Der sog. Horror ist eine Genre in der Literatur, der viele Spielarten hat. Man muss allerdings zwischen Angst und Grauen unterscheiden. Angst ist eine konkrete Bedrohung auf etwas. was erkannt und benannt werden kann. Das Grauen hingegen bleibt oft diffus und weitestgehend unerkannt, bis es plötzlich zur Bedrohung wird und oft eine tödliche ist.
Ich habe einige meiner Horrorgeschichten zu einer Sammlung zusammen gefasst, um sie nicht immer suchen zu müssen.
Der Autor
Gehetzt und atemlos lief der junge Dieb Drag Baron auf der Suche nach einem Versteck über den feuchtnassen Sand. Er wandte seinen Kopf nach allen Seiten – fast schon ohne Hoffnung, denn weit und breit sah er keinen sicheren Unterschlupf.
Nach dem fürchterlichen Sturm, der fast den ganzen Tag über gewütet hatte, war das Laufen über den matschig gewordenen Strand ungefähr so, als ob man sich in einem Bottich mit dickem Brei bewegen würde. Drag rannte trotz allem weiter, denn ein Unbekannter verfolgte ihn verbissen – und der Bursche wusste auch warum.
Drag hatte den großen, hager aussehenden Mann in der schwarzen Raumfahreruniform erst vor wenigen Minuten abschütteln können, als er geistesgegenwärtig zwischen zwei eng zusammenstehenden Gebäuden hindurch zum nah gelegenen Meer gestürmt war. Für ihn war das der einzig sichere Fluchtweg gewesen, der ihm noch geblieben war.
Natürlich war ihm klar, dass sein hartnäckiger Verfolger diese Finte bald durchschauen und schnell merken würde, welche Richtung er eingeschlagen hatte. Drag Baron blieb jetzt ein paar Sekunden stehen und schaute sich hastig um. Dann sah er ganz plötzlich seine Rettung: direkt vor ihm lagen mehr als zwanzig Fischerboote fein säuberlich in einer langen Reihe nebeneinander gereiht am Strand.
Drag, der Dieb, hielt immer noch den gestohlenen Gegenstand fest in seiner rechten Hand und sah schnell nach hinten über die Schulter. Sein Verfolger hatte anscheinend den Strand noch nicht erreicht. Ohne länger nachzudenken ergriff Drag seine Chance und stürzte sich kopfüber in das erstbeste Boot, kroch schnell unter ein schweres Fischernetz, deckte sich damit zu und verhielt sich mucksmäuschenstill.
Die Zeit kroch dahin wie ein träger Fluss. Wenn jemand auf der Flucht ist, vor lauter Anstrengung fast nicht mehr Atmen kann, noch dazu bis zum Hals in einer salzigen Pfütze liegt und ein großes Fischernetz wie Blei auf seinem Körper lastet, dann bewegt sich nichts langsamer als die Zeit. Aber Drag blieb im Augenblick nichts anderes übrig, als zu warten. Er beruhigte sich etwas.
Doch plötzlich begann sein Herz wieder schneller zu schlagen, als er draußen vor dem Boot eilige Schritte hörte, die schnell näher kamen. Der Dieb verkroch sich noch weiter unter das Netz und verhielt sich so still wie irgend möglich. Das salzige Meerwasser auf dem Holzboden bedeckte seinen Mund, sodass er durch die Nase atmen musste.
Die Schritte kamen während dessen näher und näher.
Es schien sinnlos zu sein. Der Unbekannte in der schwarzen Uniform hatte ihn bestimmt dabei beobachtet, wie er in das Fischerboot gekrochen war und sich dort versteckt hatte. Außerdem lief ihm gerade das brackige Meerwasser der Bootspfütze in die Nase. Er hob deshalb ein wenig den Kopf, um besser atmen zu können. Nebenbei schaute er auf den metallenen Gegenstand in seiner rechten Hand, den er immer noch fest umklammert hielt. Was hatte er dem Fremden da bloß gestohlen? Das Ding sah aus wie ein silberner Bumerang, auf dem sich einige nicht identifizierbare Zeichen befanden, die hin und wieder schwach zu leuchten begannen.
Da!
Die Schritte stockten direkt neben dem Boot. Drag Baron hielt den Atem an und schloss die Augen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und eine unterschwellige Angst machte sich in ihm breit, wie er sie zuvor noch nie empfunden hatte.
Im nächsten Moment bewegte sich das schwere Fischernetz über ihn ruckartig hin und her, bis es schließlich Stück für Stück weggerissen wurde. Während der junge Dieb Drag noch um Luft rang und sein Gesicht krampfhaft hinter beiden Armen verbarg, wartete er auf die Unvermeidlichkeit seiner Entdeckung durch seinen Verfolger, den er bestohlen hatte.
Aber es tat sich nichts.
Ein Weile später lugte Drag vorsichtig zwischen den Armen hervor und sah zuerst überhaupt nichts. Wo war der Fremde? Plötzlich ließ ihn eine sonore Stimme erschrocken zusammenfahren.
„Hey Bursche, was machst du da in meinem Boot?“ fragte ihn ein alter Mann, der verblüfft auf Drag herabstarrte. „Und was ist das da für ein Ding in deiner Hand. Wo hast du das her, mein Junge? Ist das eine Waffe?“ fragte er vorsichtig mit hintergründiger Neugier und gespieltem Respekt.
Drag Baron antwortete nicht, sondern bekam auf einmal einen heftigen Hustenanfall. Dann spuckte er mehrmals hintereinander Meerwasser auf den Schiffsboden.
Der alte Mann schüttelte bedächtig den Kopf und klopfte ihm dabei ein paar Mal kräftig auf den Rücken.
Als Drag schließlich wieder normal atmen konnte, schaute er an dem alten Fischer vorbei und stellte zufrieden fest, dass der Strand leer war. Er konnte seinen Verfolger nirgendwo entdecken. Trotzdem blieb der Dieb vorsichtig.
„Bist du in Schwierigkeiten?“ fragte ihn der Alte argwöhnisch.
Drag nickte und deutete in eine bestimmte Richtung.
„Ich werde nur von jemandem verfolgt. Aber so wie es aussieht, habe ich ihn abschütteln können.
Der alte Fischer bohrte weiter.
„Wie heißt du?“ fragte er.
„Drag Baron. Mein Zuhause liegt eigentlich in Slateport City. In den großen Ferien wohne ich aber immer bei meinen Großeltern in Oldale.“
„Das ist alles, mein Junge?“
„Ist das nicht genug?“ fragte Drag spontan zurück.
Der Alte lachte etwas barsch. Dann deutete er auf den Gegenstand in Drags rechter Hand.
„Und das Ding da? Wo hast du das her?“
„Gefunden!“ antwortete Drag wie aus der Pistole geschossen.
„Ehrlich? Ich kenne mich in Oldale aus. Das ist überwiegend eine Hotelstadt mit vielen Reisenden aus Slateport City, die einen großen Raumflughafen hat. In Oldale treiben sich eine Menge Burschen deiner Sorte herum, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben als herumzulungern und auf eine günstige Gelegenheit warten, arglose Hotelgäste zu bestehlen.“
„Ich hab’s wirklich gefunden, ehrlich!“ log Drag ein zweites Mal und blickte verlegen um sich.
„Na gut, mein Junge. Aber wenn du schon einmal hier bist und dich in meinem Boot versteckt hast, aus welchem Grund auch immer, dann lass dir wenigstens eine kleine Geschichte von mir erzählen.“
„Nur zu, alter Mann! Ich bin ganz Ohr. Aber wenn du mit damit fertig bist, dann verschwinde ich und lass mich hier nie wieder sehen.“
Der Alte schaute den frechen Burschen mit einem seltsamen Grinsen an. Dann blickte er hinauf aufs offene Meer und begann mit seiner kleinen Erzählung. Doch vorher stellte er Drag noch eine seltsam anmutende Frage.
„Hast du schon mal von einem Monster gehört, das sich hier am Strand oder da draußen auf dem Meer herumtreiben soll?“
„Nein“, fiel ihm Drag ins Wort. „Wie soll denn dieses Monster aussehen?“
„Ich weiß es auch nicht genau“, sprach der alte Mann weiter. „Niemand hat dieses Ungeheuer je gesehen. Und jene, die es gesehen haben, haben es nicht überlebt.“
„Woher wissen Sie dann, dass es überhaupt existiert?“ lächelte Drag Baron affektiert. Irgendwie kam ihm plötzlich der Alte nicht ganz geheuer vor.
„Doch, doch..., es existiert“, sagte der alte Fischer ganz entschieden. „Ich bin mir dessen sogar ganz sicher. Obwohl niemand das Monster je direkt gesehen hat, gibt es doch Geschichten darüber. Ich glaube sogar Hunderte von Geschichten, die von dieser schrecklichen Kreatur erzählen.“
Der Alte wandte seinen Blick abrupt vom Meer ab und starrte plötzlich Drag an.
„Manche behaupten sogar, diese Bestie könne die Gestalt eines Menschen annehmen. Es verwandelt sich von einer Sekunde auf die andere und lockt seine Opfer entweder ans oder sogar aufs offene Meer hinaus. Andere wiederum sagen, es sei eine außerirdische Kreatur, die mit langen Zähnen und Klauen ausgestattet ist und auf Menschenjagd ginge. Aber niemand weiß es genau. Ich kannte jedoch mal einen Kerl, der behauptete stock und steif, er hätte dieses Monster zufällig in einem Spiegel gesehen. Er meinte, es sähe aus wie eine aufrecht gehende Echse und hätte ein schuppiges, blutunterlaufenes Gesicht. Es spuckt schwarzen Eiter aus, der so giftig sein soll, dass jedes Lebewesen daran augenblicklich stirbt. Wenn es sein Opfer gefressen hat, verschwindet es wieder und taucht lange Zeit nicht mehr auf.“
„Eine nette Geschichte, die Sie mir da erzählt haben. Aber jetzt werde ich besser verschwinden“, sagte Drag hastig mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend und machte Anstalten schleunigst zu gehen.
Der alte Fischer faste ihn jedoch am Arm und hielt ihn zurück.
Seine Stimme klang auf einmal viel tiefer als vorher.
„Die Bestie, von der ich erzählt habe, lauert ganz in deiner Nähe. Genauer gesagt: sie steht direkt vor dir, mein Junge. Und jetzt gib mir meinen Besitz wieder, den du mir in Oldale gestohlen hast. Dieser Gegenstand ist ein uraltes Familienartefakt. In deinen Händen ist es nutzlos.“
„Ich verstehe nicht ganz“, sagte Drag verstört und wurde leichenblass im Gesicht.
„Das wirst du auch nicht müssen, denn ich werde dich jetzt töten“, entgegnete ihm der Alte, der sich langsam Schritt für Schritt in eine echsenartige Kreatur verwandelte und wenige Sekunden später den vor Schreck wie gelähmt da stehenden Dieb eine schwarze Säure mitten ins Gesicht spuckte.
Mit einem schauerlichen Schrei des Entsetzens kippte Drag schlagartig nach hinten weg und schlug mit dem Kopf gegen den harten Bootskörper. Noch bevor er in den nassen Sand fiel, war er schon tot.
Die Bestie grunzte zufrieden, als sie die Leiche des jungen Burschen in Stücke riss und genüsslich verspeiste. Dann nahm die Kreatur den silbrig glänzenden Bumerang an sich, drückte sanft eines der kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberflächen und löste sich im nächsten Moment wie ein verblassendes Bild langsam auf. Dann war sie im Nichts verschwunden.
***
Das tropfenförmige Shuttle „Fire“ des interstellaren Großraumschiffes White On Galaktika war auf der Steuerbordseite angedockt. Es kam direkt vom Raumflughafen Slateport City.
Unter den zahlreichen Passagieren befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.
„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.
Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.
Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die Gestalt eines Monsters verwandeln.
ENDE
(c)Heiwahoe
Der Horror fängt immer ganz normal an
***
„Manchmal müssen wir erst aufwachen, um einen Albtraum zu haben“
Heiwahoe
***
Mr. Johnny Cooper war ein Mensch mit Prinzipien, der sich privat wie auch beruflich stets äußerst korrekt verhielt. Der gut gekleidete, hagere Mann stand gerade vor einer Fußgängerampel, schaute flüchtig auf die Uhr und sah, dass die schwach floureszierenden Zeiger langsam auf 21 Uhr vorrückten. Obwohl er fast dreiundsechzig Jahre alt und bereits Pensionär war, sah er wesentlich jünger aus. Deshalb hatte er sein ehemaliges Hobby, die Gärtnerei, zum Nebenberuf gemacht.
Nun ja, wie auch immer.
Mr. Cooper schaute nach oben in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Die Regenwolken zogen dahin wie dickbauchige Segelschiffe.
Noch vor wenigen Minuten hatte es heftig geregnet und gestürmt. Jetzt allerdings nieselt es nur noch ein wenig, auch der Wind hatte etwas nachgelassen, was den gut aussehenden alten Herrn aber nicht davon abhielt, den Regenschirm wieder zu schließen. Sein Mantel war ein gutes Stück britischer Handarbeit. Das bisschen Regenwasser wird mir schon nicht schaden, dachte Mr. Cooper und blickte geduldig wartend zur Ampel hinüber, die immer noch auf Rot stand.
Die tagsüber so belebte Straße war um diese Zeit nur wenig befahren, und weit und breit waren an diesem Abend so gut wie keine Spaziergänger unterwegs. Das Wetter war einfach zu schlecht.
Ganz plötzlich schaltete die Ampel auf Grün und Mr. Cooper zog noch im gleichen Augenblick seinen Hut ein wenig tiefer in die Stirn, weil er befürchtete, der Wind könne ihn möglicherweise wegwehen. Dann betrat er zügig den Zebrastreifen. Er hatte ihn schon fast überquert, als plötzlich ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zuschoss und ihn mit seinen hellen Scheinwerfern blendete. Für eine Sekunde blieb der alte Mann vor Schreck wie erstarrt stehen, machte dann aber einen gewaltigen Satz nach vorne und entging nur knapp dem vorbeirasenden Auto, das ihn sicherlich wie eine Puppe in die Luft geschleudert hätte. Nicht auszudenken was mit ihm passiert wäre.
Wegen des weiten Sprunges rutschte er auf dem nassen Gehweg aus und sein Körper fiel nach hinten. Fast wäre er gestürzt, wenn nicht im selben Moment jemand nach ihm gegriffen hätte und ihn fest hielt, um Schlimmeres zu verhindern.
Während das Fahrzeug mit aufheulendem Motor und hässlich quietschenden Reifen davon sauste, stand Mr. Cooper der Schock ins Gesicht geschrieben.
„Das wäre ja fast schief gegangen! Es hätte Sie beinahe erwischt!“ rief der junge Unbekannte aus, der Mr. Cooper vor einem schweren Sturz zurück auf die Straße bewahrt hatte. Ohne die Reaktion seines verdatterten Gegenüber abzuwarten, der jetzt am ganzen Körper wie Espenlaub zitterte, sagte der junge Mann mit eindringlicher Stimme: „Hören Sie, ich bin Arzt. Sie sehen im Augenblick nicht gut aus. Ich bringe Sie jetzt vorsichtshalber in das nahe gelegene Krankenhaus. Ich kann Sie hier nicht so einfach stehen lassen ohne gegen mein ärztliches Verantwortungsgefühl zu verstoßen.“
Ehe überhaupt Mr. Cooper zustimmen oder ablehnen konnte, hatte der hilfsbereite junge Kerl bereits ein sich gerade näherndes Taxi angehalten. Sie stiegen ein und kurz darauf fuhren die beiden Männer davon.
***
Der grauhaarige Mann hinter dem Schreibtisch ließ mit einer geräuschvollen Geste das dicke Buch in seiner Hand zuschnappen und blickte die vor ihm stehende Frau mit dem hübschen Gesicht skeptisch an.
„Doktor Max Wellington?“ fragte sie mit angenehmer Stimme, die ein wenig rauchig klang. Ihre Gesten wirkten fahrig und nervös.
Der Angesprochene musterte das junge weibliche Wesen höflich und nickte.
„Wie er leibt und lebt, Miss, äh..., was führt Sie zu mir?“
„Ich bin Swetlana Morrison“, stellte sie sich vor und streckte dem alten, aber immer noch gut aussehenden Doktor abrupt die Hand über dem mit Büchern und Schriftstücken übersäten Schreibtisch entgegen.
Verwundert zog dieser die Augenbrauen nach oben, ergriff schnell ihre Hand und deutete mit der anderen auf einen Leder gepolsterten Stuhl.
„Bitte nehmen Sie doch Platz! Ich habe nicht viel Zeit, weil ich heute den letzten Tag in der Stadt bin. Ich bin im Begriff meinen Urlaub anzutreten, werde aufs Land fahren und muss noch meine Sachen packen. Also machen Sie es kurz! Wie kann ich Ihnen helfen?“
Die junge Frau blickte auf einmal etwas gehetzt um sich, obwohl sich sonst keiner mehr im Raum befand, als sie und der alte Herr hinter dem Schreibtisch.
„Ich werde Sie bestimmt nicht lange aufhalten, Dr. Wellington. Aber ich muss ihnen etwas Wichtiges mitteilen.“
„Nun, worum geht es?“ wollte der Doktor wissen. „Schießen Sie endlich los!“ raunte er missmutig.
„Ich bin die neue Leiterin des City Museums für Mystische Kunst.“
„Ja, das kenne ich. Wusste gar nicht, dass der alte Jack Hoover in Pension gegangen ist. War der schon so alt? Wie die Zeit vergeht. Sollte ich mich etwa täuschen oder haben Sie diese Stelle erst vor Kurzem angetreten? “ fragte Dr. Wellington neugierig.
Die junge Frau nickte.
„Mein hochgeschätzter Vorgänger ist auf Grund von argen gesundheitlichen Problemen vorzeitig in den Ruhestand getreten. Ich war bereits als Nachfolgerin vorgesehen und habe in Anbetracht der Umstände die freigewordene Stelle früher angetreten.“
Dr. Wellington nickte verständnisvoll und griff verstreut nach einigen Büchern, die er unbedingt noch einpacken und mit in den Urlaub nehmen wollte. Er war eine ausgesprochene Leseratte.
Swetlana Morrison räusperte sich, bevor sie weiter redete. Nebenbei strich sie sich hektisch durch die Haare.
Dr. Wellington beobachte sie beim Zusammenpacken der Bücher. Was konnte es nur sein, was diese auf den ersten Blick so selbstbewusste Frau in eine solch unkontrollierte Nervosität versetzte? Er setzte eine nachdenkliche Mine auf.
„Ich habe eine zeitlang im Ausland gearbeitet. Auf Grund der genannten Umstände musste ich mich recht schnell in mein neues Aufgabengebiet einarbeiten. Ich hatte nur wenig Zeit. Und in diesem ganzen Durcheinander der Umorganisation musste es wohl passiert sein...“
Der Rest des Satzes blieb in der Luft hängen. Dann blickte die junge Frau plötzlich Dr. Wellington intensiv und konzentriert an.
Dieser fragte sich, wann seine Besucherin endlich zum Kern ihres Anliegens kommen würde und was dass alles mit ihm zu tun haben könnte, als kurz darauf Swetlana Morrison mit einem tiefen Seufzer fortfuhr.
„Bitte entschuldigen Sie mein unmögliches Verhalten. Um es kurz zu machen: Eines unserer Exponate ist verschwunden. Genauer gesagt, das Original. Und irgendjemand hat eine Fälschung an seiner Statt platziert.“
Der Doktor wurde jetzt neugierig.
„Dumme Geschichte. Haben Sie eine Ahnung, wer das war und wie der Austausch des Exponates bewerkstelligt wurde.“
Die junge Museumsleiterin schüttelte mit dem Kopf.
„Leider wissen wir gar nichts. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass wir den Austausch des Artefaktes noch nicht einmal selbst bemerkt haben. Erst ein Museumsbesucher hat uns auf das Malheur aufmerksam gemacht, der anhand eines Bildes im Museumsführer den kleinen Unterschied bemerkte. Stellen Sie sich eine solche Blamage vor! Ein völlig unerfahrener Besucher bemerkt den Austausch!“
„Haben Sie denn schon die Polizei eingeschaltet?“
Abermals schüttelte die junge Frau mit dem Kopf.
„Ich kann die Polizei nicht einschalten. Der Skandal wäre perfekt, das ganze Prestige unseres Hauses wäre dahin.“
Doktor Wellington dachte bei sich, wie wenig angenehm so ein Einstieg in dieser Situation für die neue Direktorin selbst vermutlich war. Er bedauerte die junge Frau. Er verstand ihr Anliegen, dass die ganze Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte.
„Das ist nun der Grund, warum ich hier bin, Mr. Wellington“, fuhr sie fort und blickte den Doktor fest an.
„Und was denken Sie, was ich in dieser Angelegenheit für Sie tun kann?“ fragte er, wobei er abermals nachdenklich seine Stirn runzelte.
„Ich möchte Sie gerne engagieren, um das Original wiederzubeschaffen.“
Der alte Dr. Wellington saß die ganze Zeit während des Gespräches lässig hinter seinem Schreibtisch, aber bei dem letzten Satz fuhr er wie von einer Tarantel gestochen aus seinem Bürosessel hoch.
„Da muss ich Sie aber enttäuschen, meine Gute“, antwortete er daher wie aus der Pistole geschossen. „Ich bin kein Detektiv. Für derlei Aufträge gibt es sicherlich genügend andere. Ich könnte Ihnen ein paar Adressen mitgeben wenn Sie wollen...“
Die neue Museumsleiterin war aber nicht so leicht von ihrem Vorhaben abzubringen.
„Ich weiß, ich weiß. Mir ist völlig klar, welch ungewöhnliches Ansinnen das ist“, antwortete sie.
Erstaunlicherweise legte sich ihre Nervosität immer mehr, und nun saß dem Doktor plötzlich eine sehr energisch und zielbewusste Persönlichkeit gegenüber.
„Ich wüsste wirklich niemanden, der besser geeignet ist als Sie, Dr. Wellington. Es geht in dieser Angelegenheit schließlich nicht um irgendwelche Verfolgungsmaßnahmen oder Beschattungen, sondern darum, unauffällig herauszubekommen, wer überhaupt ein Interesse an dem Artefakt haben könnte und welche Person oder Personen dahinterstecken, um sie bei der Wiederbeschaffung identifizieren zu können. Wie soll denn ein Detektiv, der sich nicht mit dieser Art von Gegenständen auskennt, überhaupt erkennen können, wenn er eines davon in der Hand hält? Sie aber könnten das mit Leichtigkeit!“
Der Doktor schüttelte mehrmals den Kopf energisch hin und her.
„Meine liebe Miss Morrison, selbst wenn es so wäre, meine Fachgebiete sind ausgestorbene Sprachen und Geheimschriften. Archäologische Artefakte unbekannter Herkunft, die zudem offenbar noch was mit Kunst zu tun haben sollen, kommen bei mir erst an zweiter Stelle. Außerdem habe ich jetzt keine große Lust und Zeit dazu, mich mit solchen Belanglosigkeiten zu beschäftigen. Nein, tut mir ehrlich gesagt leid für Sie, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“
Die junge Frau erwiderte nichts. Sie saß nur da, senkte sichtlich betrübt den Kopf und schaute wie abwesend auf den mit kunstvoll verschnörkelten Mäandern verzierten Teppichboden zu ihren Füßen. Einige Minuten schwiegen beide. Dann erhob sich Miss Morrison wortlos, seufzte auffällig laut und reichte Dr. Wellington widerwillig die rechte Hand hin. Sie hatte wohl erkannt, dass sie im Augenblick bei ihrem Gegenüber nichts mehr würde ausrichten können.
„Ich möchte mich trotzdem dafür bedanken, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben, Dr. Wellington“, murmelte sie, drehte sich sichtlich enttäuscht um und verließ eilig das Büro. Sie sah aus wie jemand, dem man die letzte Hoffnung geraubt hatte.
***
„War dein Besuch bei Dr. Wellington erfolgreich?“ Die Stimme ihres Neffen Oliver war wie üblich vom unverwüstlichen Optimismus getragen, selbst durchs Telefon.
„Er hat rundweg abgelehnt. Er scheint offenbar nicht das geringst Interesse an der Sache zu haben. Vielleicht lag es auch daran, dass er in Gedanken schon nicht mehr bei der Arbeit war. Er wollte in den Urlaub fahren. Trotzdem hätte er mir wenigsten etwas Interesse signalisieren können...“
Die junge Museumsdirektorin hörte selbst, wie deprimierend ihre Worte klangen.
„Was, er hat abgelehnt? Das kann doch nicht wahr sein!“ Olivers Stimme war anzumerken, wie befremdlich er die unerwartete Reaktion des Doktors fand.
„Er scheint wirklich nichts mit dieser außergewöhnlichen Sache etwas zu tun haben zu wollen. Keine Ahnung, was man ihm bieten müsste, damit er den Auftrag annimmt.“ Die Stimme der jungen Frau klang verzweifelt.
Ihr Neffe schwieg einen Moment lang bevor er plötzlich eine Idee hatte.
„Sag mal, Tantchen, du kennst doch diesen verschrobenen Multimillionär Mr. Benjamin Allister recht gut. Seid ihr nicht sogar eng miteinander befreundet? Ich meine den Typen mit der schwarzen Augenklappe, der sich immer damit rühmt, dass seine Vorfahren berühmte Piraten waren?“
„Was willst du damit sagen, Neffe?“
„Dieser Allister sammelt doch wie verrückt alles, was nur den Anschein eines mystischen Geheimnisses hat. Das gestohlene Artefakt würde ihn sicherlich interessieren. Dabei haben es ihm besonders unbekannte Schriften oder Schriftzeichen angetan. Und das hat doch dieses Ding – oder?“
Es dauerte einen Moment, bis bei Swetlana Morrison der Groschen fiel.
„Hm, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde mit Benjamin mal darüber reden. Danke für den Tipp, lieber Neffe. Ich werde ihn gleich anrufen. Wir sehen uns morgen beim Frühstück. Mach’s derweil gut...“
„Lass’ den Kopf nicht hängen, Tantchen. Schon morgen sieht alles anders aus. Ich bin mir sicher, dass Mr. Allister zubeißt. Bei dem spielt Geld doch keine Rolle, wenn es um solche Dinge geht. Außerdem steht der auf dich. So, ich lege jetzt lieber auf. Wir sehen uns dann!“
Noch am selben Abend führte die neue Museumsdirektorin zwei Telefonate. Eines in die USA mit ihrem Freund Benjamin Allister, ein weiteres mit Dr. Wellington. Danach ging sie ins Bad, machte sich für das Bett fertig und summte die ganze Zeit vor sich hin. In dieser Nacht schlief Swetlana Morrison besonders gut.
***
„Wie haben Sie heraus bekommen, dass es sich bei dem Artefakt um ein Duplikat handelt?“
Der Pensionär Dustin Herold drehte seinen Kopf nur leicht zu dem Fragesteller, den er hier im Museum das erste Mal sah. Er warf dem gutbeleibten Mann einen abschätzenden Blick zu.
„Wer sich damit auskennt, sieht das sofort“, meinte er kurz angebunden.
Dr. Wellington wackelte mit dem Kopf. Endlich hatte er den Typen soweit. Seit einer halben Stunde führte er ein geschicktes Gespräch mit ihm und endlich war er da, wo er ihn hinhaben wollte.
Mr. Herold kam jeden Freitag zwischen eins und fünf, und er hatte den Mann regelrecht abgepasst. Er war ein äußerst kluger Kopf mit einem fast fotographischen Erinnerungsvermögen. Er liebte besonders ausgefallene Artefakte oder seltene Kunstgegenstände aus längst untergegangenen Kulturen.
„Ich konnte mich genau an die Form und Anordnung der Hieroglyphen auf dem ausgestellten Gegenstand erinnern. Sie waren irgendwie gebrauchter, als das Ersatzstück, das ich später zu Gesicht bekam.
