Viviane Nägeli

Das Pelzchen und der Schatten eines Ungeheuers

Einst da lebte ein kleines Mädchen in einem Dorf, das von einem grossen, dunkeln Wald umgeben war. Des Mädchens Vater war ein Jäger gewesen, der jeden Morgen los zur Jagt in den Wald ging. Eines Tages jedoch war er nicht zurückgekehrt. Nur sein Hut wurde gefunden. Das Mädchen trauerte sehr um den verlorenen Vater. Von da an fürchtete es sich vor dem Wald und der Dunkelheit.

Der Vater hatte dem Mädchen einen Pelzmantel vermacht, den es fortan immer trug. Doch der Mantel war dem kleinen Mädchen viel zu gross, so dass man es darunter kaum noch sah, darum begannen die Dorfbewohner es nur noch Pelzchen zu nennen.

Seit des Vaters Tod schickte die Mutter das Pelzchen jeden Tag in den Wald, es solle essbare Kräuter und Beeren sammeln gehen. Und bevor es ging, warnte die Mutter es stehts: « Vergiss nicht dich vor dem Ungeheuer in acht zu nehmen! Der Nachbar hat mir von seinem grausigen Schatten erzählt.»

Das Pelzchen tat wie ihm befohlen, doch es fürchtete sich so sehr vor dem Wald, dass es sich nur mit geschlossenen Augen hinein traute. So fiel es ihm aber schwer, nach Kräutern und Beeren zu suchen. Es tastete sich am Boden entlang und versuchte zu pflücken, was es zufassen bekam. Wenn es seinen Korb gefüllt hatte, verliess es den Wald wieder und trennte das Essbare von dem Ungeniessbaren. Danach schloss es die Augen und ging erneut hinein, um den nun halbleeren Korb wieder zu füllen. Als es nach dem nächsten Kraut greifen wollte, sprach jemand: «Halt! Da sind Dornen. Greife nicht danach, sie werden dich stechen!». «Danke.», sagte das Pelzchen zu dem Fremden. «Nichts zu danken.» erwiderte dieser.

Am zweiten Tag als das Peltzchen wiederkam und es seine Hand ausstreckte, erklang des Fremden Stimme erneut. «Halt! Da sind Nesseln. Greife nicht danach, sie werden dich brennen!». Das Pelzchen ging, dank des Fremden Hilfe unversehrt, mit seinem vollen Korb zurück nach Hause.

Am dritten Tag da fragte das Pelzchen, bevor es begann nach den Kräutern zu greifen: «Fremder bist du da?». «Ja das bin ich», erklang seine Stimme und er fragte das Pelzchen: «Warum hast du deine Augen geschlossen, wenn du deine Sicht doch brauchst, um zu finden, was du suchst?». Als das Pelzchen ihm den Grund erklärte, brach dieser auf einmal in schallendes Gelächter aus. «Ist es nicht noch viel gefährlicher und furchteinflössender mit geschlossenen Augen hier zu sein?», Fragte der Fremde ungläubig und sprach dann weiter: « Aber gefährlich ist der Wald in der Tat. Es streift ein wildes Tier umher, mit dem Schatten einem Ungeheuer gleich. Du tust richtig daran, dich zu fürchten.» Das Pelzchen hörte die Worte des Fremden und sprach dann: «Aber seit ich dich getroffen habe, fürchte ich mich weniger. Du warnst, bevor die Dornen mich stechen und bevor die Nesseln mich brenn en können. Du schützt mich vor Gefahr, so dass mir nichts geschieht.».

Das Pelzchen streckte seine Hand in die Richtung des Fremden aus, um ihn zu ertasten, da erklang wieder seine Stimme und warnte: «Halt! Da ist ein Fuchs. Greife nicht nach ihm, er wird dich beissen.». Das Pelzchen zog die Hand zurück und fragte den Fuchs: «Bist du das Wilde Tier mit dem Schatten eines Ungeheuers, vor dem ich mich in Acht nehmen sollte? Aber ich kann deinen Schatten nicht sehen und nur deine freundliche Stimme hören, so kann ich mich vor dir nicht fürchten.» Dem Fuchs gefielen die netten Worte, die das Pelzchen über ihn gesprochen hatte sehr und die beiden wurden gute Freunde. Sie gingen stehts zusammen durch den Wald, auch als das Pelzchen sich wieder traute die Augen zu öffnen und nicht mehr auf die Hilfe des Fuchses angewiesen war.
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