Patrick Rabe

Marius, Rio, Jesus und ein Gang durch die deutsche Rockgesch

Marius, Rio, Jesus und ein Gang durch die deutsche Rockgeschichte

 

"Demut und Dankbarkeit!". Das war das, was der Vater von Marius Müller-Westernhagen, ein Schauspieler am Hamburger Schauspielhaus, seinem Sohn mitgab als Empfehlung. Marius empfand es wie einen humorlosen Befehl. Er rebellierte gegen seinen Vater und seine überfürsorgliche Mutter. Wurde zunächst selber Schauspieler, wusste aber noch nicht so recht, was "es" sein sollte, das er fürs Leben brauchte. Er fand es, als er mit Udo Lindenberg und Otto Waalkes in einer WG lebte. Den Rock'n Roll. Das war die Kraft, die ihn befreien konnte von diesem bleischwer lähmenden "Demut und Dankbarkeit!" Allerdings ließ er den klassischen Deutschrock der ersten Stunde bald hinter sich. Er orientierte sich an den Rolling Stones, also an wirklich fetzigen Klängen und pointiert kritischen Texten. Im Gegenteil zu Lindenberg, der ja etwas älter war, und dessen "Schule" der Jazz und die deutschen Dichter gewesen waren, schöpfte er bereits aus dem Brunnen der 1960er Jahre. Somit war er voll und ganz Nachkriegsgeneration, und angekommen im Neuen. Er weigerte sich humorvoll in dem Song "Zieh dir bloß die Schuhe aus", bei der Firma "Gott und Sohn" zu arbeiten, bei der man angeblich "fürs Leben lernt"...doch das Leben scheint so fern." Den Fehler seines Protagonisten Klaus wollte er nicht machen, zu dem am Ende sein Sohn kommt und ihm sagt, dass er Tänzer werden will, und er ihm dann antwortet: "Tänzer schwul und nichts im Topf!" Für diesen sich dem System anbiedernden Klaus bleibt am Ende nur das Fazit: "Doch das Leben blieb dir fern!"

 

"Glaubst du an den lieben Gott oder an Guevara? Ich glaub an die deutsche Bank, denn die zahlt aus in Bar-ah!" karikierte Westernhagen das Spießertum. Westernhagen pries das wilde Leben und glaubte an gelebte Revolution. Irgendwann muss er auf etwas gestoßen sein, was ihm nicht von Anfang an klar gewesen war. Die Ähnlichkeit dieses Weges mit der Botschaft Jesu Christi und dem Anbrechen des Reiches Gottes. Viele Menschen spürten das bereits in den 1960ern, auch und gerade führende Gestalten wie Rudi Dutschke. Immer wieder sind es Weggabelungen und Durststrecken, an denen man Gott begegnet und immer wieder bekommt man letztendlich dieselbe Frage vorgelegt "Leben oder Tod?". Natürlich nicht in diesen Worten. Und nicht von Gott höchstpersönlich. Aber in dem, was einem angeboten wird und wer einem begegnet. Wie war das genau, als Westernhagen und Grönemeyer sich immer wieder mal unter die Arme griffen? Beide halfen einander in existienziellen Krisen. Wer gab wem fruchtbare Tipps und wer führte wen mit seinen Vorschlägen ins Unglück? Grönemeyer riet Westernhagen zum Sound der neuen deutschen Welle. Das probierte dieser auf "Die Sonne so rot" aus und erlebte einen Totalflop. Zwar passte er sich sowohl musikalisch, als auch vom Textstil an diese, wie wir heute wissen sehr kurzlebige Ära an, aber sein eigener Stil war nicht mehr erkennbar. Dies brachte ihm nicht den erhofften Neustart, sondern eine mehrjährige künstlerische Durststrecke. Als er in den 1990ern wieder on top war, vergaß er gerne, Grönemeyer zu erwähnen und erzählte dem Filmemacher Pennebaker, er sei "der einzige deutsche Rockstar, der Stadien füllt". Das war mehr als Arroganz. Das war das Bewusstsein darüber, dass er und seine Musik Substanz hatten.  Aber worin bestand sie? Ich glaube, das hat Westernhagen nie losgelassen. Auch die Frage, warum Grönemeyer ihn zwar zum Stil der neuen deutschen Welle gebracht hatte, ihn selber aber gar nicht anwandte? Warum war das so? Vielleicht, weil er ihn gar nicht beherrschte. Oder, weil er was komplett anderes wollte, aber von den Machern der NDW kommerziell am meisten profitiert hatte. Ganz sicher hatte GrönemeyerWesternhagen wirklich helfen wollen. Hatte er aber nicht. Das Ergebnis dieser Unterstützung muss für Westernhagen sowohl finanziell, als auch privat, künstlerisch und in noch anderen Bereichen ein Fiasko gewesen sein. Und wenn man ohne Geld, ohne Visionen und ohne Frau praktisch "auf der Straße" sitzt, stellt man nicht mehr die Frage "Meinte es der andere gut?", sondern eher die Frage "Was trägt wirklich?" Und die Frage "Hat der andere Substanz" geht viel tiefer als nur in die Richtung von "Wieviel Echtheit steckt in seiner Musik".

