Istvan Hidy

Die andere Gründungsgeschichte Amerikas

Jetzt schon am Wochenende sind die Leitmedien voller Lobhymnen auf den 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Daran ist nichts auszusetzen – im Gegenteil. Die Vereinigten Staaten haben die Geschichte der Freiheit, der Demokratie und der Moderne entscheidend geprägt. Ich möchte dieses Jubiläum keineswegs kleinreden. Aber jede große Nation hat neben ihren Erfolgen auch ihre verdrängten Kapitel. Deshalb soll dieser Beitrag an eine andere Geschichte erinnern: an das Schicksal der Ureinwohner Nordamerikas, deren Unterwerfung und Vertreibung ebenfalls zur Geschichte der Vereinigten Staaten gehören.

Wenn die Vereinigten Staaten am 4. Juli 2026 den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern, wird viel von Freiheit, Demokratie und dem Streben nach Glück die Rede sein. Die amerikanische Revolution von 1776 gehört zu den großen politischen Ereignissen der Moderne. Sie begründete einen Staat, dessen Ideale Menschen auf der ganzen Welt inspirierten. Doch jede Nation besitzt neben ihrer offiziellen Gründungsgeschichte auch eine andere, unbequemere Geschichte. Für die Vereinigten Staaten ist dies die Geschichte ihrer Ureinwohner.

Als die Unabhängigkeitserklärung verkündete, alle Menschen seien gleich geschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet, lebten auf dem nordamerikanischen Kontinent Hunderte indigener Nationen mit eigenen Sprachen, Kulturen und politischen Ordnungen. Für sie begann mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten nicht die Ära der Freiheit, sondern eine Zeit fortschreitender Verdrängung.

Die amerikanische Expansion nach Westen wurde lange als heroische Erzählung dargestellt: Pioniere erschlossen neues Land, Eisenbahnen verbanden den Kontinent, Städte entstanden in zuvor dünn besiedelten Regionen. Diese Geschichte ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig. Denn das Land war keineswegs leer. Hinter jedem neu gegründeten Territorium standen Menschen, die ihr Land verloren, ihre Jagdgebiete aufgeben mussten oder zur Umsiedlung gezwungen wurden.

Besonders deutlich zeigt sich dies im Schicksal der Prärievölker des 19. Jahrhunderts. Die Sioux, Cheyenne, Arapaho und andere Nationen verteidigten nicht bloß Territorien. Sie kämpften um die Bewahrung einer gesamten Lebenswelt. Ihre Gesellschaften waren eng mit den großen Bisonherden verbunden, die Nahrung, Kleidung, Werkzeuge und einen kulturellen Bezugspunkt lieferten. Als die Bisons nahezu ausgerottet wurden, verschwand nicht nur eine Tierart fast vollständig. Es wurde die wirtschaftliche Grundlage ganzer Völker zerstört.

In der amerikanischen Erinnerung ist die Schlacht am Little Bighorn von 1876 oft vor allem als die Niederlage General Custers bekannt. Doch aus der Sicht der indigenen Völker war sie etwas anderes: einer der letzten Momente erfolgreichen Widerstands gegen eine Entwicklung, die längst entschieden war. Die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten, die stetige Zuwanderung von Siedlern und die wirtschaftliche Expansion machten einen Sieg der Ureinwohner auf Dauer unmöglich.

Gerade deshalb wirft diese Geschichte eine moralische Frage auf, die bis heute aktuell geblieben ist: Wie verhält sich eine Demokratie, wenn ihre Interessen mit den Rechten einer Minderheit kollidieren? Die Vereinigten Staaten verstanden sich als Republik freier Bürger. Gleichzeitig wurden Verträge mit indigenen Nationen wiederholt gebrochen, sobald wirtschaftliche oder strategische Interessen dies nahelegten. Goldfunde, Eisenbahnprojekte oder Landhunger erwiesen sich häufig als stärker als rechtliche Zusicherungen.

Die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner ist deshalb nicht nur eine Geschichte militärischer Niederlagen. Sie ist auch eine Geschichte politischer Versprechen, die ihren Wert verloren, sobald sie unbequem wurden. Dies macht sie zu einem Prüfstein für die Glaubwürdigkeit demokratischer Prinzipien. Freiheit und Rechtsstaatlichkeit beweisen ihren Wert nicht dort, wo sie den Mächtigen nützen, sondern dort, wo sie die Schwächeren schützen.

Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis. Die Unterwerfung der indigenen Völker war nicht allein ein Ereignis der Vergangenheit. Ihre Folgen reichen bis in die Gegenwart. Viele Reservate leiden unter Armut, schlechter Gesundheitsversorgung und begrenzten wirtschaftlichen Perspektiven. Natürlich lassen sich heutige Probleme nicht ausschließlich durch historische Ungerechtigkeiten erklären. Doch ebenso wenig können sie ohne diese Geschichte verstanden werden. Gesellschaften tragen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen oft über Generationen hinweg.

Das bedeutet nicht, dass die Vereinigten Staaten ihre Geschichte ausschließlich als Abfolge von Schuld und Verbrechen betrachten sollten. Kein Land kann seine Vergangenheit auf eine einzige moralische Bilanz reduzieren. Die amerikanische Geschichte enthält große Leistungen und schwere Verfehlungen zugleich. Reife Nationen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie nur das eine oder nur das andere sehen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie beides aushalten.

Der 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten bietet daher die Chance zu einer umfassenderen Erinnerung. Die Feier der amerikanischen Demokratie gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie auch jene einschließt, die lange aus der nationalen Erzählung ausgeschlossen wurden. Die Stimmen der Lakota, Cherokee, Navajo, Apache und vieler anderer indigener Nationen gehören ebenso zur Geschichte Amerikas wie die Stimmen der Gründerväter.

Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung eines Jubiläums nicht darin, die Vergangenheit zu verherrlichen, sondern sie ehrlich zu betrachten. Die Vereinigten Staaten sind groß geworden durch ihre Fähigkeit zur Erneuerung und Selbstkritik. Wenn sie sich an ihrem 250. Geburtstag auch an die Geschichte derjenigen erinnern, die den Preis für ihre Expansion zahlten, dann wäre dies kein Zeichen nationaler Schwäche. Es wäre ein Ausdruck historischer Reife.

Eine Nation, die Freiheit feiert, sollte auch den Mut besitzen, über jene nachzudenken, denen diese Freiheit zu lange verweigert wurde.

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Istvan Hidy).
Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Istvan Hidy als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

flüchtige Schatten im Winter von Franz Preitler



Kurzgeschichten einer stürmischen Zeit
136 Seiten, 1 Abb. Kurzgeschichten beruhend auf Träumereien und Wahrheit.
Mit Zeichnungen aus Tusche.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Istvan Hidy

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Lehrmeister ohne Lehrstuhl von Istvan Hidy (Historie)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
Ein Tag mit Karli (witzig) von Margit Kvarda (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen