Charles G. Dannecker

Begegnung

 

Max steht an der Ampel, die Hände locker in den Taschen seiner Jacke. Das Rot spiegelt sich noch im nassen Asphalt, als es endlich umspringt. Grün.

Sie kommt ihm entgegen.

Sportlich, selbstbewusst, in engen Jeans, die jede Bewegung betonen. Kurze dunkle Haare, die ihr Gesicht freigeben. Ihr Schritt ist ruhig, fast gelassen – aber ihre Augen sind wach.

Mitten auf der Straße treffen sich ihre Blicke.

Kein Lächeln. Kein Nicken. Nur dieser eine, ruhige, prüfende Moment. Es ist kein Zufall. Es ist ein Abtasten. Ein lautloses „Ich sehe dich.“

Sie gehen weiter. Er nach rechts. Sie nach links.

Drei Schritte.

Vier.

Beide spüren es gleichzeitig – dieses Ziehen zwischen den Schulterblättern, das sich nicht ignorieren lässt.

Sie drehen sich um.

Er auch.

Die Straße liegt jetzt zwischen ihnen wie eine dünne Grenze, die niemand ausgesprochen hat. Autos rauschen vorbei. Doch in dieser kleinen Blase aus Spannung ist es plötzlich still.

Sie bleibt stehen.

Er ebenfalls.

Wieder dieser Blick. Diesmal länger. Offener. Ihr Mundwinkel hebt sich kaum merklich. Kein verlegenes Lächeln – eher eine Einladung. Oder eine Herausforderung.

Max zögert nicht lange. Er geht zurück zur Ampel. Drückt den Knopf. Wartet.

Sie wartet auch.

Das nächste Grün wirkt langsamer als das erste.

Als sie sich wieder gegenüberstehen, sagt keiner von beiden sofort etwas. Sie sind nah genug, um den warmen Duft ihrer Haut zu riechen. Nah genug, um die feine Bewegung ihres Atems unter dem Stoff ihres Shirts zu sehen.

„Du drehst dich öfter um?“, fragt sie leise.

„Nur wenn es sich lohnt.“

Ein kurzer Blick wandert von seinen Augen zu seinem Mund. Zurück.

„Und?“, fragt sie.

Er tritt einen halben Schritt näher. Nicht aufdringlich. Nur genug, dass ihre Körper die Spannung zwischen sich fast berühren.

„Definitiv.“

Sie lacht leise. Kein lautes, unsicheres Lachen. Sondern dieses dunkle, tiefe, das unter die Haut geht.

„Dann geh ein Stück mit mir.“

Keine Telefonnummern. Kein Smalltalk. Sie gehen nebeneinander her, ihre Schultern streifen sich zufällig – oder vielleicht doch nicht ganz zufällig.

Die Luft zwischen ihnen ist geladen. Jeder Schritt ein Versprechen. Jeder Blick ein kleines Spiel.

Und beide wissen: Diese Begegnung war kein Zufall.

Sie war eine Entscheidung.

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