Wie weit bestimmt der geopolitische Sitzpunkt den politischen Standpunkt?
„Die geopolitische Lage scheint die politischen Möglichkeiten einzuschränken.“
Dieser Satz beschreibt eine Grundtatsache der Geopolitik. Staaten können ihre Geschichte nur begrenzt beeinflussen, ihre Geographie hingegen nicht. Gebirge, Meere, Rohstoffe, Nachbarn und Handelswege setzen den Rahmen, innerhalb dessen politische Entscheidungen getroffen werden. Kurz gesagt: Der Sitzpunkt prägt den Standpunkt.
Allerdings ist Geographie nicht zwangsläufig Schicksal. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das revolutionäre Kuba widersetzt sich seit den 1960er Jahren erfolgreich dem Druck der Vereinigten Staaten, obwohl die Insel nur wenige hundert Kilometer von Florida entfernt liegt. Solche Beispiele zeigen, dass Ideologie, politische Führung und internationale Bündnisse ebenfalls eine wichtige Rolle spielen können.
Die Welt nach dem Ende der Sowjetunion
Die gegenwärtigen Spannungen auf der Nordhalbkugel lassen sich ohne den Zerfall der Sowjetunion kaum verstehen. Mit dem Ende der UdSSR entstand eine kurze Phase amerikanischer Vorherrschaft. Die Vereinigten Staaten wurden zur einzigen globalen Supermacht. Gleichzeitig breitete sich die kapitalistische Weltwirtschaft nahezu ungehindert aus. Die Globalisierung beschleunigte den internationalen Handel, die Finanzströme und die industrielle Verflechtung.
Doch derselbe Prozess erzeugte neue Widersprüche. Der globale Wettbewerb führte einerseits zu Wohlstandszuwächsen, andererseits zu neuen Abhängigkeiten und Verschiebungen der Machtverhältnisse. Besonders deutlich zeigte sich dies in Ostasien.
China als größter Gewinner der Globalisierung
Die Volksrepublik China wurde zum größten Gewinner der globalisierten Weltwirtschaft. Die Verlagerung industrieller Produktion, der Zugang zu westlichen Märkten und die Integration in globale Lieferketten ermöglichten einen historischen wirtschaftlichen Aufstieg. Heute verfügt China über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und nimmt in zahlreichen Schlüsselindustrien eine führende Stellung ein.
Bereits während der Präsidentschaft Barack Obamas wurde mit dem „Pivot to Asia“ versucht, den strategischen Schwerpunkt amerikanischer Außenpolitik stärker nach Asien zu verlagern. Dennoch gelang es nicht, Chinas Aufstieg zu verhindern. Vielmehr schufen die Bedingungen der Globalisierung die Voraussetzungen für die Entstehung eines neuen Machtzentrums.
Da wirtschaftliche Leistungsfähigkeit die Grundlage militärischer, technologischer und politischer Macht bildet, verfügt China weiterhin über erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten. Die Taiwan-Frage bleibt zwar ein potenzieller Krisenherd, die langfristige Entwicklung Chinas hängt jedoch nicht allein von ihrer Lösung ab.
Russland, Europa und die Ukraine
Die Ukraine-Krise war nicht ausschließlich das Ergebnis innerukrainischer Entwicklungen. Die Politik der USA und die NATO-Osterweiterung spielten nach Ansicht vieler Beobachter eine wesentliche Rolle bei der Verschärfung des Konflikts. Die Ereignisse des Maidan im Jahr 2014 werden daher häufig als Teil eines längerfristigen geopolitischen Ringens um die strategische Ausrichtung der Ukraine interpretiert.
Die Vorstellung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok wurde nach 2022 auf unbestimmte Zeit beendet. An die Stelle wirtschaftlicher Integration sind militärische Abschreckung, Sanktionen und Aufrüstung getreten. Die NATO hat ihre Präsenz an der Ostflanke deutlich verstärkt, während Russland seine Wirtschaft und Außenpolitik zunehmend nach Asien ausrichtet.
Ob diese Entwicklung das Ergebnis einer langfristigen amerikanischen Strategie oder vielmehr das Resultat mehrerer sich überlagernder Konflikte ist, bleibt Gegenstand kontroverser Debatten. Unstrittig ist jedoch, dass Europa und Russland heute stärker voneinander entfremdet sind als zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges.
Moskau sah sich dadurch gezwungen, seine Orientierung nach Asien weiter zu vertiefen. Daraus entstand zugleich ein neues strategisches Risiko für die Vereinigten Staaten. Nach der klassischen Überlegung Henry Kissingers sollte Washington zu Moskau oder Peking jeweils bessere Beziehungen unterhalten als beide Mächte zueinander. Heute deutet vieles darauf hin, dass sich Russland und China deutlich enger angenähert haben. Wieder einmal scheint China zu den Gewinnern historischer Entwicklungen zu zählen.