Dr. Wellington betrachtete fasziniert das aus glänzendem Metall bestehende, bumerangähnlich geformte Gebilde mit leicht zusammengekniffenen Augen.
„Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Hieroglyphen aus einer etwas anderen Farbe bestehen. Die auf der Nachbildung ist zwar auch rot, aber die auf dem Original war einfach intensiver. Manchmal hatte ich den seltsamen Eindruck, sie würden zu leuchten beginnen. Die Nachbildung tat das nicht. Ich kann mich natürlich auch getäuscht haben, aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass es manchmal so war, beim Original meine ich.“
Dr. Wellington schwieg versonnen und betrachtete das seltsam aussehende Artfakt immer noch. Auch wenn es nur eine Kopie war, war er insgeheim von Form und Aussehen dieses Dings irgendwie innerlich angetan.
„Das Original verfügt angeblich über geheime Zauberkräfte – sagt man jedenfalls. Es soll jede x-beliebige Person, die es in der Hand hält und über die Hieroglyphen einen ganz bestimmten Code eingibt einfach so verschwinden lassen können. Aber wer glaubt schon so einen Unsinn? Das Museum profitiert allerdings davon. Der Besucherstrom reißt einfach nicht ab. Der Gegenstand ist für viele schon ein regelrechtes Kultobjekt.“
Der Doktor hatte bereits von solchen Zuständen gehört. Mr. Herold beugte sich plötzlich leicht nach vorne und senkte die Lautstärke seiner Stimme.
„Wissen Sie, es darf kein Wort nach draußen dringen, dass es sich bei diesem Objekt nur um eine Nachbildung handelt. Das Museum verlöre eine Menge Geld, wenn die Täuschung auffliegt. Die Besucher blieben aus und die Einnahmen würden rapide sinken. Also kein Wort darüber, dass das, was Sie da in den Händen halten, nur ein Duplikat ist. Mit dem, was ich finanziell bekommen habe, schweige ich wie ein Grab bis an mein Lebensende.“
Mit diesen Worten tippte er sich leicht an seinen Hut und erhob sich ächzend, gestützt auf seinen krummen Spazierstock, von seinem Platz.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag, Herr Doktor. Und legen Sie das Ding wieder genauso in die Vitrine zurück, wie es da vorher gelegen hat. Wir wollen doch nicht, dass noch ein weiterer Besucher den Schwindel aufdeckt – oder?“
Dann verschwand der Pensionär Mr. Herold geräuschlos durch die offene Glastür und verließ das säulenbestückte Museum über einen Aufzug.
Kaum war er außer Sichtweite, sprang Dr. Max Wellington wie von einer Ameisenarmee gebissen auf und eilte ins Büro von Swetlana Morrison. Er hatte ein paar interessante Fragen an die junge Museumsdirektorin.
***
„Dieser Mr. Herold scheint sich sehr gut auszukennen. Vielleicht sollten wir ihn ein wenig mehr auf den Zahn fühlen“, sagte Dr. Wellington.
„Wir lassen das lieber. Der weiß mehr als uns lieb ist. Wir haben ihn gut für sein Schweigen bezahlt und mit ihm eine Abmachung getroffen. Wenn wir ihn weiterhin belästigen, könnte er das an die große Glocke hängen“, erwiderte Miss Morrison energisch.
„Sie haben Recht, das geht nicht“, pflichtete Dr. Wellington ihr bei. „Wir müssen mit dem Wenigen, was wir bisher herausbekommen haben, einen Weg finden, das Original wiederzufinden. Ich lasse mir dazu einige Ideen durch den Kopf gehen. Aber zuerst werde ich einen guten Bekannten von mir in der Innenstadt besuchen, der dort einen kleinen Buchladen betreibt. Er kennt fast jeden und hört so allerlei...“
Doch mehr wollte Dr. Wellington nicht verraten. Er bat Swetlana Morrison ihm noch um ein Foto des Originals auszuhändigen, bevor er sich von ihr verabschiedete.
***
Die kleine Buchhandlung lag total versteckt in einer Seitenstraße am äußersten Rande der Innenstand, wo ein großer, historischer Park anfing. Bereits als
Dr. Wellington in die kleine Gasse einbog, war ihm so, als ließe er die moderne Welt hinter sich. Hier schien die Zeit schon lange stehen geblieben zu sein.
Als er das Geschäft betrat, bewegte sich eine altmodische Glocke, die sein Eintreten signalisierte. Die hölzerne Tür mit den blinden Scheiben klemmte etwas, und nachdem sie sich langsam und knarzend hinter ihm geschlossen hatte, war es um ihn herum ganz still. Wie verloren stand Dr. Wellington in dem kleinen Raum, der voller alter und neuer Bücher war.
Dämmriges Licht umhüllte ihn, und der Geruch nach Papier, altem Holz und verstaubtem Leder stieg in seine Nase. Ein wohlbekannter Geruch für den Doktor, denn früher, als er noch auf der Universität studierte, war er ein häufiger Gast in diesem kleinen Buchladen gewesen. Ein Rascheln und Schlurfen im hinteren Teil des Geschäfts kündigte gleich darauf jemanden an, und ein kurzes Hüsteln entlockte Dr. Wellington ein sanftes Lächeln.
„Reinhard“, rief er in den trüb beleuchteten Gang hinein.
Aus dem schummrigen Halbdunkel trat ein kleiner, gebückter, älterer Mann hervor. Die weißen Haare standen wie zerzauste Wattebäusche um seinen Kopf herum, auf der langen Nase befand sich eine altmodische Brille. Als der betagte Mr. Reinhard Baumann den Doktor sah, hob er die dünnen Arme etwas in die Luft, was seine Art der Begrüßung eines alten Freundes war.
„Max! Wie lange ist es her, als ich dich das letzte Mal gesehen habe?“
Die beiden Männer begrüßten sich herzlich, indem sie einander fest umarmten. Dann drückten sie sich lange die Hände.
„Ich habe beruflich sehr viel zu tun. Das war damals anders. Während meines Studiums hatte ich mehr Zeit zu dir zu kommen“, meinte Dr. Wellington und zuckte bedauernd die Schulter.
„Ja, und wenn du den Weg jedes Mal hierher findest, hast du meistens eine harte Nuss für mich mitgebracht. So ist es doch, nicht wahr!“
Der Doktor nickte. Reinhard Baumann war auch ein enger Freund seines verstorbenen Vaters gewesen. Für ihn war der Alte immer Mentor und Freund zugleich gewesen. Schon damals, als er noch ein junger Mann war, kam er häufig hier hin, um sich Bücher über Kunst, Kultur und Archäologie auszuleihen. Bis zum heutigen Tag stand ihm der liebe alte Mann mit Rat und Tat zur Seite, wenn er ihn für seine wissenschaftlichen Recherchen brauchte.
Nachdem er vorgetragen hatte, was ihn bewegte, legte er ein Foto des Artefaktes auf den Ladentisch. Der Alte sah es sich an und grübelte.
„In der Tat, mein Freund, diese Nuss ist etwas ganz Besonderes und so hart, dass ich mir alleine daran die Zähne ausbeißen würde. Ich brauche wieder einmal deine Hilfe.“
Reinhard Baumann lächelte ein wenig, machte eine einladenden Geste und deutete dann an, dass sein Besucher in den hinteren Teil des Ladengeschäftes kommen sollte.
Der alte Buchhändler bot Dr. Wellington einen Tee an und schenkte ihm ein. Dann nahmen beide in bequemen Ledersesseln Platz. Mit erstaunlich klaren und hellen Augen hörte sich der Alte den Bericht über die Vorfälle im Museum interessiert an. Immer wieder betrachtete er dabei das DIN A 4 große Farbfoto, auf dem das seltsame, Bumerang ähnliche Artefakt zu sehen war.
„Ich habe gehört, dass das Original über geheimnisvolle Kräfte verfügen soll, wenn man mit Hilfe der Hieroglyphen einen bestimmten Code eingibt. Ich kann mir nicht denken, dass es von der Erde stammt. So etwas kann nicht von Menschenhand erschaffen worden sein“, erklärte Dr. Wellington.
„Ich bin mir ziemlich sicher, kein Buch über etwas Derartiges im Haus zu haben. Ich habe so etwas noch nie gesehen, nur davon hin und wieder gehört. Böse Geschichten ranken sich um diesen Gegenstand. Aber wenn du gestattest, werde ich einen guten Geschäftsfreund bitten, bei sich im Privatarchiv nachzuforschen. Sein Name ist Johnny Cooper. Vielleicht kommt dir der Name bekannt vor. Er gehörte mal der Regierung als Experte für außerirdische Lebensformen an. Es kann allerdings ein paar Tage dauern.“
Dr. Wellington biss sich auf die Lippen. Er hatte der jungen Museumsdirektorin doch noch seine Unterstützung zugesagt, weil sie ihm ein finanzielles Angebot gemacht hatte, das er einfach nicht ablehnen konnte. Aber er konnte seinen alten Freund nicht zur Eile antreiben, der sich um die Sache zwar kümmern würde, aber in seinem eigenen Tempo.
„Vielen Dank, mein alter Freund. Manchmal wüsste ich nicht, was ich ohne dich täte!“
Die beiden Männer tauschten noch ein paar allgemeine Neuigkeiten aus, dann macht sich Dr. Max Wellington wieder auf den Weg. Reinhard Baumann hingegen begann sofort mit seinen Nachforschungen, um die sein Freund ihn gebeten hatte. Er tat das mit einer gewissen Eile, gerade so, als ahne ein Teil von ihm bereits, wie dringend die Angelegenheit tatsächlich war.
***
Zwei Tage später klingelte das Telefon bei Dr. Wellington, der seinen Urlaub verschoben hatte und wieder im Büro an seinem Schreibtisch saß. Von Urlaub keine Rede mehr. Er nahm den Hörer ab und vernahm eine bekannte Stimme. Reinhard Baumann war dran und schien ziemlich aufgebracht zu sein. Der Doktor zögerte nach einem kurzen Gespräch keine Sekunde lang, seinen alten Freund sofort in seinem Buchladen aufzusuchen. Er verließ das Büro und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo sein schneller Hybridwagen geparkt einsam in einer Stellbox stand. Eine halbe Stunde später stand er in Reinhard Baumanns Geschäft und ließ sich von ihm erzählen, was passiert war.
„Wer auch immer dieses Artefakt gestohlen hat, mit oder ohne fremder Hilfe, diese Person oder seine Hintermänner sind äußerst gefährlich. Ich würde dir empfehlen, dass du dieser Lady, wie heißt die noch gerade? Ach ja, Miss Morrison sagst, sie sollte sich lieber an die Polizei wenden. Du bist ja schließlich kein Kriminalbeamter und auch kein Detektiv.“
Dr. Wellington zuckte bei den Worten des Buchhändlers unwillkürlich zusammen. Er blickte einfach nicht durch, was sein Freund Baumann eigentlich sagen wollte.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Willst du mir nicht erklären, worum es bei der ganzen Sache überhaupt geht“, fragte er ratlos.
Der alte Mann schaute den Jüngeren kurz prüfend an und schüttelte schließlich resigniert den Kopf. Aber er wusste auch im gleichen Moment, dass sich Max Wellington mit ein paar allgemeinen Warnungen nicht zufrieden geben würde.
„Nimm erst einmal Platz“, forderte er seinen Freund auf. „Dann erzähl ich dir alles, was ich über diesen Gegenstand heraufgefunden habe.“ Er selbst setzte sich seinem neugierig gewordenen Besucher gegenüber.
„Mein Geschäftspartner, Mr. Cooper, hat eine Menge über dieses seltsame Ding aus dem Museum gewusst. Das hat mich selbst erstaunt. Er redete davon, dass es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit in der Hauptsache wohl um so eine Art rituellen Gegenstand handelt, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem All stammt, also außerirdisch sein soll. Durch wen und wie er zu uns auf die Erde gekommen ist, konnte er zwar selbst nicht sagen, aber er wusste genau, wem dieses Ding offenbar mal gehörte. Es soll sich in der Tat um ein Wesen aus dem All handeln, genauer gesagt um einen so genannten Alien-Metamorph, also etwas, was die Gestalt eines anderen Menschen oder jedes x-beliebigen Tieres annehmen kann, das in etwa seiner Körpergröße und Körpermasse entspricht. Das klingt in der Tat einfach unglaublich und zu fantastisch. Nichtsdestotrotz sah sich die Regierung seinerzeit dazu gezwungen, wegen der vielen Berichte über eine große Zahl unaufgeklärter Mordfälle, die sich übrigens überall auf der Welt in den verschiedensten Regionen ereignet haben, alles Material dazu sicherheitshalber sämtlich unter Verschluss zu nehmen. Jede Information wurde unterdrückt, was mit diesen schrecklichen Morden nur den Anschein nach zu tun haben konnte. Man hat es bis heute zur Geheimsache erklärt. Das tat sie aus reiner Vorsicht. Man will wohl damit eine Panik unter den Menschen vermeiden. Scheinbar wussten bereits einige Leute sogar, wie dieser Außerirdische aussieht. Die Kreatur soll aufrecht gehen können und wie eine mannshohe Echse aussehen. Ich dachte erst, dass mich Cooper verulken wollte, als er mir davon erzählte. Aber der fremdartige Besitzer dieses Artefaktes wurde tatsächlich mehrmals von Augenzeugen direkt gesehen. In manchen Gegenden ist er sogar schon zu einer echten Legende geworden. Man darf davon ausgehen, dass diese Angaben der Wahrheit entsprechen. Von Zeit zu Zeit soll der Außerirdische immer wieder mal die Erde besuchen, um sich an Menschenfleisch gütlich zu tun. Sein Ritual ist dabei eine ausgefeilte, gut durchdachte Jagd. Diese Tatsache könnte auch für dich gefährlich werden. Solange das Ungeheuer allerdings seinen Gegenstand, mit dem es sich verschwinden lassen kann, nicht hat, ist es mehr oder weniger verwundbar. Aber sicher ist das nicht. Doch sollte es so sein, dann wird es bereits auf der Suche nach seinem Besitz sein und dabei die Gestalt anderer Menschen annehmen. Wenn das alles stimmt, ist jeder, der nach dem Artefakt sucht, in potenzieller Gefahr.“
Dr. Wellington wiegte den Kopf hin und her und fuhr sich mit der Hand mehrmals über die schwitzende Stirn.
„Hört sich für mich alles ziemlich merkwürdig an“, sagte er schließlich leicht genervt.
„Wie auch immer. Ich kann dir nur sagen, dass es sich hier nicht um irgendwelche Spinnerein handelt. Hinter dem Diebstahl steht entweder eine Bande von Leuten, die sich davon etwas versprechen oder es ist sogar möglich, dass die Bestie aus dem All selbst dahinter steckt. Im ersten Fall geht es um unermessliche Macht und viel Geld. Der Raub des Artefaktes muss demnach von langer Hand geplant und ausgeführt worden sein. Im zweiten Fall hätte die Kreatur wohlmöglich ihr Ziel schon erreicht und wir bräuchten nicht mehr nach dem ominösen Fundstück zu suchen. Sei also vorsichtig, mein Freund! Ziehe beide Tatsachen in Erwägung!“
„Woher weißt du das alles?“
Der alte Mann schob dem erstaunten Doktor ein paar Blätter zu.
Das sind Kopien meines Geschäftspartners. Sie sind hoch geheim. Er hat sie damals selbst angefertigt, als er noch für die Regierung tätig war und heimlich aus seinem Büro schmuggeln können. Cooper ist froh darüber, die Blätter endlich los zu sein. Irgendwie waren sie ihm immer schon suspekt. Gerade so, als hafteten ihnen etwas Böses an. Nein, er will nicht weiter in die Sache hineingezogen werden, und ich akzeptiere das. Auch muss ich meinen Informanten schützen.“
Bei diesen Worten sah sein Freund Baumann auf einmal seltsam blass und unruhig aus. Ganz so, als habe ihm das, was er inzwischen über die ganze Sache wusste, selbst einen gehörigen Schrecken eingejagt. Irgendwie wirkte er leicht verändert. Aber Dr. Wellington achtete nicht mehr darauf.
„Aber ich hätte ihn gerne mal in dieser Angelegenheit selbst gesprochen. Ich würde mich freuen, mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Vielleicht weiß er mehr über den Fall als er zugibt. Was meinst du? Könntest du mir seine Adresse geben, trotz aller Bedenken, deinen Informanten zu schützen?“
„Hm, du kannst es ja mal versuchen. Aber ich kann dir nicht garantieren, ob er dazu bereit ist, mit dir in dieser Angelegenheit ein Gespräch darüber führen zu wollen. Trotzdem, seine Adresse findest du im Telefonbuch“, antwortete der alte Buchhändler. „Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen.“ Dann versuchte er das Thema zu wechseln.
Dr. Wellington blieb noch Weile bei seinem alten Freund und beide ließen vergangene Zeiten wieder aufleben. Es war schon sehr spät, als er sich endlich von dem alten Buchhändler verabschiedete.
***
„Verzeihung Sir. Sind Sie Mr. Johnny Cooper? Ich bin ein Bekannter ihres Geschäftspartners Reinhard Baumann.“
Der Mann im Garten sah erstaunt auf und nickte unwillkürlich mit dem Kopf. Dann näherte er sich der kleinen Steinmauer. Es war eine merkwürdig aussehende Gestalt, die sich da mit trägen Schritten auf Dr. Max Wellington zu bewegte. Auf ihrem Kopf befand sich ein ausladender Hut aus Stroh, um den fülligen Bauch schlang sich eine grüne Wachsschürze und quietschgelbe Gummihandschuhe versteckten ihre Hände, die eine geöffnete Gartenschere festhielten.
„Ich bin Dr. Max Wellington. Ich arbeite zur Zeit für das City Museum. Ich komme in einer ganz bestimmten Angelegenheit zu ihnen, Mr. Cooper. Es geht um das gestohlene Artefakt. Na, Sie wissen schon...“
Der Gärtner blinzelte ein wenig, gerade so, als sei Dr. Max Wellington ein Vertreter aus einer fremden Welt, die schon lange nicht mehr zu seiner gehörte.
„Ja und? Und das führt Sie zu mir?“ fragte er trotzdem ein wenig arrogant. Doch beim Anblick von Dr. Wellington schien er sich plötzlich eines anderen zu besinnen. Die Brisanz seines Anliegens schien selbst ihm mittlerweile klar geworden zu sein. Und tatsächlich winkte Mr. Cooper sein Gegenüber auf der anderen Seite der Mauer zu einem schmalen, schmiedeeisernen Tor, das er seinem fremden Gast nun von innen öffnete. Danach entledigte er sich seiner Gärtnerkleidung samt Handschuhe, nahm den Doktor mit ins Haus und bot ihm einen Eistee aus einer dort auf dem Tisch stehenden Karaffe an. Nach dem ersten Schluck sprach Max Wellington den Grund seine Besuches an und schilderte dem Pensionär und Hobbygärtner, was passiert war. Mr. Cooper schwieg die ganze Zeit. Nur ab und zu nickte er vielsagend mit dem Kopf.
„Ein Artefakt aus dem Museum entwendet. Das gab es noch nie in unserer Stadt. Was würde bloß der alte Direktor Jack Hoover dazu sagen? Aber alles passiert ja zum ersten Mal. Ich kenne die neue Museumsdirektorin übrigens sehr gut von meiner früheren Arbeit her. Da war sie noch Assistentin. Ich war jahrelang für die Regierung tätig, müssen Sie wissen. Wir hatten schon häufiger in Sachen Mystische Kunst miteinander zu tun und war darüber hinaus ein häufiger Gast im City Museum. Miss Morrison ist relativ jung und sehr zielstrebig, kennt sich gut aus und kommt bei den Leuten bestens an. Sie ist eine hervorragende Besetzung für das altehrwürdige Museum.“
Mr. Cooper schien für einen Augenblick in seinen Erinnerungen zu versinken, bevor er sich zusammenriss und eine neue Frage stellte.
„Wie sollte das denn passiert sein? Die Sicherheitsvorkehrungen im Museum sind beispielhaft.“
Wellington rieb sich das Kinn. Diese Frage hatte er auch schon mit Swetlana Morrison lang und breit erörtert.
„Irgendjemand muss den Zeitraum genutzt haben, in dem der Direktionswechsel vollzogen wurde und Miss Morrison ihre Stelle noch nicht angetreten hatte.“
„Alle Mitarbeiter, so viel ich weiß, sind schon seit vielen Jahren dort“, gab Mr. Cooper zu bedenken. Es war ihm anzusehen, wie unwahrscheinlich ihm Wellingtons Gedankengänge erschienen, jemand aus dem Museum selbst habe etwas mit dem Verschwinden des Artefaktes zu tun.
„Gab es vielleicht noch andere Möglichkeiten, das jemand Fremdes Zugang zu dem Schlüsselraum hatte?“
Von Swetlana Morrison wusste Dr. Wellington bereits, dass auch Mr. Cooper seinerzeit, als er noch im Dienste der Regierung stand, einen Generalschlüssel für das Museum besessen hatte. Es wäre für ihn eine leichtes Spiel gewesen, diesen nachmachen zu lassen. Außerdem war er Witwer, der bereits seit vielen Jahren allein lebte. Seine Frau galt als vermisst. Angeblich soll sie in Afrika auf einer Safari umgekommen sein. Doch genaues wusste man nicht über den wahren Tod seiner Frau. Der Mann schien voller Geheimnisse zu sein.
Doch wie erwartet, schüttelte der alte Herr den Kopf. Dann jedoch schien ihm ein Gedanke zu kommen. Umständlich nahm er seinen Strohhut ab und fuhr sich mit einem großen Taschentuch kurz über die verschwitzte Stirn. Seine schütteren Haare klebten auf der pigmentierten Haut seines Kopfes. Seltsame grüne Flecken waren darauf zu erkennen, die Wellington nicht einordnen konnte. Vielleicht färbte der Hutrand innen ab, dachte er so für sich und gab sich mit dieser eigenen Antwort zufrieden.
Cooper redete weiter.
„Ich weiß nicht wie ich es sagen soll und ob der Vorfall überhaupt etwas mit dem Diebstahl des Artefaktes zu tun hat. Es gibt etwas..., aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese unscheinbare Sache mit alledem etwas zu tun hat..., das wäre einfach unglaublich“, murmelte der alte Mann.
Dr. Morrison wurde hellhörig.
„Alles, was damit in Zusammenhang stehen könnte, ist wichtig. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann erzählen Sie es mir jetzt“, erwiderte er.
Kurze Zeit später wusste Dr. Wellington alles über einen bestimmten Abend, an dem der ältere Herr beinahe überfahren worden wäre.
„Könnte es sich bei der ganzen Sache um einen fingierten Fast-Unfall gehandelt haben? Mit dem einzigen Zweck, dass sich Ihnen ein Fremder nähern konnte?“
„Sie meinen den jungen Mann, der sich als Arzt ausgab und mich ins Krankenhaus bringen ließ?“
Dr. Wellington nickte.
„Vermutlich war auch der Taxifahrer mit involviert. Möglich ist alles.“
„Oh, mein Gott“, rief Cooper plötzlich erschreckt aus, als würde er sich an den besagten Abend an jedes Detail erinnern.
„Ja..., natürlich..., mein Retter hat mich in die Ambulanz begleitet und mir dort aus dem Mantel geholfen...“
„...in dem Sie ihren Schlüsselbund trugen, nicht wahr?“ beendete Wellington den Satz.
„Ja, ich habe ihn erst einen Tag später vermisst, als ich wieder zuhause war. Ich dachte, ich hätte ihn beim Sprung auf den Gehsteig verloren. Ich ließ mir natürlich sofort ein paar neue anfertigen.“
„Besaßen Sie noch einen Generalschlüssel des Museums, Mr. Cooper?“
„Äh, ich muss es wohl versäumt haben, ihn abzugeben. Oder habe ich das schon getan? Mir fällt im Augenblick nichts dazu ein. Ich müsste erst in meinem Schreibtisch oben im Arbeitszimmer nachsehen.“
Dr. Wellington spürte, dass der Mann ihm an dieser Stelle nicht die ganze Wahrheit sagte. Irgendwas stimmte hier nicht. Er war ganz und gar nicht gewillt, jetzt doch noch unverrichteter Dinge von dannen zu ziehen. Der Mann hatte offenbar was mit der Sache zu tun.
Wellington sprach Klartext. Das war seine einzige Chance um an die Wahrheit heranzukommen.
„Mr. Cooper, jetzt, wo wir wissen, wie der Diebstahl begangen wurde, sind Sie es dem Museum einfach schuldig, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um den Aufenthaltsort des gestohlenen Artfaktes mitzuteilen, damit es wiederbeschafft werden kann.“
Bei diesen Worten, die direkt an sein schlechtes Gewissen appellierten, zerbröckelte der Widerstand des alten Mannes.
Schließlich beugte er sich weit nach vorne, bis sein schrumpeliger Mund fast Dr. Wellingtons Ohr berührte, so. als befürchte er, jemand Unbefugtes könnte mithören. Doch dann zuckte er plötzlich zurück und sprang auf.
„Nein!“ rief er und deutete nach draußen in den Garten, wo eine kleine Gartenhütte einsam hinter einer hohen, grünen Hecke stand. „Er ist hier und wird uns alle holen. Er hat Macht und mich dazu gezwungen, ihn bei mir aufzunehmen. Ich wollte das nicht, aber er ist der Teufel in Menschengestalt. Ein Ungeheuer, das Menschen frisst“, stieß der Alte schnaubend und zitternd hervor und rannte wie von Sinnen aus dem Haus.
Dr. Wellington stob Cooper hinter her, schlug jedoch die Richtung zur Gartenhütte ein. Wenn der Alte die Wahrheit gesagt haben sollte, dann wird mich niemand davon abhalten, diesen Dreckskerl mit meinen Kugeln in ein Sieb zu verwandeln. Hastig zog er seinen schweren Trommelrevolver aus der Hosentasche, entsicherte ihn und blieb kurz vor der Gartenhütte stehen. Fest entschlossen hob er die Waffe an und zielte damit auf die offen stehende Tür des Gartenhäuschens.
„Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Ich warne Sie! Ich werde schießen, wenn Sie meiner Aufforderung nicht nachkommen. Sie haben keine Wahl...“
Der Rest des Satzes blieb Dr. Wellington im Hals stecken, als er die Stimme von Mr. Cooper hinter sich hörte. Er spürte seinen heißen Atem im Nacken, der ihn erschauern ließ. Oder war es schon der Atem des Ungeheuers?
"Aber, aber, mein Freund. Sie werden doch nicht gleich auf mich schießen, oder? Waffe runter, sofort oder ich beiße Ihnen die Schlagader auf!“
Starr vor Entsetzen ließ Wellington den Revolver fallen, der mit einem klatschenden Geräusch auf den feuchten Boden fiel. Mr. Johnny Cooper umrundete den Doktor wie eine schleichende Katze, bis er endlich direkt vor ihm stand und ihm ins Gesicht sehen konnte. Der Körper des angeblich alten Mannes veränderte sich plötzlich langsam und kontinuierlich in die Gestalt eines schrecklich aussehenden Echsenmonsters. In der rechten Klaue hielt es einen Bumerang ähnlichen Gegenstand, dessen rötliche Schriftzeichen intensiv zu leuchten begannen.
