Leonard Musielack

Das Fragment

Klappentext (für die Website)

 

In einer grenzenlosen, weißen Welt erwacht ein junger Mann ohne Gesicht, ohne Konturen, nur als schwarze Silhouette. Alles um ihn herum ist leer – bis er ein kleines rundes Fragment findet: ein verpixeltes Bild eines Mädchens, das sich merkwürdig vertraut anfühlt.

 

Je mehr er es berührt, desto klarer wird ihr Gesicht – und desto schwächer wird er selbst. In einem stummen Kampf gegen das Verschwinden tastet er sich an die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit heran.

Eine Geschichte über Liebe, Erschöpfung und die Frage, wie viel von uns wir geben können, um jemanden wirklich berühren zu dürfen.

 

Die Geschichte

 

Kapitel 1 – Das Erwachen

 

Ich erinnere mich nicht an den Anfang.

Es gibt keinen Fall, kein Aufwachen, kein erstes Einatmen. Es gibt nur dieses plötzliche Jetzt – und das Weiß.

 

Weiß, das kein Raum ist, sondern eine Fläche. Wie eine leere Seite in einem Programm, das jemand geöffnet hat und dann vergessen. Es gibt keinen Himmel, keinen Boden. Und doch liege ich auf etwas. Ich spüre eine Fläche unter mir, spüre, dass ich ein Gewicht habe, dass ich existiere.

 

Ich versuche, meine Finger zu sehen.

 

Da sind keine Finger.

 

Nur eine schwarze Form, die den Raum verschluckt. Mein Arm, mein Körper, meine Beine – alles ist eine einzige glatte Silhouette. Kein Gesicht, keine Augen, keine Kleidung. Nur schwarz. Nur Umrisse.

 

Ich bin eine Figur, denke ich.

Jemand hat mich gezeichnet.

 

Und dann, Sekunden oder Stunden später, bemerke ich, dass es nicht ganz stimmt, was ich eben gedacht habe: Ich bin nicht die einzige Farbe in dieser Welt.

 

Weit entfernt, irgendwo im Weiß, flackert etwas. Ein Fleck, so winzig, dass ich zuerst glaube, es sei ein Fehler. Ein Pixelfehler im Nichts.

Doch das Flackern bleibt. Es ist nicht statisch, es pulsiert – als hätte jemand an einer Stelle versucht, etwas zu malen, und dann wieder aufgehört.

 

Ich richte mich auf. Mein Körper bewegt sich, obwohl ich ihn nicht wirklich kenne. Ich gehe in die Hocke, die Linien von Knie und Schulter zeichnen sich deutlicher im Boden ab. Und zum ersten Mal spüre ich etwas, das wie Richtung wirkt.

 

Dorthin.

Zu diesem Flackern.

 



 

Kapitel 2 – Das erste Berühren

 

Jeder Schritt fühlt sich so an, als würde ich durch eine dicke, unsichtbare Flüssigkeit gehen. Nicht schwer, aber auch nicht leicht. Es ist einfach… widerständig. So, als wolle die Welt mich nicht zu diesem kleinen Punkt weiter vorn lassen.

 

Doch ich gehe.

Oder ich krieche. Irgendwann weiß ich es nicht mehr genau.

 

Je näher ich komme, desto klarer sehe ich, dass es kein einfacher Fleck ist. Es ist ein Kreis, auf dem etwas liegt. Ein Bild – doch das Bild besteht aus groben, quadratischen Blöcken. Pixel.

Hautfarben, Braun, ein Hauch von Grün.

Verwischt, unklar, aber mit einer ganz bestimmten Wärme.

 

Ich bleibe direkt davor liegen und starre darauf.

Etwas in mir zieht sich zusammen, obwohl ich weder Herz noch Magen sehen kann.

 

Ich kenne dich, denke ich.

Aber ich weiß nicht, woher.

 

Langsam strecke ich meinen Arm aus. Die Hand, die keine Finger hat, nur eine runde, klare Form, schwebt millimeterweit über der Fläche. Und in dem Moment, in dem ich sie berühre, passiert es.

 

Ein Pixel.

Nur einer.

Wechselt seine Farbe.

