Istvan Hidy

Die Ehrenloge der hochfunktionalen Trinker

Die moderne Gesundheitslehre steht vor einem historischen Problem.

Sie muss erklären, warum bereits der erste Tropfen Alkohol bedenklich sein soll, während ein beträchtlicher Teil der Weltgeschichte von Menschen gestaltet wurde, deren Verhältnis zu alkoholischen Getränken eher als engagiert denn als zurückhaltend beschrieben werden kann.

Nehmen wir zunächst Winston Churchill.

Churchill begann manche Tage mit Whisky, begleitete Besprechungen mit Alkohol und beendete Abende mit Cognac. Nach heutiger Lesart hätte er spätestens in den 1930er Jahren zu einer Fallstudie der öffentlichen Gesundheitsvorsorge werden müssen. Stattdessen führte er Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg, erhielt den Literaturnobelpreis und erreichte ein Alter von neunzig Jahren.

Offenbar hatte sein Organismus die aktuellen Empfehlungen noch nicht erhalten.

Dann Ernest Hemingway.

Hemingway konsumierte Alkohol nicht bloß; er integrierte ihn in seine Lebensphilosophie. Er schrieb Romane von Weltrang, bereiste Kontinente, überlebte Kriege und Flugzeugabstürze und führte ein Leben, das jeden heutigen Präventionsbeauftragten in einen Zustand akuter Besorgnis versetzen würde.

Frank Sinatra wiederum behandelte das Martini nahezu als kulturelles Grundrecht. Er sang, spielte, feierte und blieb über Jahrzehnte eine Ikone. In einem modernen Gesundheitsbericht erschiene er vermutlich unter der Rubrik »Interventionsbedarf mittlerer Dringlichkeit«.

Doch all diese Herren verblassen neben einem Mann, der schon zweitausend Jahre vor der WHO bewies, dass Risikobewertung und Weltgeschichte nicht immer dieselben Prioritäten haben.

Alexander der Große.

Historische Berichte lassen erkennen, dass der makedonische König den geselligen Seiten des Lebens keineswegs abgeneigt war. Die Trinkgelage seines Hofes waren legendär. Manche antiken Autoren brachten später sogar seinen Tod mit einem ausufernden Gelage in Verbindung. Ob das stimmt, ist bis heute umstritten. Sicher ist nur: Der Mann eroberte in wenigen Jahren ein Reich vom Balkan bis nach Indien.

Man stelle sich vor, Alexander würde heute vor seinem Persienfeldzug eine verpflichtende Beratung erhalten.

»Eure Majestät, bevor Sie die größte Militäraktion der bekannten Welt beginnen, möchten wir zunächst über die Risiken eines zusätzlichen Bechers Wein sprechen.«

Alexander betrachtet die Landkarte Asiens.

»Persien kann warten. Gesundheit geht vor.«

Es folgt die Aushändigung einer Broschüre.

Titel: Bewusster Umgang mit Alkohol im Feldzugseinsatz.

Unterdessen steht das Perserreich weiterhin unbehelligt da.

Natürlich beweist keiner dieser Fälle, dass Alkohol gesund sei.

Ebenso wenig beweist die Existenz eines Kettenrauchers mit hundert Lebensjahren, dass Tabak ein Nahrungsergänzungsmittel ist.

Aber die Beispiele erinnern an etwas anderes: Menschen sind komplizierter als Schlagzeilen.

Wer Geschichte ausschließlich unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten betrachten würde, müsste zahlreiche Persönlichkeiten neu klassifizieren.

Churchill wäre kein Staatsmann mehr, sondern ein Risikokonsument.

Hemingway kein Nobelpreisträger, sondern ein Präventionsfall.

Sinatra kein Entertainer, sondern Gegenstand einer Aufklärungskampagne.

Alexander der Große kein Welteroberer, sondern Teilnehmer eines Programms zur Trinkmengenreduktion.

Wahrscheinlich müsste man noch weitergehen.

Sokrates? Alkoholberatung.

Caesar? Verhaltensintervention.

Shakespeare? Risikoaufklärung.

Napoleon? Sensibilisierungsgespräch.

Die eigentliche Ironie besteht darin, dass die Menschheit Kriege, Seuchen, Revolutionen, Staatsbankrotte und politische Experimente aller Art überstanden hat – nun aber gelegentlich den Eindruck vermittelt bekommt, ihre größte Bedrohung sei das Glas Rotwein neben den Oliven.

Der Weinbauer auf dem Hügel verfolgt die Debatte gelassen.

Er hat schon viele Gewissheiten kommen und gehen sehen.

Die Römer waren sicher.

Die Mönche waren sicher.

Die Ärzte waren sicher.

Die Experten waren sicher.

Und die nächsten Experten werden ebenfalls sicher sein.

Währenddessen reifen die Trauben weiter.

Der nächste Jahrgang kommt bestimmt.

Und ich freue mich darauf – ganz ohne schlechtes Gewissen, aber mit gebotener Ehrfurcht.

 

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