Leonhard Ried

Portrait einer älteren Frau (2)

Sie trägt eine ausdrucksstarke Brille. Ihre Haare sind kraus und dunkelblond. Sie unterscheidet sich von den anderen Verkäuferinnen durch einen einzigartigen Akzent. 

 

Ihr polnisch klingender Name lässt auf ihre Herkunft schließen. Vor fast vierzig Jahren ist sie aus einer Nachbarstadt von Breslau hierher gekommen. Ihr Mann hat schon kurz zuvor an diesem Ort einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

 

Ich selbst kenne sie seit etwa zehn Jahren. Bei schönem Wetter fahre ich häufiger mit dem E-Bike in dieses Dorf, das im Westen von Augsburg liegt.

Auf der Terrasse des Bäckerei-Cafes genieße ich die veränderte Umgebung. Die Uhren gehen hier irgendwie anders. Viele kennen sich. Man grüßt sich in der Regel. Die Bäckerei stellt so etwas wie einen sozialen Treffpunkt dar.

 

Mit Frau H. ergibt sich immer wieder ein nettes Gespräch. Wir kennen und wir mögen uns. Vor gut einem Jahr ist unerwartet ihr Mann verstorben. Das war ein herber Schlag für sie. Ob sie ihn vermisst, weiß ich nicht. Sie war mit ihm nie so recht zufrieden, obwohl sie sehr lange mit ihm verheiratet war.

 

Noch etwas früher verstarb ihr Hund. Danach war sie fast Monate lang richtig geknickt. Jetzt lebt sie allein.

 

Sie leitet den Verkauf in der Bäckerei. Schon bald dürfte sie in Rente gehen. Ich glaube nicht, dass sie sich darauf freut. Sie genießt die vielen angenehmen Kontakte in der Bäckerei. Andererseits wird sie froh sein, wenn sie nicht mehr so lange stehen muss. Ihre von Arthrose geplagten Knie bereiten ihr große Probleme.

 

Vorgestern habe ich sie wieder getroffen. Ich habe ihr nacheinander fünf Fragen gestellt, in sich steigernder Reihenfolge. Die hatte ich mir schon vorher zurechtgelegt.

 

Wie geht es Ihren Knien?

Kommt die Katze der Nachbarn immer noch zu Ihnen?

Wie geht es Ihrer Tochter?

Ist schon Nachwuchs in Sicht?

 

(Ihre 33-jährige Tochter ist sehr flott unterwegs. Nach mehreren wechselnden Partnerschaften scheint sie nun den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Kinder will sie keine in diese Welt setzen.)

 

Jetzt kommt meine letzte und entscheidende Frage:

“Was macht die Liebe?” Sie antwortet ohne Zögern: “Die Liebe schläft” Und danach fügt sie hinzu: “Ich will keinen Mann mehr.”

 

Ich drücke mein Bedauern aus. Denn sie wäre eine sehr liebenswerte Partnerin.

 

Als ich gehe, wünsche ich ihr viel Glück. 

Und sie sagt: “Bis zum nächsten Mal!”

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