 

In den Jahren zwischen1984 und 1991 muss Marius etwas gefunden haben, was ihm zeigte, wo das LEBEN längs läuft. Ich vermute, das WAR eine Begegnung mit Jesus Christus, wie und wo auch immer.  Und die Erkenntnis, wer oder was die Hure Babylon ist. Danach singt er es, wie nach einem spirituellen Durchbruch. "Nimm mich mit, zeige mir den Weg!" und "An dem Tag, der ganz neu sein wird, werden viele Kinder in der Sonne steh'n." Wie radikal muss man sein? Auch diese Frage stellt er sich, wie viele in den beginnenden 1990ern. Wenn man einmal mit der Hure Babylon gegangen ist, muss man dann auf alle ihre Segnungen verzichten, wenn man Christus und den wahren Weg wieder gefunden hat? Kann man langsam "aussteigen" oder muss man sofort mit dem "alten Weg" brechen?

 

Fast alle Musiker stellen sich in jener Zeit diese Fragen. Wie muss Rockmusik sein und wie die Texte, damit das Ganze eine belebende und revolutionäre Kraft bleibt? Welche Deals darf man eingehen und welche nicht? Wie muss es klingen, was darf und soll man singen? Die jungen Musiker von der "Hamburger Schule" finden ganz neue Formen, von denen auch viele der "Alten" nicht unbeeindruckt bleiben. Viele von ihnen besannen sich dabei auf den Spirit der 1960er, aber nicht auf Udo Lindenberg, sondern auf Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben.

 

Ton Steine Scherben waren seit den frühen 1970ern das Sprachrohr von Deutschlands Linksalternativen, sangen Lieder wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Der Kampf geht weiter“. Während sie auf ihrem ersten Album noch zum Straßenkampf aufriefen, wurden sie ab „Keine Macht für Niemand“ um einen anderen Aspekt bereichert, der bereits auf „Warum geht es mir so dreckig“ in „Mein Name ist Mensch“ anklang: Rio Reisers christliche Vision eines „Neuen Jerusalem“, einer neuen Welt des Einklangs. Auf „Keine Macht für Niemand“ findet sich dieser Ansatz unter anderem in den den Rahmen normaler Rockmusik sprengenden Songs „Schritt für Schritt ins Paradies“ und „Der Traum ist aus“. Viele der in jenen Tagen Protestierenden hielt es für möglich, dass die Endzeit angebrochen war. In jene Zeit fällt auch Klaus Kinskis bahnbrechende Performance „Jesus Christus Erlöser“. Nach 1973 zogen Ton Steine Scherben von Berlin nach Fresenhagen auf einen Bauernhof, lebten die linke Alternative und IHR Neues Jerusalem, und sangen eher introspektive Lieder wie „Durch die Wüste“, „Halt dich an deiner Liebe fest“ und „Land in Sicht“.

 

