Endlich war es soweit…
Seit Wochen hatte sich Alfred auf diesen Moment gefreut. Jetzt stand das ersehnte Fahrzeug endlich vor seinem Bett.
Die großen Räder mit den verchromten Felgen, schwarzen Radreifen und im Neonlicht glitzernden Speichen zauberten ein glückliches Leuchten in sein Gesicht.
Die dunkle Sitzfläche und Lehne schienen bereits auf ihn zu warten. Neugierig inspizierte er die Griffe zum Schieben sowie auch die kleinen, drehbaren Stützräder am vorderen Ende, neben denen seine Füße eine sichere Ablage finden können.
Der Rollstuhl war nagelneu und Alfred war glücklich, keinen gebrauchten bekommen zu haben, der schon jahrelang von einem anderen Patienten benutzt wurde.
Irgendwie sah er in dem Rollstuhl einen Teil seiner neu zu erlangenden Freiheit durch die wiedererlangte Möglichkeit zur Mobilität.
Nach einem schweren Unfall vor ein paar Monaten konnte er seine Beine nicht mehr bewegen. Diese Fähigkeit musste jetzt von Rolli übernommen werden. Der Name fiel ihm spontan dazu ein, denn wer will schon mit einem „Krankenfahrstuhl“ wie alte Menschen durch die Gegend fahren…
Eine kleine Unaufmerksamkeit auf seinem Skateboard während eines Ausflugs mit Freunden, hätte den 17-Jährigen damals beinahe das Leben gekostet. Er hatte versucht, mit seinem Board stehend auf dem Geländer einer steilen Treppe hinunterzugleiten. So hatte man es ihm zumindest gesagt, denn er selbst konnte sich an die Geschehnisse dieses Tages nicht erinnern. Der ganze Tag war in seinem Gedächtnis ausgelöscht, und das ist auch ganz gut so, dachte er, denn jetzt war nichts mehr daran zu ändern.
Die Hoffnung, jemals wieder gehen zu können, hatten ihm der behandelnde Arzt und zahlreiche Physiotherapeuten gleich genommen, denn es grenzte schon an ein Wunder, dass er diesen Unfall überlebt hatte.
Alfred war ein Meister darin, mit allen Problemen gut zurechtzukommen. Sein Denken war schon immer gnadenlos rational und logisch. "Wenn etwas linksherum nicht möglich war, dann versuchen wir es halt rechtsherum“, war sein Leitspruch.
Das geplante Kunststück auf dem Treppengeländer konnte er allerdings dieses Mal leider nicht erfolgreich abschließen.
Am Anfang war die Fortbewegung im Rolli ziemlich mühsam und seine Handflächen und Muskeln an den Armen litten durch das ständige Greifen und Loslassen der Radreifen. Ihm ging das alles nicht schnell genug, wollte er doch endlich wieder mit seinen Freunden in der Stadt unterwegs sein.
So trainierte er seine Fähigkeiten eifrig im Stadtpark, um zeitig Schritt halten zu können. Auf den geteerten Gehwegen an einem kleinen Hügel prüfte er das Verhalten des Rollis beim Hinauf- und Hinunterfahren. Seine Risikobereitschaft wuchs mit seinen Fähigkeiten, und als er eines Tages mit zu hoher Geschwindigkeit über einen kleinen Fahrweg einen Hügel hinunterraste, passierte es.
Die Vorderräder fingen plötzlich an zu rattern. Dadurch verloren sie zeitweise den Bodenkontakt, was die Lenkbarkeit des Rollis in dieser Situation zusätzlich erschwerte. Zur gleichen Zeit fuhr eine junge Frau, ebenfalls in einem Rollstuhl, aus einem Seitenweg quer in ihre Fahrbahn. Genau in diese Fahrspur, welche Alfred fälschlicherweise benutzte und angesichts seiner Ungeschicklichkeit und der hohen Geschwindigkeit die Kontrolle verlor.
Ein kurzer, aber heftiger Stoß katapultierte Alfred nach vorne aus seinem Sitz, und so flog er, wie aus einer Kanone geschossen, mit einem Salto über den Schoß der Rolli-Fahrerin, die ebenfalls keine Ausweichmöglichkeit hatte. Als Folge landete er äußerst unsanft auf Rücken und Hintern. Ihr Rolli fiel ebenfalls auf die Seite, sie purzelte dabei etwas eleganter auf den Fahrweg, so als ob sie darin schon Erfahrung hätte.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie sich wieder erholt hatte, um ihn dann wütend anzuschreien.
