Istvan Hidy

Energielügen

Wie weit reicht sie überhaupt noch?

Deutschland im Sommer 2026: Die Regierung versichert, die Energieversorgung sei „für den Moment“ gesichert. Ein Satz, der ungefähr so beruhigend wirkt wie die Durchsage eines Kapitäns, man habe das Leck zwar entdeckt, aber noch keinen Eimer gefunden.

Während an der Straße von Hormus die Weltpolitik zündelt, schießen hierzulande die Benzinpreise in die Höhe. Offiziell liegt das am Krieg. Inoffiziell scheinen aber auch Händler, Spekulanten und Aktionäre ihren Anteil an der nationalen Preisgestaltung entdeckt zu haben. Das Prinzip ist bekannt: Preise schießen wie Raketen nach oben und sinken anschließend mit der Geschwindigkeit einer erschöpften Daunenfeder.

Gleichzeitig predigt die Politik Technologieoffenheit. Das bedeutet offenbar, dass man für jede Technologie offen ist – solange sie Erdgas heißt. Studien über die wirtschaftlichen Vorteile erneuerbarer Energien verschwinden diskret in den Tiefen ministerieller Unterseiten, während neue Gaskraftwerke als unverzichtbare Brücke in die Zukunft verkauft werden. Eine Brücke, die möglicherweise endet, bevor sie sich überhaupt bezahlt gemacht hat.

Auch das beliebte Versprechen von der energiepolitischen Unabhängigkeit bekommt Kratzer. Früher war man von Öl und Gas aus problematischen Weltregionen abhängig, künftig von Lithium, Kobalt und seltenen Erden aus anderen problematischen Weltregionen. Die gute Nachricht: Die Abhängigkeit wird nachhaltiger. Die schlechte: Sie bleibt eine Abhängigkeit.

Für zusätzliche Verwirrung sorgt der Ökostrommarkt. Viele Verbraucher glauben, grünen Strom zu beziehen. Tatsächlich beziehen sie denselben Strom wie alle anderen, nur begleitet von einem Zertifikat, das irgendwo in Europa bescheinigt, dass irgendwann einmal Wasser einen Generator angetrieben hat. Klimaschutz per Papierhandel – das ist ungefähr so, als würde man durch den Kauf einer norwegischen Skikarte selbst besser Ski fahren.

Und falls all das nicht genügt, wartet noch der Energienotstand. Dann drohen Tempolimits, Tankkontingente, verkürzte Öffnungszeiten und kalte Wohnzimmer. Krankenhäuser und Polizei bleiben versorgt, Supermärkte rationieren möglicherweise Lebensmittel, und die Industrie lernt, dass „systemrelevant“ keine Beleidigung, sondern ein Privileg ist.

Die eigentliche Energiekrise besteht allerdings nicht im Mangel an Öl, Gas oder Strom. Sie besteht im Mangel an Ehrlichkeit. Zu viele Akteure erzählen zu einfache Geschichten für zu komplexe Probleme. Der Krieg ist schuld. Die Energiewende ist schuld. Die Konzerne sind schuld. Die Verbraucher sind schuld. Kaum jemand spricht jedoch darüber, welche Rolle Spekulationen, Marktmechanismen und handfeste Gewinninteressen bei den Preisexplosionen tatsächlich spielen.

Wahrscheinlich stimmt von allem ein bisschen etwas. Nur eine Ressource scheint weiterhin unbegrenzt verfügbar zu sein: politische Ausreden und Fehlinformationen. Und die benötigen bekanntlich keinerlei Infrastruktur, keine Speicher und nicht einmal Wind. Sie produzieren sich ganz von selbst.

 

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