Istvan Hidy

Die Welt am Nadelöhr

Die Globalisierung hat lange den Eindruck erweckt, die Geografie sei überwunden. Waren, Kapital und Informationen schienen mühelos um den Globus zu zirkulieren. Doch die Wirklichkeit ist erstaunlich analog geblieben. Noch immer hängt ein erheblicher Teil des Weltwohlstands an wenigen Wasserstraßen und Meerengen.

Globalisierung klingt nach grenzenloser Handelsfreiheit. Tatsächlich erinnert sie eher an den morgendlichen Berufsverkehr auf der B14: Millionen wollen gleichzeitig durch dieselbe Engstelle, und sobald einer quersteht, steht alles. Die Welt nennt das Lieferkettenkrise. Der Pendler nennt es Montagmorgen.

Die Ökonomen haben nun berechnet, welches maritime Nadelöhr uns am empfindlichsten trifft. Überraschenderweise ist es nicht der Suezkanal, der seit der Havarie der «Ever Given» als Denkmal menschlicher Selbstüberschätzung gilt. Der wahre Superstar der Verwundbarkeit heißt Panamakanal. Fällt er aus, schrumpft der Welthandel stärker als in allen anderen Szenarien. Panama ist für die Weltwirtschaft das, was der WLAN-Router für die moderne Familie ist: Solange er funktioniert, nimmt ihn niemand wahr. Sobald er ausfällt, bricht die Kommunikation zusammen – und mit ihr der häusliche Frieden.

Währenddessen wird am anderen Ende der Welt das nächste Kapitel der Geografie geschrieben. Nach mehr als hundert Tagen soll die Straße von Hormuz wieder geöffnet werden. Donald Trump kommentierte dies sinngemäß mit dem Aufruf: «Lasst das Öl fließen!» Es war einer jener Momente, in denen man sich fragt, ob der Präsident der Vereinigten Staaten gerade Weltpolitik betreibt oder die Rolle eines besonders euphorischen Stadionsprechers übernommen hat.

Nur leider reagieren Tanker nicht auf Motivationsreden. Rund 500 Schiffe sitzen weiterhin im Persischen Golf fest. Selbst wenn morgen Frieden herrschte, würden die Folgen der Blockade noch monatelang nachhallen. Die globale Logistik gleicht einem Uhrwerk, dessen Zahnräder exakt ineinandergreifen müssen. Wer glaubt, man könne nach einem Krieg einfach auf «Neustart» drücken, kennt vermutlich nur seinen Laptop.

Bemerkenswert ist auch die neueste Geschäftsidee des iranischen Regimes. Jahrzehntelang stritt die Welt über Öl, Gas und Atomprogramme. Nun entdeckt Teheran die Mautgebühr als geopolitisches Machtinstrument. Wer die Meerenge passieren will, soll zahlen. Damit nähert sich die internationale Schifffahrt dem Modell deutscher Innenstädte an: Irgendwo wartet immer jemand mit einer Gebührentabelle.

Doch die eigentliche Pointe liegt tiefer. Jahrzehntelang versicherten uns Politiker, Manager und Unternehmensberater, die Digitalisierung habe Raum und Zeit überwunden. Alles sei vernetzt, flexibel und global. Dann genügt ein querstehendes Schiff, ein paar Seeminen oder eine gesperrte Wasserstraße, und die Menschheit erinnert sich plötzlich daran, dass Waren immer noch auf Schiffen transportiert werden – und nicht durch PowerPoint-Präsentationen.

Die Geografie, diese alte Spielverderberin, hat sich für die Heilsversprechen der Globalisierung nie sonderlich interessiert. Geduldig sitzt sie an ihren Meerengen, Kanälen und Gebirgspässen und wartet auf den Augenblick, in dem sie uns erneut daran erinnern darf, wer hier eigentlich die Spielregeln bestimmt.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Tage: Die Welt wird nicht von Algorithmen regiert. Sie wird von Wasserstraßen regiert, die mitunter nur wenige Kilometer breit sind. Und während künstliche Intelligenz darüber nachdenkt, wie sie die Menschheit verändern könnte, genügt irgendwo ein einziger Schlepper mit Verspätung, um den Welthandel auszubremsen.

Die Zukunft mag digital sein. Die Geografie bleibt analog.

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