Andreas Paul

Marwolfs Rache

Marwolf bewegte sich behutsam vorwärts. Die Halme des Uferschilfs, durch das er Richtung Bach schlich, schwankten nur leicht, so als würden sie sich im Spiel der kaum wahrnehmbaren Briese neigen, die über sie hinwegstrich. Auch ihr Rascheln war nicht lauter, als wenn sie tatsächlich vom Wind in Bewegung gebracht worden wären. Bald hatte Marwolf den sich zwischen Steinen dahinschlängelnden Wasserlauf erreicht. Hier wuchs das Schilf schon auf einem sumpfigen Untergrund. Er schob die Halme auseinander, sodass er einen Blick auf das gegenüberliegende Ufer werfen konnte. Was er sah, überraschte ihn nicht. Ihm zeigten sich ein halbes Dutzend Unterkünfte einer Kriegerschar, die einen Lagerplatz umstanden, in dessen Mitte ein Feuer loderte. Der Geruch des brennenden Holzes hatte ihn hierhergeführt. Scheinbar fühlte sich der Trupp dort sicher, sonst hätte er den Standort seines Lagers nicht durch ein solches Feuer sichtbar und riechbar gemacht. Der Eindruck dieser Sorglosigkeit bewies sich für Marwolf auch in dem Umstand, dass der Rastplatz offenbar nur von drei Männern bewacht wurde. Der Rest der Bande musste schon wieder auf Raubzug sein. Seit Tagen zogen sie plündernd und brandschatzend von Siedlung zu Siedlung. Gestern hatten sie Marwolfs Dorf überfallen und ein Blutbad angerichtet, dem alle Dörfler, bis auf ihm, zum Opfer gefallen waren. Die kärgliche Beute, die sie danach davonschleppten, wäre ihnen auch ohne das Gemetzel in die Hände gefallen. In den ärmlichen Hütten hausten Bauern keine Krieger, die ihr Leben mehr wertschätzten als ihr Hab und Gut und deshalb wohl freiwillig ihren Besitz hergegeben hätten. Dass er jetzt nicht auch mit blicklosen toten Augen gen Himmel starrte, wie die anderen es taten, hatte er nur der glücklichen Fügung zu verdanken, gestern auf Jagd gewesen zu sein. Die Pirsch auf Reh und Schwein war für ihn zur Rettung geworden. Das wurde ihm in dem Moment bewusst, als er mit einem kapitalen Hirsch auf den Schultern zurück ins Dorf kam und die Erschlagenen im Staub der Straße liegen sah. Nichts deutete auf einen Kampf hin. Die marodierenden Mörder hatten leichtes Spiel gehabt. Hätte er den Überfall miterlebt, wären sie nicht so glimpflich davongekommen. Als ehemaliger Söldner verstand es Marwolf, geschickt mit Schwert und Bogen umzugehen. Und er war sich sicher, dass er mindestens zwei oder drei dieser Bestien für ihren Frevel den Weg zur Hölle geebnet hätte, bevor er ihnen, von den anderen erschlagen, dorthin gefolgt wäre. Jetzt musste er eine Entscheidung treffen. Sollte er die Gräber für seine Nachbarn ausheben, um sie wenigstens würdevoll unter die Erde zu bringen? Oder sollte er, von seinem Rachegelüst befeuerte, die Verfolgung der Mörder aufnehmen? Er fand einen Kompromiss. Nachdem er die Leichname nebeneinander in eine Scheune gebettet und mit Strohgarben vor neugierigen Blicken geschützt hatte, begab er sich, mit Pfeil und Bogen und seinem Schwert gewappnet, wieder auf Jagd. Marwolf ließ die Schilfhalme in ihre ursprüngliche Position zurückfedern. Er spürte, wie die Erregung Besitz von ihm ergriff. Es war die Erregung des Jägers, der kurz davorstand, seine Beute zur Strecke zu bringen. Zugleich wallten auch Wut- und Rachegelüste in ihm auf. Als erfahrener Kempe wusste er, dass er letzteren Gefühlen nicht die Oberhand über seine Seelenverfassung gewinnen lassen durfte, weil sie ihn unweigerlich in Gefahr bringen würden, sollte er sich ihrer Macht unterwerfen. Er rollte sich auf den Rücken. Atmete tief durch