Ich habe sie in einem Cafe kennengelernt, das von einer katholischen Kirchengemeinde betrieben wird. Sie arbeitet hier ehrenamtlich und hat eine außergewöhnlich feine Ausstrahlung.
Kurz vor Weihnachten hat sie mir schon erzählt, wie sie vor etwa zehn Jahren ihren Mann verloren hat. Bei ihm war schlagartig ein Aneurysma im Kopf geplatzt. Ein ganzes Jahr lang hat sie ihn zuhause gepflegt. Er kam aber nie mehr zu Bewusstsein. Das war für sie eine völlig unerwartete und extreme Herausforderung.
Heute ist wenig Betrieb, und sie kann sich viel Zeit für mich nehmen. Ich mag sie, weil sie sehr einfühlsam ist und weil ich mich von ihr sehr verstanden fühle. Ich erfahre viel über ihre gegenwärtige Lebenssituation. Sie wohnt in einem Vorort unserer Stadt, ganz am Rande des Waldes. Gesundheitliche Einschränkungen machen ihr sehr zu schaffen. Chronische Rückenbeschwerden zwingen sie dazu, täglich bestimmte Übungen zu machen und ins Fitnessstudio zu gehen. Trotzdem wird sie ständig von Schmerzen geplagt. Heute sind auch ihre Beine sehr schwer.
Ich merke, dass sie es gar nicht so leicht hat. Sie hat aber trotzdem einen sehr feinen Humor.
Am meisten Freude macht ihr der morgendliche Spaziergang im Wald. Hier kann sie Kraft schöpfen.
Ich erzähle ihr, dass ich mir gerade ein Buch anhöre, in dem die Aussprüche des Buddha zusammengefasst wurden. Sie hat sofort einen Zugang zu diesem Thema und weiß, dass es im Buddhismus darum geht, das Anhaften zu überwinden.
Heute Nacht hat sie wegen der Hitze zum ersten Mal bei offenem Fenster geschlafen. Ihr Schlafzimmer liegt im ersten Stock. "Haben Sie da keine Angst?", frage ich sie. "Was soll denn passieren?", fragt sie mich. "Ein Dieb könnte eindringen, der es auf ihren Schmuck abgesehen hat." An diese Möglichkeit hat sie noch gar nicht gedacht. "Ja, mein Schmuck. Der liegt auf dem Nachkästchen."
Ich lasse nicht locker: "Ein Liebhaber könnte zu Ihnen ins Zimmer kommen." Auf diese etwas freche Frage antwortet sie ganz unverblümt: "Der kann auch während des Tages kommen!"
Ich spüre bei ihr eine große menschliche Reife und freue mich auf das nächste Gespräch mit ihr.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2026.
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Meine Gedanken bewegen sich frei
von Andreas Arbesleitner
Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.
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