Vera Lörks

Nonno Jacopos Koffer

Kennst du Siebenstein? Das war in Deutschland meine Lieblingssendung im Fernsehen. Es gab dort nämlich einen sprechenden Koffer, der Geschichten erzählt. Koffer lieben Geschichten. Das weiß ich genau, weil ich selbst einer bin. Ich bin zwar kein Fernsehstar, aber ich kann in aller Bescheidenheit sagen, dass ich auch ein paar gute Geschichten erzählen kann. Wusstest du zum Beispiel, dass ich aus Italien komme?

Obwohl ich mit Francesca nach Deutschland gekommen bin, bin ich eigentlich der Koffer von ihrem Nonno Jacopo. Ich lag jahrelang oben auf seinem Schrank und war sehr zufrieden mit meinem Blick auf die Granatapfelbäume. Doch dann spürte ich, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Die ganze Familie schien traurig zu sein, besonders Nonno Jacopo. Ich wusste nicht genau, was los war, aber es schien um Francesca zu gehen. Darüber wunderte ich mich. Francesca war eine fröhliche junge Frau und gerade verheiratet. Ich mochte sie ganz besonders, seit sie sich als Kind in mir versteckt hatte, wenn sie ihrer Mutter beim Kochen helfen sollte. Was konnte nur mit ihr los sein?

Eines Tages nahm Nonno Jacopo mich vom Schrank und setzte sich mit mir auf das Bett. Er sah so traurig aus, wie ich ihn lange nicht mehr gesehen hatte. Sonst mochte er es immer, von mir an die vielen Reisen erinnert zu werden, die wir gemeinsam unternommen hatten. Da kam Nonna Anna herein und setzte sich neben ihn. „Coccolone,“ sagte sie zärtlich zu ihm. Nonna Anna wusste immer genau, wie sie mit ihm reden musste und „Kuschelbär“ sagte sie nur zu ihm, wenn sie ihn von etwas überzeugen wollte. „Gib Francesca doch deinen Koffer. Du weißt genau, dass sie kein Geld für einen neuen hat. Und du brauchst ihn doch nicht mehr.“

„Es geht nicht darum, dass ich den Koffer nicht abgeben will. Es ist einfach nicht richtig, dass meine kleine Prinzessin weggehen muss. Nach Deutschland, in dieses kalte Land. Nie im Leben wird es ihr da gefallen. Wie soll sie denn überhaupt alleine klar kommen ohne ihre Familie?“, fragte Jacopo verzweifelt.

Ich wurde genauso traurig wie Nonno Jacopo. Unsere kleine Francesca mit dem lustigen Lachen und den wilden Locken sollte so weit weg von hier gehen? Warum denn nur? Hier war doch der schönste Ort auf der ganzen Welt, hier war ihr Zuhause.

Nonna Anna sagte: „Ach, Coccolone, sie ist doch kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine erwachsene Frau und verheiratet ist sie auch. Matteo ist ein guter Mann, er wird auf sie aufpassen. Und hier gibt es keine Arbeit für die jungen Leute. Das weißt du ganz genau.“

Die beiden saßen noch lange auf dem Bett, hielten mich fest und schauten auf die Granatapfelbäume. Ich fand es ungerecht, dass Francesca ihre Familie verlassen musste, weil es hier keine Arbeit gab. Da beschloss ich, für sie da zu sein. Ich würde ihr helfen, ein Teil ihrer Heimat in dieses andere Land zu bringen.

Schließlich ließ Nonno Jacopo mich dann doch los und ich fand mich in Francescas Zimmer wieder. Sie legte mit ihrer Mutter die wenigen Sachen, die sie hatte, zusammen. Ein paar Kleider, Fotos, eine Zahnbürste und Seife. Als sie fertig waren, war ich gerade mal halb voll. Ich war nicht zufrieden. Wie sollte sie sich denn so an ihre Heimat erinnern? Ich sah Nonno Jacopo im Türrahmen stehen. Er sagte nichts, aber auf seiner Stirn bildete sich eine dicke Falte.