 

Vorher war er undefinierbar, matschig. Jetzt ist er einen Hauch klarer – ein bisschen mehr Wange, ein bisschen mehr Licht. Es ist wie ein Fokus, der sich um einen winzigen Punkt bemüht.

 

Gleichzeitig schießt eine Müdigkeit durch meinen Körper, die mich überrascht. Meine Arme werden schwer, mein Kopf sinkt etwas tiefer. Ich ziehe die Hand reflexartig zurück.

 

Sofort verharrt das Bild. Es wird nicht unschärfer, aber auch nicht klarer. Nur dieser eine Pixel, der eben seine Farbe geändert hat, bleibt anders – wie ein kleiner Beweis dafür, dass ich nicht träume.

 

Ich atme tief ein. Ich weiß nicht, ob ich Lungen habe, aber es fühlt sich so an.

 

Nochmal, denke ich.

Nur noch einmal.

 

Ich lege beide Hände flach auf das Fragment.

 

Diesmal reagiert nicht nur ein Pixel.

Die ganze Scheibe zittert sanft, als würde jemand hinter der Oberfläche kurz die Maus bewegen. Mehrere Blöcke springen in eine klarere Farbe. Konturen verschieben sich. Etwas, das wie Haare wirken könnte, taucht auf. Ein Schatten von Augen, von einer Nase, von einem Lächeln. Immer noch verschwommen, doch deutlich menschlicher.

 

Und ich?

Ich sacke tiefer auf den Boden. Meine Arme fühlen sich an, als hätte jemand das Gewicht der ganzen Welt in sie gelegt. Hitze zieht durch die schwarze Fläche meines Körpers. Ich löse die Hände, stütze mich ab, damit ich nicht einfach zusammenklappe.

 

Die Welt um mich herum bleibt weiß, leer, still. Nur das Fragment liegt vor mir und atmet all meine Kraft in sich hinein.

 

„Wer bist du?“, frage ich, obwohl ich gar keinen Mund habe, mit dem ich sprechen könnte.

 

Die Stille antwortet nicht.

Aber die Pixel scheinen auf mich zu warten.

 



 

Kapitel 3 – Der Tausch

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht.

Zeit fühlt sich hier nicht an wie früher – falls es überhaupt ein Früher gab. Es gibt nur Phasen von Tun und Phasen von Liegen.

 

Ich entwickle eine Routine:

Ich krieche ein Stück näher, lege meine Hände auf die Scheibe, spüre, wie etwas von mir wegfließt, während etwas in dem Bild schärfer wird. Dann muss ich mich ausruhen, mit der Stirn auf dem Boden, bis die Schwere in meinem Körper ein bisschen nachlässt.

 

Jedes Mal erkenne ich ein bisschen mehr.

 

Erst erkenne ich braunes Haar.

Dann eine Stirn.

Augenbrauen, die leicht geschwungen sind.

 

Beim nächsten Mal blitzt ein Auge durch die Pixel, noch immer wie durch Wasser gesehen, aber mit einem unverwechselbaren Ausdruck: warm, neugierig, ein bisschen müde. Es ist, als würde mich jemand ansehen, der mich besser kennt, als ich mich selbst kenne – und sich trotzdem freut, mich zu sehen.

 

„Du…“, flüstere ich in Gedanken.

Und ganz kurz habe ich das Gefühl, dass ein Pixel im Bereich der Lippen zuckt.

 

Mit jeder Berührung zahle ich einen Preis. Meine Bewegungen werden langsamer, die Silhouette meines Körpers ein wenig flacher. Manchmal fällt es mir schwer, den Arm überhaupt zu heben. Und doch mache ich weiter.

 

Weil ich merke: Wenn ich meine Hand nicht auf dieses Fragment lege, dann bleibt hier alles stehen.

Dann bleibt sie hier drinnen.

Verwackelt, unfertig, wie eine Datei, die nie richtig gespeichert wurde.

 

Und ich kann nicht ertragen, dass sie für immer so bleibt.

 



 

Kapitel 4 – Erinnerungen aus einer anderen Ebene

 

Je deutlicher ihr Gesicht wird, desto mehr beginnt etwas unter meiner Oberfläche zu brennen.