„Haben Sie etwa nach meinem Artefakt gesucht, Dr. Wellington? Sie wissen doch, es gehört mir und nicht eurem lächerlichen Museum. Schon Generationen meiner Vorfahren haben es getragen. Nur manchmal bin ich vergesslich und lasse es irgendwo liegen. Vor allen Dingen dann, wenn ich mir den Bauch mit leckerem Menschenfleisch vollgeschlagen habe. Aber zum Glück kann ich mein Erbstück immer wieder orten, selbst dann, wenn es hinter dicken Mauern liegt. Soll ich ihnen verraten, woher ich komme? Ich komme von einem Planeten, der sich weit draußen im Universum befindet. Wir sind eine uralte Rasse und reisen immerfort durchs unendliche All, ständig auf der Suche nach bewohnten Planeten, auf denen es was zu fressen für uns gibt. Ihr Menschen seid besonders schmackhaft und saftig. Ich komme immer wieder gerne zu euch. Ja, ich freue mich schon auf ihr zartes, lockeres Fleisch und das viele Blut in ihnen, das so überaus köstlich schmeckt, Dr. Max Wellington. Ich musste mich schon viel zulange zurückhalten. Aber jetzt, hier draußen im einsam gelegenen Garten, wo uns niemand sehen kann, lasse ich meinem animalischen Fresstrieb freien Lauf.“
Kein Blitz hätte bei einem Menschen eine stärkere Erschütterung ausgelöst, wie bei Dr. Wellington. In Todesangst fing er an zu schreien und wollte davonrennen. Das Monster jedoch war schneller und spie ihm eine dunkel aussehende Brühe mitten ins Gesicht, die sich wie Säure durch seine blutleere Haut fraß.
Seine verzweifelten Schreie verwandelten sich nach und nach in ein hilfloses Gurgeln und als er endlich zu Boden stürzte, war das schreckliche Monster auch schon direkt über ihm, um seinen wehrlos zuckenden Körper in Stücke zu reißen.
Schmatzend vor Fressgier geriet die außerirdische Kreatur in eine wahnsinnige Blutorgie, bis am Ende nur noch die Knochen von Dr. Wellington verstreut im Garten herumlagen.
Dann wurde es ganz plötzlich still. Das Monster hatte seinen unbändigen Hunger nach Menschenfleisch gestillt und drückte wenig später mit seinen blutigen Klauen auf die geheimnisvollen, rötlich leuchtenden Schriftzeichen des silbrigfarbigen Artefaktes, das die Form eines Bumerangs hatte.
Dann verschwand es schlagartig, als wäre es vom Erdboden verschluckt worden.
ENDE
(c)Heiwahoe
***
3. Der Jäger
"Das Opfer ist des Jägers Tod."
***
Es ging auf den Abend zu. Die dunklen Schatten der riesigen Bäume wurden länger und länger, verschwanden jedoch schlagartig, als die Sonne von einer großen Wolkenwand knapp über dem Horizont verschluckt wurde.
Der Jäger Georg Palmer fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er schaute aufmerksam nach allen Seiten. Dann nahm er sein Strahlengewehr vom dreirädrigen Robotmobil und klemmte es mürrisch unter den rechten Arm. Er tat das nur ungern, weil die Müdigkeit von ihm langsam Besitz ergriff, und er ausgerechnet jetzt noch mehr Gewicht bergauf zu schleppen hatte, als ihm lieb war.
Das Roboterfahrzeug wurde nie müde; nun, das war bei einem solchen Ding ja auch nicht anders zu erwarten. Den ganzen Tag hindurch hatten sie zusammen einen Hügel nach dem anderen abgesucht. Jetzt schmerzten seine Füße von der andauernden Überanstrengung, aber an eine kleine Verschnaufpause war im Moment trotzdem nicht zu denken.
In dieser Gegend standen zudem noch viele Bäume dicht an dicht und ihre Äste reichten oft bis zum Boden hinunter, sodass Palmer die meiste Zeit gebückt dahin laufen musste; der flinke Roboter dagegen hielt leicht mit ihm Schritt. Er stellte seine Achshöhe je nach Bedarf einfach niedriger. Auch machte ihm die hohe Laubschicht keine Schwierigkeiten. Seine breiten Ballonräder fuhren einfach darüber hinweg.
Die grün leuchtenden Instrumente auf der Anzeigentafel lieferten ihm ununterbrochen Informationen aus der näheren Umgebung, weshalb Georg Palmer die ganze Zeit unter Anspannung stand. Er beäugte jeden Strauch und jeden Baum gleich zweimal, bevor er weiterging. Aber während der letzten halben Stunde war die Fährte, die er verfolgte, immer mehr verblasst. Palmer wollte sich deshalb auf dem Kamm des nächsten Hügels ein wenig ausruhen und wies den Dreiradroboter an, auf der erhöhten Lichtung vor ihnen anzuhalten. Hier war die Laubschicht der Bäume besonders dünn, was das Gehen erleichterte.
Palmer war schon viel zu lange über den braun goldenen Blätterteppich gelaufen, der das Vorwärtskommen ziemlich erschwert hatte. Auch seine Nackenmuskulatur tat ihm weh, weil er die meiste Zeit Oberkörper und Kopf wegen der tief hängenden Äste gesenkt halten musste, was auf Dauer sehr unangenehm war.
Endlich erreichte er die Anhöhe, wo sein quirliges Robotergefährt schon auf ihn wartete. Palmer atmete die frische Luft ein paar Mal tief ein und wieder aus. Schließlich schaute er sich um. Die Rundumsicht war von hier oben einfach großartig; das düster wirkende Land war zerklüftet und so gut wie unbewohnt, aber dafür hatte Palmer jetzt kein Auge übrig.
Plötzlich gab sein Roboter eine Infrarotwarnung und wies mit seinem dünnen Antennenstab auf eine mannsgroße Wärmequelle direkt vor ihnen im Gelände hin. Fast gleichzeitig entdeckte auch Palmer den Mann, der halb versteckt hinter einer mächtigen Eiche stand und offenbar Angst vor Palmer und dem Roboter hatte. Unsicher beobachtete der Fremde die herum kurvende Maschine, die mit einer kleinen Strahlenkanone auf ihn zielte.
Als Georg Palmer die Hand vorsichtig zum Gruß erhob, erwiderte der Unbekannte hinter dem Baum ihn nur zögerlich. Es vergingen ein paar Sekunden des gegenseitigen Schweigens, dann rief der Jäger seinen Namen und gab zusätzlich noch seine persönliche Kennzahl durch. Gleiches tat der Mann hinter dem Baum. Der intelligente Dreiradroboter prüfte umgehend die Information in seiner Datenbank, gab nach wenigen Augenblicken sein OK und bewegte sich mit Palmer zusammen auf die wartende Person zu.
Dann waren sie auf gleicher Höhe. Erst jetzt sah der Jäger ganz nebenbei die kleine Holzhütte, die hinter dem Fremden auf einer baum- und strauchlosen Rodung stand. Die beiden Männer schüttelten einander freundlich die Hände, und der andere gab sich mit seinem Namen Jack Flemming zu erkennen.
„Ich bin der zuständige Forstaufseher für diese Region“, stellte er sich vor und zeigte gleichzeitig auf sein eingeschaltetes Funkgerät.
„Ich wurde von der Zentrale davon unterrichtet, dass Sie sich hier in der Gegend aufhalten, Mr. Palmer. Ich weiß auch, dass Sie ein Jäger sind.“
Palmer schaute den Forstaufseher argwöhnisch an und sagte dann mit forschender Stimme: „Dann hat man Sie sicherlich schon davon unterrichtet, dass ich hinter einem Werwolf her bin.“
„Hinter einem Werwolf, der ahnungslose Menschen anfällt, sie tötet und dann frisst? Hier in meinem Gebiet? Nun ja, es hat Gerüchte von schrecklich zugerichteten Leichen gegeben. Keiner weiß genau, von wem die stammen. Vielleicht ist da was wahres dran, vielleicht auch nicht. Richtig ist, dass sich in dieser Gebirgs- und Waldregion viele herum schleichen, die hier nichts zu suchen haben, seit ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung in die Städte abgewandert ist. Der riesige Raumflughafen in Slateport City bietet den Leuten einen sicheren Arbeitsplatz und viel Geld. Alle wollen da hin, weil er viel Abwechselung bietet. Die unterschiedlichsten Lebensformen aus allen Ecken des Universums scheinen sich dort zu treffen. Von den möglichen Gefahren spricht keiner, die von den fremdartigen Lebewesen ausgehen können. Aber niemand macht sich darüber Gedanken. Soll mir auch egal sein.“
Im Ton des Mannes schwang ein wenig Enttäuschung mit, da er es offensichtlich bedauerte, dass die einheimischen Bewohner die natürliche Gegend hier verlassen hatten, um in die große Stadt mit ihrem gewaltigen Raumschiffhafen zu ziehen, wo das Leben für sie angeblich angenehmer und aufregender sein soll.
Doch dann fuhr er schnell mit seiner Rede fort und blickte dabei nach oben in den dämmrig gewordenen Himmel.
„Auf jeden Fall haben Sie sich genau den richtigen Zeitpunkt ausgewählt. Die Nacht ist gut für die Jagd auf einen Werwolf, sollte es so eine Bestie hier überhaupt geben.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Palmer energisch zurück.
„Wir haben heute Vollmond. Die Werwölfe erreichen dann ihre größte Macht, wenn der Mond voll am nächtlichen Himmel steht“, gab der Forstaufseher zur Antwort und tat so, als kenne er sich mit diesen fürchterlichen Monstern gut aus.
Palmer musste dem Mann trotzdem Recht geben, und genau deshalb wurde er seine innere Unruhe nicht los. Er war davon überzeugt, dass es diesen Werwolf wirklich gab.
Der dreirädrige Roboter hielt sich derweil in der Nähe der beiden Männer auf und drehte seine Antenne in alle Richtungen. Plötzlich setzte sich das Gefährt schaukelnd und holpernd in Bewegung. Palmer, der Jäger, folgte dem Roboter bis zum Rand einer kleinen Felswand hinter der Holzhütte, wo er neben der Maschine stehen blieb.
„Dort ist das Tal der verschwundenen Wanderer. Leider kann man von hier aus den Fluss nicht erkennen, an dessen Ufer man angeblich einige grässlich verstümmelte Leichen gefunden haben will“, erklärte der Forstaufseher Jack Flemming, der lautlos hinter Palmer getreten war und ihn deshalb ein wenig erschreckte. Er mochte es nicht, wenn man ihm zu nah auf die Pelle rückte.
„Was Sie nicht sagen. – Haben Sie denn schon mal einen Werwolf leibhaftig zu Gesicht bekommen oder ist Ihnen in der letzten Zeit irgend jemand aufgefallen, der ein Werwolf sein könnte, Flemming?“
„Mmh...! Heute früh sah ich jemanden kommen. Ja. – Sein Name ist Gyfal Berinsky. – Zuerst kam er alleine, dann waren plötzlich mehrere da“, erwiderte der schlanke Forstaufseher grübelnd. Sie alle identifizierten sich allerdings mit ihren Kennzahlen. Aber ich habe mit keinem von ihnen gesprochen; sie sagten auch nichts zu mir. Ich empfand das als ungewöhnlich, doch dachte ich mir, dass diese Leute wohl schon einen Grund dafür hätten. Vielleicht wollten sie nur in Ruhe gelassen werden. Mehr nicht! Das soll’s ja auch geben.“
„Kannten Sie die Leute vielleicht? Oder einige von ihnen?“ fragte Palmer neugierig.
„Was heißt kennen? Ich kenne viele hier aus dieser Gegend. In den Wäldern trifft man tagsüber immer wieder auf irgendwelche Touristen, mit denen man redet. Darunter sind auch Männer, die sich manchmal mehrere Monate hier in dieser waldreichen Naturlandschaft aufhalten. Sie streifen überall herum. Sogar in den Bergen habe ich schon welche von ihnen angetroffen. Einige sehen tatsächlich ziemlich verwildert aus und tragen eine lange Mähne. Man könnte wirklich Angst vor ihnen bekommen. Jedoch taten sie mir niemals etwas zuleide. Außerdem bin ich gut bewaffnet.“
„Aber Sie fürchten sie trotzdem und würden des Nachts lieber keinem dieser Typen begegnen wollen. Es könnte ja ein Werwolf unter ihnen sein – oder?“
„Ich sagte ja schon, dass hier gewisse Gerüchte im Umlauf sind, die auch mir Angst einflößen. Man sagt ja, dass diese Ungeheuer nicht menschlich sind und über Kräfte verfügen, welche die unseren weit übersteigen“, antwortete Flemming und fuchtelte mit seinen Armen beschwörend in der Luft herum.
„Diese Drecksviecher kann man töten. Wir verfügen über widerstandsfähige und kampferprobte Roboter und besitzen sehr effektive Waffen. Eine ernstliche Bedrohung sind sie eigentlich nicht", sagte der Jäger abschätzig.
Flemming sah Palmer plötzlich mit ernstem Gesichtsausdruck an.
„Sind Sie sich da so sicher? Sie reden wie diese verwöhnten Stadtmenschen aus Slateport City mit ihrem riesigen Raumschiffhafen weiter oben an der Küste. Der wachsende Wohlstand lässt die Leute degenerieren. Wie lange sind Sie denn schon hier und pirschen hinter diesem vermeintlichen Werwolf her, Palmer?“
„Seit mehr als zwei Wochen. Einmal meinte ich schon, ich hätte ihn getroffen, als ich meine Strahlenwaffe auf ihn abgeschossen habe. Er sah aus wie ein alter Mann mit sehr langen grauen Haaren und kantigen Gesichtszügen und langen Reißzähnen. Er lief in Richtung ihres Gebietes.“
„Ich habe niemanden gesehen. Egal wie auch immer. Bleiben Sie und essen Sie mit mir! Es wird sowieso gleich dunkel und ich brauche mal einen Menschen, mit dem ich reden kann.“
„Ok, einverstanden! Ich hole nur meinen Roboter zurück und postiere ihn draußen vor dem Eingang Ihrer Hütte, falls Sie nichts dagegen haben. Er wird gut auf uns aufpassen. Sein Verteidigungsmodus schaltet sich automatisch ein, sobald seine Infrarotsensoren etwas Ungewöhnliches bemerken sollten.“
„Wenn Sie damit Ihr Sicherheitsgefühl befriedigen können, soll es mir recht sein, Palmer“, gab der Forstaufseher spontan zur Antwort und aß genüsslich ein Stück eines wilden Tieres, das er fast roh hinunter schluckte.
Georg Palmer fühlte sich davon angewidert und verzehrte dafür lieber seine eigenen Rationen aus dem Robotermobil, das sich jetzt wie ein stählernes Denkmal vor dem Eingang der Holzhütte postiert hatte. Die gefährlich wirkende Strahlenkanone bewegte es dabei langsam nach allen Seiten, als würde es damit die gesamte Umgebung nach Feinden absuchen.
„Glauben Sie, dass es diese Werwölfe auch schon woanders gibt“, fragte Flemming plötzlich den verblüfften Jäger.
„Sie meinen in den Städten – oder?“
„Ja“, nickte Flemming.
„Möglich. Man hat schon davon gehört. Genaues weiß man nicht. Einen Fall soll es aber bereits oben an der Küste gegeben haben. Dort fand man am Strand zwischen den abgestellten Fischerbooten die menschlichen Überreste einer schrecklich zugerichteten jungen Männerleiche. Die Bestie hat nur noch die blanken Knochen und ein paar Fetzen Fleisch übrig gelassen.“
„Teufel noch mal, Palmer. Das sind ja richtige Gruselgeschichten, die Sie mir da erzählen. Mir wird angst und bange.“
Plötzlich flackerte das Deckenlicht in der Hütte, was störend wirkte.
„Der Stromgenerator macht manchmal Schwierigkeiten. Nichts besonderes. Wir wollen aber jetzt lieber nicht über Werwölfe und andere Ungeheuer sprechen“, bat Flemming und stopfte sich die nächste Portion rohes Fleisch zwischen die Zähne. Palmer sah einfach weg und hätte fast gewürgt. Dann kam er auf das Thema Werwölfe zurück.
„Zusammen mit den Robotern werden wir sie alle jagen und erledigen“, sagte er zuversichtlich und deutete auf seine gefährliche Strahlenwaffe hin, die neben ihm am Tisch lehnte.
„Kann schon sein. Aus Ihnen spricht die reine Jägerseele“, sagte Flemming, machte dabei ein ziemlich säuerliches Gesicht und schaltete etwas unhöflich sein Handphon ein, als wollte er Palmers Worte einfach ignorieren.
Wenig später tat es ihm Palmer nach. Die Vermittlung meldete sich sofort, und er bat darum, an die Satellitennachrichten angeschlossen zu werden. Man sagte ihm allerdings, er solle die Vermittlung in einer Stunde wieder anwählen, weil die Leitung überlastet sei.
Flemming dagegen hatte einen spannenden Spielfilm eingeschaltet. Offenbar benutzte er eine andere Satellitenverbindung. Palmer konnte von seinem Platz aus die Bilder auf dem Monitor des Forstaufsehers nur verzerrt sehen. Er stand deshalb auf und ging zur Hüttentür.
Der Roboter stand draußen, ignorierte ihn jedoch. Über der gesamten Rodung lag ein merkwürdiges Licht; es herrschte tiefes Zwielicht, denn der Mond ging gerade auf und sein gespenstischer Schein ergoss sich auch über den vor ihm liegenden Hügel, der jetzt einen düsteren Eindruck auf ihn machte. Der Jäger war erstaunt darüber, wie schnell der Tag vergangen war. Er wurde sich plötzlich seiner eigenen Existenz bewusst, die nur eine begrenzte Lebensspanne umfasste. Dieser nach innen schauende Blick war für ihn ein wenig ungewohnt, sodass er sich auf einmal selbst davor ängstigte, noch dazu in dieser mondhellen Nacht, die ihm irgendwie unwirklich vorkam. Er dachte darüber nach, dass es nun höchste Zeit sei, den Werwolf, oder was es auch immer zu sein pflegte, aufzuspüren, um ihn zu töten, damit er so schnell wie möglich zur Stadt zurückkehren kann.
Als er so draußen vor dem Eingang der Hütte stand, hörte er, wie Flemming hinter ihm herankam.
„Es tut mir leid, Palmer“, sagte er, „dass ich vorher so unhöflich zu Ihnen war, obwohl ich mich eigentlich doch darüber gefreut habe, Sie bei mir zu haben. Ich gebe zu, dass ich eigensinnig und engstirnig bin. Wissen Sie, ich bin die Städter nicht gewöhnt. Das ängstigt Sie wohl ein bisschen. Sie dürfen deshalb nicht beleidigt sein. Ich hoffe nicht, dass Sie glauben könnten, ich selbst sei vielleicht ein Werwolf, nur weil ich hier draußen so gerne in der Wildnis lebe und rohes Fleisch esse. Das tue ich nicht immer, was Sie mir ruhig glauben dürfen.“
„Ich könnte Sie einem Bluttest unterziehen, sofern Sie dem zustimmen würden, Flemming. Dann wären alle Zweifel zwischen uns beiden ausgeräumt.“
Der Jäger griff instinktiv nach seiner Strahlenwaffe und hielt sie mit beiden Händen fest umklammert.
„Nur so für alle Fälle“, bemerkte er nebenbei.
Flemming starrte ihn an und sagte dann: „Kann ich verstehen, Palmer. Sie glauben also, der Werwolf könnte hier in der Gegend sein? Vielleicht ist er Ihnen sogar gefolgt, anstatt Sie ihm? Könnte es sogar sein, dass er Sie angelockt hat, ohne dass Sie es selbst bemerkten? Was meinen Sie?“
„Sie sagten ja vorhin schon, dass Vollmond ist. Er ist mit Sicherheit hier ganz in meiner Nähe“, gab ihm Palmer zur Antwort.
Irgendwo zwischen den Bäumen hinter der Rodung erklang ein unheimlicher Schrei, der gleich mehrmals hintereinander wiederholt wurde.
Flemming bat den Jäger wieder in die Hütte zu kommen und die Tür zu schließen. Dann stellte er eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch, den sie zusammen tranken.
„Wollen Sie heute noch den Werwolf töten oder was sie dafür halten, Palmer?“
„Wenn er sich mir zeigt oder es nur den Anschein hat, dass er sich in dieser Gegend herumtreibt, will ich ihn in dieser Nacht noch töten. Mein Roboter wird mir dabei helfen. Danach gehe ich in die Stadt zurück.“
„Palmer, du irrst. Es gibt keine Werwölfe. Die Menschen glauben an so viele unsinnige Dinge und sogar daran, dass es diese Bestien gibt. Aber ich weiß es besser. Glauben Sie mir.“
Palmer runzelte die Augenbrauen und blickte mit wachsendem Argwohn zum Forstaufseher hinüber, der ihn plötzlich mit seltsamen Blick anstarrte.
„Aber damit will ich nicht sagen, dass es keine Ungeheuer oder Monster gibt, die Menschen jagen, sie töten und danach sogar gierig auffressen. Doch, doch..., es gibt sie“, sagte Flemming mit einem seltsam grunzenden Ton in seiner Stimme.
Georg Palmer bemerkte ausgerechnet in diesem Augenblick mit Entsetzen, wie sich alles vor seinen Augen zu drehen begann und die Arme seltsam schwer wurden. Irgendwas stimmte hier nicht. Der Wein war manipuliert. Er griff nach seinem Glas und schlug es mit letzter Kraft vom Tisch. In Panik versuchte er sich noch aufzurichten, um an seine Strahlenwaffe zu gelangen, was ihm jedoch nicht mehr möglich war. Er rutschte im nächsten Augenblick kraftlos wie eine Gummipuppe wehrlos vom Stuhl und fiel der Länge nach polternd auf den Holzfußboden, wo er mit paralysiertem Körper liegen blieb.
Trotzdem konnte er die grunzenden Worte Flemmings noch deutlich hören, wenngleich sie sich wie ein fernes Echo anhörten.
„Ach Palmer, wissen Sie eigentlich, dass Sie mir wie eine Fliege ins Netz gegangen sind? Wie ich schon sagte, es gibt sie wirklich, diese schrecklichen Monster. Niemand hat sie eigentlich je direkt zu Gesicht bekommen und wenn doch, dann hat es keiner von ihnen überlebt. Man erzählt sich eine Menge unheimlicher Geschichten über diese Bestien. Ich glaube sogar Hunderte von Geschichten, die alle von dieser schrecklich bösartigen Kreatur berichten, die keine menschliche sein soll. Manche behaupten sogar, sie könne die Gestalt von Menschen annehmen und sich von einer Sekunde auf die andere in ein mit langen Zähnen und scharfen Klauen ausgestattetes Ungeheuer verwandeln, das wie eine aufrecht gehende Echse aussieht und eine Schuppenhaut hat. Es spuckt schwarzen Eiter aus, der so giftig sein soll, dass jedes Lebewesen augenblicklich daran stirbt. Wenn es sein Opfer gefressen hat, verschwindet es wieder unauffällig und taucht lange Zeit nicht mehr auf. Ich persönlich halte es für ein Alien, das aus den unergründlichen Tiefen des Alls hin und wieder den Planeten Erde besucht, um auf Jagd zu gehen. Tja, aber genug der vielen Worte. Ich werde dich jetzt töten und dann fressen, Palmer. Deine Jagd ist hier auf jeden Fall zu Ende. Ein für allemal!“
Georg Palmers Blick nahm verschwommen wahr, wie Flemming sich langsam Schritt für Schritt in eine echsenartige Kreatur mit riesigen Reißzähnen verwandelte und wenige Augenblicke später eine schwarz aussehende Flüssigkeit über ihn ausspie. Er wollte noch schreien, brachte aber, weil schon im Todeskampf liegend, keinen Ton mehr über die Lippen.
Die Bestie grunzte zufrieden, als sie die Leiche des Jägers gierig in Stücke riss und genüsslich verspeiste. Nur die Knochen blieben übrig. Dann holte die hässliche Kreatur einen silbrig glänzenden Bumerang aus der geöffneten Tischschublade hervor, drückte mit seiner Pranke sanft eines der kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberfläche und löste sich kurz darauf wie ein verblassendes Bild langsam auf. Wenige Augenblicke später war die blutrünstige Gestalt im Nichts verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
***
Unter den zahlreichen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Raumschiffes befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.
„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.
Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.
Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.
ENDE
©Heiwahoe
***
„Ja, ja, die Arbeit. Niemand kann sich ihr entziehen, oder? Vom einfachen Arbeiter, Angestellten, Beamten und Unternehmer bis hin zu den mächtigsten Herrschern dieser Welt. Sie alle müssen jeden Tag ihre Arbeit machen. Habe ich nicht recht, Stella?“
Der lange Gang zu den riesigen Fracht- und Lagerhallen, die gleich hinter dem Raumhafen INSPIRION I. lagen, schien einfach kein Ende zu nehmen.
Stella Hill ging genervt neben ihrem Kollegen her, dem Gruppenleiter Marc Cliffort und musste sich den unaufhaltsamen Redeschwall von ihm anhören.
„Ich hätte doch lieber die Personenbeförderungskabine nehmen sollen“, dachte Stella halblaut vor sich hin und tat so, als ob sie das Gespräch mit Marc Cliffort interessieren würde.
„Was hast du gerade gesagt? Ich habe dich nicht verstanden, Stella“, mokierte sich der Gruppenleiter und blieb einfach stehen.
Auch Stella hielt abrupt inne.
„Ach was, ich habe nur laut gedacht. War nicht so wichtig. Gehen wir lieber weiter, sonst schlagen wir hier noch Wurzeln.“
Die Miene Clifforts verzog sich unwillig, er schwieg aber. Dann hustete er ein paar Mal gekünstelt und setzte seinen Weg wieder fort. Die junge Frau zog nach, hielt sich auch weiterhin auf seiner Höhe und hoffte, dass ihr Kollege bald Ruhe geben würde.
Ihr war auf einmal warm. Der Geruch irgendeines ätzenden Reinigungsmittels drang in ihre Nase. Die Reinigungs- und Dekontaminationsroboter waren offenbar wieder unterwegs. Außerdem verspürte sie eine leichte Müdigkeit, weil sie in der letzten Nacht schlecht geschlafen hatte und früher zum Dienst angetreten war, als üblich. Dafür gab es einen wichtigen Grund, wie sie wusste.
Gerade wollte ihr Gruppenleiter seine Rede fortsetzen, als Stella ihm sofort dazwischenfuhr.
„Lieber Marc! Deine philosophischen Allgemeinbetrachtungen in allen Ehren, aber kannst du nicht mal deinen Mund halten?
Cliffort blieb abermals stehen und sah Stella jetzt direkt ins Gesicht. Er fragte sich bisweilen, wer hier wohl wessen unmittelbarer Vorgesetzte war. Er oder seine Kollegin hier? Doch Stella war eine bildhübsche junge Frau, noch sehr klug und eigenwillig dazu, die sich nicht so schnell aus der Fassung bringen ließ. Sie verfügte darüber hinaus über eine ziemlich große Portion Selbstbewusstsein, was natürlich bei Männern in der Regel eine gewisse Zurückhaltung auslöste.
Trotzdem wollte Marc Cliffort diesmal nicht nachgeben, obwohl er wusste, dass er auch jetzt wieder den Kürzeren ziehen würde.
„Was soll das denn schon wieder?“ kam es vorwurfsvoll aus seinem Mund. „Ist irgendwas mit dir, Stella? Mache ich was falsch? Bitte entschuldige, wenn ich dich gelangweilt habe.“
„Ich wäre froh, wenn du dich endlich mal auf deine Arbeit konzentrieren würdest..., mehr verlange ich nicht von dir. Wer ist hier eigentlich der Gruppenleiter – du oder ich?“
Cliffort blickte etwas pikiert zur Seite und ging ohne ein Wort zu sagen weiter. Stella folgte ihm und sagte ebenfalls nichts mehr.
Nach einer Weile betraten sie durch eine kleine Nebenschleuse die riesenhafte Fracht- und Lagerhalle, die heute das Ziel ihrer Inspektionsarbeit war.
Die beiden kamen an einer geräumigen Nische vorbei, in der einer dieser robusten Multifunktionsroboter stand. Dieser Robottyp konnte auch als Lade-, Desinfektions- oder Reinigungsroboter in den weitläufigen Lagerhallen eingesetzt werden. Ein Wartungstechniker hantierte in Höhe seines rechten Oberschenkels hinter einer geöffneten Klappe an einer kompliziert aussehenden Elektronik herum. Als er den Gruppenleiter bemerkte drehte er sich schwerfällig herum und musterte Clifforts Uniform der staatlichen Raumfahrtbehörde. Marc und Stella hielten kurz an.
