachte glückliche Jahre. Aber das Leben verlief selten nach Plan. Er war nicht auf diese Katastrophe vorbereitet.
Er zog eine kleine Silberkette mit Anhänger hervor. Sanft strich er mit einen Finger darüber. Damals sein Hochzeitsgeschenk. Jetzt nur noch ein letztes Erinnerungsstück. Drückte mit seinen Lippen einen Kuss darauf und steckte es sorgfältig weg. Es hat nicht aufgehört zu schmerzen. Ihre Geister weinen und rufen Nachts weiter. Aber seine Seele muss ihren eigenen Weg finden. Vielleicht fand er seinen Frieden hier. Aber wie sollen sie überleben in einen brutalen Land, in dem jeder seiner Art hasst und ihnen gegenüber keine Gnade gezeigt wird ? Obwohl hier zu Hause, fühlt es sich doch nicht wie Zuhause an. Sie haben sich nur das von ihrem Land genommen, was das Leben ihnen bot, ihre Zeit vertrieben sie nicht damit sich zu beschweren oder sich mehr zu wünschen. Man hat einen neuen Kriegshäuptling Big Tadewin, gewählt, um wieder kämpfen zu können. Sie mussten etwas zurück geben, um die Schreie der Vorfahren, die Genugtuung teil haben zu lassen, Rache. Dieser brennende Hass gegen diese Landräuber und Mörder ihrer Familien trieb sie an. Was ihnen bleibt, ist kämpfen zu müssen, es ist alles, was sie noch tun können. Er dachte an die Gefahr, die vielleicht überall und unfassbar hier lauerte. Doch dieses Land wird sich erinnern, wo einst ihre Feuer waren.
Bhaki wollte sich ein paar Tage zurück ziehen, jagen, seine kreisenden Gedanken beruhigen und suchte die Verbindung zur Natur und die Laute des Windes und wollte den Ruf des Adlers lauschen. Er hat seinen Sohn und Frau begraben, wie es Sitte war. Er hat dabei ein Versprechen gegeben und wollte auch kämpfen, um sein Versprechen zu halten. Wut, Hass, Unglaube, alles blitzte für Sekunden über seine Züge. Jetzt suchte er nach einer Lösung, um sich zu rächen. Wusste, es wird Fragen geben, Konsequenzen auch vielleicht Ärger. Gewalt bringt immer mehr Gewalt. Doch ein Geräusch aus der Ferne, lies ihn aufschrecken, wartete ab, ob noch etwas weiteres passiert. Leise und voller Vorsicht schleicht er zu der Stelle hin. Blieb wie angewurzelt stehen. Da war ein Mann, schwer verletzt, seine Kleidung hing in Fetzen an ihm herunter, gebunden an einem Baum. Seine Beine steckten bis zu den Knien in einem Feuerameisenhaufen. Blut lief von einigen Stellen seines Körper hinunter und tropfte auf aufgeschreckte, hektisch,, wütenden, nach allen Richtungen suchenden Ameisen. Durch Abgabe von Alarm- Pheromone war das ganze Volk alarmiert, krabbeln bereits aggressiv an Händen und Kleidung hoch und beißen mit ihren Zangen. Zusätzlich zu ihrer Verteidigung versprühen sie Ameisensäure in die Bisswunde. Das führt zu stechenden Schmerzen, Brennen und Rötungen. Handelt es sich gar um eine proteinreiche Nahrungsquelle, beginnen sie diese zu zerlegen und in ihren Bau zu schleppen, was bei einer extremer Zahl der Tiere zum Tode führt. Die Wildnis ist schon immer unbarmherzig. Bhaki nahm sein Messer, schnitt ihn los, fing ihn auf und zog ihn aus den Ameisennest. Streifte die noch hektischen, vorhandenen Tier vorsichtig ab. Schleppte den Verletzten zu einer Stelle mit Wasser, um die Wunden zu kühlen und sich selbst zu waschen. Baute dann aus Zweigen geflochten, eine provisorische Trage, damit brachte er den Fremden in sein Dorf und zog sich zurück. Als Heimkehrer durfte er vorerst nicht bleiben, musste seinen Körper, in einer Schwitzhütte reinigen. Während sich der Medizinmann sofort um den Verletzten kümmerte. Seine Wunden wurden mit Umschlägen aus desinfizierenden Pflanzen und Honig versorgt, um Wundstarrkrampf und Brand zu verhindern. Anschließend, mit rituellen Gesängen, Trommeln und dem Verbrennen von heiligen Kräutern wie Zeder, Salbei oder Tabak, sollten böse Geister vertreiben und die Lebensenergie des Kriegers gestärkt werden.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2026.
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Payla – Die Goldinsel II
von Pierre Heinen
Sobald der Winter vorbei ist, wird der Kampf um die Goldinsel Payla beginnen. Zwei Reiche werden sich gegenüberstehen und die Welt auf Jahre hinaus in ein Schlachtfeld verwandeln ...
Oder gibt es jemanden mit diplomatischem Geschick, der einen solch blutigen Krieg verhindern kann?
Pierre Heinen, Jahrgang 1979, ist seit frühester Jugend begeistert von Geschichtsbüchern und Verfasser unzähliger Novellen. In Form des zweiteiligen „Payla – Die Goldinsel“ veröffentlicht er seinen Debütroman im Genre Fantasy. Der Autor lebt und arbeitet im Großherzogtum Luxemburg, was in mancher Hinsicht seine fiktive Welt beeinflusst.
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