Am Abend gab es ein großes Abschiedsessen für Francesca und Matteo. Die ganze Familie war gekommen, sogar Zio Antonio aus Palermo. Vom Flur aus konnte ich das Geschirr klappern hören, das Stimmengewirr und das Lachen. Ich war traurig und wollte mich nicht von Jacopo trennen, wir beide hatten doch schon so viel zusammen erlebt. Und er hatte Recht. Francesca war noch so jung. Sie konnte doch nicht in einem fremden Land zu Recht kommen.

Da ging auf einmal die Tür auf und ein Lichtstrahl fiel auf meinen Deckel. Giulia, mit ihren vier Jahren die jüngste in der Familie, kam hineingehuscht. Sie kniete sich vor mich und brauchte etwas, bis sie meine Schnallen geöffnet hatte. Schnell legte sie etwas in mich hinein. Es war ihre kleine Lieblingspuppe. So schnell wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.

Kurz nach ihr kam Francescas Mutter herein. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie einen Rosenkranz zwischen die Kleider ihrer Tochter legte. Als sie weg war, taumelte Zio Antonio herein. Er war schon etwas angetrunken und hätte fast meinen Verschluss kaputt gemacht, als er ein Säckchen mit Süßigkeiten in mich hineinstopfte. „Vergiss uns nicht, meine Kleine“, murmelte er nur. Ihr Vater brachte ein kleine Figur aus Granatapfelholz. Ich erinnerte mich, dass Francesca damit als Kind gespielt hatte. Nach und nach kamen immer mehr Familienmitglieder, die kleine Geschenke zwischen Francescas Sachen versteckten. Ein Fläschchen Olivenöl, Fotos, etwas Geld, ein Nähetui – jeder gab das, was ihm selbst besonders wertvoll war oder nützlich erschien. Ich war ganz gerührt.

Langsam wurde es ruhiger. Ich dachte, ich wäre so voll, dass nichts mehr in mich hineinpassen würde, aber dann kam Nonno Jacopo. Er strich noch einmal über meinen Deckel, bevor er mich öffnete. In seiner Hand sah ich etwas glitzern. Das war doch nicht etwa? Doch tatsächlich. Auch Jacopo schenkte seiner Enkelin das Wertvollste, was er hatte. Seine goldene Taschenuhr. „Damit du immer weißt, wann es Zeit ist, zu uns zurück zukommen.“ Er saß noch eine Weile da, aber dann hörte er Schritte im Flur und verschwand schnell durch eine andere Tür.

Als ich wieder aufschaute, stand Nonna Anna vor mir. Sie hatte wie alle Großmütter eine besondere Gabe und wusste manchmal Dinge über andere Familienmitglieder, von denen diese selbst noch nichts ahnten. Sie lächelte und strich die selbstgenähten Babysachen glatt, die sie in der Hand hatte. Liebevoll legte sie sie auf Jacopos Uhr.

Am nächsten Morgen hätte Francesca sich eigentlich darüber wundern müssen, wie schwer ich war, aber sie war wohl zu aufgeregt. Die ganze Familie brachte Matteo und Francesca zum Busbahnhof. Das Bild von der lachenden und winkenden Familie nahmen wir mit auf die lange Fahrt nach Deutschland. Ich hoffe, du kannst dir das Gesicht von Francesca vorstellen, als sie mich öffnete, denn beschreiben kann ich es nicht, dafür war der Moment einfach zu schön.

Übrigens: Francesca und Matteo haben später eine Eisdiele eröffnet und waren für das beste Eis der Stadt bekannt. Ich bekam dort einen Ehrenplatz, von dem aus ich meine Lieblingssendungen im Fernsehen gucken konnte und später sah, wie Nonno Jacopo zu Besuch kam und mit seinem Urenkel spielte, aber diese Geschichte erzähle ich dir ein anderes Mal.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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