Heinz-Walter Hoetter

Mr. Robert Conners letzte Reise

Mr. Robert Conners letzte Reise

oder

ein Alptraum der besonderen Art

 

 

 


Draußen wich die Hitze des Tages langsam den kühlenden Schatten der aufkommenden Nacht.


 

Der ehe- und kinderlos gebliebene Mr. Robert Conner war ein Mann von knapp sechzig Jahren, der gerne nach Feierabend auf der schicken Terrasse seines Hauses am ruhigen Stadtrand in einem bequemen Liegestuhl saß, dabei eine Zigarette nach der anderen rauchte, dazu ein kühles Bier mit Eiswürfel trank und zwischendurch grübelnd hin und wieder hinauf in den weiten Nachthimmel schaute, wo langsam immer mehr Sterne funkelten.


 

Jedesmal, wenn er seinen Blick nach oben wandern ließ, wo es so unendlich viele Sonnen und Planeten gab, wünschte er sich bisweilen weg von hier, dorthin, wo es vielleicht andere, lebenswertere Zivilisationen gab, auf denen man ein glücklicheres Leben führen könnte als auf der Erde.


 

Manchmal dachte er auch darüber nach, wie es auf Terra wohl in einhundert oder zweihundert Jahren aussehen würde. Er fühlte dann immer wieder eine pressende Ungeduld, die Zeit einfach irgendwie zu verkürzen und die Zukunft vorwegzunehmen, was allerdings reines Wunschdenken war. Das wusste Mr. Conner natürlich auch nur zu gut, aber das waren eben seine ureigensten Gedanken.


 

Nach seiner letzten Zigarette und einem tiefen Schluck aus dem kühlen Bierglas übermannte Mr. Conner plötzlich eine bleiernde Müdigkeit, gegen die er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Es dauerte auch nicht lange, da war er in einen ungewöhnlich tiefen Schlaf versunken.


 

Die Welt um ihn herum verblasste immer mehr und wurde schließlich zu einer anderen Wirklichkeit.


 


 

***


 

Mr. Robert Conner hielt es jetzt nicht mehr in seinem bequemen Liegestuhl aus. Er sinnierte auch nicht mehr darüber nach, was auf der Erde in ein- oder zweihundert Jahren sein würde. Wenn die Menschheit von heute ihre dringensten Probleme nicht lösen konnte, dann wird sie es auch in Zukunft nicht fertig bringen, eine befriedigende Lösung für all ihre Schwierigkeiten auf irgendeine Art und Weise herbei zu führen.


 

Plötzlich dachte Conner darüber nach, warum er bisher nicht den Mut dazu aufgebracht hatte, einfach dorthin zu gehen, wo für ihn die Zukunft liegt, die er als Ziel seines Lebens so sehr wünschte?


 

Er erinnerte sich auf einmal an einen geheimnisvollen Ort, den er schon fast für vergessen glaubte, aber jetzt wieder in seinem Bewusstsein mehr und mehr reale Gestalt annahm.


 

Er stöberte in seinen Erinnerungen herum.


 

In einem ziemlich verkommenen Stadtteil, wo sich nur wenige Lebende hin verirrten, soll es einen seltsamen Platz geben, von dem manche behaupteten, dass es dort eine unheimliche Gestalt gäbe, die einen nicht nur in die Zukunft, sondern auch in eine gänzlich für Menschen unbekannte Welt bringen könne.


 

Den kursierenden Gerüchten zufolge sei aber bisher noch keiner jemals von dort zurückgekehrt, wenn er erst einmal die Reise dort hin angetreten hat.


 

Trotzdem marschierte Mr. Conner schließlich los, um diesen geheimnisvollen Ort aufzusuchen, weil er selbst in Erfahrung bringen wollte, was an der ganzen Sache wirklich dran war.


 

Die Nacht war bereits herein gebrochen, als er den völlig herunter gekommen Stadtteil endlich erreichte und auf einer mit Schlaglöchern übersäten alten Straße neben einer großen schmutzigen Wasserpfütze stand, aus der faule Gase blubbernd aufstiegen.


 

Die verrosteten Straßenlaternen leuchteten in dieser Gegend allerdings nur trübe. Einige von ihnen flimmerten sporadisch auf, als wollten sie sich in einem letzten verzweifelten Versuch von selbst wieder einschalten, was ihnen aber nicht gelang.


 

Plötzlich hörte Mr. Conner ein Geräusch. Angestrengt schaute er in die neblige Dunkelheit hinein. Er glaubte Schritte zu hören, die immer näher kamen. Dann verschwand das Geräusch abrupt für eine Weile, bis es ganz unverhofft wieder in seiner unmittelbaren Nähe auftauchte.