Mitte der 1990er Jahre kündigte Rio ziemlich spektakulär seinen Deal mit Columbia/Sony, und plante, zu seinem selbstgegründeten Label "David Volksmund Produktion" zurückzukehren. Auf seinem letzten Album für das Majorlabel knallt er seinem Produzenten und Manager George Glueck den Song "Streik!" hin, in dem er singt: "Streik! Was für ein wunderbarer Tag, ich mach nicht mehr, was du mir sagst, und ich funktioniere nicht mehr, ich pariere nicht mehr, mir reicht's! Ich mach's dir nicht mehr, wie Du's magst, ob du jammerst oder mich verklagst, und du betrügst mich nicht mehr , du belügst mich nicht mehr. Ich weiß, ich bin dir völlig egal, für dich bin ich nur eine Zahl, doch ich komm nicht mehr zu dir, rechne nicht mehr mit mir, es reicht!" Nicht nur, dass er in mehreren Songs Bezug aufs Neue Testament nimmt, alleine nur aus diesem einen Song wird deutlich, dass es hier um mehr geht, als um das Abservieren eines unliebsamen Managers. Wenige Wochen nach Erscheinen des Albums "Himmel und Hölle" ist Rio tot, angeblich gestorben an einer Überdosis Koks. Alle, sowohl die Musiker aus seiner Generation, als auch die "Nachgeborenen", Fans, Kollegen und Nacheiferer beschäftigt dies. Die Zusammenhänge nicht zu sehen, ist keinem mehr möglich. Man will den richtigen Weg gehen, steht aber seit dem nicht mehr nur unter dem Antrieb, gute Kunst machen zu wollen, sondern auch unter spirituellem Druck und in der latenten Angst, ein Deal mit den falschen Leuten könnte einen das Leben kosten. Man hatte genug Beispiele vor Augen, nicht nur das von John Lennon, Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison, sondern auch das von Menschen, die man politisch sehr bewunderte, wie Gandhi, Luther King oder eben Rudi Dutschke, der das Attentat auf sich ja nur äußerst knapp überlebt hatte. Und da als fast naheliegenste Assoziation nicht auf Jesus Christus zu kommen, war wohl schlechterdings unmöglich. Aber eben auch die Frage "Wie stark bekenne ich mich zu ihm, ohne, dass es mir genauso geht?". Denn es ist ein Unterschied, ob ich "nur" mystisch und in der Seele sterbe und wiederauferstehe, wie das viele Christen kennen, oder ob ich auf brutale Weise einen körperlichen Tod erlebe. Und da gibt es ganz sicher noch mehrere Abstufungen dazu. Und wer verzeiht, wenn ich im Angesicht des realen Todes ausweiche? Oder sind wir alle nur grundbescheuert, einen Gott zu verehren, der im Ernstfall das Blutopfer von uns fordert? Sollten wir nicht endlich einmal wieder einfach Musik machen?

 

Westernhagen spürt all dem nach, auf Alben wie "Hallelujah" und "Jaja" (Was ja nicht nur "Leck mich am Arsch" heißt, sondern auch der jesuanischen Aussage "Eure Rede sei ja, ja, nein, nein; alles andere ist vom Übel" und der Bezeichnung für Gott im Rastafari und im Reggea entspricht, nämlich Jah Jah.)

1998, kurz vor der Jahrtausendwende äußert er sich klar dazu. So klar, wie ihm eben möglich ist. Eindeutig benennt er Jesus Christus als die Kraft, die ihn milde, gnädig, liebend und...dankbar macht. Und sogar in der Demut kann er nun etwas erkennen, das nicht mit Demütigen zu tun hat. Immer hat er seinen Vater als Gedemütigten erlebt. Depressiv im Bett, unter der Fuchtel seiner Frau, und was fast keiner wusste, auch in der Furcht vor Gustav Gründgens autoritärem Regiestil. Dieser inszenierte damals, Anfang der 1960er "Faust" und war gleichzeitig Intendant des Schauspielhauses. Mehr als ein Darsteller knickte vor seinem diktatorischen Geschrei und der Unmöglichkeit, eigene Ideen einzubringen, ein. Die Tatsache, dass er hier ein Stück inszenierte, selber mitspielte und das Theater, in dem es stattfand, leitete, überforderte ihn, aber bei der leisesten Kritik flippte er aus. Nicht nur Westernhagens Vater blieb bei diesem Stil beinahe auf der Strecke. Vor diesem Hintergrund macht die Aussage "Demut und Dankbarkeit" nämlich einen ganz anderen Sinn und hat Tiefen, an die man nie gedacht hätte.

 

Er brachte sein Album "Radio Maria" in zwei Versionen heraus. Einmal mit einem Cover, in dem das Schwarz-Weiß-Foto, das er von sich hatte machen lassen, das Bild überwog, und einmal in einer Variante, in der ein Farbfoto dominierte.  Auch hier scheint es um die Wahl „Tod oder Leben“ zu gehen. Neben dem leicht ironischen Song „Jesus“ , dem tragischen, an „Hey Joe“ angelehnten „Lola Blue“ und der wunderschönen Kraftgebe-Ballade „Ich bin wieder hier“, ist „Durch deine Liebe“ der beeindruckendste Song auf diesem Album.  Westernhagen singt da: „Ich hab dich unterschätzt, hielt dein Wort für Geschwätz, war schon zu oft verletzt, zu oft verletzt, durch deine Liebe.“ Und “Du machst Blinde sehn, du machst Lahme gehen, durch deine Liebe, durch deine Liebe kann es geschehn!“  Und dann, gegen Ende: „Du küsst Tote wach, du machst stark, was schwach, durch deine Liebe, durch deine Liebe; Liebe ist Macht…“

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 22. August 2020, Hamburg.

 

Der Vollständigkeit halber muss man sagen, dass sich Marius Müller-Westernhagen auf seinem jüngsten, zur Coronazeit entstandenen Album ganz vom Glauben an Gott distanziert hat. Ähnlich, wie bei Heiner Geißler scheiterte es wohl doch am Theodizee.

 

 

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