„Auf Kontrollgang?“ fragte der Techniker unfreundlich.
„Ich suche Morrison. Haben sie ihn gesehen?“ fragte der Gruppenleiter den Mann im eng anliegenden blauen Arbeitsanzug.
„Morrison ist wohl nach Hause gegangen. Heute Morgen war er noch da. Er hatte es plötzlich sehr eilig. Seit zwei Wochen redete er nur noch von seiner „neuen Errungenschaft“, wie er sich auszudrücken pflegte. Was er damit meinte, ist mir schleierhaft. Vielleicht hat er ein neues Mädchen kennen gelernt. Wer weiß das schon. Dann würde mich sein seltsames Verhalten nicht mehr wundern.“
Der Techniker lachte jetzt schmutzig, drehte sich wieder herum und konzentrierte sich auf seine Arbeit am Roboter.
Bevor Marc Cliffort mit seiner Kollegin Stella Hill weiterging, ermahnte er den Techniker, die Lagerhalle rechtzeitig zu verlassen. Wenn erst mal alle Container drin sind, würde die Energiebehörde wenige Sekunden später die Lichter ausschalten, um Strom zu sparen.
„Ich weiß Bescheid. Das geht doch hier jeden Tag so. Ich bin sowieso gleich mit dem Auswechseln der Platine fertig. Wenn ihr beide auf mich warten würdet, begleite ich euch bis zur Schleusentür“, sagte der Mann etwas mürrisch, auf dessen Namensschild „J. Smith“ zu lesen war.
Ein paar Minuten später gingen sie zu dritt Richtung Ausgang und gelangten an eine große Stahltür, deren Umrisse den Maßen der Laderoboter entsprachen.
„Wir sind da“, sagte der Techniker und nahm seine Codekarte aus der Brusttasche. Ein leises Knacken ließ erkennen, dass der Mechanismus der Ausgangsschleuse nun entriegelt war.
Cliffort streckte seine Hand aus, um die Tür zu öffnen. Nebenbei bemerkte er, dass der Mann ihm anscheinend noch was sagen wollte.
„Was ist?“ fragte der Gruppenleiter den Techniker. „Die Zeit wird knapp. Sie müssen hier raus.“
„Keine Panik! Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob wirklich soviel verschwindet. Na, Sie wissen schon, was ich meine...“
Cliffort sah zu seiner Kollegin hinüber, die aber nur mit den Schultern zuckte, sich ganz bewusst zurückhielt und die Ahnungslose spielte.
Dann sah er Smith direkt in die Augen.
„Wer sagt das?“
„Jeder sagt das hier. Ich meine die Sache mit dem geheimnisvollen Energiekristallen. Die Förderung läuft auf Hochtouren, und trotzdem scheint es immer weniger davon zu geben...“
„Ich habe ebenfalls davon gehört. Große Mengen des geförderten Energiekristalls verschwinden, aber niemand weiß, wohin. Die beste Gelegenheiten für den Diebstahl der Kristalle wären die Förderstationen auf den Monden selbst oder, was wohl eher unwahrscheinlich ist, nehme ich jetzt mal an, die vielen Fracht- und Lagerterminals hier, für die unsere Teams verantwortlich sind, zu denen Sie ja auch gehören, Mr. Smith.“
Der Techniker zuckte plötzlich unwillkürlich zusammen. Cliffort beruhigte ihn gleich.
„Es gibt allerdings nicht die kleinsten Anhaltspunkte dafür, dass hier was fehlt. Vielleicht verschwinden die Frachtcontainer von den Transportschiffen während ihres langen Fluges durchs All.“
Der Mann nickte heftig mit dem Kopf.
„Wir haben hier nichts damit zu tun. Aus diesen Lagerhallen verschwindet nicht ein Gramm von den hier gelagerten Energiekristallen.“
"Das glaube ich Ihnen gerne, mein Guter. Dazu wären die Leute aus meiner Abteilung wohl auch nicht fähig. Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch wenn manche erst seit wenigen Wochen hier arbeiten.“
Dabei sah er Stella an, die ihm daraufhin einen bösen Blick entgegen schleuderte.
Das Gesicht des Technikers bot nach Clifforts Worten ein Anblick der Erleichterung.
„Danke“, erwiderte er, „auf mich können Sie sich immer verlassen. Ich erstatte Ihnen sofort Meldung, sollte ich etwas Auffälliges in dieser Fracht- und Lagerhalle bemerken. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, Mr. Cliffort.“
Der Mann hatte kaum seinen Satz zu Ende gesprochen, da öffnete sich auch schon das schwere Schleusentor. Er huschte durch den sich öffnenden Spalt und verschwand kurz darauf irgendwo auf der anderen Seite im Schatten der hohen Gebäude des Raumflughafens.
Marc Cliffort und Stella Hill schauten ihm noch hinterher, bevor sie das Tor wieder mit Unterstützung des hydraulischen Motors schlossen und dann verriegelten. Sie waren jetzt allein in der weiten Fracht- und Lagerhalle.
„Hast du genug Energie für die Lampen?“ fragte Stella Hill ihren Kollegen Marc Cliffort.
„Keine Sorge“, antwortete der Gruppenleiter knapp, „die Batterien sind randvoll“, sagte er noch und ging zurück in die Halle.
Das fahle Licht der weit oben hängenden Beleuchtungsketten, die sich jetzt im Dämmerlichtmodus befanden, tauchte die riesigen Frachtcontainer vor ihnen in einen unwirklichen Schein. Die Laderoboter waren mit ihrer Arbeit fertig und standen wie erstarrte Statuen auf den dafür vorgesehenen Warteplätzen. Nur ihre Augen leuchteten in einem schwachen Rot. Ein Zeichen dafür, dass man sie über Funk abgeschaltet und in den Energiesparmodus versetzt hatte.
Zu dieser Zeit herrschte in der kühlen Frachthalle hinter dem gewaltigen Raumflughafen totale Einsamkeit. Unendlich weit schienen die Schritte von Marc und Stella zu hallen.
Die explosionssicheren Frachtcontainer waren in zwölf Reihen zu je acht Stück gestaffelt. Obwohl die Halle nur etwa zur Hälfte gefüllt war, versprach es ein gutes Stück Arbeit zu werden, sie alle zu überprüfen.
Stella griff seufzend zum Verschluss des Prüfgerätes, das an ihrem breiten Kettengürtel in einer Metallbox hing und das in der Lage war, sehr genau den Inhalt der Container zu analysieren und deren Menge bis auf wenige Gramm Differenz genau zu schätzen.
Angesichts des Zeitdrucks überwand sie ihre Unlust und machte sich an die Arbeit. Zusammen mit ihrem Gruppenleiter trat sie an den ersten Großbehälter und richtete das Gerät auf die metallene Außenhaut des Frachtcontainers, dessen Länge an die fünfzig Meter betrug. Seine Breite war mit fünf, seine Höhe mit acht Metern angegeben.
Sobald das Prüfgerät damit fertig war, den Inhalt richtig erfasst zu haben, gab es ein akustisches Signal von sich und zeigte auf einem kleinen Monitor die gewonnen Daten an. Gleichzeitig verglich ihr Kollege Cliffort den beim Start von den Monden und bei der Landung eingegebenen Werten mit dem gewonnen Messergebnis vor Ort.
Hier beim ersten Container stimmten die Werte, weshalb Marc und Stella gleich weiter zum zweiten gingen. Die gleiche Prozedur wiederholte sich mit nahezu identischen Werten. Wegen der winzigen Gewichtsunterschiede, die durch den Einfluss der unterschiedlich starken Gravitationsfelder der Fördermonde herrührten, von dem Prüfgerät aber zuverlässig umgerechnet bzw. mit einkalkuliert wurden, hatte der Gruppenleiter den Auftrag, nur bei offensichtlich groben Missverhältnissen eine Öffnung des jeweiligen Frachtcontainers durchzuführen.
Marc und Stella wollten gerade auf den dritten Container zugehen, als sie plötzlich ein Geräusch hörten. Sie hielten beide inne und lauschten.
Wieder hörten sie das Geräusch. Sie konnten sich nicht erklären, woher es kam. Stella schaltete das Prüfgerät ab, als es damit anfing, ununterbrochen nervige Pieptöne von sich zu geben.
In der Halle war es auf einmal wieder so still, dass man sogar das leise Brummen der elektrischen Dimmer an der Beleuchtung unter dem hohen Bogendach hören konnte.
„Was kann das für ein Geräusch gewesen sein, Stella?“ fragte Cliffort seine Kollegin.
„Kann ich nicht sagen. Es ist eigentlich unmöglich, dass sich in der Halle jetzt noch jemand außer uns hier aufhält.“
Der Gruppenleiter wurde sich bewusst, dass die Zeit ablief. Er hatte seine Vorgaben und er durfte den Zeitplan nur minimal überschreiten. Cliffort musste sich nun entscheiden, ob er dem vermeintlichen Geräusch nachging oder so schnell wie möglich seine Arbeit zusammen mit seiner Kollegin Stella Hill erledigte.
In diesem Augenblick wiederholte sich das Geräusch. Da war also wirklich etwas. Stella befestigte das Prüfgerät wieder an ihrem Gürtel, sah dann mit einem skeptischen Blick auf den Chronometer an ihrem linken Handgelenk und wies Marc darauf hin, dass sie es kaum noch schaffen würden, mit der Inspektion fertig zu werden, wenn sie jetzt nachsehen, was hier los war.
„Wir können morgen früh vor Öffnung der Fracht- und Laderäume die restliche Arbeit erledigen“, gab der Gruppenleiter zur Antwort. Seine Kollegin Stella war damit einverstanden.
Cliffort lauschte noch einmal nach dem Geräusch, das jetzt wieder in seine Ohren drang. Es kam ihm auf einmal so vor, dass es mehr nach einem schwachen Stöhnen klang. Auch seine Kollegin Hill rührte sich nicht vom Fleck. Vorsichtig machte Cliffort ein paar Schritte mal nach vorne, dann zur Seite und wieder zurück nach hinten, bis er einen weiteren akustischen Anhaltspunkt für die mögliche Richtung bekam, aus der das seltsame Geräusch am deutlichsten zu hören war.
Dann gab er seiner Kollegin Stella ein klar sichtbares Handzeichen, dass er jetzt weitergehen wolle.
Zusammen bewegten sie sich im Schutz der Frachtcontainer behutsam und lautlos auf das hintere Ende der riesigen Halle zu, das im diffusen Halbdunkel lag. Nur ein paar gelbrote Positionslichter an den hohen Wänden leuchteten die Umgebung schwach aus. Clifforts rechte Hand streifte über die kühle Metallhaut der Container neben ihm, die mit einem Dekontaminationsmittel überspritzt worden waren, was einen weiteren Kühlungseffekt auf der Metalloberfläche zur Folge hatte.
Gerade als Marc und Stella vorsichtig die vierte Containerreihe passierten und eine offene Fläche überqueren wollten, vernahmen sie wieder ein stöhnendes Geräusch, das diesmal nur lauter und schmerzvoller klang.
Rasch griff der Gruppenleiter nach seiner handlichen Stabtaschenlampe, die an seinem ledernen Schultergurt herunterhing. Er hatte sie gerade von der Halterung gelöst, als sie ihm aus der Hand glitt und mit einem lauten Klappern zu Boden fiel.
Mit einer schnellen Bewegung bückte sich Cliffort und tastete den kalten Betonboden nach der Stablampe ab. In diesem Augenblick war das Stöhnen wieder zu hören, aber diesmal schien es näher gekommen zu sein.
Clifforts Fingerspitzen jagten jetzt in hitziger Panik über den Boden. Er fing an zu schwitzen und der üble Gestank der Ausdünstungen des Dekontaminierungsmittels machte ihm zu schaffen, das sich wie ein feiner Dunstschleier mehrere Zentimeter hoch über den Hallenboden gelegt hatte. Nur seiner Kollegin Stella Hill schien der Gestank offenbar nichts auszumachen. Er wunderte sich darüber, dachte aber nicht weiter darüber nach. Sie stand noch immer am vierten Container und wartete darauf, dass er die Stablampe endlich finden würde.
Da. Seine linke Hand stieß gegen etwas Hartes, das daraufhin noch etwas weiter von ihm weg rollte. Mit hastigen Bewegungen griff Cliffort hinterher und plötzlich schmiegte sich der kalte Stahl der Lampe in seine Hand.
Stella verhielt sich weiterhin ruhig. Sie wollte sich anscheinend nicht ehr vom Fleck rühren, bevor Marc den Strahler einschaltete, weil sie sich nur so sicher sein konnte, das sich ihnen nicht irgend etwas genähert hatte. Vielleicht trieb sich doch noch jemand in der Halle herum, der hier nach einer Möglichkeit suchte, an die Energiekristalle zu kommen um sie zu stehlen.
Seltsamerweise war jetzt nichts mehr zu hören. Marc ging hinüber zu Stella, die sich eng an seinen Körper schmiegte. Nur mühsam konnte sie ihre Gefühle unter Kontrolle halten.
„Verflucht noch mal!“ flüstere ihr Marc leise zu. „In dieser Halle ist irgendwas, und ich hab’ keine Ahnung, was es sein könnte. Es wird wohl besser sein, wir verschwinden von hier und holen Verstärkung.“
Stella nickte bestätigend mit dem Kopf und deutete in Richtung des Ausganges, wo sich die schwere Schleusentor befand.
Als sich beide gerade umdrehen wollten, begann wieder das schmerzvolle Stöhnen, das sich nach und nach immer mehr in eine schreckliches Gewimmer verwandelte. Nur war es komischerweise weiter entfernt wie vorher. Jedenfalls klang es so.
„Wir gehen jetzt, Stella. Bleib’ dicht bei mir und wenn wir an dem Tor sind, deckst du mir den Rücken mit deiner Waffe. Wieder nickte Stella mit dem Kopf. Vorsorglich tastete sie nach ihrer Strahlenwaffe und als sie den schlanken Griff des Handimpulslasers spürte, vermittelte er ihr das wohltuende Gefühl von Sicherheit, obwohl die Anspannung in ihr damit keineswegs abflaute. Jedenfalls würden sie sich notfalls verteidigen können, sollte irgendjemand versuchen, sie anzugreifen.
Während Cliffort Stella fest an sich drückte, versuchte er logisch zu denken. Aber in dieser schummrigen Finsternis schienen die chaotischen Gefühle die Kontrolle über seinen Verstand übernommen zu haben. Trotzdem tastete er sich mit seiner Kollegin vorwärts. Er hatte vor, bis zum Ende der belegten Containerstellplätze ohne Licht auszukommen oder es erst dann einzuschalten, bis er genau wusste aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Soviel wie er jetzt wusste, wurden sie offenbar von vorne an ihn herangetragen. Also ging er mit Stella zusammen auf die vermeintliche Quelle des Stöhnens zu, die sich irgendwo zwischen ihnen und dem Ausgang befinden musste.
Weiterhin vorwärts tastend überwanden sie die leeren Räume zwischen den riesigen Frachtcontainern. Nun standen sie, falls sie sich nicht verzählt hatten, vor dem letzten Container, hinter dem sich der Schleusenausgang befinden musste.
Cliffort schob seine Kollegin hinter sich und schaute um die Ecke. In diesem Augenblick waren kurze, schnell aufeinanderfolgende Schreie zu hören, die nur von panischen Versuchen, Luft zu holen, unterbrochen wurden. Dann trat von einer Sekunde auf die andere Stille ein, wie sie unheimlicher nicht sein kann.
Marc Cliffort hielt es nicht mehr aus und wollte das Risiko eingehen, den Strahler einzuschalten. Er drückte den Aktivierungsknopf und sofort schoss ein gebündelter Lichtstrahl aus dem breiten Kopfende der Stablampe. Vorsichtig leuchtete er um die Ecke des Containers. Er wusste nicht, was ihn dort erwartete. Er folgte jetzt mit seinen Blicken dem hellen Lichtkegel seiner Lampe, der gerade über einen Schrotthaufen aus irgendwelchen Metallresten wanderte. Von dort aus mussten die Schreie gekommen sein. Marc leuchtete in den Schrottstapel hinein, in dem sich einige abgeschnittene Stahlträger befanden, die kreuz und quer übereinander lagen und kleine Hohlräume bildeten.
Plötzlich sah er etwas. Der Lichtkegel seiner Stablampe huschte zurück auf eine Stelle, wo sich scheinbar noch etwas bewegte. Widerwillig lenkte Marc den Strahl seiner Lampe auf einen unnatürlich daliegenden Körper, dessen blutiger Kopf aus dem Metallgewirr heraushing.
„Ich habe etwas in dem Schrotthaufen liegen sehen. Vielleicht ist jemand verletzt, Stella. Nimm deine Strahlenwaffe in die Hand und bleib ein paar Schritte hinter mir. Sollte dir oder mir irgendwelche Gefahren drohen, dann zögere nicht abzudrücken. Ich gehe jetzt auf den Schrotthaufen zu und vergewissere mich, ob jemand dort vielleicht dringend Hilfe braucht oder nicht.“
„Sei vorsichtig, Marc. Wer weiß, was da zwischen den Metallresten liegt. Wir sollten lieber jetzt gleich Hilfe holen, bevor noch Schlimmeres passiert.“
„Trotzdem Stella, vorher möchte ich mich selbst davon überzeugen, was da los ist. Hilfe kann ich dann immer noch holen. Also..., ich gehe jetzt. Bleib’ mit deiner Waffe dicht hinter mir.“
Als Cliffort keine fünf Meter vor einem Gewirr aus allen möglichen Metallteilen stand, sah er einen Mann auf einem der wuchtigen Stahlträger liegen. Sein Körper war unnatürlich verkrümmt und an einigen Stellen hatte er tiefe Fleischwunden, sodass man teilweise die nackten Knochen erkennen konnte. Scheinbar hatte sich der Unglückliche noch bis dorthin geschleppt und sich bemerkbar machen wollen.
Von Ekel ergriffen lenkte Cliffort den Lichtstrahl von den Stiefeln aufwärts, der gerade auf dem blutigen Brustkorb ein Namensschild passierte auf dem „Morrison“ stand, und dann war ihm plötzlich so, als führe ein heftiger Schlag durch seine Glieder, als er in das Gesicht des Mannes leuchtete.
Das gesamte Gesicht war hässlich aufgequollen. Der Hals war mit Blut verschmiert und an einigen stellen waren offensichtlich Adern geplatzt, so dass sich große Hämatome unter der Haut gebildet hatten. Seine Augen waren blutrot unterlaufen und aus den Augenhöhlen getreten. Es sah fast so aus, als hätte man Morrison brutal gewürgt. Erschüttert wandte sich Cliffort von dem Mann ab, der bis vor wenigen Sekunden noch gelebt haben muss, da immer noch frisches Blut aus seinen schrecklichen Wunden floss.
Als Cliffort sich umdrehte, stand plötzlich Stella hinter ihm und hielt ihm die Laserpistole direkt ins Gesicht. Er erschrak so heftig, dass sein Hals trocken wurde, und er nach Luft schnappen musste.
„Was soll das denn, Stella? Lass’ diesen Unsinn! Willst du mich damit umbringen?“ stotterte der Gruppenleiter fassungslos vor Angst.
Cliffort trat instinktiv einen Schritt zurück. Stella folgte ihm wortlos mit erhobener Waffe. Ihr Gesicht sah aschfahl aus und machte einen verzerrten Eindruck auf ihn.
Er schluckte und spürte, wie sich seine Speiseröhre zusammenzog, als bekäme er einen Krampf. Die Furcht wuchs bei ihm ins Bodenlose. Die ganze Situation hatte etwas Unwirkliches an sich; etwas, das nicht hierher passte, weil dies die Realität war und kein Platz für Anormales zuließ.
Doch der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Marc Cliffort erschrak bis in seine Eingeweide. Er wollte weglaufen, doch seine Beine schienen seinem Wollen nicht zu folgen.
Stella, seine bildhübsche Kollegin, verwandelte sich schrittweise, fast wie in Zeitlupe, in eine schrecklich aussehende Echsen artige Kreatur mit riesigen Reißzähnen und grüner Schuppenhaut. Im nächsten Augenblick spie das Ungeheuer eine schwarze Flüssigkeit aus, die Cliffort mitten ins erschreckte totenblasse Gesicht traf. Er wollte noch schreien, brachte aber kein Ton mehr über die Lippen. Dann fiel er wie vom Blitz getroffen zu Boden, wo er zuckend nach wenigen Sekunden starb.
Das Monster grunzte zufrieden, als es die Leiche des Gruppenleiters gierig in Stücke riss und genüsslich bis auf die Knochen verspeiste. Dann war Morrisons Kadaver an der Reihe, den die Bestie in Gestalt von Stella Hill im Schrotthaufen versteckt hatte, als ein Wartungstechniker überraschend die Halle betrat und sie bei dem Versuch störte, Morrison zu töten um ihn zu fressen.
Eine neue Chance erhielt die schreckliche Kreatur, als sie in Gestalt von Stella Hill zusammen mit Marc Cliffort in die Fracht- und Ladehalle dienstlich zurückkehren konnte. Während die Roboter in der Fracht- und Lagerhalle arbeiteten, war jeder Zutritt für menschliches Personal strengstens verboten. Es bestand Lebensgefahr. Nur nach Arbeitsende und bei Wartungsarbeiten, wenn sie sich im Ruhemodus befanden, konnte man die Halle gefahrlos betreten. Und so kam es, dass schließlich das Ungeheuer alleine mit seinen beiden Opfern war, die in dieser Situation dem Monster hilflos ausgeliefert waren.
Als die Echsen artige Kreatur ihre Fressorgie endlich beendet hatte, materialisierte plötzlich zwischen den blutverschmierten Klauen ein silbrig glänzender Gegenstand, der aussah wie ein Bumerang. Wenig später drückte sie einige rot leuchtende, kryptische Zeichen auf der metallenen Oberfläche und im gleichen Moment war die blutrünstige Gestalt im Nichts verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Zurück blieb ein Ort des Grauens.
***
Unter den wenigen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Großraumfrachters befand sich auch ein hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang. Der weite Flug durchs All ging zur Erde.
„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundliche Stewardess der intergalaktischen Transportgesellschaft auf den Bumerang ähnlichen Gegenstand aufgeklebt hatte.
Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines bequemen Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.
Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlich aussehender Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines Echsen artigen Monsters verwandeln.
© Heiwahoe
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5. Das Monster
***
„Ich war zu einer Mischung aus allem Unreinen, Unangenehmen, ja Abnormen und Unheimlichen geworden, etwas, das vom Verfall, modrigem Alter und stinkender Entblößung gekennzeichnet war.“
***
Wenn ein erwachsener Mensch durch die schlechten Erinnerungen an seine Kindheit zutiefst unglücklich wird, ihm diese Zeiten des hilflosen Ausgeliefertseins und der Wehrlosigkeit seines kindlichen Daseins auch noch große Angst, Schrecken, Verzweiflung, Traurigkeit und dunkle Träume bringen, so ist das in der Tat ein furchtbarer Zustand, der ihn wohl früher oder später zerstören wird, es sei denn, er hat einen außergewöhnlich starken Charakter und lässt sich davon, trotz aller Entsetzlichkeiten, die er in seinem Leben ertragen musste, nicht geistig und seelisch zerbrechen.
Das schreckliche Los solch einer schweren Kindheit war mir beschieden, ja mir, dem Verwirrten, dem Haltlosen und eines von diesen negativen Auswirkungen jenes unbewältigten Lebensabschnittes heimgesuchten Menschen, als er noch klein, unschuldig, empfindlich und in jeder Hinsicht wehrlos war.
Oder war alles am Ende nur eine verrückte Einbildung, gar nur ein böser Traum, der mich seit Beginn meines Daseins wie eine Fata Morgana begleitend narrt?
***
Hier fängt meine Geschichte an.
Geboren wurde ich in einem kleinen, recht düsteren Dorf unterhalb eines sehr alten Burgschlosses, das auf einem hohen, zerklüfteten Berg stand. Meine Eltern arbeiteten bis zu ihrem Tode für die adligen Herrschaften, die hier ansässig waren, und nahmen mich schon als kleines Kind mit nach oben ins Schloss, wo ich die meiste Zeit von irgendwelchen alten Frauen aufgepasst und versorgt wurde.
Etliche Jahre später, als junger Mann, ging ich dann auf Entdeckungsreisen in den dunklen Kellergängen und Korridoren der angrenzenden Burganlage, wo es immer schrecklich kühl und feucht war. Überall lag ein modriger Geruch in der Luft, besonders in den abgelegenen, tief unter der Erde liegenden Kellerräumen, wo auch die vermoderten Skelette ehemaliger Gefangener verstreut herumlagen. Fürchterliche Szenen müssen sich hier unten abgespielt haben, dachte ich so bei mir, als ich an mumifizierten Leichen und fleischlosen Knochen vorbei stolperte.
Wie viele Jahre ich dort oben auf dem Burgschloss verbracht habe, weiß ich heute nicht mehr so genau, aber es muss eine lange Zeit gewesen sein. Dann starben meine Eltern, und ich war mittlerweile zu einem jungen Mann heran gewachsen.
Eines Tages ging ich wieder einmal auf Entdeckungsreise durch die alten Gemäuer der abseits gelegenen Burganlage. Dann traf ich plötzlich auf einen hohen, schwarzen Turm, der sich schon fast am Ende der Burgmauer befand. Seltsamerweise hatte ich ihn vorher noch nie gesehen. Ich wunderte mich zwar darüber, dachte aber nicht weiter darüber nach.
Es war bereits später Nachmittag. Im dumpfigen Dämmerlicht einer alten Steintreppe stieg ich den gespenstisch aussehenden Turm hinauf. Fledermäuse kamen mir entgegen und flogen aufgeregt nach allen Seiten davon. Ich ignorierte sie einfach.
Nach einer Weile kam mir der Aufstieg irgendwie schwerer und langsamer vor, denn so viel ich auch die Treppen weiter nach oben klettern mochte, lichtete sich die Dunkelheit über mir nicht, von der ich mittlerweile umgeben war. Ich musste meine aufkommende Panik mit aller Gewalt unterdrücken und fragte mich daher, warum ich das Licht des Turmendes dieser steinernen Wendeltreppe noch nicht erreicht hatte.
Mühsam ging ich Stufe für Stufe weiter und rutschte seitlich an der glitschigen, mit Moos bewachsenen Wand entlang. Ich wollte bei diesem gefährlichen Aufstieg auf gar keinen Fall leichtsinnig werden und wohl möglich noch abstürzen.
Ich schleppte mich also weiter nach oben, so gut wie es eben ging.
Irgendwann stieß ich plötzlich mit dem Kopf gegen eine alte Holzdecke. Meine Kletterei war fürs erste zu Ende, denn es schien mir so, als ob sich ein Teil der hölzernen Decke wie eine Klapptür nach oben anheben ließ.
Ich stemmte mich jetzt mit der rechten Schulter dagegen und drückte mit aller Kraft von unten gegen die schwere Holzplatte, die sich nur langsam nach oben bewegen ließ. Die verrosteten Scharniere quietschten dabei so laut, dass mir die Ohren weh taten. Schließlich kippte sie über ihren toten Punkt und krachte durch ihr eigenes Gewicht laut polternd auf den staubigen Boden. Als sich die Staubwolke wieder gelegt hatte, kroch ich mühsam durch die frei gewordene Öffnung.
Im festen Glauben daran, dass ich mich bereits schon jetzt ganz oben auf dem höchsten Punkt des schwarzen Turmes befinden würde, erhob ich mich vorsichtig vom Fußboden und tastete mich an der feuchten Wand entlang hinüber zu den Aussichtsöffnungen. Fahles Mondlicht drang durch die schmalen Sehschlitze und erhellte ein wenig den unheimlichen Raum. Trotz allem, von hier oben aus würde ich einen hervorragenden Blick über die weite Landschaft haben, dachte ich und wurde jedoch sogleich wieder enttäuscht. Plötzlich waren die Sehschlitze nicht mehr da.
