Der KM seinerzeit gänzlich unbekannte Hanauer Philip Bußmann (1969-, damals 24 Jahre), Student der Stuttgarter Musikhochschule, bringt eine kurzzeitige Blüte der schwulen Kulturszene Stuttgarts hervor, der, nach seinem Wegzug, das Verwelken als Spin-off der Erlkoenig-Buchhandlung folgen wird: die Kulturveranstaltungs-Organisations-Gruppe, „135 Grad“ (1992 entstanden, dabei soll es sich um den Winkel handeln, in welchem am biologischen Zeichen für „männlich“ der Pfeil absteht). Diese Elitegruppe veranstaltet im September 1993 erstmalig das Festival „Vive la différence“. Ramón Bradomín (alias KM) wird in einem Artikel in der Frühlingsausgabe (Nr. 25, April 1994) von „Vulcano“ darüber berichten, für den er sich mit Bußmann auch zum Gesprächstermin trifft.
Vor allem in Gerhard Woydas Renitenztheater (1925-2017, damals 68 Jahre), das KM bei dieser Gelegenheit erstmals von innen sieht (damals am Tagblatt-Turm gelegen, Eberhardstraße 65), wobei nicht mehr erinnerlich ist, ob auf eigene Kosten oder dank Pressekarten, gastieren Lisa Politt (1956-, damals 37 Jahre), Deutscher Kleinkunstpreis 1991 für „Herrchens Frauchen“, Georgette Dee (1958-, damals 34 Jahre), Rainer Bielfeldt (1964-, damals 29 Jahre), Jo van Nelsen (1968-, damals 25 Jahre), Tim Fischer (1973-, damals 20 Jahre). Damals studiert der zuvor zum Buchhändler ausgebildete Jochen Bickert (Jo van) immer noch Regieassistenz in Frankfurt. Als Regisseur wird er in einem späteren Leben vielfach arbeiten, zuvor in den später Neunzigern, nach diesem Termin, aber erst noch Baritongesang studieren. Man kann Jo van Nelsens Stimme in der Disco-Nummer „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ (1991), nach einer Villon-Lesung von Klaus Kinski produziert und als „Culture Beat“ verkauft, hören. Viele kennen den Mann seinerzeit auch schon als als Kolumnisten der schwulen Zeitschrift „Magnus“, wo er als Baby Neumann immer wieder woanders ist und alles „Das erste Mal“ erlebt – und meistens doch irgendwie gut findet. KM „verliebt“ sich aber nur in den dünnen, jungen, femininen Tim Fischer, der, von der Bühne herunter, Blicke mit ihm wechselt, sodass er sich überlegt, ob er um ein Gespräch in der Garderobe nachsuchen sollte, was er dann doch nicht tut. (Er sieht den begnadeten Jüngling später noch mal bei einem Stuttgarter Gastspiel, gesprochen haben sie sich nie. KM verfolgt den Showstar-Aufstieg Fischers nicht weiter und hat nur mäßiges Interesse, als er nach sehr vielen Jahren doch noch mal darüber stolpert.)
Philip Bußmann gibt sein „135 Grad“ an den umtriebigen Erlkoenig-Junior-Buchhändler Stefan Schütz ab (seinerzeit Neuzugang vom Nordschwarzwald her, später Vertriebsleiter in einem großen Stuttgarter Verlag), dazu an dessen zeitweiligen Vertrauten João de Costa, ein Brasilianer. Aber de Costa scheidet 1994 schon wieder aus, sodass „135 Grad“ nurmehr ein Duo aus Stefan Schütz und Thomas Ott (1957-, damals 36 Jahre), dem Chef vom „Erlkoenig“, ist, alsbald wird's vergessen sein. Die nächsten glanzvollen Stuttgarter Queer-Kultur-Wochen entstehen erst ab dem Jahr 2000 wieder, weil der CSD in Stuttgart dann jährlich fest installiert wird und nicht länger als von Stadt zu Stadt wechselnde Veranstaltung regionaler (ehrenamtlicher) Schwulengruppen organisiert wird. Die langfristige Wirkung von „Vive la différence“ ist, dass die erwähnten Kleinkünstler nun regelmäßig im Renitenz gastieren können. Beim ersten Mal waren sie noch ziemlich neu in der Branche und in Stuttgart praktisch unbekannt. Das Renitenztheater ist zwar gut besucht, aber nie ausverkauft. Die Kosten werden nur so mit Ach und Krach eingespielt. Entsprechend enttäuscht ist PB beim Gespräch.
Er beendet sein Bühnenbildner-Studium an der Stuttgarter Hochschule und zieht nach New York, wo er eine internationale Karriere starten kann. Ab 2002 dann wieder in Hessen daheim, in Frankfurt, wird er als Bühnenbildner, Ballett- und Musiktheater-Regisseur von den Schauspielen in Hamburg und Bochum und dem Frankfurter Ballett engagiert und gründet auch noch seine eigene Tanztheater-Compagnie. Im Jahr 2010 kehrt er auch nach Baden-Württemberg zurück und übernimmt an der ehemaligen „Showakademie“ (eines von Lothar Späths Zukunftsprojekten, zu dessen Zeiten nicht realisiert), jetzt: Staatliche Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, eine Professur. (Er trägt dann einen mächtigen, ergrauten Vollbart, sodass er wie der Förster im Silberwald wirkt.)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2026.
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