„Sag mal … du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank?“ „Ich brauche nicht nochmal so einen Kamikaze-Typen, der mich abschießt!“ „Einer reichte mir bereits.“ „Was denkst du dir denn eigentlich dabei, wie ein Wahnsinniger hier den Weg auf der falschen Seite herunterzurasen?“ „Tickst du denn noch richtig?“
Mit ein paar wütend ausgeführten Bewegungen hatte sie am Boden sitzend ihren Rolli wieder in Position gebracht und zog sich mit verzerrtem Gesicht am Rolli hoch in ihren Sitz. Dort prüfte sie erst einmal ihr Gefährt auf vorhandene Schäden, aber bis auf ein paar Beulen und verbogene Speichen, war wie durch ein Wunder fast nichts beschädigt.
Alfred lag immer noch am Boden und musste sich erst wieder etwas fangen. Als er sich mühsam aufsitzen konnte, meinte er…
„Ähhh … sorry, aber … ich fahre noch nicht lange mit der Kiste … hab wohl die Kontrolle verloren …“ „Gut, dass ich meinen Hintern nicht mehr spüre, sonst hätte ich wohl jetzt größere Probleme“, meinte er, nachdem er am Boden sitzend seine blutenden Ellenbogen betrachtete.
Anni musste über diese Bemerkung schmunzeln, und als sie Alfred so vor sich sitzen sah, überkam sie plötzlich tiefes Mitgefühl für ihn. Seit ihren ersten Erfahrungen im Rolli waren zwar schon mehrere Jahre vergangen, aber sie konnte sich noch gut an so manches Malheur von damals erinnern. So rückte sie ihm seinen ramponierten Rolli zur weiteren Benutzung zurecht und inspizierte seinen Untersatz auf vorhandene Schäden.
Anni war ein sehr hübsches Mädchen und machte trotz ihrer Behinderung einen sehr sportlichen Eindruck. Sonst hätte sie sich nicht so schnell und elegant in ihren Rolli hinaufziehen können, dachte er bewundernd.
Mit strengem Blick inspizierte sie sein Fahrzeug und meinte:
„Die Halter für deine Vorderräder sind angebrochen und die Haltezapfen für die Griffe an der Seite sind ab.“
„Das wird teuer“, meinte sie in strengem Unterton.
„Wo ist denn das zweite Vorderrad?“
„Das liegt da vorne im Rasen“, meinte Alfred und begutachtete mit Sorgenfalten auf der Stirn seinen geliebten fahrbaren Untersatz.
Anni näherte sich mit ein paar Schüben dem fehlenden Vorderrad und brachte es ihm auf dem Schoß liegend zurück.
„Dranstecken musst du es dir schon selber, du Rennsemmel“, meinte Anni, mit einem etwas strengen, aber bemitleidenswerten Unterton. Als er sein Fahrzeug am Boden sitzend wieder komplettiert hatte, zog sich auch Alfred in seinen Rolli hoch, um wieder auf gleicher Höhe mit Anni zu sein.
„Tut mir wirklich leid … ich … wollte das nicht.“ „Ich hoffe, du hast dich nicht ernsthaft verletzt“, entschuldigte sich Alfred bei dem Mädchen. „Mein Name ist Alfred, und ich bin noch neu in der Rolli-Branche.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen, und einem etwas schelmischen Grinsen, streckte er ihr seine lädierte Hand entgegen.
Anni war etwas verwundert und musterte ihn zuerst einmal genauer. Sie musste über diese skurrile Situation schmunzeln und reichte ihm ihre Hand, mit der Bemerkung: „Anni … und gar nicht so erfreut, deine Bekanntschaft zu machen.“
„Deine Ellenbogen und Hände sehen gar nicht gut aus.“ „Tut dir sonst noch was weh?“, fragte sie ihn.
Er schüttelte wortlos den Kopf, wohlweislich, dass ihm jeder Knochen, den er noch spüren konnte, wehtat.
„Komm mit, an der Hauptstraße, ein paar Minuten von hier, hat mein Onkel einen Zeitungskiosk und sicher auch einen Erste-Hilfe-Kasten“, meinte sie. Alfred stimmte zu, und eierte vorsichtig und ziemlich armselig ruckelnd, mit seinem angeschlagenen Rolli hinter ihr her.