Alles was ich fand, waren breite Nischen aus Stein, in denen eine große Menge Kisten untergebracht waren, die hier übereinander geschichtet überall herum standen.
Hatte sich der dunkle Raum des schwarzen Turmes, in dem ich mich gerade befand, unbemerkt verändert? Wieder kroch eine unbestimmte Angst in mir hoch, die ich nur schwer unter Kontrolle bringen konnte.
Zum ersten Mal machte ich mir Gedanken darüber, was für ein uraltes Geheimnis dieser abgelegene Teil des Schlosses wohl verbergen mochte. Plötzlich stieß ich mit meinen suchenden Händen auf eine Tür und rüttelte instinktiv daran. Staub fiel von der Decke, als ich sie mit einem kräftigen Ruck öffnen konnte. Ein kalter Windstoß kam mir entgegen.
Der dämonische aller Schrecken ist wohl der, wenn man auf das zutiefst Unerwartete trifft und zwar an einer Stelle, wo man etwas ganz anderes erwartet hätte, als das, was ich im nächsten Moment erblickte. Anstatt eines schwindelerregenden Ausblicks aus erhabener Höhe stand ich plötzlich auf einem Kiesweg, der links und rechts von einer großen Anzahl schlanker, hoch aufragender Marmorsäulen flaniert wurde.
Halb bewusstlos stolperte ich voran und folgte dem Kiesweg bis zu einer alten, halb verfallenen Kirche, die sich gespenstisch im diffusen Mondlicht vor mir erhob. Ich wusste im ersten Moment einfach nicht, wo ich war. Wilde Gedanken schossen durch meinen Kopf. Waren meine Erlebnisse an diesem seltsamen Ort nur ein schlechter Traum oder etwa nur ein böser Zauber, dem ich verfallen war?
Ich torkelte benommen auf den dunklen Torbogen der alten Kirche zu und befand mich plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, in einer völlig anderen Gegend.
Zuerst war ich geschockt, dann stellte ich mit Erstaunen fest, dass vor mir offenes Land lag. Ich folgte einer breiten Straße, die ich immer wieder verließ, um querfeldein über grüne, saftige Wiesen zu gehen. Einmal kam ich sogar an einen träge dahin fließenden Fluss und überquerte ihn auf einer schmalen, moosbewachsenen Brücke, die offenbar schon sehr alt sein musste, denn ihr Mauerwerk war brüchig und bröckelte an vielen Stellen langsam vor sich hin.
Wie lange ich in dieser wunderschönen Gegend herum gelaufen bin, weiß ich nicht mehr so genau zu sagen, bis ich ganz plötzlich vor einem weitläufigen Park mit hohen Bäumen und vielen, schnurgeraden Wegen stand. Am hinteren Ende des wunderschönen Parks stand ein großes Schloss, das hell erleuchtet war und mir seltsamerweise irgendwie bekannt vor kam.
Mit festen Schritten marschierte ich darauf zu, bis ich schließlich eine hohe Glastür erreichte, die sich als Eingang in das innere des Schlosses entpuppte.
Ich öffnete behutsam die Glastür und sah mich immer wieder nach allen Seiten um. Kaum war ich hindurch geschritten, drang auch schon im gleichen Augenblick der Lärm einer fröhlichen Festlichkeit in meine Ohren.
Ich ging einfach weiter und stand kurz danach vor einem langen mit glänzenden Marmorplatten ausgelegten Gang, der offenbar zu einem prächtig erleuchteten Saal führte. Lautes Lachen schallte durch alle angrenzenden Gänge. Hoffnungsvoll schritt ich auf den Saal zu und erreichte bald eine kurios bekleidete Gesellschaft, die sich anscheinend ausgelassen vergnügte.
Was dann folgte, konnte schlimmer nicht sein. Denn als mich die feiernden Leute sahen, wurde die ganze Gesellschaft von einem jähen Entsetzen ergriffen, das von einer unglaublichen Intensität war. Jedes einzelne Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze und grässliche Schreie drangen aus den weit aufgerissenen Mündern. Viele der Anwesenden bedeckten ihre Augen und einige Frauen fielen sogar in Ohnmacht.
Dann geschah es ohne Vorwarnung.
Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin brach Panik aus, und die ganze Partygemeinde wandte sich laut schreiend kopflos zur Flucht. Sie warfen Tische und Stühle um und rannten blind und tölpelhaft den rettenden Ausgängen entgegen, wo bereits alle Türen weit offen standen. Die Dienerschaft hatte sie unverzüglich aufgerissen.
In kürzester Zeit war der große Saal menschenleer geworden. Nur hier und da fielen noch ein paar Gegenstände von den wackelnden Tischen. Dann trat eine fürchterliche Stille ein.
Ich konnte meinen eigenen Atem hören und schritt jetzt langsam auf die Mitte des Saales zu, wo ein übergroßer Spiegel aufgestellt worden war. Als ich direkt vor ihm stand, erschrak ich sogleich bis ins letzte Mark meiner Knochen. Doch bald beruhigte ich mich wieder, ohne eigentlich zu wissen, welchen Grund es dafür gab.
Im Spiegel sah ich nämlich eine schreckliche Lebendigkeit, ein unvorstellbares und unbeschreibliches Scheusals, das durch sein bloßes Erscheinen eine fröhlich feiernde Gesellschaft in einen kopflosen Haufen flüchtender Wesen verwandelt hatte.
Dieses Scheusal war ich!
Ich war zu einer Mischung aus allem Unreinen, Unangenehmen, ja Abnormen und Unheimlichen geworden, etwas, das vom Verfall, modrigem Alter und stinkender Entblößung gekennzeichnet war.
Obwohl ich meinen zerfressenen Körper und die vermoderten Klamotten irgendwie gefühllos und ohne Furcht betrachtete, empfand ich dabei überhaupt keine Abscheu vor mir selbst. Ich schrie noch nicht einmal über diesen höllischen Zustand auf, obwohl ich mich doch in ein abstoßendes Monster verwandelt hatte.
Im nächsten Augenblick brachen sämtliche Erinnerung über mich wie eine Lawine herein. Ich wusste in dieser Sekunde alles, was in meinem bisherigen Leben geschehen war. Meine Reise in die Vergangenheit ging zurück bis zu meiner Geburt, die ich glotzend beobachtete. Ich sah schließlich auch, wie meine Eltern mich nach oben in ein schreckliches Schloss brachten, wo ich von alten Frauen entgegen genommen wurde, die wie Hexen aussahen und mich in einen satanischen Kreis legten. Überall brannten große und kleine Kerzen. Sie hielten offenbar irgendein böses Ritual ab.
Von diesem Augenblick an wusste ich jetzt, dass ich eine Ausgeburt der Hölle war. Mir wurde auch schlagartig klar, dass ich nie wieder ein Mensch sein würde, sondern mich in ein Monster verwandelt hatte, das in einem schwarzen Turm hauste, um sich von dort aus in mondhellen Nächten zu den Menschen zu schleichen, um ihr Blut zu trinken, von dem ich lebte.
***
Ob die Träume möglicherweise das Fieber brachten oder umgekehrt, das Fieber die Träume, konnte der alte Simon Goldberg nicht sagen. Er wusste nur, dass er einen fürchterlichen Traum geträumt hatte, der sich tief in sein verunsichertes Bewusstsein eingebrannt hatte.
Jetzt, wo es ihm wieder etwas besser ging, verließ Mr. Goldberg das warme Bett und trat schlurfend ans Fenster seines Schlafzimmers. Draußen war es noch dunkel. Der Mond warf sein fahles Licht über die von langen Schatten überzogene Landschaft.
Er schob den Vorhang ein wenig beiseite und blickte hinaus auf ein altes Dorf, das sich unterhalb eines uralten Schlosses befand, das einmal im Mittelalter von adeligen Leuten bewohnt worden war, die während der Inquisition als Teufelsanbeter auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sind. Danach stand das Schloss und alle anderen Gebäude auf dem hohen Berg leer. Man fürchtete sich vor diesem Ort des Bösen. Das Schloss und die Burganlage zerfielen alsbald langsam zu einer einzigen, großen Ruine, die schließlich von knorrigen Bäumen, stacheligen Sträuchern, feuchtem Moos und hohem Gras zurück erobert wurde.
Es gab auch das böse Gerücht, dass dort oben in einem schwarzen, unsichtbaren Turm ein Ungeheuer wohnen soll, das von dort aus in die Welt des Menschen zieht, um in den hellen Mondnächten das Blut der Menschen zu trinken. Die meisten Leute glaubten zwar nicht daran, aber dem Fremdenverkehr tat es gut, denn die Besucher liebten solche gruseligen Geschichten.
Draußen an der Eingangstür seines Hauses klopfte es plötzlich. Der alte Simon Goldberg schaute verwundert auf seine Armbanduhr und ließ den Vorhang des Schlafzimmerfensters mürrisch zurückfallen. Er dachte darüber nach, wer ihn um diese Zeit noch besuchen wollte. Es war ja schon fast Mitternacht. Trotz aller Bedenken ging er behäbigen Schrittes hinüber zur Tür, die er vorsichtig öffnete. Dann lugte er durch den sich öffnenden Spalt der Eingangstür.
Draußen stand eine sonderbar aussehende Gestalt, die ihn auf Anhieb einen ziemlich Schrecken einjagte. Sie trug einen modrigen, nach Verwesung stinkenden, schwarzen Umhang, der bis zum Boden runter reichte. Die Augen glühten blutrot und starrten den alten Mann fixierend an.
Plötzlich schoss die krallenartige Hand des Monsters durch die halb geöffnete Tür und grub sich tief in den Körper bis zum Herz des alten Mannes hinein, der im gleichen Moment lautlos zusammenbrach und bereits tot war, noch bevor er auf die kalte Treppe seines Hauseinganges dumpf aufschlug. Eine hohe Blutfontäne spritzte aus seiner noch zuckenden Brust. Das Monster stürzte sich jetzt wie von Sinnen auf den leblos am Boden liegenden Körper und trank begierig den herausquellenden Lebenssaft.
Als man am nächsten Tag die blutverschmierte Leiche des alten Simon Goldbergs fand, ordnete man sofort die schreckliche Tat einem perversen Mörder zu, der hier in der Gegend sein Unwesen treiben musste, aber von der Polizei niemals gefunden wurde. Also legte man den Fall irgendwann zu den Akten und vergaß ihn bald.
***
Ein Albtraum schüttelte mich. Schlagartig und noch ganz benommen erwachte ich in meinem Bett und sah im gleichen Augenblick hinüber zum Fenster. Draußen schien bereits die Morgensonne, die mit steigender Intensität ihre hellen, wärmenden Strahlen über das weite Land warf.
Ich verließ das Bett, ging hinüber zum Schlafzimmerfensters, schob die Vorhänge beiseite und blickte durch das offene Fenster nach draußen zum fernen Horizont, wo sich auf einem hohen, felsigen Berg ein wunderschönes Schloss in den blauen Himmel erstreckte.
Ich hörte, wie meine Frau unten in der Küche das Frühstück vorbereitete. Unser kleiner Junge schlief noch, den ich aber bald wach machen würde, weil wir ihn mit zur Arbeit auf das Schloss nehmen mussten.
Vor einiger Zeit hatte man das Schloss zu einem vornehmen Hotel ausgebaut. Bei den anstehenden Renovierungsarbeiten fand man in den dunklen Kellergängen und angrenzenden Korridoren eines alten Turmes einen vermoderten Sarg mit einer gut erhaltenen, aber stark mumifizierten Leiche darin. Wie man bald feststellen konnte, musste sie hier unten schon sehr lange gelegen haben. Sie stammte wohl aus dem Mittelalter. Nach eingehenden Untersuchungen durch ein Institut für Altertumsforschung führte man die sterblichen Überreste später der Verbrennung zu.
Während der Einäscherung meinten die Mitarbeiter des Krematoriums, die bei der Verbrennung der Leichenreste zugegen waren, fürchterliche Schreie aus dem Ofen gehört zu haben.
Aber wahrscheinlich hatten sie sich nur geirrt.
Tote können doch nicht mehr schreien. Wer glaub denn an so etwas?
***
Nach dem gemeinsamen Frühstück nahm meine Frau unseren kleinen Jungen auf den Arm und zusammen gingen wir hinüber zur Garage, wo unser Auto stand.
Fünf Minuten später befanden wir uns auf den Weg zur Arbeit.
Seltsamerweise war heute unser Kleiner sehr unruhig und schrie die ganze Zeit wie am Spieß herum. Er ließ sich auch von seiner Mutter einfach nicht beruhigen. Als wir oben am Schloss ankamen, schlief unser Junge allerdings glücklicherweise schon wieder. Vorsichtig übergab meine Frau den friedlich schlafenden Wonneproppen zwei sehr alten Damen, die hier schon seit einer Ewigkeit in einem schwarzen Turm des Schlosshotels wohnten und heute den ganzen Tag auf ihn aufpassen würden.
Es ging das komische Gerücht um, die zwei alten Weiber seien in Wirklichkeit Hexen, worüber wir nur lachen konnten.
Meine Frau und ich waren eigentlich sehr froh darüber, dass sie sich so hingebungsvoll um unseren kleinen Jungen kümmerten, damit wir beide hier oben auf dem Schloss unserer Arbeit ungestört nachgehen konnten.
ENDE
(c)Heiwahoe
***
Draußen herrschte ein erbarmungsloser Frost.
Lange Eiszapfen hingen überall von den weit verstreut liegenden Gebäuden unterschiedlichster Bauformen und den Ästen der skurril aussehenden Bäume. Die weite Landschaft war mit einer dicken Schneeschicht überzogen, an einigen Stellen hatten die vergangenen, heftigen Schneegestöber die weiße Pracht meterhoch aufgetürmt.
Ich befand mich allerdings nicht auf der Erde.
Die wuchtige Schleusentür eines großen, igluartigen Hauses öffnete sich mit einem zischenden Geräusch. Warme Luft drang nach außen und kondensierte schlagartig zu einer flüchtigen Wolke aus feinen Eiskristallen.
Lazar Tarock hatte offenbar schon gewusst, dass ich kommen würde und den Öffnungsmechanismus der metallenen Haupteingangstür rechtzeitig in Gang gesetzt.
Wenn man einen Hundertjährigen besucht, erwartet man in der Regel einen alten Mann zu begegnen, der sich mehr oder weniger mit seiner Sterblichkeit bereits abgefunden hat und genau aus diesem Grunde eigentlich einen gewissen Grad an innerer Ruhe, Gelassenheit und schicksalsbedingter Resignation ausstrahlen sollte. Man spricht zwar nicht gern darüber, aber man kann zum Beispiel am leeren Blick der Augen und am gebrochenen Klang der Stimme hören, dass bei alten Menschen so eine Art Weltverdrossenheit oder das resignierende Gefühl von Lebensüberdruss vorherrschte, als gäbe es nichts, aber rein gar nichts mehr, was noch zu überraschen imstande gewesen wäre.
Lazar Tarock jedoch war zu meiner großen Überraschung ein reines Energiebündel, der jetzt mit entschlossenen Schritten zur geöffneten Schleusentür herauskam und zielstrebig durch den tiefen Schnee auf mich zuschritt. Sein eng anliegender, wärmender Ganzkörperanzug ließ ihn wie ein Raumfahrer aussehen.
Dann stand er vor mir. Bevor er sprach, atmete er eine kleine Nebelwolke aus und nahm mich konzentriert in Augenschein.
„Sind Sie der legendäre Mike Storm?“ fragte er mich mit fester, sonorer Stimme und hielt mir spontan die rechte Hand zum Gruß hin.
„Ja..., Mr. Tarock, der bin ich. Aber das mit dem ‚legendär’ lassen wir lieber mal weg.“
„Na ja, auch gut. Nun kommen Sie schon herein junger Mann! Sie werden hier draußen noch erfrieren. Warum haben Sie keinen Thermoanzug an?“
Ich zögerte etwas.
„Ich kam mit einer Schneeraupe. Die sind innen gut beheizt und der Weg zu Ihnen war nicht weit. Der Raumflughafen Telstar One liegt ja gleich mehr oder weniger um die Ecke“, erwiderte ich ihm.
„Sie sind ziemlich leichtsinnig, mein Freund. Hier auf dem Planeten Lanthea sinken die Temperaturen bisweilen schon mal schlagartig auf Minus 60 Grad. Da sollten Sie so einen Ganzkörperanzug immer dabei haben. – Schon aus Sicherheitsgründen, wenn Ihnen was am eigenen Leben liegt.“
„So gesehen haben Sie das Recht auf ihrer Seite“, gab ich schnell etwas verlegen zu und ging an Mr. Tarock vorbei in das kuppelartige Haus, dessen gemütlich eingerichteten Räume mich überraschten. Als ich das Ende des langen Röhrenganges durchquert hatte, stand ich plötzlich in einem Wohnraum vor einem brennenden Kaminfeuer. Knisternd stoben rotglühende Funken nach oben in den Abzug.
Der alte Lazar Tarock war mir unmittelbar gefolgt, ging schließlich hinüber zu einem Schrank und öffnete eine kleine Minibar. Dann sah er zu mir hinüber.
„Nehmen Sie doch Platz, Mr. Storm! – Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Unbedingt“, gab ich auf der Stelle zur Antwort.
Er förderte einen Dekanter mit dunkelrotem Landwein zutage und als ich ihm meine Hilfe anbot, beharrte Mr. Tarock darauf, dass ich sitzen bleiben und mich entspannen solle.
„Wie ich erfahren konnte, hatten Sie einen langen Flug“, sagte er mit Bestimmtheit und entfernte den Korken, schenkte zwei Gläser ein, reichte mir eins rüber und brachte ein Toast aus.
„Auf alle, die in der interstellaren Raumflotte Dienst tun“, rief er aus und trank einen kräftigen Schluck aus dem Glas. Dabei strahlte er mich an, um mir zu zeigen, dass er sehr genau wusste, was er einmal gewesen war, und das die Leute ihn dafür zu schätzen wussten, dass er sich nicht davor scheute, alles über den Haufen zu werfen oder alte, überkommene Zöpfe abzuschneiden, wenn es die jeweilige Situation erforderlich gemacht hätte.
„Also Mr. Storm“, fuhr Mr. Tarock fort, “es ist mir eine große Freude, Sie kennen zu lernen. Einen so großartigen Raumfahrer, noch dazu einen so jungen, hier bei mir zu Hause zu haben, kann ich kaum glauben. Ich kann Ihnen nur sagen, ich hätte einiges darum gegeben, dabei gewesen zu sein, als Sie Ihre Entdeckung gemacht haben. – Die Energiekristalle vom Planeten Cristall I. Alle Achtung! Eine großartige Entdeckerleistung, die die Raumfahrt grundlegend verändert hat. So jung und schon so erfolgreich. Man glaubt es kaum.“
Ich wehrte bescheiden ab. Die ganze Sache hatte sich sowieso anders abgespielt. Aber was soll’s? Die Leute erzählten die Geschichte immer wieder anders. Von Planet zu Planet. Ich hatte einfach keine Lust mehr dazu, sie wahrheitsgemäß zu korrigieren.
Mr. Lazar Tarock war ein gepflegter alter Herr, nicht groß, dafür aber sehr schlank und außerordentlich sehnig. Seine wachen Augen waren von einem tiefen Blau und er besaß die aufrechte Haltung einer Person, die halb so alt sein dürfte wie er. Seine Haut war braun und fast ohne Falten, sein Haar war weiß und seine Stimme klang klar und kraftvoll. Dieser alte Mann strahlte immer noch einen unbändigen Lebenswillen aus.
Lazar Tarock stellte den Dekanter auf einen kleinen Rolltisch ab, wo wir ihn alle beide erreichen konnten. Dann setzte er sich in einen bequemen Ledersessel, der gleich rechts neben mir stand. Der alte Mann räusperte sich ein wenig, blickte zu mir herüber und kam gleich zur Sache.
„Ich nehme mal an, Sie kommen wegen meines Sohnes Orpheus.“
„Richtig, Mr. Tarock.“
Auf einem Bücherregal und auf einem Nebentisch standen einige eingerahmte Fotos. Auf etlichen davon konnte man das Gesicht eines verwegenen Mannes mit weißem Backenbart erkennen. Wir sahen beide hinüber zu den Bildern und betrachteten sie eine zeitlang.
„Ich verstehe“, antwortete er mir nach einer Weile des Schweigens. „Das ist schon in Ordnung und die ganze Sache ist auch gar nicht so kompliziert, wie Sie vielleicht denken mögen. Wissen Sie, mein Sohn hat die berühmten KI’s entwickelt, installiert und gewartet. Dreißig Jahre lang hat er für die intergalaktische Raumflotte gearbeitet, ehe er sich ein eigenes Raumschiff zugelegt hat und auf eigene Faust Erkundungsreisen zu unbekannten Planeten unternahm. – Aber ich denke mal, das wissen Sie bereits.“
„Ja.“
„Bitte erlauben Sie mir dennoch die Frage, Mr. Storm, warum Sie das alles interessiert? Hat es wohlmöglich irgendwelche Probleme mit meinem Sohn Orpheus gegeben?“
„Nein“, antwortete ich ihm. „Ich versuche nur herauszubekommen, was seinerzeit auf der Trident II passiert ist.“
Mr. Tarock brauchte einen Augenblick, um diesen Gedanken zu verarbeiten. Er schien sich nach innen zu kehren.
„Das hat Orpheus sich auch immer wieder gefragt.“
„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte ich.
„Das war eine ziemlich sonderbare Geschichte. Ich habe bis heute nicht verstanden, was genau passiert ist. Deshalb wüsste ich auch nicht, wie ich Ihnen helfen könnte.“
„Der Wein ist sehr gut. Darf ich mir noch ein Glas einschenken?“ fragte ich Mr. Tarock. Ich wollte aber auch andererseits das Gesprächstempo etwas drücken.
„Aber natürlich. Nur zu, junger Mann. Tun Sie sich keinen Zwang an.“
„Danke. Der ist für Murphy.“
„Murphy war ein hervorragender Kommandant gewesen. Ein Vorbild für alle jungen Raumfahrer“, sinnierte der alte Mann.
„Das ist richtig. Er war auf dem ersten Schiff, das am Ort des Geschehens eintraf. Er und Lord Blake – Murphy war der 1. Kommandant auf der Poseidon - waren die Männer, die die Trident II nach den mörderischen Ereignissen entdeckt haben. Doch dann wurde Murphy ermordet. Seine Leiche wurde nie gefunden.“
Für einen kurzen Moment spiegelte sich Bedauern in den Augen des Hundertjährigen.
„Hat Ihr Sohn Orpheus je mit Ihnen darüber gesprochen oder Ihnen davon erzählt, was da draußen passiert ist? Die Trident II war sein Raumschiff.“
„Nein, einmal abgesehen von seinen persönlichen Gefühlen.“
„Was hat er gefühlt?“
„Anscheinend Angst. Nichts als reine Angst, die sich bei ihm bis ins schier grenzenlose Entsetzen steigerte.“
Ich bemerkte, wie der alte Mann den Kopf schüttelte und innerlich vor seinem geistigen Auge über die Jahre hinweg in die Vergangenheit zu blicken schien.
Ich weckte nur ungern schmerzhafte Erinnerungen, aber da gab es den Verdacht, dass Orpheus späterer Tod kein Unfall gewesen war.
„Was denken Sie, warum man Ihren Sohn möglicherweise ermordet hat? Hatte es möglicherweise was mit der Entdeckung auf seinem Schiff zu tun?“ fragte ich mit der gebotenen Zurückhaltung.
Der alte Mr. Tarock bemerkte meine Vorsicht.
„Ist schon in Ordnung. Ich bin über den Tod meines Sohnes schon lange hinweg. Sie wollen wissen, ob man ihn ermordet hat?“
Ich nahm einen Schluck Wein zu mir, setzte das Glas vorsichtig ab und sah Mr. Tarock direkt ins Gesicht. Seine Augen blinzelten plötzlich wie eine sprungbereite Katze. Diese Reaktion hatte ich eigentlich nicht erwartet. Ich tat so, als würde ich nichts bemerkt haben.
„Was denken Sie?“ fragte ich ihn mit gespielter Ahnungslosigkeit.
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß es ehrlich nicht.“
Ich hakte nach.
„Wer konnte durch seinen Tod etwas gewinnen?“
„Auch darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben, Mr. Storm. Mein Sohn war ein Abenteurer. Er kannte die Gefahren da draußen in den unendlichen Weiten des Alls. Er blickte dem Tod trotzig ins Antlitz. Ich bewunderte seinen Mut, der jedoch auch mit einer Portion Angst gepaart war. Er sagte immer, dass es keinen Mut ohne Angst geben würde. Ich machte mir auf der anderen Seite natürlich auch Sorgen um ihn. Wer tut das nicht als Vater?“
Der alte Mann machte eine kurze Pause, trank einen Schluck Wein und beendete seine Rede mit einer Frage.
„Darf ich fragen, ob der Tod meines Sohnes etwas mit dem Geschehen auf seinem Raumschiff zu hat?“
„Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber vor ein paar Tagen hat jemand die Zuleitungen der Antigravitationsspulen an meinem Gleiter sabotiert. Ich kann von Glück sagen, dass ich den Schleudersitz noch rechtzeitig bedienen konnte, bevor der trudelnde Gleiter auf dem Boden aufschlug und explodierte. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Die Suchmannschaften fanden mich schließlich bewusstlos am Rande eines Eismeeres. Fast hätten mich die Eiswölfe gefressen.“
Mr. Tarocks Augen weiteten sich. Er sah mich an, ehe er wieder irgendwohin in weite Ferne zu starren schien. Seine Worte klangen etwas abwesend.
„Das ist alles schon sehr merkwürdig. Ich bin froh darüber, dass Sie den Absturz heil überstanden haben und es Ihnen gut geht, Mr. Storm.“
Der Hundertjährige füllte unsere Gläser nach und brachte diesmal einen Toast auf mich aus.
„Ich wünschte, Sie wären bei meinem Sohn Orpheus gewesen. Er würde bestimmt noch leben“, sagte er wehmütig und eine Träne rann über seine Wange. „Es ist viel über die Verbrechen auf der Trident II geredet worden. Sogar mein eigener Sohn geriet in Verdacht“, fuhr er verbittert fort und ich sah, wie er in seinen Erinnerungen wühlte.
Er machte wieder eine kleine Pause, bevor er weitersprach.
„Und Sie denken wirklich, es gibt einen Zusammenhang zu Orpheus Tod?“ fragte er mich schließlich.
Die Falten um seinen Mund und seine Augen schienen sich dabei noch tiefer in die Haut zu graben. Sein Gesicht veränderte ein wenig die Farbe.
„Aber sicher, Mr. Tarock“, antwortete ich ihm.
Er überlegte eine Weile, und was er auch immer sagen wollte, er sprach es jetzt nicht aus.
Ich machte mir ein paar Notizen. Ich hatte mir schon vor langer Zeit angewöhnt, dass es besser war, nicht die ganzen Gespräche aufzuzeichnen, weil das bewirkte, dass die Leute Hemmungen bekamen, frei zu sprechen.
„Hat es vor dem Tod Ihres Sohnes irgendwelche Drohungen oder Warnungen gegeben, Mr. Tarock?“
Er nippte an seinem Wein und stellte das Glas behutsam auf den kleinen Rolltisch zurück.
„Nein. Es gab nichts dergleichen. Es hat keinen Grund gegeben, dass ihm jemand ein Leid zufügen wollte. Nach dem Geschehen auf seinem Raumschiff Trident II allerdings schien er irgendwelche Geheimnisse zu verbergen. Er hatte sich verändert und wurde immer verschlossener. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Ich hatte das komische Gefühl, er wünschte sich sogleich, er könnte die letzten Bemerkungen zurückziehen; aber es war zu spät, und so zuckte er nur mit den Schultern.
„Mr. Tarock, warum glauben Sie, dass Ihr Sohn Geheimnisse hatte?“
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte über meine Frage nach.
