Sind es alle drei Klassen der Stufe neun oder nur die b) und c) (Beziehungen zu Schülern der a), Schüler aus den erst um diese Zeit herum der Industriestadt Rheinfelden zugeschlagenen ländlichen Gemeinden des Dinkelbergs und Hochrheintals, sind rar), die sich für eine Woche im Landschulheim auf den Bergen des Südschwarzwalds erholen, in der Jugendherberge Wiedener Eck (nicht mehr existent, jetzt: „Gut Lilienfein“)? Es gibt viel Schnee, eine Skifahrer- und eine Spaziergänger-Gruppe, zu letzterer gehört KM, dem niemals im Leben Skis gehören und der den Sport folglich nie lernt. Betreuende Lehrer sind u.a. die Kunsterzieherin Iris Seufert und der Biologie- und Sportlehrer Bader, sie eher aus der Konstanzer, er aus der Freiburger Gegend. Zum Frühstück gibt es Caro-Kaffee, Pfefferminztee am Abend, auf keinen Fall etwas mit Koffein oder Teein drin. Mit knapp 15 zählt man damals als Kind. Einmal, am Hüttenabend, dann doch eine Bowle, die Spuren von Alkohol enthält.
Mit dabei ist die kleine Mademoiselle Carot aus Caen, eine Studentin, die als Assistent Teacher durch die Französisch-Klassen wandert. Rheinfelden liegt, obwohl die Eltern dort nie hinfahren, nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt und so ist die Regel am mathematisch-naturwissenschaflichen (damals noch unbenannten) Gymnasium, dass ab Klasse 5 alle Schüler Englisch lernen, ab Klasse 7 dann alle auch noch Französisch bis zum Abitur (nicht abwählbar). Außer den sehr wenigen, die von ihren Eltern zur Vorbereitung aufs Große Latinum ausersehen wurden. Das ist bei der Familie Mattes aber nicht der Fall. Beide Elternteile sind keine Akademiker und die Mutter hatte Französisch bei den Besatzersoldaten gelernt. (Sein Großes Latinum wird KM in Freiburg nachholen müssen, nachdem er aufs Studium der Geschichte fürs Lehramt an Gymnasien umgesattelt hat.)
An einem Nachmittag läuft man mit der zwar lieben, dem praktischen Leben aber entfremdet wirkenden Kunstlehrerin hinüber zum Wiedener-Eck-Skilift, wo die Skifahrergruppe zu Gange ist. Danach wohl – zumindest will es dem heutigen KM nach Landkartenstudium so scheinen – über den etwa 200 Meter höheren, gut eingeschneiten Dietschert und strebt dann, den Abhang über dem Oberen Münstertal auf in etwa immer derselben Höhenlinie querend, zurück zur Autostraße bei der Passhöhe Wiedener Eck. Überall zauberhafter Neuschnee, was den eher kurzen Spaziergang zu einer Strapaze macht. Und die Nacht nähert sich schnell. Panik kündigt sich an. Die französische Mademoiselle kann fast nicht mehr und ist den Tränen nahe. Fräulein Seufert (sie hat nie geheiratet, stirbt später viel zu früh an Krebs, wir immer von allen als Fräulein bezeichnet) ist überfordert, eine Zeitlang weiß sie offenbar gar nicht mehr, wo man sich befindet. Es geht dann alles gut aus und überhaupt bleiben der Schülergruppe und den verantwortlichen Lehrern alle Unfälle und Skandale erspart.
Es ist wohl die Nacht nach dem Hüttenabend mit Bowle, in der eine Gruppe Jungen aus dem anderen Schlafsaal sich das verbotene Hinüberwandern in den Saal der bereits zu Bett gegangenen Mädchen schuldig zu sein glaubt. KM ist bei dergleichen aber gewiss nicht dabei; er gehört zu den uncoolen Mamaboys. Zu hören ist hinterher, abenteuerlich sei es dann nicht geworden. Man habe halt noch ein bisschen geschwätzt.
Das Dorf Wieden liegt im Talkessel unten, dem Berg Belchen benachbart (derselbe ist von der Herberge aus nicht zu sehen). Von der JH sieht man es jeden Tag, ist aber nie dort unten, solange man sich im Schullandheim aufhält. (An- und Abreise direkt mit gechartertem Reisebus. Der in Rheinfelden damals für dergleichen zuständige kleine, dicke, glatzköpfige Mann hieß Kurt Hornauer, auch er wurde nicht alt, lebte die ganze Zeit in einer bescheidenen Mietwohnung im Block in der Nollinger Straße, gleich neben dem Eisenbahnerhaus.)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.06.2026.
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