Andreas Paul

Am falschen Ort zur falschen Zeit

Melanie saß auf der Reling der Ballongondel und schaute hinüber zu dem Zwillingsballon, der genau wie ihr eigenes Gefährt dicht über dem mächtigen Körper eines pflanzenfressenden Sauriers schwebte. In dieser Position würden die beiden Luftschiffe verharren, bis Melanie das Signal zur Eröffnung des geplanten Spektakels gab. Sie wusste, dass sich die Fleischberge unter ihnen erst von der Stelle bewegen würden, wenn sie alle Pflanzen, die sich in ihrem Umkreis befanden, vertilgt hätten. Eile war also nicht vonnöten.

Zufrieden schmunzelte sie in sich hinein. Sie konnte auf sich stolz sein. In ihrem Gewerbe gehörte sie weltweit zu den besten Akteuren. Von manchen wurde sogar behauptet, dass sie die Beste sei, und sie hatte keinen Grund, dem zu widersprechen. So lange sie ihrem Wahlspruch „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“ folgte, sollte sich das ihrer Meinung nach auch nicht ändern.

Seit es die Zeitreisen in die Vergangenheit gab, war sie in diesem Geschäft tätig. Anfangs hatte sie für Schulklassen Exkursionen zu den Brennpunkten der Geschichte organisiert. Aus diesem Geschäftszweig musste sie sich allerdings zurückziehen, als ihr das Missgeschick unterlief, eine Schülergruppe mitten in die Varusschlacht im Teutoburger Wald zu schicken. Von dort war niemand zurückgekehrt. Zum Glück gelang es ihr, die Verantwortung für diese Katastrophe von sich weisen zu können.

Nach einer kurzen Auszeit und Neuorientierung hatte sie aber wieder Fuß im Zeitreisegeschäft gefasst. Als eine der Ersten erkannte sie, welches Potential dieser Markt für die Ausrichtung von Großwildjagden bot. Seit solche Events in der Gegenwart legal kaum noch möglich waren, lag deren Zukunft ironischerweise in der Vergangenheit. So konnten ihre Kunden bei der Abschlachtung des letzten Auerochsen dabei sein. Sie beteiligten sich an der Dezimierung der Wölfe in Zentraleuropa. Und im Wilden Westen schossen sie mit den Büffeljägern um die Wette.

Jetzt war ihr der nächste Coup gelungen. Durch einen Zeitsprung über 65 Millionen Jahre zurück in die Kreidezeit erhielt ihr zahlendes Klientel die Möglichkeit, eine Beute zu jagen, die noch nie von menschlicher Hand erlegt worden war. Sie hatte ihnen die Dinosaurier zum Abschuss freigegeben. In wenigen Stunden würden die ersten der urzeitlichen Giganten vom Dauerfeuer modernster Jagd- und Kriegswaffen zerfetzt werden.

Bis zum Beginn dieses Massakers wollte sie sich die Ruhe vor dem Sturm gönnen. Und tatsächlich strahlte der Sternenhimmel, der sich über den friedlich fressenden Urzeitriesen wölbte, eine magische Stille aus. Zwar kannte Melanie keine Sternenbilder, aber in der Anordnung der flimmernden Himmelskörper glaubte sie eine sinnvolle Absicht zu erkennen.

Auch als ein reiskorngroßes Objekt mit feurigem Schweif über dem Horizont auftauchte, behielt sie ihre Gelassenheit bei. Kurze Zeit später war es ohnehin hinter dem zweiten Luftschiff verschwunden. Ihre Unruhe erwachte erst als die Ballonhülle von einer feurigen Korona umschlossen wurde, die sich rasch ausbreitete und bald den ihr sichtbaren Himmel in gleißendes Licht tauchte. Dessen Leuchtkraft versetzte selbst die fressenden Giganten in Panik. Ihre Köpfe schossen nach oben und sie stürzten im holprigen Galopp davon.

Mittlerweile hatte sich das Reiskorn zu einer glühenden Scheibe vergrößert, die hinter dem Ballon immer mehr anschwoll und ihn zu verschlucken drohte. Mit ungebremster Zielstrebigkeit raste das Unglück auf Melanie zu. Bei diesem Anblick erinnerte sie sich an eine Dokumentation, die sie vor wenigen Tagen bei einem Streaminganbieter gesehen hatte. Darin wurde die Theorie erörtert, ob die Erde in dem Zeitalter, in dem sie sich gerade aufhielt, mit einem Meteoriten kollidiert sein könnte . . .

 „Diesmal zur falschen Zeit am falschen Ort!“, war ihr letzter Gedanke.

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