Charles G. Dannecker

Charles und der „ Alte Mann und das Meer“

 

Ich saß an einem griechischen Strand.  Das Meer war still, als hätte jemand den Wind vergessen. Die Sonne hing müde über dem Horizont.

Da bemerkte ich einen alten Mann in einem kleinen Boot. Er ruderte langsam näher. Sein Gesicht war zerfurcht und erinnerte mich an einen alten Olivenbaum.

„Santiago?“, fragte ich. Er nickte. „Der alte Mann aus Hemingways Buch?“

„Oder das, was von ihm übrig geblieben ist“, antwortete er und lächelte.

Er zog sein Boot an Land und setzte sich neben mich. Charles“, sagte er, ohne dass ich ihm meinen Namen genannt hatte, „du hast Fragen.“

 „Ja“, sagte ich. „Die wichtigste zuerst: Bist du mit Hemingway zufrieden?“ Der Alte schaute lange aufs Meer hinaus. „Das ist eine seltsame Frage.“ „Warum?“ „Weil kein Mensch seinen Schöpfer aussucht. Nicht einmal Romanfiguren.“ „Hat er dich gerecht behandelt?“ Der Alte lachte leise.

„Er hat mich arm gemacht. Einsam gemacht. Er ließ die Haie meinen Fisch fressen. Er gab mir Schmerzen in den Händen und keinen Sieg.“ „Also nein?“ „Doch.“ „Doch?“ „Weil er mir Würde gegeben hat.“ Wir schwiegen. Dann fragte ich: „Wusstest du, dass Millionen Menschen dich kennen?“

 „Und was nützt einem alten Fischer Ruhm? Kann man ihn essen? Kann man damit ein Netz flicken?“ „Wahrscheinlich nicht.“ „Eben.“ Ich dachte einen Moment nach. „Wenn du Hemingway heute treffen könntest, was würdest du ihm sagen?“ Der Alte zog eine Muschel aus dem Sand. „Ich würde ihn fragen, warum er mich nie hat gewinnen lassen.“ „Und was würde er antworten?“ „Dass Gewinnen langweilig ist.“ „Und wärst du damit zufrieden?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil Schriftsteller immer Antworten geben, die ihnen selbst gefallen.“ Nun musste ich lachen. Der Alte sah mich an. „Und du, Charles? Bist du mit deinem Schöpfer zufrieden?“ Ich wollte antworten, doch mir fiel nichts ein. „Siehst du“, sagte er. „Das ist die schwierigere Frage.“ Die Dämmerung wurde dunkler. „Noch eine Frage“, sagte ich. „Frag.“ „Was geschieht mit Romanfiguren, wenn niemand mehr ihre Bücher liest?“ Der Alte deutete auf den Horizont. Dort sah ich plötzlich den fliegenden Holländer in dem viele bekannte Figuren saßen. Ich sah das Rotkäppchen mit dem Wolf auf ihrem Schoss, Max und Moritz machten Streiche, Robinson Crusoe diskutierte mit Freitag, im Mastkorb schaukelte er kleine Prinz und vorne am Steuerrad war Kapitän Ahab. „Dort gehen wir hin“, sagte Santiago. „Wohin?“ Hinter den Horizont in ein neues Blau mit den vergessenen Geschichten. „Und was macht ihr dort?“ „Wir warten.“ „Worauf?“ Der Alte lächelte. „Auf einen Leser.“ Dann stieg er wieder in sein Boot. Als er sich entfernte, rief ich ihm hinterher: „Und wenn nie wieder jemand kommt?“ Er hob die Hand. „Dann lesen wir uns gegenseitig vor.“ Das Boot wurde kleiner und kleiner. Schließlich verschmolz es mit der Dunkelheit. Vielleicht war er nie da gewesen. Vielleicht hatte das Meer nur geträumt. Oder Hemingway.

Oder ich.

© 06-2026 Charles G. Dannecker 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Charles G. Dannecker).
Der Beitrag wurde von Charles G. Dannecker auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Charles G. Dannecker

  Charles G. Dannecker als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Gedanken, die das Herz berühren von Robert Soppa



Robin Stein widmet sich in seinen Gedichten dem Thema Liebe. Seine Gedanken geben Einblick in die Gefühlswelt des Liebenden und beschreiben die sehnsuchtsvolle Suche nach der einzigen, der wahren Liebe und die völlige Hingabe an die gefundene, geliebte Person.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Charles G. Dannecker

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der ClownMensch von Charles G. Dannecker (Besinnliches)
Pilgerweg...letzte Episode von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Die Traumfrau von Christiane Mielck-Retzdorff (Liebesgeschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen