Christian
Ich war damals zwanzig.
Er war achtzehn.
Zwei Jahre – heute würde keiner mehr darüber reden.
Aber damals, in diesem einen Augenblick, als sich unsere Blicke trafen, da war
alles andere weg.
Keine Zahlen, keine Vernunft.
Kein
„Das kann nicht gutgehen“.
Nur er. Nur ich.
Und dieses eine Gefühl, das ich vorher nie gespürt hatte und nachher
nie wieder.
Ich hatte damals in Koblenz meine Sachen gepackt.
Kein großer Plan, keine genaue Vorstellung.
Ich wusste
nur:
Hier hält mich nichts mehr.
Also bin ich
losgefahren, nach Österreich, in die Berge.
In Zell am See
hatte mir ein Bekannter eine Pension besorgt.
Ich kam abends an,
müde von der Fahrt, aber voller Vorfreude auf das, was kommen würde.
Dass das, was kam, schon am nächsten Morgen auf mich warten
würde – das ahnte ich nicht.
Heute, fast fünfzig
Jahre später, kann ich sagen:
Ich habe keinen einzigen
Augenblick davon vergessen.
Keine Sekunde.
Ich trat
morgens aus meinem Zimmer, ging den Flur entlang zur Treppe, um runter zum
Frühstück zu gehen.
Und da stand er unten.
Genau in dem Moment, als ich nach unten sah, sah er zu mir hoch.
Wie
abgesprochen.
Wie vorherbestimmt.
Es machte Klick.
Ich kann es nicht anders sagen.
In mir. In ihm. In uns.
Alles andere verschwand.
Die Geräusche, die anderen
Gäste, die Zeit selbst.
Ich sah nur noch sein Lächeln, das
sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitete, als hätte er gerade etwas
bekommen, worauf er sein ganzes Leben gewartet hatte.
Christian.
Mit diesem entwaffnenden Lächeln, das keine
Widerworte kannte.
Wir haben uns noch am selben Vormittag
verabredet.
Wer den ersten Schritt gemacht hat? Keine Ahnung.
Es war einfach da, dieses Wissen, dass wir zusammengehören.
Ich war glücklich.
Wirklich glücklich.
Bis zum Gehtnichtmehr.
Am Mittag gingen wir gemeinsam in die
Berge.
Die Luft war klar, kalt, der Himmel so blau, wie er nur im
Herbst sein kann. Wir redeten, stundenlang – über uns, über das
Leben, über die Träume, die wir hatten.
Und irgendwann
redeten wir gar nicht mehr.
Die Stille zwischen uns war so
schön, dass sie keine Worte brauchte.
Klar, ich hab auch
gemerkt, dass er manchmal zögerte, wenn er von zu Hause sprach.
Von seinem Vater, der Polizeibeamter war, streng, mit klaren Vorstellungen. Eine
Frau, die fast zwei Jahre älter war, dazu noch aus Deutschland – das
passte nicht in sein Bild.
Gar nicht.
Aber damals, in
diesen Tagen, zählte für mich nur eines:
Wir zwei.
Die Berge.
Das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Ich hab mir damals ein kleines Zimmer in der Nähe gesucht.
Winzig, nur eine Kochnische, ein Bett, ein Tisch, eine Heizung.
Aber es wurde unser Ort.
Unser Geheimnis.
Ich sehe ihn
noch heute vor mir, wie er abends zu mir kam.
Ganz leise, ganz
vorsichtig, als ob sich die ganze Welt gegen uns verschworen hätte.
Und immer waren seine Socken nass. Draußen hatte es geregnet oder
geschneit.
Er zog sie aus, ganz selbstverständlich, und
hängte sie über die Heizung.
Dieses Bild – seine
Socken auf meiner Heizung, daneben seine Schuhe – das hat sich
eingebrannt. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und ich sehe es
wieder.
Dann kam der Abend, an dem sich alles änderte.
Christian war mit seinen Eltern in Salzburg, auf einer
Veranstaltung.
Ich wartete.
So wie immer.
Aber als er zurückkam, fehlte etwas. Er war da, aber nicht wirklich
da.
Sein Lächeln war da, aber es kam nicht bei mir an.
Er zog sich zurück.
Millimeter für
Millimeter.
Zentimeter für Zentimeter.
So leise,
dass ich es kaum benennen konnte.
Aber ich spürte es.
Mit jeder Faser.
Sein Vater hatte mit ihm gesprochen.
Nachdrücklich.
Er solle sich auf das konzentrieren, was
zählt.
Auf seine Matura.
Auf die Zukunft.
Nicht auf eine Frau, die nicht in dieses Bild passt.
Ich hasste
diesen Vater damals.
Aber ich hasste ihn auch, weil ich insgeheim
wusste:
Vielleicht hatte er nicht ganz unrecht.
Christian war jung.
Sein Leben lag vor ihm.
Und ich?
Ich war nur eine Station.
Eine wunderbare, aber nur
eine Station.
Die letzten Tage haben wir kaum noch gesprochen.
Wozu auch?
Die Worte waren aufgebraucht.
Christian
habe ich noch zweimal gesehen in meinem Leben.
Zwanzig Jahre
später stand er plötzlich vor meiner Tür.
In
Rosenheim.
Weiß nicht mehr, wie er mich gefunden hat.
Er sah anders aus, älter, reifer.
Aber als er lächelte
– dieses entwaffnende Lächeln – da war er wieder.
Wir tranken Kaffee, sprachen über das Leben.
Er hatte studiert,
war verheiratet, hatte Kinder, ein Haus.
Eigentlich das, was sein
Vater sich immer gewünscht hatte.
Und ich?
Ich
hatte auch mein Leben.
Mein eigenes, anderes Leben.
Wir
sprachen nicht über das, was war. Kein Wort.
Aber als er ging,
dieser Blick – da wusste ich:
Es war richtig gewesen.
Alles.
Der Schmerz, die Sehnsucht, die Jahre.
Weil es
echt war.
Das zweite Mal war erst vor kurzem. Ich besuchte ihn, in
Österreich, in einem kleinen Ort, nah am Anfang von allem.
Wir
saßen in seinem Garten, schauten auf die Berge.
Sie waren
immer noch da.
Wie damals.
Er ist älter
geworden.
Grau.
Ruhig.
Das Leben hat Spuren
hinterlassen. Aber als er mich ansah, dieses alte Lächeln – da war er
wieder.
Für einen Herzschlag.
Auf dem Heimweg
überkam mich eine große Dankbarkeit.
Nicht, weil es
gehalten hat.
Sondern weil es mich geprägt hat.
Dass ich für eine kurze Zeit, nur ein paar Wochen lang, das Glück im
Leben hatte.
Das ist mehr, als viele Menschen jemals erleben.
Petra Wilhelmy
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2026.
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