„Wie ich schon sagte, er hatte sich verändert“, antwortete er schließlich.
„Inwiefern?“
„Ich kann das schwer in Worte fassen. Es kam mir so vor, als hätte jemand Besitz von ihm ergriffen. Er führte auch immer mehr Selbstgespräche, gerade so, als spräche er mit jemanden. Ich dachte anfangs, dass es nur eine vorübergehende Erscheinung bei ihm sei, aber da hatte ich mich geirrt. Es wurde noch schlimmer und bald stammelte er nur noch unverständliche Worte. Es klang wie eine fremde Sprache, die nur er verstand.“
Ich grübelte etwas.
„Die Veränderungen in seinem Verhalten sind also erst nach der Trident II-Geschichte eingetreten, sagten Sie?“
„Ja“, antwortete Mr. Tarock.
Für die nächste Frage wollte ich mir etwas mehr Zeit nehmen und überlegte mir, wie ich anfangen sollte. Schließlich legte ich spontan los.
„Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Geschehens auf der Trident II, Mr. Tarock.“
Der alte Mann erhob sich plötzlich, trat an den Kamin und stocherte ein paar Mal im Feuer herum.
„Ich war damals auf Indianapolis, einer Außenstation im Alpha System. Die liegt im Musari-Sektor, außerhalb des Andromeda Nebels. Mein Sohn hatte mich Monate vorher dort abgesetzt und vorübergehend da ebenfalls Station gemacht. Wir waren eine kleine Gruppe ehemaliger Veteranen aus dem technischen Support. Wir hatten gemeinsame Interessen, und wir haben uns alle recht gut verstanden.“
Ich machte mir abermals ein paar Notizen. Auch dort, auf der Außenstation Indianapolis, hatte es ähnlich schreckliche Morde gegeben.
„Wann haben Sie die Außenstation wieder verlassen, Mr. Tarock?“
„Ich bin schon am nächsten Tag irdischer Zeitrechnung wieder abgereist. Ich weiß nicht warum ich das tat. Ich hatte so ein komisches Gefühl, vielleicht deshalb, weil ich ahnte, dass ich wohl eine lange Zeit von meinem Sohn nichts mehr hören würde. Nun, Sie müssen bedenken, dass er sich da draußen in der Unendlichkeit an Bord der Trident II befand und schon vorher monatelang zusammen mit seiner Crew unterwegs gewesen war. Sie waren auf dem Weg zu irgendeinem Zielort, ich weiß nicht mehr, zu welchem, und Orpheus testete gerade eine neue Generation von KI’s an Bord seines Schiffes. Ich nahm noch während des Fluges zur Trident II Kontakt zu ihm auf und habe von ihm fast täglich gehört. Irgendwann hat er mir eine verschlüsselte Botschaft zukommen lassen und darin geäußert, dass irgendwas seltsames auf der Trident II passiert sei, aber dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Er schrieb, vermutlich wäre nur die Kommunikationsanlage ausgefallen. Dann hörte ich vorläufig nichts mehr von ihm.“
„Und als Sie schließlich die Trident II erreichten, hat er Sie da weiterhin auf dem Laufenden gehalten?“
„Nur bis auf das, was Sie schon wissen. Er wurde plötzlich von Tag zu Tag verschlossener und sprach nur noch mit sich selbst. Die ganze Crew bekam Angst vor ihm. Er wurde unberechenbar.“
„Während Ihres Aufenthaltes auf dem Schiff Ihres Sohnes sind sechs Passagiere der Trident II so gut wie spurlos verschwunden. Hat er Ihnen nichts davon erzählt? Nicht einmal andeutungsweise?“ fragte ich argwöhnisch und verzog dabei die Mine etwas säuerlich.
„Ja, ich habe davon gehört. Sozusagen auf Umwegen. Das war wirklich ärgerlich. Mein Sohn spielte die ganze Sache herunter. Er wollte wohl eine Panik verhindern. Immerhin befanden sich weit mehr als dreihundert Leute auf seinem Raumschiff. Er schien sich auch nicht sonderlich darüber aufgeregt zu haben. Einige andere Crewmitglieder haben mir später erzählt, dass irgendwas Furchtbares auf der Trident II passiert sein musste. Es gab anscheinend eine Reihe von bestialischen Morden an fünf oder sechs Besatzungsmitgliedern. Man fand lediglich nur noch einige verstreut herumliegende, blutverschmierte Knochen an den jeweiligen Orten dieser entsetzlichen Taten. Mehr kann ich darüber nicht sagen. “
Ich wusste auf einmal nicht mehr, wie ich meine nächste Frage loswerden sollte. Deshalb fragte ich Mr. Tarock, ob sein Sohn im Umgang mit anderen Leuten ehrlich gewesen war.
„Soviel ich weiß, hat sich Orpheus stets korrekt benommen. Aber Unehrlichkeit und Korruption kann man bei keinem Menschen ganz ausschließen“, gab er mir zur Antwort.
„Hätte er sich denn kaufen lassen? Was meinen Sie?“
„Um möglicherweise etwas Unmoralisches oder Böses zu tun? Orpheus? Nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Er war eine ziemlich starke Persönlichkeit und voller Selbstbewusstsein.“
„Aber ganz ausschließen würden Sie es nicht?“
„Ich sagte Ihnen doch schon, Mr. Storm, dass man Unehrlichkeit und Korruption bei keinem Menschen ganz ausschließen kann. Das gilt auch für das Böse. Es steckt in jedem als Keim in uns.“
Ich zog aus meiner wasserdichten Seitentasche sechs Bilder hervor auf denen die Gesichter einiger Crewmitglieder der Trident II zu sehen waren.
„Kennen Sie vielleicht zufällig einige dieser Personen, Mr. Tarock?“
Er studierte sie und schüttelte nach einer Weile den Kopf.
„Auf dem Langstreckenraumschiff meines Sohnes gab es eine eingeschworene Kernmannschaft, die für den sicheren Flugbetrieb der Trident II unerlässlich war. Die Gesichter dieser Männer und Frauen könnte ich unter Tausenden sofort herauspicken. Das übrige Mannschaftspersonal wechselte aber ständig, weil es entweder Kolonisten oder freie Raumfahrer waren, die manchmal nur für die Dauer einer einzigen Mission angeheuert wurden. Die Personen auf den Fotos kenne ich daher nicht. Sie sind mir unbekannt.“
„Sind Sie sich da ganz sicher, Mr. Tarock?
„Ja natürlich. Es müssen Leute sein, die auf den unteren Decks oder im Maschinenraum der Antimateriegeneratoren gearbeitet haben. Ich hielt mich in der Regel, wenn ich hin und wieder mal auf der Trident II war, meistens auf der Kommandobrücke meines Sohnes auf. Ich kam nur ganz selten mit der übrigen Mannschaft in Kontakt.“
„Hm, na gut. Ich glaube, das war’s dann, Mr. Tarock. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit mir zu reden“, sagte ich. „Auch für den Wein, der mir außerordentlich gut gemundet hat. Ich fühle mich wie neugeboren.“
„Ja, der Wein verändert oftmals den Charakter des Menschen. Und dieser Wein stammt vom Sonnenplaneten Ischcolon, im Raumquadraten Delta, falls dieser Ihnen ein Begriff ist. Aber schon gut, Mr. Storm. Ich habe mich sehr darüber gefreut, Sie mal ganz persönlich kennen gelernt zu haben. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.“
„Ach was, Mr. Tarock. Machen Sie sich wegen Ihres Alters keine allzu großen Sorgen. Unsere hervorragenden Biogenetiker können das Leben eines Menschen glatt verdoppeln.“
„Sie haben gut reden, junger Mann. Was wissen Sie schon vom Alter und Älterwerden?“
Ich erhob mich leicht benommen aus meinem Ledersessel. Mir wurde plötzlich etwas schwindlig und wäre beinahe über den kleinen Rollwagen gestürzt, der mir den Weg versperrte.
„Geht’s Ihnen nicht gut, Mr. Storm?“, fragte mich der Alte und grinste mich dabei herablassend an.
Irgendwas ging in mir vor, ich wusste aber nicht was. Ich kam nicht dahinter.
Mittlerweile war es draußen schon dunkel geworden.
Wir kamen zur offenen Schleusentür heraus, blieben für einen Moment in der frostigen Luft stehen und gingen dann schnurstracks zu meiner abgestellten Schneeraupe hinüber. Die Innenheizung hatte sich bereits automatisch eingeschaltet, die Front- und Seitenscheiben waren deshalb schnee- und frostfrei.
Ich verabschiedete mich von dem alten Mann, der sich Lazar Tarock nannte und wünsche ihm noch ein langes Leben. Dann setzte ich mich, noch immer leicht benommen, hinter den klobigen Steuerknüppel meines Schneefahrzeuges und fuhr damit zurück zum Raumflughafen Telstar One, der etwa acht Kilometer von meinem derzeitigen Standort in westlicher Richtung lag.
Als ich wieder im meinem Hotel war, ging es mir schon wieder viel besser. Ich stellte umgehend eine verschlüsselte Video- und Tonverbindung mit der Zentrale des Raumflottengeheimdienstes (RGD) her.
Nur wenige Sekunden später blickte ich in das Gesicht meines Führungsoffiziers Oberst Stanislav Poronovsky.
„Mein Gott, Storm! Ich dachte schon, es gibt Sie nicht mehr. Wo haben Sie bloß solange gesteckt? Sie sind mir vielleicht ein Draufgänger. Und was Ihre geheimen Daten anbelangt, habe ich diese bereits im Labor auswerten lassen. Sie sind eine einzige Sensation! Wir haben auch eine genetische Fernprobe von Mr. Tarocks Körperzellen gemacht. Es gibt keinerlei Zweifel darüber, dass Lazar Tarock nicht ‚der’ Lazar Tarock ist, den wir von früher her kennen. Wir haben aufgrund der biogenetischen Untersuchungsergebnisse der von Ihnen sichergestellten Gewebezellen nachweisen können, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um jenes Monster handelt, so eine Art Reptil oder ähnliches, das für die bestialischen Fressmorde auf der Trident II verantwortlich ist. Es mordet wohlmöglich überall, wohin es kommt. Dieses Biest hat unseren Ermittlungen nach offenbar sowohl den echten Lazar Tarock, als auch seinen Sohn Orpheus gefressen. Dann nahm es die Gestalt vom alten Tarock an, und konnte auf diese Weise unerkannt entkommen. Dieses Ding scheint jede x-beliebige Gestalt eines Menschen annehmen zu können und ist dazu in der Lage, jedes Individuum täuschend echt zu imitieren. Dabei infiziert es den befallenen Körper seines Wirtes nach und nach mit seiner eigenen DNS und verändert ihn innerhalb nur weniger Minuten und stellt eine Kopie von ihm her. Das ist einfach phantastisch. Wir konnten es zuerst selbst nicht glauben, aber die Resultate der Biogenetiker sind eindeutig. Die Ergebnisse stellen einen gewaltigen Fortschritt in der Biogenetik dar. Wir wissen jetzt um das Geheimnis der Metamorphose dieses Monsters. Stellen Sie sich einmal vor, welche ungeahnte Tragweite diese neu gewonnenen Erkenntnisse für die gesamte Menschheit haben werden. Nicht auszudenken! – Ach übrigens, dass Sie den Mut hatten, in die Höhle des Löwen zu spazieren, macht Sie für eine neuerliche Beförderung reif. Ich schlage daher vor, Sie beenden die geheime Mission und zünden den ferngesteuerten Sprengsatz, den Sie in Tarocks Haus heimlich reinschmuggeln konnten. Der Körper des Monsters wird durch die Hitze des Thermosprengsatzes bis zur Unkenntlichkeit verbrennen. Bestätigen Sie diesen Tötungsbefehl und senden Sie uns den Code X, wenn Sie ihn ausgeführt haben. Ende der Übermittlung. – Oberst Stanislav Poronovsky, Raumflottengeheimdienst.“
Nur wenige Augenblicke später jagte ich Tarocks Kuppelhaus aus einer Entfernung von mehr als acht Kilometer mit einem ferngezündeten Sprengsatz in die Luft. Es war eine fürchterliche Detonation, die man noch bis Telstar One hören konnte. Danach stieg eine gewaltige Stichflamme hinauf in den dunklen Nachthimmel von Lanthea. Eine Weile betrachtete ich versonnen den hell lodernden Lichtschein am fernen Horizont und sendete kurz darauf den Code X an die Zentrale des Raumflottengeheimdienstes, der ihn umgehend verschlüsselt bestätigte. Dann wurde die Verbindung endgültig gekappt.
Nachdem ich mich etwas frisch gemacht hatte, ging ich zum Videophon und orderte eine Einzelkabine für einen einfachen Langstreckenraumflug zurück zum Planeten Terra im Sonnensystem SOL.
Mein neuer Körper fühlte sich noch etwas sonderbar an, denn er war im Vergleich zum alten Body von Mr. Tarock relativ jung und angenehm unverbraucht. Auch der Name Mike Storm ging mir noch etwas schwer über die Lippen. Aber ich würde mich schon noch daran gewöhnen. Auf dem Flug zur Erde war ja Zeit genug dafür.
***
Unter den zahlreichen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Raumschiffes befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.
„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.
Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.
Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.
ENDE
(c)Heiwahoe
***
„Neugier kann tödlich sein.“
Mr. Georg Random war ein Mensch mit Prinzipien, der sich in jeder Lage stets äußerst korrekt verhielt. Der gut gekleidete Mann stand gerade vor einer Fußgängerampel, schaute flüchtig auf die Uhr und sah, dass die schwach fluoreszierenden Zeiger seiner Armbanduhr langsam auf 21 Uhr vorrückten. Obwohl er fast dreiundsechzig Jahre alt und bereits Pensionär war, sah er wesentlich jünger aus. Deshalb hatte er sein ehemaliges Hobby, die Gärtnerei, zum Nebenberuf gemacht.
Mr. Random schaute nach oben in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Die Regenwolken zogen dahin wie dickbauchige Segelschiffe.
Noch vor wenigen Minuten hatte es heftig geregnet und gestürmt. Jetzt allerdings nieselt es nur noch ein wenig und auch der Wind hatte etwas nachgelassen, was den gut aussehenden alten Herrn aber nicht davon abhielt, den Regenschirm wieder zu schließen. Sein Mantel war ein gutes Stück britischer Handarbeit. Das bisschen Regenwasser wird mir schon nicht schaden, dachte Mr. Random und blickte geduldig wartend zur Ampel hinüber, die immer noch auf Rot stand.
Die tagsüber belebte Straße war um diese Zeit nur wenig befahren. Jetzt waren allerdings weit und breit an diesem Abend so gut wie keine Spaziergänger unterwegs. Das Wetter war einfach zu schlecht, was die Leute davon abhielt, nach draußen zu gehen.
Ganz plötzlich schaltete die Ampel auf Grün und Mr. Random zog noch im gleichen Augenblick seinen Hut ein wenig tiefer in die Stirn, weil er befürchtete, der Wind könne ihn möglicherweise wegwehen. Dann betrat er zügig den Zebrastreifen.
Er hatte ihn schon fast überquert, als plötzlich ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zuschoss und ihn mit seinen hellen Scheinwerfern blendete. Für eine Sekunde blieb der alte Mann vor Schreck wie erstarrt stehen, machte dann aber einen gewaltigen Satz nach vorne und entging nur knapp einer Kollision mit dem vorbeirasenden Auto, das ihn sicherlich wie eine Puppe in die Luft geschleudert hätte. Nicht auszudenken was mit ihm passiert wäre.
Wegen des weiten Sprunges rutschte er auf dem nassen Gehweg aus und sein Körper fiel augenblicklich nach hinten. Fast wäre er gestürzt, wenn nicht im selben Moment jemand nach ihm gegriffen hätte und ihn mit kräftigen Armen fest hielt, um Schlimmeres zu verhindern.
Während das Fahrzeug mit aufheulendem Motor und hässlich quietschenden Reifen davon sauste, stand Mr. Random noch der Schock ins Gesicht geschrieben.
„Das wäre ja fast schief gegangen! Es hätte Sie beinahe erwischt!“ rief der junge unbekannte Mann, der Mr. Random vor einem schweren Sturz zurück auf die Straße bewahrt hatte.
Ohne die Reaktion seines verdatterten Gegenüber abzuwarten, der jetzt am ganzen Körper wie Espenlaub zitterte, sagte der junge Mann mit eindringlicher Stimme: „Hören Sie! Ich bin Arzt. Sie sehen im Augenblick nicht gut aus. Ich bringe Sie jetzt vorsichtshalber in das nahe gelegene Krankenhaus. Ich kann Sie hier nicht so einfach stehen lassen ohne gegen mein ärztliches Verantwortungsgefühl zu verstoßen.“
Ehe überhaupt Mr. Random zustimmen oder ablehnen konnte, hatte der hilfsbereite junge Kerl bereits ein sich gerade näherndes Taxi angehalten. Beide stiegen ein und kurz darauf fuhren sie ins Krankenhaus.
***
Der grauhaarige Mann hinter dem Schreibtisch ließ mit einer geräuschvollen Geste das dicke Buch in seiner Hand zuschnappen und blickte die vor ihm stehende Frau mit dem hübschen Gesicht skeptisch an.
„Doktor Max Wellington?“ fragte sie mit angenehmer Stimme, die ein wenig rauchig klang. Ihre Gesten wirkten fahrig und nervös.
Der Angesprochene musterte das junge weibliche Wesen höflich und nickte bedächtig mit dem Kopf. Dann sagte er: „Wie er leibt und lebt, Miss, äh..., was führt Sie zu mir?“
„Ich bin Swetlana Morrison“, stellte sie sich vor und streckte dem alten, aber immer noch gut aussehenden Doktor, abrupt die Hand über dem mit Büchern und Schriftstücken übersäten Schreibtisch entgegen.
Verwundert zog dieser die Augenbrauen nach oben, ergriff schnell ihre Hand und deutete mit der anderen auf einen Leder gepolsterten Stuhl.
„Bitte nehmen Sie doch Platz! Ich habe nicht viel Zeit, weil ich heute den letzten Tag in der Stadt bin. Ich bin im Begriff meinen Urlaub anzutreten, werde aufs Land fahren und muss noch meine Sachen packen. Also machen Sie es kurz! Wie kann ich Ihnen helfen?“
Die junge Frau blickte auf einmal etwas gehetzt um sich, obwohl sich sonst keiner mehr im Raum befand, als sie und der alte Herr hinter dem Schreibtisch.
„Ich werde Sie bestimmt nicht lange aufhalten, Dr. Wellington. Aber ich muss ihnen etwas Wichtiges mitteilen.“
„Nun, worum geht es?“ wollte der Doktor wissen. „Schießen Sie endlich los!“ raunte er missmutig.
„Ich bin die neue Leiterin des City Museums für Mystische Kunst.“
Der Doktor unterbrach junge Frau.
„Ja, das kenne ich. Wusste gar nicht, dass der alte Jack Hoover in Pension gegangen ist. War der schon so alt? Wie die Zeit vergeht. Sollte ich mich etwa täuschen oder haben Sie diese Stelle erst vor Kurzem angetreten? “ fragte Dr. Wellington neugierig.
Die junge Frau nickte ein paar Mal mit dem Kopf.
„Mein hochgeschätzter Vorgänger ist auf Grund von argen gesundheitlichen Problemen vorzeitig in den Ruhestand getreten. Ich war bereits als Nachfolgerin vorgesehen und habe in Anbetracht der Umstände die freigewordene Stelle früher angetreten.“
Dr. Wellington nickte verständnisvoll und griff verstreut nach einigen Büchern, die er unbedingt noch einpacken und mit in den Urlaub nehmen wollte. Er war eine ausgesprochene Leseratte.
Swetlana Morrison räusperte sich auffällig, bevor sie weiter redete. Nebenbei strich sie sich hektisch durch die Haare.
Dr. Wellington beobachte sie aus dem Augenwinkel beim Zusammenpacken der Bücher. Was konnte es nur sein, was diese auf den ersten Blick so selbstbewusste Frau in eine solch unkontrollierte Nervosität versetzte? Sein Gesicht sah jetzt etwas nachdenklich aus.
„Ich habe eine Zeit lang im Ausland gearbeitet. Auf Grund der genannten Umstände musste ich mich recht schnell in mein neues Aufgabengebiet einarbeiten. Ich hatte nur wenig Zeit. Und in diesem ganzen Durcheinander der Umorganisation musste es wohl passiert sein...“
Der Rest des Satzes blieb in der Luft hängen. Dann blickte die junge Frau plötzlich Dr. Wellington intensiv und konzentriert an.
Dieser fragte sich, wann seine Besucherin endlich zum Kern ihres Anliegens kommen würde und was das alles mit ihm zu tun haben könnte, als kurz darauf Swetlana Morrison mit einem tiefen Seufzer fortfuhr.
„Bitte entschuldigen Sie mein unmögliches Verhalten. Um es kurz zu machen: Eines unserer Exponate ist verschwunden. Genauer gesagt, das Original. Und irgendjemand hat eine Fälschung an seiner Statt platziert.“
Der Doktor wurde jetzt neugierig.
„Dumme Geschichte. Haben Sie eine Ahnung, wer das war und wie der Austausch des Exponates bewerkstelligt wurde.“
Die junge Museumsleiterin schüttelte mit dem Kopf.
„Leider wissen wir gar nichts. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass wir den Austausch des Artefaktes noch nicht einmal selbst bemerkt haben. Erst ein Museumsbesucher hat uns auf das Malheur aufmerksam gemacht, der anhand eines Bildes im Museumsführer den kleinen Unterschied bemerkte. Stellen Sie sich eine solche Blamage vor! Ein völlig unerfahrener Besucher bemerkt den Austausch!“
„Haben Sie denn schon die Polizei eingeschaltet?“
Abermals schüttelte die junge Frau mit dem Kopf.
„Ich kann die Polizei nicht einschalten. Der Skandal wäre perfekt, das ganze Prestige unseres Hauses wäre dahin.“
Doktor Wellington dachte bei sich, wie wenig angenehm so ein Einstieg in dieser Situation vermutlich für die neue Direktorin selbst war, die ganz am Anfang ihrer Laufbahn stand. Er bedauerte die junge Frau. Er verstand ihr Anliegen, dass die ganze Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte.
„Das ist nun der Grund, warum ich hier bin, Mr. Wellington“, fuhr sie fort und blickte den Doktor weiterhin fest an.
„Und was denken Sie, was ich in dieser Angelegenheit für Sie tun kann?“ fragte er, wobei er abermals nachdenklich seine Stirn runzelte.
„Ich möchte Sie gerne engagieren, um das Original wiederzubeschaffen.“
Der alte Dr. Wellington saß die ganze Zeit während des Gespräches lässig hinter seinem Schreibtisch, aber bei dem letzten Satz fuhr er wie von einer Tarantel gestochen aus seinem Bürosessel hoch.
„Da muss ich Sie jetzt aber enttäuschen, meine Gute“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen. „Ich bin kein Detektiv. Für derlei Aufträge gibt es sicherlich genügend andere. Ich könnte Ihnen ein paar Adressen mitgeben wenn Sie wollen...“
Die neue Museumsleiterin war aber nicht so leicht von ihrem Vorhaben abzubringen.
„Ich weiß, ich weiß. Mir ist völlig klar, welch ungewöhnliches Ansinnen das ist“, antwortete sie.
Erstaunlicherweise legte sich ihre Nervosität immer mehr, und nun saß dem Doktor plötzlich eine sehr energisch und zielbewusste Persönlichkeit gegenüber.
„Ich wüsste wirklich niemanden, der besser geeignet ist als Sie, Dr. Wellington. Es geht in dieser Angelegenheit schließlich nicht um irgendwelche Verfolgungsmaßnahmen oder Beschattungen, sondern darum, unauffällig herauszubekommen, wer überhaupt ein Interesse an dem Artefakt haben könnte und welche Person oder Personen dahinterstecken, um sie bei der Wiederbeschaffung identifizieren zu können. Wie soll denn ein Detektiv, der sich nicht mit dieser Art von Gegenständen auskennt, überhaupt erkennen können, wenn er eines davon in der Hand hält? Sie aber könnten das mit Leichtigkeit!“
Der Doktor schüttelte mehrmals den Kopf energisch hin und her.
„Meine liebe Miss Morrison, selbst wenn es so wäre, meine Fachgebiete sind ausgestorbene Sprachen und Geheimschriften. Archäologische Artefakte unbekannter Herkunft, die zudem offenbar noch was mit Kunst zu tun haben sollen, kommen bei mir erst an zweiter Stelle. Außerdem habe ich jetzt keine große Lust und Zeit dazu, mich mit solchen Belanglosigkeiten zu beschäftigen. Nein, tut mir ehrlich gesagt leid für Sie, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“
Die junge Frau erwiderte nichts. Sie saß nur da, senkte sichtlich betrübt den Kopf und schaute wie abwesend auf den mit kunstvoll verschnörkelten Mäandern verzierten Teppichboden zu ihren Füßen. Einige Minuten schwiegen beide. Dann erhob sich Miss Morrison plötzlich wortlos, seufzte auffällig laut und reichte Dr. Wellington widerwillig die rechte Hand hin. Sie hatte wohl erkannt, dass sie im Augenblick bei ihrem Gegenüber nichts mehr würde erreichen können.
„Ich möchte mich trotzdem dafür bedanken, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben, Dr. Wellington“, murmelte sie, drehte sich sichtlich enttäuscht um und verließ eilig das Büro. Sie sah aus wie jemand, dem man die letzte Hoffnung geraubt hatte.
***
„War dein Besuch bei Dr. Wellington erfolgreich?“ Die Stimme ihres Neffen Oliver war wie üblich vom unverwüstlichen Optimismus getragen, selbst durchs Telefon.
„Er hat rundweg abgelehnt. Er scheint offenbar nicht das geringst Interesse an der Sache zu haben. Vielleicht lag es auch daran, dass er in Gedanken schon nicht mehr bei der Arbeit war. Er wollte in den Urlaub fahren. Trotzdem hätte er mir wenigsten etwas Interesse signalisieren können...“
Die junge Museumsdirektorin hörte selbst, wie deprimierend ihre Worte klangen.
„Was, er hat abgelehnt? Das kann doch nicht wahr sein!“ Olivers Stimme war anzumerken, wie befremdlich er die unerwartete Reaktion des Doktors fand.
„Er scheint wirklich nichts mit dieser außergewöhnlichen Sache etwas zu tun haben zu wollen. Keine Ahnung, was man ihm bieten müsste, damit er den Auftrag annimmt.“ Die Stimme der jungen Frau klang verzweifelt.
Ihr Neffe schwieg einen Moment lang bevor er plötzlich eine Idee hatte.
„Sag mal, Tantchen, du kennst doch diesen verschrobenen Multimillionär Mr. Benjamin Allister recht gut. Seid ihr nicht sogar eng miteinander befreundet? Ich meine den Typen mit der schwarzen Augenklappe, der sich immer damit rühmt, dass seine Vorfahren berühmte Piraten waren?“
„Was willst du damit sagen, Neffe?“
„Dieser Allister sammelt doch wie verrückt alles, was nur den Anschein eines mystischen Geheimnisses hat. Das gestohlene Artefakt würde ihn sicherlich interessieren. Dabei haben es ihm besonders unbekannte Schriften oder Schriftzeichen angetan. Und das hat doch dieses Ding – oder?“
Es dauerte einen Moment, bis bei Swetlana Morrison der Groschen fiel.
„Hm, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde mit Benjamin mal darüber reden. Danke für den Tipp, lieber Neffe. Ich werde ihn gleich anrufen. Wir sehen uns morgen beim Frühstück. Mach’s derweil gut...“
„Lass’ den Kopf nicht hängen, Tantchen. Schon morgen sieht alles anders aus. Ich bin mir sicher, dass Mr. Allister zubeißt. Bei dem spielt Geld doch keine Rolle, wenn es um solche Dinge geht. Außerdem steht der auf dich. So, ich lege jetzt lieber auf. Wir sehen uns dann!“
Noch am selben Abend führte die neue Museumsdirektorin zwei Telefonate. Eines in die USA mit ihrem Freund Benjamin Allister, ein weiteres mit Dr. Wellington. Danach ging sie ins Bad, machte sich für das Bett fertig und summte die ganze Zeit vor sich hin. In dieser Nacht schlief Swetlana Morrison besonders gut.
