Mit dem Fast Food schluckt Kuba seinen Sozialismus hinunter.
Es gibt Niederlagen, die werden unter wehenden Fahnen erlitten. Und es gibt solche, die in einem Pappkarton daherkommen – samt Pommes, Cola und Ketchup.
Kuba hat plötzlich seine Liebe zu den alimentos ligeros, den »leichten Mahlzeiten«, entdeckt. Das klingt nach Salat, Kräutertee und ernährungsbewusster Selbstfürsorge. Tatsächlich verbirgt sich dahinter die Einladung an internationale Fast-Food-Ketten, sich auf der Insel niederzulassen. Ausgerechnet dort also, wo Fidel Castro den amerikanischen Kapitalismus jahrzehntelang zur ideologischen Hauptspeise erklärte, könnte bald der Big Mac serviert werden. Die Revolution wird nicht mehr exportiert, sondern frittiert.
Man muss sich diese Volte auf der Zunge zergehen lassen. Über sechs Jahrzehnte predigte das Regime den Klassenkampf gegen den imperialistischen Erzfeind. Nun soll ausgerechnet dessen kulinarisches Markenzeichen helfen, eine chronisch marode Volkswirtschaft zu stabilisieren. Der Sozialismus verschwindet nicht durch einen Putsch – sondern wird portionsweise verzehrt.
Selbstverständlich wird in Havanna niemand das Wort »Scheitern« in den Mund nehmen. Man spricht lieber von Reformen, Modernisierung und wirtschaftlicher Öffnung. Das klingt staatsmännischer als das schlichte Eingeständnis, dass sich das eigene Modell in einer Sackgasse manövriert hat und nun ausgerechnet mit kapitalistischen Rezepten künstlich beatmet werden muss. Die Planwirtschaft erhält keinen feierlichen Nachruf, sondern eine Drive-in-Spur.
Die eigentliche Ironie liegt jedoch an anderer Stelle. Jene Kubaner, die einst als Verräter, Bourgeois oder Konterrevolutionäre galten und das Land verlassen mussten, werden heute als Investoren umworben. Gestern Klassenfeind, heute Hoffnungsträger. Das System, das sie einst ausspuckte, versucht nun, sie als letzte Zutat seines eigenen Überlebensrezepts zurückzugewinnen.
Auch die staatlichen Betriebe sollen künftig nach unternehmerischen Maßstäben arbeiten und sich an Aktiengesellschaften orientieren. Das erinnert an einen überzeugten Veganer, der plötzlich Metzger werden möchte: Die Einsicht verdient Respekt – die Verzögerung bleibt bemerkenswert.
Dabei war Kubas wirtschaftliche Misere nie allein das Werk des amerikanischen Embargos. Ein System, das Eigeninitiative misstrauisch beäugt, Leistung entmutigt und Bürokratie belohnt, erschöpft irgendwann seine eigene Produktivität. Wo nichts mehr erwirtschaftet wird, lässt sich auch nichts mehr verteilen. Am Ende bleibt nur die Verwaltung des Mangels – oder dessen schrittweise Verwertung.
Vielleicht eröffnet also tatsächlich eines Tages die erste McDonald's-Filiale in Havanna. Ihr eigentlicher Symbolwert läge dann nicht im Burger, sondern in der stillen Erkenntnis, dass Wohlstand weniger aus revolutionären Parolen entsteht als aus funktionierenden Institutionen, unternehmerischer Freiheit und wirtschaftlicher Vernunft.
So könnte ausgerechnet der Big Mac vollenden, woran unzählige Parteitage gescheitert sind: Er macht den Sozialismus nicht nur leichter verdaulich – sondern verwandelt ihn in seine letzte Mahlzeit.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2026.
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