Der Nahe Osten zwischen Wandel und Dauerkrise
Im Nahen Osten überlagern sich religiöse, ethnische, wirtschaftliche und geopolitische Konflikte. Deshalb erscheint eine dauerhafte Stabilisierung der Region schwierig.
Die ölreichen Monarchien der Arabischen Halbinsel stehen vor einer doppelten Transformation. Einerseits müssen sie ihre Abhängigkeit von fossilen Einnahmen überwinden und neue wirtschaftliche Grundlagen schaffen. Andererseits gehören sie zu den Regionen, die von den Folgen der globalen Erwärmung besonders stark betroffen sein könnten. Höhere Temperaturen, Wasserknappheit und zunehmende ökologische Belastungen werfen grundlegende Fragen nach der langfristigen Bewohnbarkeit und Nachhaltigkeit der Region auf. Damit stellt sich nicht nur die Frage nach einer Wirtschaft nach dem Öl, sondern auch nach einer Gesellschaft, die unter den Bedingungen des Klimawandels dauerhaft bestehen kann.
Iran verfolgt dagegen einen anderen Ansatz. Die Islamische Republik setzt auf regionale Einflussnahme, militärische Fähigkeiten und ideologische Mobilisierung. Trotz jahrzehntelanger Sanktionen ist es Teheran gelungen, ein bedeutender regionaler Akteur zu bleiben. Ob dies langfristig zu einer iranischen Dominanz führt, bleibt jedoch offen.
Israel nach Netanjahu
Die politischen Tage Benjamin Netanjahus scheinen gezählt zu sein. Israel befindet sich in einer Phase tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Sicherheitsfragen, demographische Entwicklungen und die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn stellen das Land vor langfristige Herausforderungen.
Unabhängig von einzelnen Regierungen wird sich Israel weiterentwickeln müssen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Veränderungen kommen werden, sondern welche Form sie annehmen und wie sie das Verhältnis zwischen Sicherheit, Demokratie und regionaler Integration beeinflussen.
Die Arktis als geopolitische Zukunftsregion
Während die Aufmerksamkeit der Welt auf die Ukraine, Taiwan und den Nahen Osten gerichtet ist, gewinnt die Arktis zunehmend an strategischer Bedeutung. Das Abschmelzen des Eises eröffnet neue Schifffahrtswege und erleichtert den Zugang zu Rohstoffen.
Russland verfügt aufgrund seiner geographischen Lage über erhebliche Vorteile und hat dort über Jahrzehnte hinweg Infrastruktur aufgebaut. Gleichzeitig bemühen sich die NATO-Staaten, ihre Präsenz im hohen Norden auszubauen. Die Konkurrenz um die Arktis dürfte daher langfristig zu den wichtigsten geopolitischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zählen. Russland besitzt gegenwärtig einen Vorsprung bei arktischer Infrastruktur und Eisbrecherkapazitäten, doch auch die NATO verstärkt ihre Aktivitäten in der Region.
Was bedeutet „Globaler Süden“?
Der Begriff „Globaler Süden“ führt häufig zu Missverständnissen. Er bezeichnet keine geografische Lage auf der Südhalbkugel. Vielmehr handelt es sich um eine politische und wirtschaftliche Kategorie, die historische Erfahrungen von Kolonialismus, Entwicklungsunterschieden und globalen Machtasymmetrien beschreibt.
Deshalb werden auch Indien, China oder große Teile des Nahen Ostens häufig dem Globalen Süden zugerechnet, obwohl sie geografisch auf der Nordhalbkugel liegen. Der Begriff beschreibt somit Machtverhältnisse und Entwicklungswege, nicht die tatsächliche Lage auf dem Globus.
Schlussbetrachtung
Die kurze Epoche unangefochtener amerikanischer Vorherrschaft scheint sich ihrem Ende zuzuneigen. An ihre Stelle tritt keine neue Hegemonie, sondern eine multipolare Ordnung mit mehreren Machtzentren.
Die Vereinigten Staaten, China, Europa, Russland, Indien sowie regionale Mächte wie die Türkei und Pakistan verfolgen unterschiedliche Interessen, die wesentlich aus ihrer jeweiligen geopolitischen Lage erwachsen.
Damit bestätigt sich erneut eine alte Einsicht der Geopolitik:
Der geopolitische Sitzpunkt bestimmt vieles – vor allem den Rahmen dessen, was politisch möglich ist.
Wie sich die territoriale Zukunft der Ukraine entwickeln wird, werden erst die kommenden Jahre zeigen. Sicher scheint jedoch eines: Russland bleibt Europas größter geopolitischer Nachbar. Deshalb wird Europa langfristig nicht darum herumkommen, einen Weg zu finden, der stabile und berechenbare Beziehungen zu diesem Nachbarn ermöglicht.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2026.
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