***
„Wie haben Sie heraus bekommen, dass es sich bei dem Artefakt um ein Duplikat handelt?“
Der Pensionär Dustin Herold drehte seinen Kopf nur leicht zu dem Fragesteller, den er hier im Museum das erste Mal sah. Er warf dem gut beleibten Mann einen abschätzenden Blick zu.
„Wer sich damit auskennt, sieht das sofort“, meinte er kurz angebunden.
Dr. Wellington wackelte mit dem Kopf. Endlich hatte er den Typen soweit. Seit einer halben Stunde führte er ein geschicktes Gespräch mit ihm und endlich war er da, wo er ihn hin haben wollte.
Mr. Herold kam jeden Freitag zwischen eins und fünf, und er hatte den Mann regelrecht abgepasst. Er war ein äußerst kluger Kopf mit einem fast fotographischen Erinnerungsvermögen. Er liebte besonders ausgefallene Artefakte oder seltene Kunstgegenstände aus längst untergegangenen Kulturen.
„Ich konnte mich genau an die Form und Anordnung der Hieroglyphen auf dem ausgestellten Gegenstand erinnern. Sie waren irgendwie gebrauchter, als das Ersatzstück, das ich später zu Gesicht bekam.
Dr. Wellington betrachtete fasziniert das aus glänzendem Metall bestehende, wie ein Bumerang geformtes, ungewöhnliche Gebilde mit leicht zusammengekniffenen Augen.
„Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Hieroglyphen aus einer etwas anderen Farbe bestehen. Die auf der Nachbildung ist zwar auch rot, aber die auf dem Original war einfach intensiver. Manchmal hatte ich den seltsamen Eindruck, sie würden zu leuchten beginnen. Die Nachbildung tat das nicht. Ich kann mich natürlich auch getäuscht haben, aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass es manchmal so war, beim Original meine ich.“
Dr. Wellington schwieg versonnen und betrachtete das seltsam aussehende Artfakt immer noch. Auch wenn es nur eine Kopie war, war er insgeheim von Form und Aussehen dieses Dings irgendwie innerlich angetan.
„Das Original verfügt angeblich über geheime Zauberkräfte – sagt man jedenfalls. Es soll jede x-beliebige Person, die es in der Hand hält und über die Hieroglyphen einen ganz bestimmten Code eingibt einfach so verschwinden lassen können. Aber wer glaubt schon so einen Unsinn? Das Museum profitiert allerdings davon. Der Besucherstrom reißt einfach nicht ab. Der Gegenstand ist für viele schon ein regelrechtes Kultobjekt.“
Der Doktor hatte bereits von solchen Zuständen gehört. Mr. Herold beugte sich plötzlich leicht nach vorne und senkte die Lautstärke seiner Stimme.
„Wissen Sie, es darf kein Wort nach draußen dringen, dass es sich bei diesem Objekt nur um eine Nachbildung handelt. Das Museum verlöre eine Menge Geld, wenn die Täuschung auffliegt. Die Besucher blieben aus und die Einnahmen würden rapide sinken. Also kein Wort darüber, dass das, was Sie da in den Händen halten, nur ein Duplikat ist. Mit dem, was ich finanziell bekommen habe, schweige ich wie ein Grab bis an mein Lebensende.“
Mit diesen Worten tippte er sich leicht an seinen Hut und erhob sich ächzend, gestützt auf seinen krummen Spazierstock, von seinem Platz.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag, Herr Doktor. Und legen Sie das Ding wieder genauso in die Vitrine zurück, wie es da vorher gelegen hat. Wir wollen doch nicht, dass noch ein weiterer Besucher den Schwindel aufdeckt – oder?“
Dann verschwand der Pensionär Mr. Herold geräuschlos durch die offene Glastür und verließ das Säulen bestückte Museum über einen Aufzug.
Kaum war er außer Sichtweite, sprang Dr. Max Wellington wie von einer Ameisenarmee gebissen auf und eilte ins Büro von Swetlana Morrison. Er hatte ein paar interessante Fragen an die junge Museumsdirektorin.
***
„Dieser Mr. Herold scheint sich sehr gut auszukennen. Vielleicht sollten wir ihn ein wenig mehr auf den Zahn fühlen“, sagte Dr. Wellington.
„Wir lassen das lieber. Der weiß mehr als uns lieb ist. Wir haben ihn gut für sein Schweigen bezahlt und mit ihm eine Abmachung getroffen. Wenn wir ihn weiterhin belästigen, könnte er das an die große Glocke hängen“, erwiderte Miss Morrison energisch.
„Sie haben Recht, das geht nicht“, pflichtete Dr. Wellington ihr bei. „Wir müssen mit dem Wenigen, was wir bisher herausbekommen haben, einen Weg finden, das Original wiederzufinden. Ich lasse mir dazu einige Ideen durch den Kopf gehen. Aber zuerst werde ich einen guten Bekannten von mir in der Innenstadt besuchen, der dort einen kleinen Buchladen betreibt. Er kennt fast jeden und hört so allerlei...“
Doch mehr wollte Dr. Wellington nicht verraten. Er bat Swetlana Morrison ihm noch um ein Foto des Originals auszuhändigen, bevor er sich von ihr verabschiedete.
***
Die kleine Buchhandlung lag ziemlich versteckt in einer Seitenstraße am äußersten Rande der Innenstadt, wo ein großer, historischer Park anfing.
Bereits als Dr. Wellington in die kleine Gasse einbog, war ihm so, als ließe er die moderne Welt hinter sich. Hier schien die Zeit schon lange stehen geblieben zu sein.
Als er das Geschäft betrat, bewegte sich eine altmodische Glocke, die sein Eintreten signalisierte. Die hölzerne Tür mit den blinden Scheiben klemmte etwas, und nachdem sie sich langsam und knarzend hinter ihm geschlossen hatte, war es um ihn herum ganz still. Wie verloren stand Dr. Wellington in dem kleinen Raum, der voller alter und neuer Bücher war.
Dämmriges Licht umhüllte ihn, und der Geruch nach Papier, altem Holz und verstaubtem Leder stieg in seine Nase. Ein wohlbekannter Geruch für den Doktor, denn früher, als er noch auf der Universität studierte, war er ein häufiger Gast in diesem kleinen Buchladen gewesen. Ein Rascheln und Schlurfen im hinteren Teil des Geschäfts kündigte gleich darauf jemanden an, und ein kurzes Hüsteln entlockte Dr. Wellington ein sanftes Lächeln.
„Reinhard“, rief er in den trüb beleuchteten Gang hinein.
Aus dem schummrigen Halbdunkel trat ein kleiner, gebückter, älterer Mann hervor. Die weißen Haare standen wie zerzauste Wattebäusche um seinen Kopf herum, auf der langen Nase befand sich eine altmodische Brille. Als der betagte Mr. Reinhard Baumann den Doktor sah, hob er die dünnen Arme etwas in die Luft, was seine Art der Begrüßung eines alten Freundes war.
„Max! Wie lange ist es her, als ich dich das letzte Mal gesehen habe?“
Die beiden Männer begrüßten sich herzlich, indem sie einander fest umarmten. Dann drückten sie sich lange die Hände.
„Ich habe beruflich sehr viel zu tun. Das war damals anders. Während meines Studiums hatte ich mehr Zeit zu dir zu kommen“, meinte Dr. Wellington und zuckte bedauernd die Schulter.
„Ja, und wenn du den Weg jedes Mal hierher findest, hast du meistens eine harte Nuss für mich mitgebracht. So ist es doch, nicht wahr!“
Der Doktor nickte. Reinhard Baumann war auch ein enger Freund seines verstorbenen Vaters gewesen. Für ihn war der Alte immer Mentor und Freund zugleich gewesen. Schon damals, als er noch ein junger Mann war, kam er häufig hier hin, um sich Bücher über Kunst, Kultur und Archäologie auszuleihen. Bis zum heutigen Tag stand ihm der liebe alte Mann mit Rat und Tat zur Seite, wenn er ihn für seine wissenschaftlichen Recherchen brauchte.
Nachdem er vorgetragen hatte, was ihn bewegte, legte er ein Foto des Artefaktes auf den Ladentisch. Der Alte sah es sich an und grübelte.
„In der Tat, mein Freund, diese Nuss ist etwas ganz Besonderes und so hart, dass ich mir alleine daran die Zähne ausbeißen würde. Ich brauche wieder einmal deine Hilfe.“
Reinhard Baumann lächelte ein wenig, machte eine einladenden Geste und deutete dann an, dass sein Besucher in den hinteren Teil des Ladengeschäftes kommen sollte.
Der alte Buchhändler bot Dr. Wellington einen Tee an und schenkte ihm ein. Dann nahmen beide in bequemen Ledersesseln Platz. Mit erstaunlich klaren und hellen Augen hörte sich der Alte den Bericht über die Vorfälle im Museum interessiert an. Immer wieder betrachtete er dabei das DIN A 4 große Farbfoto, auf dem das seltsame, Bumerang ähnliche Artefakt zu sehen war.
„Ich habe gehört, dass das Original über geheimnisvolle Kräfte verfügen soll, wenn man mit Hilfe der Hieroglyphen einen bestimmten Code eingibt. Ich kann mir nicht denken, dass es von der Erde stammt. So etwas kann nicht von Menschenhand erschaffen worden sein“, erklärte Dr. Wellington.
„Ich bin mir ziemlich sicher, kein Buch über etwas Derartiges im Haus zu haben. Ich habe so etwas noch nie gesehen, nur davon hin und wieder gehört. Böse Geschichten ranken sich um diesen Gegenstand. Aber wenn du gestattest, werde ich einen guten Geschäftsfreund bitten, bei sich im Privatarchiv nachzuforschen. Sein Name ist Georg Random. Vielleicht kommt dir der Name bekannt vor. Er gehörte mal der Regierung als Experte für außerirdische Lebensformen an. Es kann allerdings ein paar Tage dauern.“
Dr. Wellington biss sich auf die Lippen. Er hatte der jungen Museumsdirektorin nach einigem Hin und Her doch noch seine Unterstützung zugesagt, weil sie ihm ein finanzielles Angebot gemacht hatte, das er einfach nicht ablehnen konnte. Aber er wollte seinen alten Freund nicht zur Eile antreiben, der sich um die Sache zwar kümmern würde, aber in seinem eigenen Tempo.
„Vielen Dank, mein alter Freund. Manchmal wüsste ich nicht, was ich ohne dich täte!“
Die beiden Männer tauschten noch ein paar allgemeine Neuigkeiten aus, dann macht sich Dr. Max Wellington wieder auf den Weg. Reinhard Baumann hingegen begann sofort mit seinen Nachforschungen, um die sein Freund ihn gebeten hatte. Er tat das mit einer gewissen Eile, gerade so, als ahne ein Teil von ihm bereits, wie dringend die Angelegenheit tatsächlich war.
***
Zwei Tage später klingelte das Telefon bei Dr. Wellington, der seinen Urlaub verschoben hatte und wieder im Büro an seinem Schreibtisch saß. Von Urlaub keine Rede mehr. Er nahm den Hörer ab und vernahm eine bekannte Stimme. Reinhard Baumann war dran und schien ziemlich aufgebracht zu sein. Der Doktor zögerte nach einem kurzen Gespräch keine Sekunde lang, seinen alten Freund sofort in seinem Buchladen aufzusuchen. Er verließ das Büro und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo sein schneller Hybridwagen geparkt einsam in einer Stellbox stand. Eine halbe Stunde später stand er in Reinhard Baumanns Geschäft und ließ sich von ihm erzählen, was passiert war.
„Wer auch immer dieses Artefakt gestohlen hat, mit oder ohne fremder Hilfe, diese Person oder seine Hintermänner sind äußerst gefährlich. Ich würde dir empfehlen, dass du dieser Lady, wie heißt die noch gerade? Ach ja, Miss Morrison sagst, sie sollte sich lieber an die Polizei wenden. Du bist ja schließlich kein Kriminalbeamter und auch kein Detektiv.“
Dr. Wellington zuckte bei den Worten des Buchhändlers unwillkürlich zusammen. Er blickte einfach nicht durch, was sein Freund Baumann eigentlich sagen wollte.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Willst du mir nicht erklären, worum es bei der ganzen Sache überhaupt geht“, fragte er ratlos.
Der alte Mann schaute den Jüngeren kurz prüfend an und schüttelte schließlich resigniert den Kopf. Aber er wusste auch im gleichen Moment, dass sich Max Wellington mit ein paar allgemeinen Warnungen nicht zufrieden geben würde.
„Nimm erst einmal Platz“, forderte er seinen Freund auf. „Dann erzähl ich dir alles, was ich über diesen Gegenstand heraus gefunden habe.“ Er selbst setzte sich seinem neugierig gewordenen Besucher gegenüber.
„Mein Geschäftspartner, Mr. Random, hat eine Menge über dieses seltsame Ding aus dem Museum gewusst. Das hat mich selbst erstaunt. Er redete davon, dass es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit in der Hauptsache wohl um so eine Art rituellen Gegenstand handelt, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem All stammt, also außerirdisch sein soll. Durch wen und wie dieses Ding zu uns auf die Erde gekommen ist, konnte er zwar selbst nicht sagen, aber er wusste genau, wem dieses Ding offenbar mal gehörte. Es soll sich in der Tat um ein Wesen aus dem All handeln, genauer gesagt um einen so genannten Alien-Metamorph, also etwas, was die Gestalt eines anderen Menschen oder jedes x-beliebigen Tieres annehmen kann, das in etwa seiner Körpergröße und Körpermasse entspricht. Das klingt in der Tat einfach unglaublich und zu fantastisch um wahr zu sein. Nichtsdestotrotz sah sich die Regierung seinerzeit dazu gezwungen, wegen der vielen Berichte über eine große Zahl unaufgeklärter Mordfälle, die sich übrigens überall auf der Welt in den verschiedensten Regionen ereignet haben, sämtliches Material dazu sicherheitshalber unter Verschluss zu nehmen. Jede Information wurde unterdrückt, was mit diesen schrecklichen Morden nur den Anschein nach zu tun haben konnte. Man hat es bis heute zur Geheimsache erklärt.
Das tat sie aus reiner Vorsicht. Man will wohl damit eine Panik unter den Menschen vermeiden. Scheinbar wussten bereits einige Leute sogar, wie dieser Außerirdische aussieht. Die Kreatur soll aufrecht gehen können und wie eine mannshohe Echse aussehen. Ich dachte erst, dass mich dieser Random verulken wollte, als er mir davon erzählte. Aber der fremdartige Besitzer dieses Artefaktes wurde tatsächlich mehrmals von Augenzeugen direkt gesehen. In manchen Gegenden ist er sogar schon zu einer echten Legende geworden. Man darf davon ausgehen, dass diese Angaben der Wahrheit entsprechen. Von Zeit zu Zeit soll der Außerirdische immer wieder mal die Erde besuchen, um sich an Menschenfleisch gütlich zu tun. Sein Ritual ist dabei eine ausgefeilte, gut durchdachte Jagd. Diese Tatsache könnte auch für dich gefährlich werden. Solange das Ungeheuer allerdings seinen Gegenstand, mit dem es sich verschwinden lassen kann, nicht hat, ist es mehr oder weniger verwundbar. Aber sicher ist das nicht. Doch sollte es so sein, dann wird es bereits auf der Suche nach seinem Besitz sein und dabei die Gestalt anderer Menschen annehmen. Wenn das alles stimmt, ist jeder, der nach dem Artefakt sucht, in potenzieller Gefahr.“
Dr. Wellington wiegte den Kopf hin und her und fuhr sich mit der Hand mehrmals über die schwitzende Stirn.
„Hört sich für mich alles ziemlich merkwürdig an“, sagte er schließlich leicht genervt.
„Wie auch immer. Ich kann dir nur sagen, dass es sich hier nicht um irgendwelche Spinnerein handelt. Hinter dem Diebstahl steht entweder eine Bande von Leuten, die sich davon etwas versprechen oder es ist sogar möglich, dass die Bestie aus dem All selbst dahinter steckt. Im ersten Fall geht es um unermessliche Macht und viel Geld. Der Raub des Artefaktes muss demnach von langer Hand geplant und ausgeführt worden sein. Im zweiten Fall hätte die Kreatur wohl möglich ihr Ziel schon erreicht und wir bräuchten nicht mehr nach dem ominösen Fundstück zu suchen. Sei also vorsichtig, mein Freund! Ziehe beide Tatsachen in Erwägung!“
„Woher weißt du das alles?“
Der alte Mann schob dem erstaunten Doktor ein paar Blätter zu.
Das sind Kopien meines Geschäftspartners. Sie sind hoch geheim. Er hat sie damals selbst angefertigt, als er noch für die Regierung tätig war und heimlich aus seinem Büro schmuggeln können. Random ist froh darüber, die Blätter endlich los zu sein. Irgendwie waren sie ihm immer schon suspekt. Gerade so, als hafteten ihnen etwas Böses an. Nein, er will nicht weiter in die Sache hineingezogen werden, und ich akzeptiere das. Auch muss ich meinen Informanten schützen.“
Bei diesen Worten sah sein Freund Baumann auf einmal seltsam blass und unruhig aus. Ganz so, als habe ihm das, was er inzwischen über die ganze Sache wusste, selbst einen gehörigen Schrecken eingejagt. Irgendwie wirkte er leicht verändert. Aber Dr. Wellington achtete nicht mehr darauf.
„Aber ich hätte ihn gerne mal in dieser Angelegenheit selbst gesprochen. Ich würde mich freuen, mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Vielleicht weiß er mehr über den Fall als er zugibt. Was meinst du? Könntest du mir seine Adresse geben, trotz aller Bedenken, deinen Informanten zu schützen?“
„Hm, du kannst es ja mal versuchen. Aber ich kann dir nicht garantieren, ob er dazu bereit ist, mit dir in dieser Angelegenheit ein Gespräch darüber führen zu wollen. Trotzdem, seine Adresse findest du im Telefonbuch“, antwortete der alte Buchhändler. „Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen.“ Dann versuchte er das Thema zu wechseln.
Dr. Wellington blieb noch Weile bei seinem alten Freund und beide ließen vergangene Zeiten wieder aufleben. Es war schon sehr spät, als er sich endlich von dem alten Buchhändler verabschiedete.
***
„Verzeihung Sir. Sind Sie Mr. Georg Random? Ich bin ein Bekannter ihres Geschäftspartners Reinhard Baumann.“
Der Mann im Garten sah erstaunt auf und nickte unwillkürlich mit dem Kopf. Dann näherte er sich der kleinen Steinmauer. Es war eine merkwürdig aussehende Gestalt, die sich da mit trägen Schritten auf Dr. Max Wellington zu bewegte. Auf ihrem Kopf befand sich ein ausladender Hut aus Stroh, um den fülligen Bauch schlang sich eine grüne Wachsschürze und quietschgelbe Gummihandschuhe versteckten ihre Hände, die eine geöffnete Gartenschere festhielten.
„Ich bin Dr. Max Wellington. Ich arbeite zur Zeit für das City Museum. Ich komme in einer ganz bestimmten Angelegenheit zu ihnen, Mr. Random. Es geht um das gestohlene Artefakt. Na, Sie wissen schon...“
Der Hobbygärtner blinzelte ein wenig, gerade so, als sei Dr. Max Wellington ein Vertreter aus einer fremden Welt, die schon lange nicht mehr zu seiner gehörte.
„Ja und? Und das führt Sie zu mir?“ fragte er ein wenig arrogant. Doch beim Anblick von Dr. Wellington schien er sich plötzlich eines anderen zu besinnen. Die Brisanz seines Anliegens schien selbst ihm mittlerweile klar geworden zu sein. Und tatsächlich winkte Mr. Random sein Gegenüber auf der anderen Seite der Mauer zu einem schmalen, schmiedeeisernen Tor, das er seinem fremden Gast nun von innen öffnete. Danach entledigte er sich seine Arbeitsanzuges samt Handschuhe, nahm den Doktor mit ins Haus und bot ihm einen Eistee aus einer dort auf dem Tisch stehenden Karaffe an. Nach dem ersten Schluck sprach Max Wellington den Grund seine Besuches an und schilderte dem Pensionär und Hobbygärtner, was passiert war. Mr. Random schwieg die ganze Zeit. Nur ab und zu nickte er vielsagend mit dem Kopf.
„Ein Artefakt aus dem Museum entwendet. Das gab es noch nie in unserer Stadt. Was würde bloß der alte Direktor Jack Hoover dazu sagen? Aber alles passiert ja irgendwann zum ersten Mal. Ich kenne die neue Museumsdirektorin übrigens sehr gut von meiner früheren Arbeit her. Da war sie noch Assistentin. Ich war jahrelang für die Regierung tätig, müssen Sie wissen. Wir hatten schon häufiger in Sachen Mystische Kunst miteinander zu tun und war darüber hinaus ein häufiger Gast im City Museum. Miss Morrison ist relativ jung und sehr zielstrebig, kennt sich gut aus und kommt bei den Leuten bestens an. Sie ist eine hervorragende Besetzung für das altehrwürdige Museum.“
Mr. Random schien für einen Augenblick in seinen Erinnerungen zu versinken, bevor er sich zusammenriss und eine neue Frage stellte.
„Wie sollte das denn passiert sein? Die Sicherheitsvorkehrungen im Museum sind beispielhaft.“
Wellington rieb sich das Kinn. Diese Frage hatte er auch schon mit Swetlana Morrison lang und breit erörtert.
„Irgendjemand muss den Zeitraum genutzt haben, in dem der Direktionswechsel vollzogen wurde und Miss Morrison ihre Stelle noch nicht angetreten hatte.“
„Alle Mitarbeiter, so viel ich weiß, sind schon seit vielen Jahren dort“, gab Mr. Random zu bedenken. Es war ihm anzusehen, wie unwahrscheinlich ihm Wellingtons Gedankengänge erschienen, jemand aus dem Museum selbst habe etwas mit dem Verschwinden des Artefaktes zu tun.
„Gab es vielleicht noch andere Möglichkeiten, das jemand Fremdes Zugang zu dem Schlüsselraum hatte?“
Von Swetlana Morrison wusste Dr. Wellington bereits, dass auch Mr. Random seinerzeit, als er noch im Dienste der Regierung stand, einen Generalschlüssel für das Museum besessen hatte. Es wäre für ihn ein leichtes Spiel gewesen, diesen nachmachen zu lassen. Außerdem war er Witwer, der bereits seit vielen Jahren allein lebte. Seine Frau galt als vermisst. Angeblich soll sie in Afrika auf einer Safari umgekommen sein. Doch genaues wusste man nicht über den wahren Tod seiner Frau. Der Mann schien voller Geheimnisse zu sein.
Doch wie erwartet, schüttelte der alte Herr den Kopf. Dann jedoch schien ihm ein Gedanke zu kommen. Umständlich nahm er seinen Strohhut ab und fuhr sich mit einem großen Taschentuch kurz über die verschwitzte Stirn. Seine schütteren Haare klebten auf der pigmentierten Haut seines Kopfes. Seltsame grüne Flecken waren darauf zu erkennen, die Wellington nicht einordnen konnte. Vielleicht färbte der Hutrand innen ab, dachte er so für sich und gab sich mit dieser eigenen Antwort zufrieden.
Random redete weiter.
„Ich weiß nicht wie ich es sagen soll und ob der Vorfall überhaupt etwas mit dem Diebstahl des Artefaktes zu tun hat. Es gibt etwas..., aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese unscheinbare Sache mit alledem etwas zu tun hat..., das wäre einfach unglaublich“, murmelte der alte Mann.
Dr. Morrison wurde hellhörig.
„Alles, was damit in Zusammenhang stehen könnte, ist wichtig. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann erzählen Sie es mir jetzt“, erwiderte er.
Kurze Zeit später wusste Dr. Wellington alles über einen bestimmten Abend, an dem der ältere Herr beinahe überfahren worden wäre.
Dr. Wellington äußerte eine Vermutung.
„Könnte es sich bei der ganzen Sache um einen fingierten Fast-Unfall gehandelt haben? Mit dem einzigen Zweck, dass sich ihnen ein Fremder nähern konnte?“
„Sie meinen den jungen Mann, der sich als Arzt ausgab und mich ins Krankenhaus bringen ließ?“
Dr. Wellington nickte.
„Vermutlich war auch der Taxifahrer mit involviert. Möglich ist alles.“
„Oh, mein Gott“, rief Random plötzlich erschreckt aus, als würde er sich an den besagten Abend an jedes Detail erinnern.
„Ja..., natürlich..., mein Retter hat mich in die Ambulanz begleitet und mir dort aus dem Mantel geholfen...“
„...in dem Sie ihren Schlüsselbund trugen, nicht wahr?“ beendete Wellington den Satz.
„Ja, ich habe ihn erst einen Tag später vermisst, als ich wieder zuhause war. Ich dachte, ich hätte ihn beim Sprung auf den Gehsteig verloren. Ich ließ mir natürlich sofort ein paar neue anfertigen.“
„Besaßen Sie noch einen Generalschlüssel des Museums, Mr. Random?“
„Äh, ich muss es wohl versäumt haben, ihn abzugeben. Oder habe ich das schon getan? Mir fällt im Augenblick nichts dazu ein. Ich müsste erst in meinem Schreibtisch oben im Arbeitszimmer nachsehen.“
Dr. Wellington spürte, dass der Mann ihm an dieser Stelle nicht die ganze Wahrheit sagte. Irgendwas stimmte hier nicht. Er war ganz und gar nicht gewillt, jetzt doch noch unverrichteter Dinge von dannen zu ziehen. Der Mann hatte offenbar was mit der Sache zu tun.
Wellington sprach Klartext. Das war seine einzige Chance um an die Wahrheit heranzukommen.
„Mr. Random, jetzt, wo wir wissen, wie der Diebstahl begangen wurde, sind Sie es dem Museum einfach schuldig, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um den Aufenthaltsort des gestohlenen Artfaktes mitzuteilen, damit es wiederbeschafft werden kann.“
Bei diesen Worten, die direkt an sein schlechtes Gewissen appellierten, zerbröckelte der Widerstand des alten Mannes.
Schließlich beugte er sich weit nach vorne, bis sein schrumpeliger Mund fast Dr. Wellingtons Ohr berührte, gerade so, als befürchte er, jemand Unbefugtes könnte mithören. Doch dann zuckte er plötzlich zurück und sprang auf.
„Nein!“ rief er und deutete nach draußen in den Garten, wo eine kleine Gartenhütte einsam hinter einer hohen, grünen Hecke stand. „Er ist hier und wird uns alle holen. Er hat Macht und mich dazu gezwungen, ihn bei mir aufzunehmen. Ich wollte das nicht, aber er ist der Teufel in Menschengestalt. Ein Ungeheuer, das Menschen frisst“, stieß der Alte schnaubend und zitternd hervor und rannte wie von Sinnen aus dem Haus.
Dr. Wellington stob dem alten Random hinter her, schlug jedoch die Richtung zur Gartenhütte ein. Wenn der Alte die Wahrheit gesagt haben sollte, dann wird mich niemand davon abhalten, diesen Dreckskerl mit meinen Kugeln in ein Sieb zu verwandeln. Hastig zog er seinen schweren Trommelrevolver aus der Hosentasche, entsicherte ihn und blieb kurz vor der Gartenhütte stehen. Fest entschlossen hob er die Waffe an und zielte damit auf die offen stehende Tür des Gartenhäuschens.
„Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Ich warne Sie! Ich werde schießen, wenn Sie meiner Aufforderung nicht nachkommen. Sie haben keine Wahl...“
Der Rest des Satzes blieb Dr. Wellington im Hals stecken, als er die Stimme von Mr. Random hinter sich hörte. Er spürte seinen heißen Atem im Nacken, der ihn erschauern ließ. Oder war es schon der Atem des Ungeheuers?
