Wenn Brötchen auf Bäumen wachsen und Papageien zu Farmerschrecks werden
In der Natur läuft bekanntlich das größte Experiment der Welt – und wir sind mittendrin. Allerdings scheint sie gelegentlich auch einen besonders ausgeprägten Sinn für Humor zu besitzen. Manche ihrer Einfälle wirken, als hätte sie nach Feierabend noch ein wenig weitergebastelt.
Aus der unendlichen Vielfalt dieser Launen kann ich nur einige Beispiele herausgreifen: den Brotfruchtbaum, den Kea, die Brückenechse – und meinen ungeliebten Nachbarn Rüdiger. Wobei ich mir beim Letztgenannten bis heute nicht sicher bin, ob er tatsächlich zur Natur gehört oder bereits zu den Naturphänomenen zählt.
Der Brotfruchtbaum – die Billigbäckerei der Tropen
Es gibt tatsächlich Gegenden auf unserer Erde, in denen der Traum jedes Morgenmuffels wahr wird: Dort wachsen die Brötchen auf den Bäumen.
Auf pazifischen Inseln steht der Brotfruchtbaum. Seine Bewohner müssen weder pflügen noch säen, weder mähen noch dreschen. Stattdessen spazieren sie einfach zum Baum und „ernten“ ihr Brot. Zugegeben: Die Natur liefert nur den Rohling. Ein kurzer Aufenthalt auf heißen Steinen ersetzt den Bäckermeister – und schon ist das tropische Abendbrot fertig.
Die Frucht enthält nämlich kaum Zucker wie andere Früchte, sondern vor allem Stärke. Offenbar kam die Natur zu dem Schluss, dass Ananas und Kokosnüsse allein kein ausgewogenes Konzept sind.
Der Baum trägt monatelang Früchte, oft von November bis Juli. Man könnte sagen: Er arbeitet zuverlässiger als manche Filiale einer Großbäckerei. Kein Wunder, dass er sich in vielen tropischen Regionen verbreitet hat. Wer würde schon freiwillig auf einen Baum verzichten, der gewissermaßen Backwaren produziert?
Der Kea – vom Vegetarier zum Schafliebhaber
Noch erstaunlicher ist die Geschichte des Kea, eines neuseeländischen Papageis.
Papageien gelten gemeinhin als friedliche Frucht- und Körnerliebhaber. Doch der Kea beschloss irgendwann, sein Image gründlich zu überarbeiten. Als die Engländer Schafe nach Neuseeland brachten und diese sich dort prächtig vermehrten, beobachtete der Vogel die wolligen Neuankömmlinge offenbar mit wachsendem Interesse.
Anfangs probierte er nur gelegentlich Fleisch von Schlachthofabfällen oder verendeten Tieren. Doch wie so oft führte ein kleiner kulinarischer Ausflug zu einer ausgewachsenen Leidenschaft. Schließlich entwickelte sich der Kea zu einem gefürchteten Schafplagegeist, der es besonders auf junge Lämmer abgesehen hatte.
Man stelle sich die Überraschung eines Farmers vor, der morgens feststellt, dass nicht Wolf, Fuchs oder Adler seine Herde heimsucht, sondern ein Papagei. Ein Papagei! Das ist ungefähr so, als würde sich ein Kanarienvogel plötzlich für Großwildjagd interessieren.
Das Merkwürdigste daran: Seine nahen Verwandten, der Kaka und der Kakapo, blieben brav vegetarisch. Offenbar gibt es in jeder Familie mindestens einen, der konsequent aus der Reihe tanzt.
Die Brückenechse – mit eingebautem Ersatzauge
Doch die Natur hatte noch mehr Überraschungen auf Lager.
Die Brückenechse Neuseelands gehört zu den ältesten noch lebenden Landwirbeltieren überhaupt. Sie wirkt wie ein Besucher aus einer Zeit, als Dinosaurier noch die Nachbarschaft unsicher machten.
Besonders bemerkenswert ist ihr berühmtes drittes Auge – ein zusätzliches Auge auf dem Kopf. Die meisten Lebewesen kommen mit zwei Augen aus, doch die Natur dachte offenbar: sicher ist sicher.
Wozu dieses dritte Auge genau dient, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Vermutet wird eine Rolle bei Lichtwahrnehmung oder beim Tag-Nacht-Rhythmus. Die romantischere Vorstellung wäre ein eingebautes Nachtsichtgerät oder ein Frühwarnsystem für sehr alte Reptilienprobleme.
Jedenfalls erinnert die Brückenechse daran, dass die Natur ihre alten Entwürfe nur ungern entsorgt. Während andere Arten modernisiert wurden, trägt sie noch immer erstaunliche Extras aus vergangenen Erdzeitaltern mit sich herum.
Ähnliches vermute ich übrigens bei meinem Nachbarn Rüdiger. Auch er scheint über mindestens ein zusätzliches Auge zu verfügen – denn er sieht grundsätzlich mehr, als überhaupt vorhanden ist.
Schlussbetrachtung
Betrachtet man einen Baum, der Brot liefert, einen Papagei, der Schafe jagt, und eine Echse mit drittem Auge, drängt sich ein Verdacht auf: Die Natur arbeitet nicht nach menschlicher Logik.
Sie experimentiert, improvisiert und überrascht – und genau darin liegt ihr Charme. Denn irgendwo wächst gerade Brot am Baum, ein Papagei plant seinen nächsten Angriff, und eine uralte Echse blickt mit ihrem dritten Auge in Dunkel der Nacht.
Und Rüdiger? Der steht vermutlich am Fenster, blickt mit seinem dritten – vielleicht sogar vierten – Auge hinaus und weiß schon wieder Dinge über die Nachbarschaft, die noch gar nicht passiert sind.
Manche Rätsel der Natur werden wohl niemals vollständig erklärt werden.
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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Istvan Hidy).
Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2026.
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