Es sind keine Bilder – eher Fragmente von Gefühlen, die nach oben drängen: das Gewicht eines Kopfes auf meiner Schulter. Das Knistern von Herbstblättern unter Schuhen. Lachen, das so hell ist, dass es selbst durch die dickste Müdigkeit schneidet.

 

Ich sehe vor meinem inneren Auge – falls ich überhaupt eines habe – eine Straßenlaterne im Regen. Zwei Figuren darunter. Eine davon bin ich, aber mit Haut, mit Augen, mit Worten. Die andere ist sie. Maria, flüstert etwas in mir, ohne dass ich weiß, woher der Name kommt.

 

Maria.

 

Das Fragment vor mir flimmert auf, als würde der Name in ihm widerhallen. Für einen Moment wird das Bild klarer, als es sein dürfte – ich erkenne Lippen, die ich schon einmal geküsst habe, eine kleine Falte am Kinn, Sommersprossen, die mich an Sonnenlicht erinnern.

 

Doch im selben Augenblick bricht die Welle der Erschöpfung über mich herein.

Ich fühle mich, als würde jemand an meinen Konturen ziehen. Die klare schwarze Linie meines Arms vibriert, als wollte sie sich im Weiß auflösen.

 

Ich reiße die Hände weg.

Das Bild wird wieder unschärfer, als hätte ich an einem unsichtbaren Schärfe-Regler gedreht und ihn zu abrupt zurückgeschoben.

 

„Nein“, presse ich innerlich hervor. „Nein, bitte nicht.“

 

Das Fragment beruhigt sich. Es bleibt bei einem Zustand, der irgendwo zwischen „fast erkennbar“ und „unerträglich verschwommen“ liegt.

 

Ich liege neben ihm, flach auf dem Bauch. Mein Körper fühlt sich an wie ein dünnes Blatt Papier.

 

Wie viel von mir muss ich geben, damit du klar wirst?

Wie viele Teile meiner Form kann ich opfern, bevor nichts mehr von mir übrig bleibt?

 



 

Kapitel 5 – Die Entscheidung

 

Es wäre leicht, jetzt aufzugeben.

 

Einfach liegen zu bleiben. Die Hand nicht mehr zu heben. Das Fragment dort liegen lassen, wo es ist – ein Puzzle, das niemand vollendet. Vielleicht würde die Welt um mich herum irgendwann langsam ausfaden, und ich wäre frei von diesem Ziehen, von dieser Verantwortung.

 

Aber jedes Mal, wenn ich die Augen nicht schließen kann, weil ich keine habe, sehe ich sie vor mir. Klarer als auf der Scheibe. Wie sie mich ansieht, in einem Zimmer, das ich nur halb erinnere, mit dieser Mischung aus Verständnis und Ungeduld, die sie hatte, wenn ich mal wieder zu viel in meinem Kopf festhing.

 

„Du denkst zu viel“, sagt diese Erinnerungsversion von ihr. „Manche Dinge musst du einfach fühlen.“

 

Was, wenn genau das hier gemeint war?

 

Ich rolle mich schwerfällig auf die Seite, richte mich ein Stück auf. Meine Silhouette wankt, wird kurz dünner an den Rändern, fängt sich aber wieder.

 

„Ich weiß nicht, ob ich danach noch hier bin“, gestehe ich dem Fragment. Es liegt stumm da, unscheinbar und doch wie ein kleiner Planet, der eine unsichtbare Schwerkraft um sich herum aufbaut. „Aber ich weiß, dass du es verdienst, ganz zu sein.“

 

Es gibt keine Antwort. Aber ein Pixel im Bereich ihrer Augen leuchtet ein wenig heller.

 

Also krieche ich näher heran. So nah, dass meine Brust fast das Fragment berührt. Ich lege beide Hände flach auf die Oberfläche und beschließe – zum ersten Mal seit ich hier bin – nicht rechtzeitig loszulassen.

 



 

Kapitel 6 – Der Übergang

 

Es ist, als würde jemand eine Schleuse öffnen.

 

Plötzlich rauscht alles gleichzeitig. Nicht nur meine Kraft, sondern auch meine Erinnerungen strömen in das Fragment.