"Aber, aber, mein Freund. Sie werden doch nicht gleich auf mich schießen, oder? Waffe runter, sofort oder ich beiße Ihnen die Schlagader auf!“
Starr vor Entsetzen ließ Wellington den Revolver fallen, der mit einem klatschenden Geräusch auf den feuchten Boden fiel.
Mr. Georg Random umrundete den Doktor wie eine schleichende Katze, bis er endlich direkt vor ihm stand und ihm ins Gesicht sehen konnte. Der Körper des angeblich alten Mannes veränderte sich plötzlich langsam und kontinuierlich in die Gestalt einer schrecklich aussehenden Echse. In der rechten Klaue hielt diese Kreatur einen Bumerang ähnlichen Gegenstand, dessen rötliche Schriftzeichen intensiv zu leuchten begannen.
„Haben Sie etwa nach meinem Artefakt gesucht, Dr. Wellington? Sie wissen doch, es gehört mir und nicht eurem lächerlichen Museum. Schon Generationen meiner Vorfahren haben es getragen. Nur manchmal bin ich vergesslich und lasse es irgendwo liegen. Vor allen Dingen dann, wenn ich mir den Bauch mit leckerem Menschenfleisch vollgeschlagen habe. Aber zum Glück kann ich mein Erbstück immer wieder orten, selbst dann, wenn es hinter dicken Mauern liegt. Soll ich ihnen verraten, woher ich komme? Ich komme von einem Planeten, der sich weit draußen im Universum befindet. Wir sind eine uralte Rasse und reisen immerfort durchs unendliche All, ständig auf der Suche nach bewohnten Planeten, auf denen es was zu fressen für uns gibt. Ihr Menschen seid besonders schmackhaft und saftig. Ich komme immer wieder gerne zu euch. Ja, ich freue mich schon auf ihr zartes, lockeres Fleisch und das viele Blut in ihnen, das so überaus köstlich schmeckt, Dr. Max Wellington. Ich musste mich schon viel zulange zurückhalten. Aber jetzt, hier draußen im einsam gelegenen Garten, wo uns niemand sehen kann, lasse ich meinem animalischen Fresstrieb freien Lauf.“
Kein Blitz hätte bei einem Menschen eine stärkere Erschütterung ausgelöst, wie bei Dr. Wellington.
In Todesangst fing er an zu schreien und wollte davonrennen. Das Monster jedoch war schneller und spie ihm eine dunkel aussehende Brühe mitten ins Gesicht, die sich wie Säure durch seine blutleere Haut fraß.
Seine verzweifelten Schreie verwandelten sich nach und nach in ein hilfloses Gurgeln und als er endlich zu Boden stürzte, war das schreckliche Monster auch schon direkt über ihm, um seinen wehrlos zuckenden Körper in Stücke zu reißen.
Schmatzend vor Fressgier geriet die außerirdische Kreatur in eine wahnsinnige Blutorgie, bis am Ende nur noch die Knochen von Dr. Wellington verstreut im Garten herumlagen, die es später in einen tiefen Brunnen warf.
Dann wurde es ganz plötzlich still im Garten. Das Monster hatte seinen unbändigen Hunger nach Menschenfleisch gestillt und drückte wenig später mit seinen blutigen Klauen auf die geheimnisvollen, rötlich leuchtenden Schriftzeichen des silbrig farbigen Artefaktes, das die Form eines Bumerangs hatte.
Dann verschwand es schlagartig, als wäre es vom Erdboden verschluckt worden.
ENDE
(c)Heiwahoe
***
Wenn das Böse kommt, gibt es kein Entrinnen
***
Mary Ellison hatte die Arme fest um ihren Körper geschlungen und starrte auf die unruhige See hinaus. Die Wellen wurden immer höher. Der Himmel war mit dunkelgrauen Wolken verhangen. Es sah nach Regen aus. Ganz plötzlich zuckte ein greller Blitz einsam am Horizont. In seinem Licht leuchtete das Wasser graugrün auf und in der Ferne grollte ein heftiger Donner. Dann fuhr wieder ein Blitz herab. Diesmal schlug er ganz in der Nähe der Insel ein und man merkte, dass das Gewitter direkt auf sie zusteuerte.
Mary wandte sich fröstelnd von der herannahenden, bedrohlich wirkenden, schwarz-grauen Gewitterfront ab, drehte sich auf der Stelle herum und murmelte ein paar unverständliche Worte vor sich hin. Sie marschierte den Strand hinauf.
Mark Cameron befand sich weiter oben. Als Mary vor ihm stand sagte er kopfschüttelnd: „Ein Sturm zieht auf und kommt direkt auf uns zu. Wir hocken hier einsam und allein auf einer weit abgelegenen Insel und wissen nicht, was wir machen sollen.“
Mark machte ein kleine Pause, schaute sich auf einmal suchend nach allen Seiten um und fragte Mary: „Wo ist eigentlich Ben?“
„Keine Ahnung. Vorhin stand er noch unten am Strand. Vielleicht sucht er nach Muscheln. Vor dem herannahenden Sturm scheint er keine große Angst zu haben“, gab Mary dem jungen Mann achselzuckend zur Antwort.
Plötzlich erschien Ben Conner auf der Bildfläche. Die beiden schauten ihn verdutzt an. Er muss offenbar eine längere Strecke gelaufen sein, denn er atmete sehr schnell und seine Stirn war mit dicken Schweißperlen übersät. Langsam erholte er sich wieder.
„Es sind keine Boote mehr unten in der Bucht. Ich bin auch den ganzen Strand abgelaufen. Von der Ferienakademie scheint offenbar niemand mehr auf der Insel zu sein. Ich komme mir vor wie der Passagier eines Kreuzfahrtschiffes, den man einfach zurückgelassen hat. Könnt ihr euch das vielleicht erklären, warum die nicht mehr da sind?“ sagte er mit aufgeregter Stimme.
„Was, es sind keine Boote mehr da? Das ist unmöglich!“ antwortete Mary Ellison dem ratlos da stehenden Ben Conner und schüttelte ungläubig den Kopf. Dann fuhr sie fort: „Aber wenn das wahr ist, sitzen wir hier fest und niemand wird kommen um uns abzuholen.“
Schließlich meldete sich Mark Cameron zu Wort.
„Mister Bill Allen ist ein gewissenhafter Geschäftsmann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einfach so mir nichts dir nichts davon ist und uns hier allein zurückgelassen hat. Bestimmt hat er sich irgend so ein nettes Spielchen ausgedacht, um unsere Ferien spannend zu gestalten. Vielleicht gehört das zum Programm“, sagte er zu den beiden anderen.
In diesem Augenblick ließ ein ohrenbetäubender Donnerschlag alle drei zusammenschrecken. Blitze zuckten wie wild vom Himmel und ein heftiger Platzregen setze gleichzeitig ein. Er prasselte mit Wucht auf die Planken des Steges etwas weiter unten am Strand und immer höher werdende Wellen brandeten gegen das überwiegend steinige Ufer. Die Situation wurde langsam gefährlich.
„Wir müssen hier weg!“ schrie Cameron den anderen beiden zu. „Wir müssen zurück in die Feriensiedlung, wo wir in Sicherheit sind. – Kommt, beeilt euch!“
Mit eingezogenen Köpfen liefen die drei jungen Leute im strömenden Regen über den Strand zu den Bungalows des Feriendorfes weiter oben auf einer kleinen Anhöhe. Bis sie endlich das erste Flachdachgebäude erreicht hatten, waren sie bereits klatschnass.
Mark Cameron öffnete hastig die Tür und zusammen traten sie gleich nach dem Ende des kurzen Ganges in das geräumige Wohnzimmer des spartanisch eingerichteten Ferienbungalows.
Ben Conner testete die Lichtschalter nacheinander durch, doch das Licht ließ sich nicht einschalten
„Anscheinend geht nichts mehr. Die Leitungen sind tot. Irgend jemand hat das Dieselaggregat abgeschaltet. Mann oh Mann, das kann doch alles nicht wahr sein. Die Boote sind weg und jetzt stehen wir auch noch ohne Strom da“, sagte er verärgert.
Mary Ellison kam gerade aus der Küche. Sie sah etwas blass im Gesicht aus. Ihre langen dunkelbraunen Haare waren völlig durchnässt. Sie schüttelte das Haar nach hinten, bevor sie sprach: „Alles ausgeräumt! Nichts mehr da! Der Kühlschrank und die Eistruhe mit dem eingefrorenen Frischfleisch in der Küche sind total leer. Ebenso die übrigen Küchenschränke und alle Regale. Was hat das bloß alles zu bedeuten?“ In ihrer Stimme lag eine gewisse Verzweiflung.
Draußen war es mittlerweile stockdunkel geworden. Der Wind heulte ums Haus und der Regen klatschte an die Fenster. Das Gewitter befand sich jetzt unmittelbar über der Insel.
„Na, das ist ja super“, stöhnte Ben Conner. „Wir werden ohne Nahrung verhungern. Das hat mit einem Spielchen nichts mehr zu tun. Der reinste Alptraum. Ich bin fix und fertig. Aber vielleicht finden wir noch Proviant in den übrigen Häusern. Wenn die allerdings auch noch ausgeräumt worden sind, dann krieg’ ich die Krise. Was hat sich dieser Typ überhaupt dabei gedacht? Bill Allen ist in meinen Augen ein krimineller Halunke. Lässt uns hier einfach ohne Nahrung allein auf der Insel zurück, dieses Schwein. - Trotzdem, wie auch immer. Ich hänge meine Klamotten zum Trocknen auf und gehe schlafen. Für heute habe ich genug.“
„Du übertreibst ein wenig, Conner. Vielleicht tust du Mr. Allen Unrecht. Es wird sich bestimmt bald alles aufklären. Und was die Versorgung mit Nahrung betrifft; irgendwo in diesem Feriendorf wird es bestimmt noch etwas zu essen geben. Wir werden morgen früh danach suchen. Dann werden wir weiter sehen“, sagte Mark zu Ben und Mary.
Mary war etwas erbost und schaute Ben verständnislos an.
„Wie kann man bloß nur an Schlaf denken, wo doch jeder einzelne von uns weiß, dass wir ganz allein auf dieser Gott verdammten Insel sind? Wir sollten uns lieber einen Plan zurecht legen und darüber nachdenken, was zu tun ist, wenn wir für eine unbestimmte Zeit hier bleiben müssen“, erwiderte sie mürrisch.
Draußen krachte ein mächtiger Blitz ganz in der Nähe des Bungalows ein. Er explodierte förmlich und erhellte die Dunkelheit für den Bruchteil einer Sekunde mit grellweißem Licht.
„Der war nah. Ist nur gut, dass wir in diesem Haus sind. Da draußen ist es jetzt richtig lebensgefährlich. Aber was das Schlafen angeht, bin ich ebenfalls ziemlich geschlaucht. – Ben hat Recht. Wir sollten unsere Sachen irgendwo zum Trocknen hinhängen und uns aufs Ohr hauen. Morgen können wir in aller Ruhe einen Plan schmieden. Mit einem klaren Kopf lässt es sich besser denken“, antwortete Mark Cameron, der nachdenklich vor dem Fenster stand und hinaus in die Dunkelheit starrte.
Insgeheim dachte Cameron darüber nach, dass hier irgendwas nicht stimmten konnte. Er versuchte mutig zu klingen, aber dennoch stieg ein unterschwelliges Angstgefühl in ihm hoch. Er fand einfach keine Erklärung dafür, warum man sie allein auf der Insel zurückgelassen hatte. Dafür muss es einen Grund geben und Mr. Bill Allen, der Vermittler dieser Ferieninsel, hat im Auftrag der Ferienakademie gehandelt, die ebenfalls über alles genauestens informiert war. Unregelmäßigkeiten dieser Art würden binnen kürzester Zeit den Aufsichtsgremien der Ferienakademie bekannt werden, denn alle Urlaubs- und Feriengruppen wurden äußerst streng überwacht, ganz gleich, wohin auch immer die Reise ging.
***
Ben, Mark und Mary schliefen die ganze Nacht durch. Mary wachte zuerst auf und nachdem sie sich ihre getrockneten Kleider angezogen hatte, ging sie gleich nach draußen vor die Tür.
Der Regen hatte aufgehört, das Gewitter weitergezogen, doch der Himmel war noch von grauen Wolken überzogen. Ein frischer Wind wehte über den Strand, der ihr die Haare zerzauste. Zum Glück wärmte die dicke Wolljacke gut und Mary fröstelte diesmal überhaupt nicht.
Der Sturm hatte das Meer tüchtig aufgewühlt. Die junge Frau beobachtete, wie eine schaumige Welle nach der anderen an die schroffen Felsen des steinigen Ufers klatschte und dort, wo der weiße Sand den felsigen Untergrund verdeckte, dieselben Wellen friedlich und leise, ja schon fast geräuschlos, darüber hinweg rollten und sich am Ende im weichen Strandsand verloren.
Nach einer Weile ging Mary wieder ins Haus zurück und lenkte ihre Schritte in Richtung Wohnzimmer.
„Morgen“, muffelte sie beim Hereinkommen. Ihre beiden Freunde waren mittlerweile ebenfalls aufgestanden, hatten einen Esstisch in die Mitte des Raumes gezogen und saßen schon drum herum.
Ben diskutierte aufgeregt mit Mark.
Als sie Mary hereinkommen sahen, grüßten sie freundlich zurück und baten sie an den Tisch.
„Worüber habt ihr euch unterhalten?“ wollte das junge Mädchen wissen.
„Wir haben von dem Boot geredet, mit dem Mr. Allen und seine Assistentin um die Insel herum geschippert sind. Es muss noch da sein. Es liegt von uns aus gesehen auf der anderen Seite in einer kleinen, steinigen Bucht, wo die beiden ihre Zeit hier in einer einsam gelegenen Hütte verbrachten. Das war ihr Liebesnest sozusagen. Alle wussten es, aber keiner sprach darüber. Dort gibt es auch ein Funkgerät soviel ich weiß“, sagte Ben auf einmal gut gelaunt.
„Wenn das so ist, dann können wir ja Hilfe herbeirufen! Ich übertreibe bestimmt nicht wenn ich behaupte, dass wir einen Notfall haben,“ antwortete ihm Mary und lächelte zum ersten Mal wieder.
„Toll!“ rief Mark. „Wir sollten uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg machen und vor allen Dingen nach dem Boot schauen, ob es noch wirklich da ist. Danach gehen wir in die Hütte, rufen über Funk jemanden herbei und die Sache ist damit erledigt.“
„Habt ihr etwas zum Essen gefunden?“ frage Mary in die Runde und schaute auf den leeren Tisch.
„Ja“, antwortete ihr Mark Cameron, zog einen kleinen Karton mit Fischdosen unter seinem Stuhl hervor, öffnete ihn und schob jedem eine oval geformte Dose mit geräucherten Heringen darin über den Tisch.
„Mehr habe ich nicht gefunden. Der Karton stand im Keller ziemlich weit hinten in einer kleinen, dunklen Nische, gut geschützt vor neugierigen Blicken durch eine Mauer. Ich denke mal, dass es einen Dieb unter den Ferienteilnehmern gab. Da lagen auch noch andere Dinge herum. Er hat sie hier unten im Keller versteckt und wohl vergessen. Na ja, wie auch immer, lasst es euch schmecken. Wenn wir gefrühstückt haben, gehen wir los und suchen nach dem Boot.
***
Der Fußmarsch auf die andere Seite der Insel dauerte knapp eine Stunde. Sie fanden das Boot gut vertäut bei den felsigen Ausläufern der Bucht. Es war mit Regenwasser vollgelaufen, weil die Abdeckplane fehlte.
„Ist es beschädigt?“ fragte Mary Ellison.
Mark Cameron untersuchte das Boot. Ben Conner half ihm dabei.
Dann sagte Mark: „Soweit ich sehen kann, ist es unbeschädigt geblieben.“
„Und der Tank ist voll mit Benzin“, rief Ben kurz danach.
Mary jubelte.
„Ein Grund zum Feiern“, rief sie. „Vielleicht wird jetzt wieder alles gut und werden schon morgen bei unseren Eltern sein. – Also packt mal mit an! Wir ziehen das kleine Boot auf den Strand, kippen es auf einer Seite um und lassen das Wasser einfach abfließen.
Schon kurze Zeit später war das Boot wieder einsatzbereit. Auch der Motor war im allerbesten Zustand und tuckerte schon nach dem ersten Anlassversuch munter drauflos. Mark schaltete den Motor vorsorglich wieder ab und ging mit den beiden anderen hinüber zur Hütte.
Als sie dort ankamen, war die Tür zwar verschlossen, aber Mary wusste wo der Türschlüssel lag. Er musste sich irgendwo in einer kleinen, schmalen Mauerspalte am Fundamentsockel gleich neben der Holzbank befinden. Sie hatte Mr. Allen nämlich einmal dabei beobachtet, wie er sich bückte und den Schlüssel irgendwo dort versteckte.
Der Putz war im Laufe der Zeit schon ziemlich bröckelig geworden. An vielen Stellen lag das nackte Mauerwerk frei. Aus den Steinfugen quoll der Mörtel wie lockerer Sand hervor. Risse und Spalten taten sich auf. Sie fingerte in jeder davon herum.
„Ausgezeichnet, hier ist er ja“, sagte sie nach einer kleinen Zeitspanne des fieberhaften Suchens. Dann hielt sie den eisernen Schlüssel triumphierend in ihrer rechten Hand, steckte ihn ins Schloss und sperrte die Tür mit einem knarrenden Geräusch auf.
Die alte Ferienhütte hatte nur zwei große Räume: ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Zusätzlich gab es noch eine kleine Kochnische. Mark ging zusammen mit Ben nach hinten in den Anbau und suchten nach dem Stromgenerator. Er stand verlassen in einer Ecke und war mit einer schweren Kunststoffplane abgedeckt. Die jungen Männer entfernten die Plane und beugten sich über den Stromgenerator.
„Das kann doch nicht so schwierig sein, den zum Laufen zu bringen“, sagte Mark, legte einen Schalter vorne am Anlassergehäuse um, wartete einen Moment und drückte schließlich auf den roten Knopf am Blechgehäuse.
Nichts.
„Probier es noch mal“, forderte Ben ihn auf.
Mark drückte ein zweites Mal auf den rot markierten Startknopf.
Und dann erwachte der Generator summend zum Leben. Die beiden jungen Männer hörten ein schwirrendes Geräusch aus dem großen Metallgehäuse und dann sprang die Maschine ratternd und brummend an.
„Ja, wir haben Strom“, rief Mark vor lauter Freude und klopfte Ben auf die Schulter.
Ben wandte sich vor Aufregung an das Mädchen.
„Wo ist das Funkgerät, Mary?“ fragte er.
Sie deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung einer kleinen Nische mit einem braunen Vorhang davor.
„Das Funkgerät befindet sich hinter dem Nischenvorhang. Rechts an der Wand ist ein Schalter, den du auf „EIN“ umlegen musst. Danach läuft das Ding. Strom ist ja schon da“, gab Mary prompt zur Antwort.
Ben schob den Vorhang zur Seite, holte sich einen Stuhl und setzte sich vor das Funkgerät. Dann drückte er den Schalter rechts an der Wand in die Stellung „EIN“, schnappte sich das Mikrofon und wartete.
Mark und Mary standen dicht hinter ihm. Sie lauschten gespannt.
„Wir kommen von hier weg. Wir stellen den Kontakt zu jemanden her, der uns auf der Hauptinsel hört. Dann erzählen wir, was mit uns passiert ist und in ein paar Stunden sind welche hier, die uns abholen. – Also, ich werde jetzt mal versuchen, eine Verbindung herzustellen“, erklärte Ben Conner, hielt sich den Zeigefinger an den Mund und drehte am Lautstärkenknopf herum.
Aus dem Funkgerät ertönte tatsächlich ein Knacken.
Ben grinste die beiden anderen an.
„Was wollt ihr als Erstes essen, wenn wir wieder was zu mampfen kriegen?“
„Ich bestelle mir einen Apfelkuchen mit Schlagsahne“, schoss es aus Mary heraus. Sie lachten alle drei.
„Ich lasse mir eine knusprige Pizza mit allen Beilagen direkt nach Hause liefern“, warf Mark dazwischen und rieb sich genüssliche den Bauch.
Ben widmete sich wieder dem Funkgerät. Er hielt sich das Mikrofon vor den Mund, drehte an dem Abstimmknopf und suchte nach einer freien Frequenz.
„Was soll ich eigentlich sagen?“ fragte er seine Freunde. „Soll ich Mayday oder so was rufen, wie in diesen Katastrophenfilmen?
„Sag einfach mal zuerst ‚Hallo’, dann werden wir schon hören, was als Antwort zurückkommt“, sagte Mary zu Ben.
„Ja. Sag einfach so lange ‚Hallo’, bis jemand antwortet“, erwiderte Mark und fügte hinzu: „Aber jetzt fang endlich mal an! Ich bin gespannt, wer sich meldet.“
Ben starrte auf das knackende Funkgerät. Das Mikrofon zitterte in seine Hand. Dann hob er es an seinen Mund.
„Hallo? Hallo? Hallo? Kann mich jemand hören?”
Aus dem klobigen Kasten ertönte zuerst ein sirrendes Pfeifen, das bald in ein krächzendes Geräusch überging. Ben änderte die Tonhöhe und drehte danach am Abstimmknopf herum.
„Hallo? Kann mich jemand hören? Bitte melden! Wir sind in Schwierigkeiten und brauchen Hilfe“, rief er ins Mikrofon.
Wie gebannt horchten alle drei, als eine tiefe Stimme erklang. Eine Männerstimme. Sehr weit weg. Sie ging fast im Knistern und Rauschen des Gerätes unter.
„Hallo?“ schrie Ben ins Mikrofon. „Können Sie mich hören?“
Wieder erklang die Männerstimme. Das Rauschen wurde schwächer. Ben und die anderen konnten den Mann jetzt deutlich hören. Seine Stimme schwoll an und wurde wieder leiser.
„Der Kerl singt!“ rief Ben erstaunt. „Hört euch das bloß mal an!“
Der Mann sang tatsächlich mit einer tiefen, kratzigen Stimme ein Lied in einer fremden Sprache, die keiner von den jungen Leuten je gehört hatte. Sie kam ihnen auch nicht bekannt vor und hörte sich irgendwie fremdartig an. Die Melodie klang sonderbar, immer die gleichen seltsam abgehackten Worte.
Die drei lauschten dem Lied, das so langsam und quälend aus dem Lautsprecher drang. Ganz ohne Musik, nur ein Mann, der allein vor sich hin sang.
„Geh mal auf eine andere Frequenz – schnell!“ sagte Mark zu Ben.
Ben drehte am Frequenzknopf.
Und dann kam der Mann zurück, der immer noch sang mit seiner tiefen, kratzigen Stimme.
„Hallo? Hallo?“ plärrte Ben abermals ins Mikrofon.
Das Zirpen und Rauschen wurde schwächer. Dann war plötzlich der Kerl wieder da.
„Nein! Das gibt es doch nicht! Egal welche Frequenz ich einstelle, der Typ ist überall drauf. Er lässt sich nicht ausblenden!“ schrie Ben voller Wut. Er verlor langsam die Beherrschung.
Ben versuchte es noch einmal.
„Bitte verlassen Sie den Kanal!“ flehte er jetzt. „Wir sind in Not und brauchen dringend Hilfe. Man hat uns auf einer einsamen Ferieninsel zurückgelassen. Wir wissen nicht, was passiert ist und warum die Leute weg sind. Bitte, holen Sie Hilfe! Bitte!“
Ben suchte eine neue Frequenz. Aber auch dort war der Mann zu hören.
Wieder eine andere Frequenz. Der Mann sang weiter sein seltsames Lied.
„Verdammt noch mal, aufhören!“ schrie jetzt auch Mark ins Mikrofon. „Seien Sie endlich still!“ kreischte er.
Mary schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber – aber das ist nicht möglich. So was kann es nicht geben!“ murmelte sie verstört vor sich hin.
Und dann hörten sie alle drei über den Lautsprecher, wie der Mann plötzlich zu lachen begann. Es war ein tiefes, kaltes, grausames Lachen.
„Schalte das verdammte Ding aus!“ schrie Mary voller Entsetzen. Doch das Lachen ging weiter, auch dann noch, als Ben den Schalter in die Stellung „Aus“ zurücklegte.
Es war ein eisiges Gelächter, spitz wie ein Eiszapfen, das da von den Wänden der alten Ferienhütte hallte und in ihren Ohren schwang.
Ben, Mary und Mark drehten sich fast gleichzeitig herum und blickten gemeinsam zur Eingangstür rüber. Sie erschraken so heftig, dass sie augenblicklich zu schreien anfingen und am liebsten weggelaufen wären. Aber zwischen Tür und Angel stand ein hagerer Mann, der aussah wie Mr. Bill Allen. Er verwandelte sich nach und nach in eine echsenartige Kreatur, die jetzt langsam auf die drei völlig verängstigten jungen Leute zuschlich und ihnen im nächsten Augenblick aus einer Distanz von mehr als zwei Metern spontan eine schwarze Säure ins Gesicht spritzte.
Es war der reinste Horror.
Schreiend vor Entsetzen versuchten die drei jungen Leute noch aus dem Zimmer zu fliehen. Aber sie hatten keine Chance. Die Säure des grausigen Ungeheuers zerfraß in sekundenschnelle die Haut und das darunter liegende Fleisch ihrer schreckensverzerrten Gesichter. Sie fraß sich dampfend weiter und legte schon bereits Teile des Gebissknochens frei, bis sie letztendlich zuckend vor Schmerzen einer nach dem anderen zu Boden stürzten und noch an Ort und Stelle qualvoll starben.
Die Bestie aber grunzte zufrieden, als sie sich über die drei warmen Leichen hermachte und genüsslich verspeiste. Zurück blieben nur ein paar Knochen.
Nachdem die fürchterliche Kreatur ihre blutige Fressgier endlich befriedigt hatte, nahm sie einen silberfarbenen, Bumerang ähnlichen Gegenstand zwischen ihre scharfen Klauen und drückte sanft eines der vielen kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberfläche, die plötzlich alle rot aufleuchteten. Im nächsten Moment löste sich der Körper des unheimlichen Monster wie ein sich stetig verblassendes Bild langsam auf. Dann verschwand es im Nichts.
Zurück ließ die Bestie einen Ort des Grauens.
***
Viel später.
Unter den zahlreichen Passagieren eines modernen Kreuzfahrtschiffes befand sich auch ein großer, hager aussehender Mann in einem langen hellen Mantel und einem weiten Sonnenhut auf dem Kopf, der sein bleiches Gesicht verbarg. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.
„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der Bordcrew des Kreuzfahrtschiffes auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.
Als der Mann in seiner kleinen Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.
Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.
ENDE
(c)Heiwahoe
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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2026.
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Bossing - wir wolln doch weiterkommen
von Gabi Mast
In einem Call Center verkaufen Gitte und ihr Team sehr erfolgreich die Produkte des Hauses, so erfolgreich, daß die sogar zum Testen neuer Aktionen auserkoren werden. Trotz der harten Bedingungen fühlen sich alle wohl bei Krass und Peinlich. Bis das Team von heute auf morgen eine neue Projektleiterin vor die Nase gesetzt bekommt. Wie diese Dora Kilic zu Krass und Peinlich kam und was sie so alles im Schilde führt; für die Mitarbeiter passt zunächst so gar nichts zusammen. Bis Gitte während einer Urlaubsvertretung die falsche Schreibtischschublade öffnet. Und Franziska beim Besuch ihrer Tante in der Klapsmühle Sophie Prandtner trifft. Dann nämlich vereinigen sich zwei Geschichten, und Gitte kann endlich aufdecken, was für ein fieses Spiel Dora mit allen gespielt hat.
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