Ihr Onkel hatte tatsächlich einen Erste-Hilfe-Kasten, mit all den notwendigen Verbandsmaterialien, und Anni versorgte Alfred fachgerecht und liebevoll. Er bedankte sich artig bei Anni und ihrem Onkel und versprach, sich am nächsten Morgen mit den Versicherungsunterlagen am Kiosk mit ihr zu treffen, um den Schaden an ihrem Rollstuhl bei der Versicherung melden zu können.
Anni musste den ganzen Abend an diesen etwas verrückten Alfred denken, denn irgendetwas war mit ihr passiert. Es war nichts Körperliches, sondern er ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf und sie freute sich schon auf das morgige Treffen. Alfred ging es genauso. Sozusagen, als Entschuldigung für sein Missgeschick besorgte er ihr einen schönen Blumenstrauß. Den transportierte er mit den Versicherungsunterlagen auf seinem Schoß und dem notdürftig reparierten Rolli zum Kiosk.
Die Begrüßung war sehr herzlich, so als ob sie sich schon lange kannten, und Anni freute sich riesig über den schönen Blumenstrauß. Sie hatte auch für Alfred ein Geschenk vorbereitet.
Eine riesige rote Fahrradklingel, die sie ihm mit der Bemerkung überreichte: „Damit kannst du dann deine Umgebung warnen, wenn du mal wieder unkontrolliert unterwegs bist.“ Ohne lange zu fragen, nahm sie ihm die Klingel wieder weg und schraubte sie an die seitliche Stütze, von der aus er sie gut bedienen konnte. Beide mussten dabei lachen und sie hatten viel Spaß damit, das Geschehen des letzten Tages Revue passieren zu lassen.
Der Versicherungskram war schnell erledigt und Annis Onkel spendierte auch noch ein Eis.
In den folgenden Wochen trafen sich die beiden fast jeden Tag, wobei Anni ihren Alfred in die Geheimnisse des Rolli-Fahrens einweihte. Zum Beispiel, wie man über einen Randstein fahren kann, ohne umzukippen, und ab welcher Geschwindigkeit die Lenkbarkeit abnimmt. Auch, wie man den fahrbaren Untersatz schnell zerlegt und wieder zusammenbaut, und noch viel mehr.
Sie hatten mächtig Spaß dabei und kamen sich dabei immer näher. Es dauerte nicht lange, bis sie realisierten, dass sie sich ineinander verliebt hatten, und ihre Treffen waren jeden Tag das Highlight des Tages, auf das sie sich schon am Vorabend freuten.
Eines Tages steuerte Anni mit Alfred im Schlepptau auf einen Park am Rande der Stadt zu. Eine steile Treppe führte auf eine Wiese am Rand des Sees, und es gab keine andere Möglichkeit, gefahrlos an den See zu kommen.
Alfred kannte diese Treppe schon, denn auf dieser Treppe passierte ihm damals das Missgeschick mit seinem Skateboard.
„Diese verdammten Treppen“, schimpfte sie, und ärgerte sich darüber, dass ihnen dadurch die Zufahrt zum See nicht möglich war. „Ich hasse Treppen“, meinte Anni, „und wenn ich daran denke, dass du durch einen Sturz auf diese verflixten 32 Treppenstufen damals zu deinem Handicap gekommen bist, hasse ich Treppen noch mehr.“
Alfred fuhr daraufhin mit seinem Rolli ganz nah zu Anni heran und strahlte sie mit einem breiten Grinsen an.
„Weißt du Anni…"
„Eigentlich musst du das anders sehen.“
„Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille …“
„Ohne diesen Sturz hätte ich nie die Notwendigkeit gehabt, in einem Rolli zu fahren.“
„Dieses Unglück schuf die Möglichkeit, eine Begegnung mit einem wunderbaren Menschen wie dir zu haben und viele neue, wunderschöne Erfahrungen zu machen.“
„Nur eins hast du mir noch nicht beigebracht!“
Annis fragender Blick ließ ihn schelmisch antworten:
„Wie man sich im Rollstuhl küsst, ohne umzukippen.“
Gesagt, getan…
Der weitere Verlauf der Geschichte obliegt der Fantasie des Lesers…
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Der Beitrag wurde von Engelbert Blabsreiter auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2026.
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