 

Ich sehe sie und mich auf einem Konzert, eingeklemmt zwischen Metallgittern, ihre Wangen gerötet von der Sonne. Ich sehe, wie sie lacht, wie sie genervt die Augen verdreht, wenn ich einen schlechten Witz mache, wie sie meine Hand drückt, wenn ich mal wieder zu viel Angst vor der Zukunft habe.

 

Jede einzelne Szene fließt durch meine Arme in den Kreis.

Jeder Moment, in dem ich wusste: Wenn sie da ist, ist das Leben nicht nur auszuhalten, sondern wirklich lebenswert.

 

Gleichzeitig spüre ich, wie mein Körper dünner wird. Die klare schwarze Fläche verliert Dichte. An manchen Stellen scheint das Weiß der Welt schon hindurch. Meine Beine fühlen sich an, als würden sie nur noch aus Umrissen bestehen.

 

Aber das Fragment – das Fragment leuchtet.

 

Die Pixel ordnen sich neu.

Die Blöcke werden kleiner, zahlreicher. Die Farben mischen sich feiner. Die Konturen ihres Gesichts entstehen mit einer Genauigkeit, die mir den Atem raubt. Ich sehe Strähnen ihres Haares, weich und leicht wie in der Realität. Ihre Augen, sanft und wachsam. Ihre Lippen, die ein leises, fast ungläubiges Lächeln formen.

 

Ich kann nicht mehr absetzen.

Nicht mehr zurück.

 

Das Fragment ist nicht mehr einfach ein Bild. Es ist ein Fenster. Ein Tunnel. Ein Übergang.

 

Und dann passiert etwas, das ich nicht erwartet habe:

Es drückt zurück.

 

Ein warmer Stoß durchfährt meine Hände. Statt dass nur ich etwas in das Fragment hinein gebe, kommt plötzlich etwas daraus hervor. Ein Gegenstrom aus Licht, Wärme, Farbe. Es ist, als hätte sie von innen ihre Hände gegen meine gelegt.

 

Meine Umrisse flackern auf.

Wo ich eben noch transparent wurde, verdunkelt sich die Silhouette wieder. Doch diesmal bleibt sie nicht einfach nur schwarz. Feine Linien tauchen auf – Andeutungen von Fingern, von einem Kinn, von Schultern. Nicht viel, nicht klar, aber genug, um zu spüren:

 

Ich verschwinde nicht.

Ich verändere mich.

 

Wir sind verbunden, denke ich. Nicht Bild frisst Zeichnung oder Zeichnung frisst Bild. Es ist ein Austausch. Ein Tausch.

 

Etwas von mir geht in sie. Etwas von ihr kommt in mich.

 



 

Kapitel 7 – Die Ankunft

 

Irgendwann weiß ich nicht mehr, wo ich aufhöre und das Fragment beginnt.

 

Das Licht, das aus der Scheibe strömt, wird so intensiv, dass selbst das unendliche Weiß der Welt daneben blass aussieht. Ich kann ihre Konturen komplett sehen, als würde sie direkt vor mir stehen – nur getrennt durch diese dünne, durchsichtige Haut aus Glas und Pixeln.

 

„Leo“, flüstert sie.

 

Ich weiß nicht, wie der Klang zu mir durchdringt. Ob durch Ohren, die ich nicht sehen kann, oder direkt in meinen Kopf hinein. Es ist egal. Wichtig ist nur, dass ich zum ersten Mal seit hier jemand meinen Namen sagt.

 

„Maria“, antworte ich, und wundere mich, wie klar meine Stimme klingt.

 

Die Scheibe vibriert. Ein kleiner Haarriss zieht sich durch die Oberfläche, fein wie ein Faden. Dann noch einer. Und noch einer. Sie sieht mich an, nicht mehr wie ein Bild, sondern wie jemand, der auf der anderen Seite einer Tür steht und nach der Klinke tastet.

 

„Ich bin so müde“, sage ich. Und es ist keine Klage, nur eine Feststellung.

 

„Ich weiß“, antwortet sie. „Aber du bist nicht nur hier.“

 

Mit einem letzten Aufflackern bricht das Fragment.

