Istvan Hidy

Deutschland in die Jahre gekommen

Auf der Suche nach einem neuen Selbstbild

 

Die ewige Jugend war schon immer ein Traum der Menschheit. Seit der Aufklärung wissen wir eigentlich, dass er nicht zu erfüllen ist. Und doch scheint heute ein neues Ziel dazuzukommen: „das ewige Leben“.

Dass Deutschland altert, ist eindeutig. Das steht in Statistiken, Prognosen und politischen Debatten. Man kann es nachlesen, berechnen und in Diagrammen betrachten. Nur spüren soll man es offenbar nicht.

Denn alt sind immer die anderen.

Der Mensch in Deutschland hat ein eigentümliches Verhältnis zum Alter. Er freut sich über eine steigende Lebenserwartung, erschrickt aber vor jedem weiteren Geburtstag. Er möchte 90 oder 95 Jahre alt werden, aber keinesfalls so aussehen, als könnte ihm das gelingen. Das Alter gilt als Erfolg – solange es noch in der Zukunft liegt.

So entsteht eine Gesellschaft, die sich selbst mit wachsender Konsequenz sprachlich verjüngt. Nicht das Alter verschwindet, sondern seine Bezeichnung.

Senioren heißen heute „Ewig-Aktive“. Rentner werden zu „Unruheständlern“. Schon das Alter selbst scheint sich nur noch wie ein Begriff zu verhalten, der sich entschuldigen muss, sobald er überhaupt noch ausgesprochen wird.

Es ist eine bemerkenswerte Verschiebung zu beobachten: Je älter die Gesellschaft wird, desto vorsichtiger wird sie im Umgang mit dem Wort „alt“. Nicht das Alter verschwindet – nur seine direkte Benennung wirkt zunehmend unhöflich.

So entsteht eine eigentümliche Sprachregelung des Alters: Man lebt nicht mehr im Ruhestand, sondern in einer „nachberuflichen Lebensphase“. Man ist nicht alt, sondern „im fortgeschrittenen Lebensabschnitt aktiv“. Und man wird nicht älter – man „entwickelt sich weiter“.

Die Sprache legt damit einen Schleier über das Offensichtliche. Sie beschreibt weniger, als sie beschwichtigt. Als könne man durch passende Begriffe verhindern, dass Zeit vergeht.

Die Realität allerdings folgt dieser Logik nicht. Sie bleibt hartnäckig körperlich, gelegentlich müde, manchmal gebrechlich – und völlig unbeeindruckt von sprachlicher Aufwertung.

Doch genau darin liegt der deutsche Versuch eines neuen Selbstbildes: Wenn schon das Alter kommt, dann bitte in einer Form, die sich nicht wie Alter anfühlt.

Die Wirtschaft hat diesen Wunsch längst verstanden. Sie bietet keine Produkte gegen das Alter an, sondern gegen seine Sichtbarkeit. Cremes versprechen glattere Haut, Nahrungsergänzungsmittel beweglichere Gelenke, Fitnessprogramme ein jüngeres Körpergefühl. Der Körper wird dabei behandelt, als sei er ein Missverständnis, das sich korrigieren lässt.

Auch die Politik sucht nach passenden Begriffen. Aus Rentenempfängern werden „Senioren mit Gestaltungskraft“, aus dem demografischen Wandel wird „gesellschaftliche Transformation“. Die Begriffe werden länger, der Gegenstand bleibt derselbe.

Denn Deutschland altert nicht nur – es ringt um die richtige Beschreibung seines Alterns.

Früher fragte man: Wie wird man alt?

Heute fragt man: Wie wird man alt, ohne alt zu wirken?

Die Antwort darauf ist erstaunlich konstant: sprachlich, kosmetisch, organisatorisch – aber selten ehrlich.

Am Ende könnte sich herausstellen, dass das eigentliche Problem nicht das Alter ist, sondern die Vorstellung, es müsse irgendwie überlistet werden.

Dabei ist Altern kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Eine Gesellschaft, die immer älter wird, müsste das eigentlich wissen.

Doch solange das Alter immer nur den anderen zugeschrieben wird, bleibt auch das neue Selbstbild unvollständig.

Oder einfacher gesagt:

Alt sind immer die anderen.

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