In der Woche vom 18. bis 24. November reisen KM und Hans Jürgen Manderscheid mit der Bahn nach Rom. Der Zeitpunkt ist ideal, die Stadt kurz vor dem Advent fast ohne Touristen, dabei ewiger Sonnenschein, blauer Himmel, frühlingshaft anmutende Temperaturen. Sie wohnen in einem familiär geführten Billig-Albergo, um die Ecke von der Kirche Sant'Eustachio bzw. der Piazza della Minerva (nicht das heutige „Hotel Santa Chiara“, so teuer und schön war das nicht). Anfang der 1980-er hat es bei der Familie Mattes eine Italienisch-Mode gegeben, nachdem die Schwester Sabine ein Übersetzer-Studium in Heidelberg begonnen hatte, KM sich einige Italienisch-Bücher und Schallfolien zum Selbststudium besorgt und durchgearbeitet, die Mutter bei der Volkshochschule Rheinfelden mehrere Semester lang Italienisch-Kurs besucht hatte. Den Romaufenthalt bereitet KM mit einem Merian-Reiseführer im dtv-Taschenbuch vor und findet unter der Rubrik „gut & günstig“ sowohl das Hotel, das er zu seinem Leidwesen nun auch noch selbst anrufen muss, wie auch das einfache Trastevere-Gasthaus „Mario's“ (in der Nähe der Piazza de Renzi, vor allem bei jungen Amerikanern beliebt, heute nicht mehr vorhanden), in dem sie dann täglich zu Abend essen, meist Pasta all'Arrabbiata und Rotwein.
Ansonsten ist, das hat sich inzwischen eingespielt, für fast alle Entscheidungen HJM der Ausschlaggebende. Merkbar ist, dass er, der fröhliche kleine Deutsche mit den roten Locken und dem guten Jackett samt auffälligem Schal, wo immer sie nun auch hinkommen, alle schnell für sich einnimmt, während KM sich oft wie in der zweiten Reihe fühlt. In dieser Beziehung fällt KM einiges schon geraume Zeit auf den Wecker, wird bislang aber noch geschluckt, vor allem natürlich bei diesem einzigen gemeinsamen Urlaub, den sie zu den in etwa simultan bestandenen Ersten Staatsexamen ihrer jeweiligen Studien feiern können. (Es handelt sich hier auch um eine von insgesamt nicht mehr als fünf Auslandsreisen in seinem Leben, die KM weiter hinaus als in die Schweiz und nach Österreich führen.)
Frühstück bietet das Hotel nicht an, Eckkneipen in der römischen Altstadt, die Tische für Essen haben, findet man morgens auch keine. Daher wird nach dem Aufstehen jeweils kurz eine Bar (Stehcafé), oder auch mal zwei kurz nacheinander, aufgesucht und es gibt die kleinen Dreieckbrote (Tramezzini) und die kleinen Espresso-Kaffees mit (caffè) Wasser dazu.
Das dicht gedrängte Besichtigungsprogramm enthält natürlich den Petersdom, die Vatikanischen Museen, das Pantheon, ist ja um die Ecke, die Piazza Navona (mit Weihnachtsmarkt), San Luigi dei Francesi (die Gemälde dort werden trotz Beleuchtung nach Münzeinwurf nicht wirklich sichtbar), Campo de' Fiore, Tartarughe-Brunnen (mit nackten Jünglingsfiguren) und das ehemalige Judenviertel (mit Abendmarkt, unter der Woche nachts), die Bocca de la Verità, die Hügel von Aventin und Scherbenberg, Palatin, Forum Romanum, Kolosseum, Lateranbasilika, Santa Maria Maggiore, San Pietro in Vincoli (Michelangelos Moses mit den Hörnern), San Carlino alle Quattre Fontane, der zu dem Zeitpunkt tatsächlich nur wenig besuchte Trevibrunnen, der Corso (ohne Eintritt ins Antico Café Greco) mit Spanischer Treppe, des Weiteren, etwas weiter draußen: Villa Medici, Pincio, Villa Borghese, die Galleria Nazionale, Villa Giulia samt Etruskermuseum, Villa Doria Pamphilj, dann, mit Bus erreicht, die Faschistenstadt EUR und die Basilica di San Sebastiano fuori le Mura an der Via Appia. Letzterer Ausflug gestaltet sich eher frustig, weil man viel Zeit für die Suche nach Fotografier-Standpunkten braucht, von denen her die ehemalige Ausfallstraße der Alten Römer halbwegs nach Idylle und Goethe-Campagna ausschaut. Abends jedes Mal Pasta und Rotwein am kleinen Tisch mit rot-weißer Karostoffdecke in Trastevere.
Straßenbahn, Metro und Taxis, die es in Rom auch gibt, werden kein einziges Mal in Anspruch genommen. Alles wird mit den orangen Stadtbussen und zu Fuß geschafft. Die Busse sind zwar immer voll, aber zu dieser Jahreszeit voller Italiener und mit den berüchtigten Taschendieben, vor denen man sich gefürchtet hatte, gibt es keine einzige Begegnung. Zurück nach Freiburg (bzw. Basel) dann wieder schlafend im sicherlich unbequemen und auch gut belegten Liegewagenabteil. Und auch das geht glatt. Tadellose Tage. So schön kann das Leben sein.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.06.2026.
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