und zwang seinen Puls zur Ruhe. Der Anblick des strahlendblauen Firmaments verhalf Marwolf, zurück zu der Ausgeglichenheit zu finden, die er für das, was er vorhatte, unbedingt benötigte. Er gönnte sich noch fünf Atemzüge, dann war er bereit. Er ging in die Hocke, nestelte einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf den Bogen. Langsam erhob er sich. Als sein Oberkörper über den Schilfkronen sichtbar wurde, schoss er. Der Pfeil fand sein Ziel. Mit einem weiteren Schuss streckte er den zweiten Gegner nieder. Anschließend verbarg er sich wieder im Schilfgürtel und beobachtete, was am anderen Bachufer geschah. Kurz keimte in ihm die Befürchtung auf, dass vielleicht mehr als drei Männer im Lager zurückgeblieben waren. Doch diese Vermutung erwies sich als falsch. Zumindest tauchten keine weiteren auf. Dafür verbarg sich der Überlebende jetzt hinter einem Baum. Wahrscheinlich bemühte er sich, herauszufinden, woher die Pfeile gekommen waren. Marwolf beobachtete ihn. Hin und wieder trafen Sonnenstrahlen den Helm des Gegners. Er machte keine Anstalten, seine Deckung zu verlassen. Und da Marwolf nicht einzuschätzen wusste, ob der Mann nicht ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet war, blieb auch er in seinem Schilfversteck. Die Sonne zog ihre Bahn am Himmel. Als sie sich Richtung westlichen Horizont neigte, schien der hinter dem Baum Verborgene zu der Annahme gekommen zu sein, dass keine Gefahr mehr auf ihn lauerte. Er kroch auf allen Vieren hinter dem Stamm hervor und bot sich damit Marwolf als Ziel dar. Für den wäre es jetzt ein Leichtes gewesen, die Sache mit einem gut gezielten Pfeil zu beenden. Da er allerdings erkannte, dass der andere lediglich ein Schwert am Gürtel in der Scheide trug und in dessen Nähe weder Pfeil noch Bogen zu sehen waren, entschloss er sich, einen fairen Zweikampf zu wagen. Er sprang auf, riss die Klinge aus der Scheide und watete schreiend in den Bach. Sein Gegner tat es ihm gleich. In der Mitte des Rinnsals trafen sie aufeinander. Beide waren ausgezeichnete Schwertkämpfer. Sie hieben aufeinander ein, belauerten sich und hofften auf eine falsche Reaktion des anderen, die ihnen den entscheidenden Schlag führen lassen würden. Doch keiner gab sich diese Blöße. Als unter dem Helm des Widersachers ein Fetzen Stoff hervorrutschte, den Marwolf als Schultertuch seiner Dorfnachbarin wiedererkannte, verdoppelten sich seine Kräfte. Er drang so ungestüm auf den Gegner ein, dass dem jetzt die Kräfte versagten und Marwolf ihm endlich die Spitze seines Schwertes auf die Brust setzen konnte. Auf die Frage, woher er das Tuch hatte, antwortete der Unterlegene mit einem obszönen Fluch. Das war das Letzte, was er auf dieser Welt von sich gab. Marwolf zerrte den besiegten Gegner aus dem Bach heraus und schleppte ihn zur Mitte des Lagers. Dann durchsuchte er die Zelte. In einem von ihnen fand er drei Bögen sowie drei mit Pfeilen prall gefüllte Köcher. Die Köcher hängte er sich um. Draußen holte er ein brennendes Scheit aus dem Feuer und steckte damit jeder der Behausungen in Brand. Flammen loderten auf und schwarze Rauchwolken stiegen nach oben. Marwolf war sich sicher, dass die plündernde Meute sie bald bemerken mussten und ein paar Gescheite unter ihnen wohl die richtigen Schlüsse daraus ziehen konnten. Er kehrte in sein Schilfversteck zurück und bereitete sich darauf vor, die Schar würdig zu empfangen, sobald sie hier auftauchen würde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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