Er stolperte die paar steilen, hölzernen Treppen hinab, die sein Zimmer vom Ausgang trennten. Die Stiegen knarrten. Er hörte es kaum. In Kürze würde das alte Fachwerkhaus abgerissen, dachte er nur, als die niedrige Holztür mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel.
Oberhalb des backsteinernen Türrahmens bröckelte lockerer Mörtel auf seine Schulter. Er spürte es leicht. Die braunen kreuz-förmigen Balken des Fachwerks waren trotz der feucht-kalten Witterung noch trocken, teilweise sogar morsch. Niemand kümmerte sich darum. Bald müsste er sowieso ausziehen und sich eine andere Unterkunft suchen.
Draußen empfing ihn ein stürmischer Schneeschauer, der ihm kalt durchs Gesicht fuhr und mit Tränen von Trauer verschmolz: Jens weinte. -
Ein scharf beißender Geruch vom Rauch der Schlote stieg ihm in die Nase und zugleich fühlte er sich von dem aschfahlen, fratzartigen Mauerwerk der Häuserblocks plump und blöd angeglotzt.
Die Altstadt döste schlaftrunken im Einbruch der Morgendämmerung. Es war noch dunkel. Nur der nassgraue Asphaltboden spiegelte die spärliche Beleuchtung der gelben Laternen in den Pfützen wider.
Vom Ostkirchturm schlug die Glocke sieben Uhr, als Jens am Waldfriedhof vorbei die schmale Gasse unterhalb der Ruhrbrücke überquerte.
Hier bog er in eine Seitenstraße in Richtung Marktplatz und verschwand plötzlich inmitten dem Knäuel einer Menschenmenge, die dicht gedrängt unter dem Wartehäuschen versuchten, sich vor dem rauen Wind zu schützen. Immer noch wirbelten dicke weiße Flocken kreuz und quer durch die Luft, und der Wind heulte dazu vor Wut.
Krampfhaft versuchte Jens die Tränen zurückzuhalten, als er in den Bus einstieg. Es war ihm peinlich. Leise verfluchte er diesen Augenblick. Gleich würde er vergessen haben, was ihn fast zum Verzweifeln gebracht hatte.
Vergessen und verzeihen
Jens drückte seinen Kopf gegen das Fensterglas und presste die Lippen fest aufeinander, um nicht wieder zu weinen. Vom Omnibus aus sah er dem lebhaften Schneetreiben im Autoscheinwerferlicht zu, schaute dann verwundert auf die kristallinen Eisblumen der Heckscheibe und wieder in den Verkehr.
Er wollte abschalten, vergessen. Gleich meinte er. Es tat ihm weh.
Sein Kummer hatte ihm schon fast die ganze Nacht den Schlaf geraubt. Noch immer stiegen ihm Gedankenfetzen verworrener Träume ins Bewusstsein und erschwerten seinen Kampf, den er führte. Er rang mit sich selber, und lag im Widerstreit zu seiner Liebessehnsucht. Mit seiner Vernunft wollte er diese unsagbaren Gefühle bekämpfen.
Jens suchte den Grund der unerwarteten Trennung. Sie war einfach gegangen. Einfach so. Ohne viel Worte zu machen, war sie gegangen. Grund genug.
Es war zum Heulen. - Vergeblich suchte Jens nach einer einfachen Erklärung.
20 Jahre später
Jens *) musste etwas lächeln, als er über die schon vergilbten unvollständigen Seiten flog,
die er beim Umzug aus einer alten Schublade zog. Immerhin hatte er dafür eine „eins“, also ein 'sehr gut' erhalten und konnte damals seine Note im Fach Deutsch insgesamt verbessern.
Komisch, dachte er, ein häufig wiederkehrendes Thema: Trennung.
Damals die erste Schulfreundschaft, die nach kurzer Zeit, wie das meist so üblich ist,
auseinander driftete und nun seine Ehe, die nach ca. dreizehn, vierzehn Jahren endgültig in die Brüche ging. So stand er da, ziemlich ratlos und zerknirscht, vor dem Scherbenhaufen einer zerrissenen Familie... .
Ist das Leben vieler denn immer wieder nur vom Scheitern geprägt (?), fragte er sich. Und dachte dabei an die Tragödien erlebter Einzelschicksale, mit denen er jahrelang auch beruflich zu tun hatte. –
Und nun aber bereits seit einigen Monaten ohne feste Beschäftigung, tatsächlich die ‚Arbeit -los‘, ein ‚Looser‘? Weil das tendenziös in den Augen seines Sohnes schon mal zum Ausdruck kam. Nachdem der - vor inzwischen vielen Jahren - zu ihm zurückkehrte, es anscheinend bei der Mutter - aus welchen Gründen damals auch immer - doch nicht aushielt und somit gar die Trennung von seiner jüngeren Schwester, die bei der Mutter blieb, in Kauf nahm.
Und dass da noch Kontakt zu Alexia *) bestand, seiner Tochter, überlegte Jens weiter. Dadurch war eben eine einigermaßen zufriedenstellende Besuchsregelung für alle gewährleistet. Damit tröstete er sich jetzt ein wenig. –
Fortsetzung folgt
*) Name(n) frei erfunden
ges. Sommer 1999
© LS
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PS: Ohne KI Lutz S., Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2026.
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Vier Graupapageien und ein Happy Oldie
von Fritz Rubin
Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Pedro und bin ein Graupapagei, ja, genau, der mit dem schwarzen Krummschnabel, der weißen Maske, dem grauen Gefieder und den roten Schwanzfedern. Meine drei Freunde Kasimier, genannt »Karl-Karl Kasel«, Grete, genannt »Motte-Maus« oder »Prinzessin«, Peter, genannt »O«, und ich leben seit Dezember 1994 in einem schönen Einfamilienhaus in einem Dorf in der Vorharzregion. Ich habe mir vorgenommen, aus meinem Leben zu berichten, was mir alles so passiert ist, wie mein Tagesablauf ist und war und was mich alles so bewegt.
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