 

Zuerste dachte Conner, er hätte sich alles nur eingebildet, wurde aber im nächsten Augenblick von einem heran nahenden Fahrzeug und das aufdringliche Quietschen von Reifen aufgeschreckt. Erschrocken machte er einen Schritt zurück nach hinten und wartete ab, was passieren würde.


 

Das unbekannte Fahrzeug kam rupelnd näher, wobei die Lichter ausgeschaltet waren, als sollte man es nicht sehen. Dann hielt es plötzlich an. Gleichzeitig wurde die Fahrertür aufgestoßen und Conner konnte die Silhouette einer männlichen Person erkennen, die ihn argwöhnisch betrachtete. Schließlich fragte eine sonore Stimme: „Wenn ich richtig liege, dann müssen Sie doch dieser Mr. Robert Conner sein, oder?“


 

Ja, der bin ich“, antwortete der Angesprochene zögerlich und fragte zurück: „Was wollen Sie von mir?“


 

Nun, ich bin der Mann aus der Zukunft. Ich habe den Auftrag, Sie mitzunehmen und dort hin zu bringen, wo Sie so gerne wären. Steigen Sie bitte ein, damit die Fahrt gleich losgehen kann. Ich meine damit die Reise in die Zukunft. Was ist? Warum warten Sie noch?“


 

Mr. Conner zögerte etwas, stieg aber am Ende doch ein, obwohl er dabei ein mulmiges Gefühl hatte. Was kann mir denn schon passieren, dachte er so für sich und kam der Aufforderung nach.


 

Als er neben dem Fahrer Platz genommen hatte, erkannte er, dass das Gesicht des Mannes nicht nur hässlich, sondern voller Falten und Warzen war. Sein weißes Haar hing in schmierigen Strähnen bis auf die Schulter herunter. Die verschlissene Lederjacke roch irgendwie nach vermodertem Humus, was auch auf seine ziemlich verdreckte Hose zutraf.


 

Im nächsten Moment setzte sich das Fahrzeug auch schon ruckartig in Bewegung. Nach einiger Zeit hatte Mr. Conner das komische Gefühl, dass es sich wie ein Flugzeug langsam vom Boden abheben würde, um nach oben in den Nachthimmel aufzusteigen.


 

Es ging tatsächlich unaufhörlich weiter aufwärts. Die Zeit schien nicht mehr zu existieren und bald leuchtete der unendliche Raum vor ihnen in den unterschiedlichsten Farben unzähliger Sterne und Planeten.


 

Von irgendwo her ertönte auf einmal aus einem verborgenen Lautsprecher eine krächzende Stimme, die Conner persönlich ansprach: „Hallo Mr. Robert Conner! Ich begrüße Sie herzlichst auf Ihrem letzten Weg in die Zukunft, der für Sie allerdings eine Einbahnstraße ist. Sie können ab jetzt nicht mehr in ihre eigene Zeit zurück. Das war Ihnen doch klar, oder? Na ja, was soll ich noch sagen? Jetzt ist es für Sie sowieso schon zu spät. Wir sind nämlich fast am Ziel. Es dauert nicht mehr lange, dann muss ich Sie aussteigen lassen. So lautet mein Auftrag.“


 

Wenige Minuten später erreichte das Fahrzeug einen einsamen Planeten, der von einer weit entfernten Sonne nur schwach angestrahlt wurde und auf Conner einen seltsam düsteren Eindruck machte.


 

Als sich die Beifahrertür automatisch öffnete, damit er aussteigen konnte, wurde er fast von der Erkenntnis zu Boden gedrückt, dass er zwar tatsächlich in der Zukunft angekommen war, die er sich aber völlig anders vorgestellt hatte. Diese hier machte ihm Angst, denn es war eine finstere und bedrückende Welt der Toten.


 

***


 

Später, viel später in Mr. Conners ehemaliger Welt, in der er jetzt nicht mehr lebte.


 

Die Sonne stand bereits hoch am wolkenlosen Himmel, als ein Nachbar zufällig an seinem Haus vorbei kam und die halb verkohlte Leiche von Mr. Robert Conner in seinem Liegestuhl auf der Terrasse entdeckte. Auch hatte sich mittlerweile ein pentranter Verwesungsgeruch in der Umgebung breit gemacht.


 

Wie die nachfolgende Obduktion des Leichnams in der Pathologie ergab, war Mr. Conner offenbar in seinem Liegestuhl einem plötzlichen Herzinfarkt erlegen, wobei eine glühende Zigarette in seiner rechten Hand Hemd und Hose in Brand gesetzt hatten.


 


 

ENDE


 

(c)Heiwahoe



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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