 

Es zerfällt nicht in Splitter, wie Glas. Es zerfließt in Licht. Die Pixel lösen sich auf, werden zu freien, schwebenden Partikeln, die wie Funken durch die Luft tanzen. Einige stürzen nach oben, als gäbe es plötzlich einen Himmel. Andere sinken nach unten und vermischen sich mit dem Boden, als würde Farbe in Papier einziehen.

 

Und aus der Mitte dieses Leuchtens tritt sie.

 

Nicht als Silhouette. Nicht als Pixel.

Sondern als sie selbst.

 

Haut, die in warmen Tönen schimmert. Haare, die ihr in weichen Wellen über die Schultern fallen. Augen, in denen sich eine ganze Welt spiegelt, von der ich bisher nur Bruchstücke kannte.

 

Sie kniet sich vor mich. Ich bemerke, dass mein Körper inzwischen wieder fester geworden ist. Die schwarze Fläche ist durchzogen von feinen hellen Linien – als hätte jemand begonnen, mich neu zu zeichnen, mit mehr Details, mehr Tiefe.

 

„Hey“, sagt sie leise. Es klingt genau wie an all den Abenden, an denen ich mich auf dem Sofa neben ihr zusammengerollt habe, halb müde, halb glücklich. „Da bist du ja.“

 

Ich möchte etwas antworten, aber die Worte bleiben in mir stecken. Stattdessen merke ich, dass mich etwas anderes antreibt: Ich will sie berühren.

 

Diesmal braucht es kein Fragment, keine Scheibe, kein Pixelbild.

 

Ich strecke meine Hand aus – und sie ergreift sie.

 

Es ist, als würde der Kontakt eine zweite, größere Welle auslösen. Wärme schießt durch meinen Arm in den ganzen Körper. Die Welt um uns herum beginnt sich zu verändern. Das Weiß bricht auf, schiebt sich auseinander wie Vorhänge. Dahinter tauchen Farben auf, die ich nur aus Erinnerungen kenne: das tiefe Blau eines Abendhimmels, das sanfte Grau eines Zimmers, das warme Orange einer Schreibtischlampe.

 

„Bin ich…“, setze ich an.

 

„Du bist“, unterbricht sie mich. „Mehr musst du gerade nicht wissen.“

 

Sie zieht mich hoch. Es ist überraschend leicht, obwohl ich mich eben noch fühlte wie ein Blatt kurz vor dem Zerreißen. Ich merke, dass mein Körper sich weiter formt – Fingerspitzen gewinnen Konturen, meine Arme werden dreidimensionaler, mein Schatten fällt auf den Boden, anstatt ihn nur zu sein.

 

„War das alles nur… so eine Art Zwischenraum? “, frage ich.

 

„Vielleicht“, sagt sie. „Vielleicht auch eine Art Editor.“

 

„Editor?“

 

Sie lächelt. „Jemand hat dich gespeichert, Leo. Jemand wollte, dass du weitermachst. Vielleicht du selbst.“

 

Ich lache leise, obwohl mir die Kehle brennt. „Dann habe ich echt einen komischen Geschmack, was Zwischenwelten angeht.“

 

„Aber einen guten“, antwortet sie, und streicht mir – oder dem, was dabei ist, mein Gesicht zu werden – über die Wange. „Du hast mich nicht vergessen.“

 



 

Kapitel 8 – Der neue Rahmen

 

Die Welt bleibt nicht so, wie sie war. Das Weiß verschwindet fast vollständig und macht einer anderen Umgebung Platz. Wände, Möbel, ein Fenster. Draußen dämmert es, das Licht ist weich, als stünde die Sonne kurz davor, endgültig unterzugehen.

 

Ich kenne diesen Raum.

 

Es ist ein Zimmer, das es in der „wirklichen“ Welt gegeben haben muss. Ein Schreibtisch mit Kratzern, ein Bett mit etwas zu vielen Kissen, eine Lampe, die ein leicht flackerndes Licht wirft. An der Wand hängt ein Poster, das vor langer Zeit einmal glatt war, jetzt aber leichte Wellen schlägt.

 

„Zu Hause“, flüstere ich.

