LyraLyra Gabriel

AMANDOU

Seit sie ihn zum ersten Mal im Park angelächelt hat und er kaum merklich und scheu zurücklächelte,
steht er morgens täglich vor dem Spiegel seiner 1-Zimmer-Wohnung.

Er schreit sein Spiegelbild an:

„Du bist hässlich, hässlich, du mit deinem dunkelbraunen Gesicht. Hässlich, du siehst aus wie eine Schildkröte, und so langsam bewegst du dich auch. Amadou, du Hässlicher. Warum hat man mir diesen Namen gegeben, mit der schönen Bedeutung – den man liebt?
Niemand liebt mich.“

Bisher wurde er noch nie merklich beachtet, wenn er  bei seiner Tagestour langsam mit seinem Fahrrad quer durch die Stadt  in Richtung Park gefahren ist, dabei  jeden Papierkorb, jede Hecke und jede Bodenfläche, mit seinen „Schildkrötenaugen“ – so nennt er seinen Blick –  nach leeren Pfandflaschen  absucht.

Seine Tage fühlten sich heller an seit diesem Lächeln. Er hatte all seine Energie zusammengesammelt wie die Flaschen auf seinem Gepäckträger und sie  angesprochen:

„Bonjour Madame – wie heißen Sie?“ 

Dabei spricht  er ihre Sprache, doch für sie passt die Anrede Bonjour Madame.

„Bonjour Monsieur, ich bin Amanda. Und sie?“

„Amandou“, antwortet er lächelnd. Sein Gesicht fühlte sich auf einmal weich an. Ich habe kein Schildkrötengesicht mehr, denkt er.

„Wir sehen uns schon lange, Madam. Trinken wir einen Kaffee zusammen?“, fragt er Amanda mutig.

„Nein danke,  ich freue mich aber immer, wenn wir uns begegnen.“

Er spürt, wie seine Mimik sich verändert und wieder den Schildkrötenausdruck annimmt.

Langsam fährt er weiter – wie immer.

Amanda, das passt doch zu Amandou.

„Sie gehört mir, sie wird mich lieben“, schreit er am  nächsten Tag  vor seiner Flaschentour seinem Spiegelbild entgegen:

„Ich bin der, den man liebt.“ 

Er geht er zur Küche, holt  eine große  Flasche Limonade  aus dem Kühlschrank, gießt etwas von dem Inhalt  in den Ausguss und leert den Inhalt eines Fläschchens, das er von seinem letzten Besuch aus seiner Heimat mitgebracht hatte,  in die Limonade.

Wenn wir uns wieder begegnen, werden wir im Park Limonade zusammen trinken, denkt er dabei. Becher mit Orchideendekor hat er schon in eine Plastiktüte gepackt.

Sie gehört mir, Amanda  wird mich lieben.

Der Radezki-Park ist ein beliebter Ort bei Joggern. Auch Wolfram dreht dort täglich seine Runden. Heute bleibt er atemlos stehen, trippelt von einem Fuß auf den anderen, damit sein Blutdruck sich langsam anpasst. Er beugt sich kopfüber, lässt seine Arme baumeln, bis seine Fingerspitzen fast die Zehen berühren. Als er sich wieder aufrichtet, sieht er auf der Bank direkt neben dem Weg, eine Frau, zusammengesunken mehr hängend als sitzend.

Er rennt auf die Parkbank zu:

„Geht es Ihnen nicht gut? Hören Sie mich?“

Als er Ihre Schulter berührt, fällt der Körper in sich zusammen. Aus ihrem Mund läuft weißer Schaum. Sofort sein Gedanke: Vergiftung.

Wolfram checkt ihre Halsschlagader nach Lebenszeichen.

Hastig holt er sein Handy aus der Gesäßtasche seiner Hose, wählt die Nummer des Rettungsdiensts:  „Leblose Frau im Radetzki-Park in der Höhe der Schule – ich bin Oberkommissar Wolfram und warte auf Sie.“

Danach  ruft er mit veränderten Angaben  seine Einheit der Kripo an:

„Frauenleiche im Radetzki-Park in der Höhe der Schule – ich bleibe vor Ort.“

Während er wartet, schaut er sich mit  geschulten Augen die Umgebung an.

Vor der Bank  liegt eine offene Limonadenflasche, deren Inhalt sich anscheinend auf den Weg ergossen hat. Eine tote Krähe mit offenem Schnabel liegt in der Lache Flüssigkeit.

Von ihm unbemerkt hatte sich ein Fahrradfahrer genähert, der sich zu der Plastikflasche hinunterbeugte, um diese aufzuheben.

„Stopp – lassen Sie alles so, wie es ist! Das ist möglicherweise der Ort eines Verbrechens.“

Das kratzende Geräusch der Fahrradkette entfernt sich.

Der Notarzt trifft nach einer Viertelstunde gleichzeitig mit den Kollegen seiner Einheit der Kripo und der Forensik ein.

Oberkommissar Wolfram öffnet den Rucksack der Toten, um ihre Identität herauszufinden.

Kein Handy, kein Adressbuch,  jedoch einen Taschenkalender .

Mai: Interessiert liest er den Eintrag

Seit Monaten begegnet mir ein sehr attraktiver Flaschensammler immer wieder.

Er sieht sehr gepflegt aus, unüblich für jemanden, der Flaschen sammelt. Wir haben ein paar Mal kurz miteinander gesprochen. Ganz langsam fährt er durch den Park, manchmal neben mir.

Amandou,  der Mann mit den wunderschönen Händen, die locker den Fahrradlenker umfassen.

Amanda und Amadou – das klingt so stimmig. Sollte er mich noch einmal fragen, etwas mit ihm zu trinken, werde ich Ja sagen. Nein, ich werde ihn fragen.

Wolfram steckt den Taschenkalender in einen Spurensicherungsbeutel.

„ Ich hab was, jetzt gibt’s Arbeit, Jungs“, ruft er seinen Kollegen zu.

  © by Lyra 12.12.2025 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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