Petra Wilhelmy

Christian

Christian

Ich war damals zwanzig. 
Er war achtzehn.

Zwei Jahre – heute würde keiner mehr darüber reden. 
Aber damals, in diesem einen Augenblick, als sich unsere Blicke trafen, da war alles andere weg. 
Keine Zahlen, keine Vernunft. 
Kein „Das kann nicht gutgehen“. 
Nur er. Nur ich. 
Und dieses eine Gefühl, das ich vorher nie gespürt hatte und nachher nie wieder.

Ich hatte damals in Koblenz meine Sachen gepackt. 
Kein großer Plan, keine genaue Vorstellung. 
Ich wusste nur: 
Hier hält mich nichts mehr. 
Also bin ich losgefahren, nach Österreich, in die Berge. 
In Zell am See hatte mir ein Bekannter eine Pension besorgt. 
Ich kam abends an, müde von der Fahrt, aber voller Vorfreude auf das, was kommen würde.

Dass das, was kam, schon am nächsten Morgen auf mich warten würde – das ahnte ich nicht.

Heute, fast fünfzig Jahre später, kann ich sagen: 
Ich habe keinen einzigen Augenblick davon vergessen. 
Keine Sekunde.

Ich trat morgens aus meinem Zimmer, ging den Flur entlang zur Treppe, um runter zum Frühstück zu gehen. 
Und da stand er unten. 
Genau in dem Moment, als ich nach unten sah, sah er zu mir hoch. 
Wie abgesprochen. 
Wie vorherbestimmt.

Es machte Klick.

Ich kann es nicht anders sagen. 
In mir. In ihm. In uns.

Alles andere verschwand. 
Die Geräusche, die anderen Gäste, die Zeit selbst. 
Ich sah nur noch sein Lächeln, das sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitete, als hätte er gerade etwas bekommen, worauf er sein ganzes Leben gewartet hatte.

Christian. 
Mit diesem entwaffnenden Lächeln, das keine Widerworte kannte.

Wir haben uns noch am selben Vormittag verabredet. 
Wer den ersten Schritt gemacht hat? Keine Ahnung. 
Es war einfach da, dieses Wissen, dass wir zusammengehören.

Ich war glücklich. 
Wirklich glücklich. 
Bis zum Gehtnichtmehr.

Am Mittag gingen wir gemeinsam in die Berge. 
Die Luft war klar, kalt, der Himmel so blau, wie er nur im Herbst sein kann. Wir redeten, stundenlang – über uns, über das Leben, über die Träume, die wir hatten. 
Und irgendwann redeten wir gar nicht mehr. 
Die Stille zwischen uns war so schön, dass sie keine Worte brauchte.

Klar, ich hab auch gemerkt, dass er manchmal zögerte, wenn er von zu Hause sprach. 
Von seinem Vater, der Polizeibeamter war, streng, mit klaren Vorstellungen. Eine Frau, die fast zwei Jahre älter war, dazu noch aus Deutschland – das passte nicht in sein Bild. 
Gar nicht.

Aber damals, in diesen Tagen, zählte für mich nur eines: 
Wir zwei. 
Die Berge. 
Das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Ich hab mir damals ein kleines Zimmer in der Nähe gesucht. 
Winzig, nur eine Kochnische, ein Bett, ein Tisch, eine Heizung. 
Aber es wurde unser Ort. 
Unser Geheimnis.

Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er abends zu mir kam. 
Ganz leise, ganz vorsichtig, als ob sich die ganze Welt gegen uns verschworen hätte. 
Und immer waren seine Socken nass. Draußen hatte es geregnet oder geschneit. 
Er zog sie aus, ganz selbstverständlich, und hängte sie über die Heizung.

Dieses Bild – seine Socken auf meiner Heizung, daneben seine Schuhe – das hat sich eingebrannt. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und ich sehe es wieder.

Dann kam der Abend, an dem sich alles änderte.

Christian war mit seinen Eltern in Salzburg, auf einer Veranstaltung. 
Ich wartete. 
So wie immer. 
Aber als er zurückkam, fehlte etwas. Er war da, aber nicht wirklich da. 
Sein Lächeln war da, aber es kam nicht bei mir an.

Er zog sich zurück. 
Millimeter für Millimeter. 
Zentimeter für Zentimeter. 
So leise, dass ich es kaum benennen konnte. 
Aber ich spürte es. 
Mit jeder Faser.

Sein Vater hatte mit ihm gesprochen. Nachdrücklich. 
Er solle sich auf das konzentrieren, was zählt. 
Auf seine Matura. 
Auf die Zukunft. 
Nicht auf eine Frau, die nicht in dieses Bild passt.

Ich hasste diesen Vater damals. 
Aber ich hasste ihn auch, weil ich insgeheim wusste: 
Vielleicht hatte er nicht ganz unrecht.

Christian war jung. 
Sein Leben lag vor ihm. 
Und ich?  
Ich war nur eine Station. 
Eine wunderbare, aber nur eine Station.

Die letzten Tage haben wir kaum noch gesprochen.
Wozu auch? 
Die Worte waren aufgebraucht.

Christian habe ich noch zweimal gesehen in meinem Leben.

Zwanzig Jahre später stand er plötzlich vor meiner Tür. 
In Rosenheim. 
Weiß nicht mehr, wie er mich gefunden hat. 
Er sah anders aus, älter, reifer. 
Aber als er lächelte – dieses entwaffnende Lächeln – da war er wieder.

Wir tranken Kaffee, sprachen über das Leben. 
Er hatte studiert, war verheiratet, hatte Kinder, ein Haus. 
Eigentlich das, was sein Vater sich immer gewünscht hatte.

Und ich? 
Ich hatte auch mein Leben. 
Mein eigenes, anderes Leben.

Wir sprachen nicht über das, was war. Kein Wort. 
Aber als er ging, dieser Blick – da wusste ich: 
Es war richtig gewesen. 
Alles. 
Der Schmerz, die Sehnsucht, die Jahre. 
Weil es echt war.

Das zweite Mal war erst vor kurzem. Ich besuchte ihn, in Österreich, in einem kleinen Ort, nah am Anfang von allem. 
Wir saßen in seinem Garten, schauten auf die Berge. 
Sie waren immer noch da. 
Wie damals.

Er ist älter geworden. 
Grau. 
Ruhig. 
Das Leben hat Spuren hinterlassen. Aber als er mich ansah, dieses alte Lächeln – da war er wieder. 
Für einen Herzschlag.

Auf dem Heimweg überkam mich eine große Dankbarkeit. 
Nicht, weil es gehalten hat. 
Sondern weil es mich geprägt hat.

Dass ich für eine kurze Zeit, nur ein paar Wochen lang, das Glück im Leben hatte.

Das ist mehr, als viele Menschen jemals erleben.

Petra Wilhelmy

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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