 

„Nicht ganz“, sagt Maria. „Aber nah genug.“

 

In meinen Händen halte ich plötzlich etwas. Ich sehe hinunter – und erkenne das runde Fragment, doch es ist nicht mehr verpixelt. Es ist ein Foto von uns beiden. Sie sitzt irgendwo draußen, Sonnenlicht fällt durch ein Gitter und malt Muster auf ihre Haut. Ich bin nicht im Bild, aber ich weiß, dass ich hinter der Kamera stand.

 

„Du hast so lange versucht, mich klar zu sehen“, sagt sie. „Aber du hättest nie aufgehört, egal wie schwach du geworden wärst, oder?“

 

Ich nicke. „Ich glaube, ich konnte gar nicht anders.“

 

„Genau deswegen“, sagt sie, „kannst du jetzt bleiben.“

 

Ich schaue sie an. „Bleiben? Wo?“

 

„Hier. In dieser Geschichte. In dir. In mir.“ Sie lächelt schief. „Vielleicht auch in einem Song, wenn du es schaffst, ihn zu schreiben.“

 

Ein leises, verzögertes Echo meines alten Lebens meldet sich in mir. Eine App, eine Melodie, ein leise gesungener Text über eine Welt aus Pixeln und eine Liebe, die sich ihren Weg durch alle Ebenen kämpft.

 

„Was, wenn ich wieder müde werde?“, frage ich. „Wenn ich wieder das Gefühl habe, mich zu verlieren?“

 

„Dann“, sagt sie, und nimmt meine Hand erneut, „erinnerst du dich daran, dass du nicht alles alleine schärfen musst.“

Sie tippt mir leicht gegen die Stirn. „Du musst nicht deine gesamte Energie in andere hineinpressen, damit sie real sind. Du bist auch real. Und manchmal dürfen andere für dich fokussieren.“

 

Ich atme tief ein. Die Luft in diesem Zimmer riecht nach etwas, das ich eigentlich nicht kennen dürfte – vielleicht Kaffee, vielleicht Staub, vielleicht einfach nur nach Leben.

 

„Klingt… fair“, murmele ich.

 

Wir setzen uns nebeneinander auf den Boden. Das Fragment-Foto liegt vor uns. Es glänzt leicht im warmen Licht, aber es frisst mich nicht mehr aus. Es braucht keine Kraft mehr von mir. Es ist einfach da, fertig, klar, ein stiller Beweis.

 

Die Welt bleibt nicht stehen. Sie atmet mit uns.

 

Draußen wird es dunkler, doch im Zimmer bleibt es hell genug, um alles zu sehen, was wichtig ist: ihr Gesicht, meine langsam konkreter werdenden Hände, das Foto zwischen uns.

 

Ich lehne meinen Kopf an ihre Schulter, ein wenig unsicher, ob sie mich überhaupt spürt. Doch sie rückt näher und legt ihren Arm um mich, ganz selbstverständlich.

 

In diesem Moment verstehe ich, dass das Fragment nie nur sie gewesen ist.

Es war auch ich.

Es war die Erinnerung daran, dass ich beides gleichzeitig sein darf: jemand, der liebt – und jemand, der existiert, ohne sich dafür auflösen zu müssen.

 



 

Kapitel 9 – Epilog: Der Cursor

 

Später, als Maria eingeschlafen ist, sitze ich allein am Schreibtisch. Vor mir liegt kein leeres Weiß mehr, sondern ein Bildschirm. Eine vertraute Oberfläche, Symbole, die ich alle schon einmal angeklickt habe, Linien und Farben, die mich nicht mehr einschüchtern.

 

Ganz oben flackert ein kleiner Cursor in einem Textfeld.

Ein leerer Titel.

 

Ich lächle und tippe langsam:

 

„Das Fragment“

 

Darunter beginne ich zu schreiben – von einer weißen Welt, einer schwarzen Silhouette und einem verpixelten Bild, das immer klarer wird. Ich schreibe von Erschöpfung und Hoffnung, von einem Tausch, bei dem niemand verschwinden muss. Ich schreibe von ihr.

 

Und irgendwo tief in mir, ganz leise, formt sich eine Melodie.

Vielleicht wird daraus einmal ein Song.

Vielleicht wird es nur diese Geschichte hier bleiben.

 

Aber egal in welchem Format – eines weiß ich jetzt:

 

Sie ist real.

Ich bin es auch.

Und die Welt dazwischen gehört uns.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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