Lena Rosenbach

Zufallsbegegnungen – Teil 1: Tonspuren

Der Geruch war das Erste, was Lena auffiel – feuchte Erde, ein Hauch von Holz und irgendetwas Warmes, das sie nicht benennen konnte, aber sofort mochte. Sie blieb kurz in der Tür des kleinen Ateliers stehen und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Hohe Decken, große Fenster, das späte Nachmittagslicht fiel golden über die Töpferscheiben. An den Wänden lehnten fertige Stücke – Vasen, Schalen, kleine Skulpturen. Jedes davon trug die unverkennbaren Spuren von Händen, die wussten was sie taten.
Dann sah sie ihn.

Er stand mit dem Rücken zu ihr und sprach mit einem älteren Ehepaar, das bereits an einer Scheibe Platz genommen hatte. Lena schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er war groß – sehr groß – mit breiten Schultern die sich unter einem einfachen, leicht verwaschenen Leinenhemd abzeichneten. Das Hemd war an den Unterarmen hochgekrempelt und zeigte kräftige, leicht behaarte Arme. Und dann war da noch die Art wie er stand – entspannt, geerdet, als gehöre er in diesen Raum wie der Ton selbst. Ihr Blick wanderte unwillkürlich über seine Statur, den beachtlichen Bauch der dem Hemd eine gemütliche Wölbung verlieh, und sie spürte wie sich in ihrer Magengegend etwas angenehm zusammenzog. Sie hatte schon immer einen Faible für kräftige Männer mit viel Bauch. Ihr selbst sah man ebenfalls an, dass Sie gerne isst. Ihre Kurven sind so üppig, dass man sie trotz weiter Kleidung nicht kaschieren konnte. Fr üher hatte sie oft mit sich gehadert, wäre gerne auch gern so schlank wie ihre Freundinnen gewesen. Aber nach tausend fehlgeschlagenen Diäten, die ihr jedes mal mehr Kilos bescherten als vorher, hatte sie sich damit abgefunden und ihre Kurven lieben gelernt.
Das tat ihrer Aufregung in diesem Moment aber keinen Abbruch.

Ruhig, Lena, dachte sie amüsiert und suchte sich einen Platz in der Mitte des Raumes.

Als er sich umdrehte, traf sie sein Blick für einen kurzen Moment – dunkelbraune Augen, warm wie Herbsterde – bevor er freundlich in die Runde schaute.

„Herzlich willkommen, ich bin Florian." Seine Stimme war ruhig und tief, mit einem angenehmen Klang der sich im Raum ausbreitete wie Wärme. „Schön dass ihr alle da seid."

Lena bemerkte wie er kurz zu ihr herübersah, einen Herzschlag länger als nötig, bevor er mit der Vorstellungsrunde fortfuhr. Sie lächelte innerlich.

Der Töpferkurs begann sanft. Florian erklärte geduldig die Grundlagen – wie man den Ton zentriert, wie man Druck aufbaut ohne zu verkrampfen, wie man die Scheibe atmen lässt. Er ging von Platz zu Platz, beobachtete, korrigierte mit wenigen ruhigen Worten.

Als er zu Lena trat, merkte sie erst wie angespannt ihre Schultern waren.

„Du kämpfst ein bisschen gegen ihn", sagte er leise und nickte zu ihrem Tonklumpen der sich hartnäckig der Mitte widersetzte. Ein feines Lächeln in seinem akkurat gestutzten Bart.

„Er kämpft gegen mich", korrigierte Lena trocken.

Florian lachte – ein echtes, warmes Lachen. „Darf ich?"

Sie nickte. Er trat hinter sie, legte seine großen Hände kurz über ihre und führte sie mit sanftem aber bestimmtem Druck. Lena spürte die Wärme seiner Hände, die ruhige Sicherheit in seiner Berührung, und für einen Moment vergaß sie vollständig was sie eigentlich gerade tun sollte.

„Siehst du? Nicht drücken – begleiten."

„Begleiten", wiederholte sie leise. „Verstehe."

Sie verstand kein Wort.

Nach dem Kurs räumten die Teilnehmer nach und nach ihre Sachen zusammen. Das ältere Ehepaar verabschiedete sich herzlich, eine junge Frau fragte Florian noch nach dem nächsten Termin. Lena blieb sitzen und betrachtete ihr etwas schief geratenes kleines Schälchen mit gespieltem Ernst.

„Nicht schlecht für den ersten Versuch." Florian baute neben ihr ab und warf ihr einen amüsierten Blick zu.

„Es soll eine Schale sein", sagte Lena. „Im weitesten Sinne."

Er lachte wieder und setzte sich auf den Hocker ihr gegenüber. „Woher kommst du? Ich glaube ich hab dich hier noch nicht gesehen."

„Aus Feldkirchen. Gleich um die Ecke eigentlich." Sie lehnte sich leicht zurück. „Und du? Du klingst nicht von hier."

„Stimmt." Er grinste. „Dresden."

Lena blinzelte. „Wirklich?"

„Wirklich." Er musterte ihren Gesichtsausdruck neugierig. „Das scheint dich zu freuen? "

„Dresden ist meine absolute Lieblingsstadt", sagte sie und merkte selbst wie ihr Gesicht aufleuchtete. „Die Frauenkirche, die Brühlsche Terrasse, die Kunstsammlungen..."

„Den Zwinger nicht vergessen." Seine Augen leuchteten auf – das Leuchten von jemandem dem ein unerwartetes Geschenk gemacht wird. „Ich hab dort als Restaurator gearbeitet, bevor ich hierhergezogen bin."

Das Gespräch floss von da an wie von selbst. Lena erfuhr von seiner Arbeit als Restaurator, von alten Möbeln die er zum Leben erweckte, von Kirchenprojekten in der Gemeinde. Er fragte nach ihr, hörte wirklich zu wenn sie antwortete – nicht die Art von Zuhören die nur auf die eigene nächste Antwort wartet.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden.

„Ich sollte langsam..." Lena warf einen Blick zum Fenster und stand auf. Florian erhob sich ebenfalls – und sie bemerkte wieder, wie er den Raum ausfüllte, diese entspannte, solide Präsenz die gleichzeitig einnehmend und beruhigend war.

„Kommst du nächste Woche wieder?", fragte er. Beiläufig formuliert, aber sein Blick war es nicht.

Lena griff nach ihrer Jacke und lächelte. „Ich glaube meine Schale braucht noch etwas Arbeit."

„Das tut sie definitiv." Er grinste breit.

„Dann bis nächste Woche, Florian."

„Bis nächste Woche, Lena."

Sie ging durch die kühle Abendluft zum Auto und musste die ganze Zeit lächeln.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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