Bernhard W. Rahe

Der Beichtautomat

Beichtautomat

Der Gebrauch der künstlichen Intelligenz im Alltag scheint merkwürdige Blüten zu treiben.

Kürzlich fiel mir in der Innenstadt ein neuartiges – einem Passbildautomaten ähnliches – Gerät auf. Es hatte etwa die Größe einer jener Telefonzellen, die man heute kaum noch in den Städten antrifft. Meine Erinnerung an den Passbildautomaten geht über das Ärgernis eines zu schnell auslösenden Blitzlichtes, während man noch an den Harren hantierte oder den Sitz in die richtige Höhenposition zu drehen gedachte, wenig hinaus.

Dieses neuartige Gerät aber hatte beim genaueren Hinschauen mit einem Passbildautomaten überhaupt nichts zu tun. Ein Bild des heutigen Papstes und darunter die knappe Information, dass es sich um eine elektronische, innovative Möglichkeit der modernen Vergebung von Sünden handelte, klärte mich auf. Begleitet von einer zukunftsweisenden Animation, die ihresgleichen auf der Erdkruste suchte. Ein Beichtautomat, staunte ich, welch eine merkwürdige und doch geniale Idee.

Hatten sich etwa Modernisten des Vatikans diesen geistigen Tiefflieger bei einem schweren Glas Wein ausgedacht? Oder handelte es sich bei dieser Kiste um die pietätlose Geschäftsidee einer skrupellosen Betrügerbande?

Aber weit gefehlt. Ich recherchierte sofort mit meinem Smartphone nach dem Suchwort "Beichtautomat" und wurde fündig. Erstaunlicherweise landete ich auf der Internetpräsentation des Vatikans, die – welch eine interessante und weitere Überraschung – mit einer Informationsseite der Bundesregierung gleichgeschaltet war. Dort lockte ich mich mit meinem Personalausweis ein und siehe da, diese Beicht-Rappelkiste erfreute sich einer zunehmenden Anzahl in den Städten Europas. Es gab ihn wirklich, diesen eisernen Diener des institutionalisierten Glaubens. Eine Maschine, abgesegnet vom Papst höchstpersönlich, von der Politik – vermutlich mit einer hauchdünnen christdemokratischen Mehrheit der CDU und mit einer guten Priese Koks bei einem feuchtfröhlichen Abend – abgekartet.

Warum hatte ich das nicht mitbekommen, wo ich doch sonst immer an Reformen interessiert war? Die zu zahlende Gebühr für eine elektronische Absolution war mit zwanzig Euro angegeben. Meine Neugier ließ mich überlegen, ob ich in dieser kleinen Zelle in den Genuss einer Beichte kommen sollte, mich ihr hingeben – oder sogar unterwerfen könnte.

Alle Gläubigen mögen mir bitte verzeihen, dass gerade ich, als ein aus der Kirche ausgetretener, abtrünniger Mensch, den Wunsch hatte – und aus meiner naiven Sicht sogar das Recht dazu haben sollte – wie jeder Christ ja auch, in den Zustand der Befreiung von Schuld zu kommen.

Als unerfahrener ehemaliger Protestant hatte ich niemals einen Beichtstuhl, es sei denn in blutrünstigen Filmen gesehen hatte.
Da, wo bigotte Schwerverbrecher dem Pater, mit von den eigenen Sünden schwer gequälten Gesichtszügen, den Segen und die Absolution aus den Rippen leierten.

Ein seltsam mulmiges Gefühl stieg in mir hoch.

Der Apparat kümmerte sich auch nicht die Bohne darum, ob ein Beichtinteressent überhaupt einer Konfession angehörte oder irgendeiner alternativen und dubiosen Glaubensgemeinschaft anheimgefallen war.

Also zog ich einen Zwanzigeuroschein aus meiner Geldbörse hervor und steckte ihn in den Schlitz des Automaten. Zunächst lutschte der Automat gierig die Banknote ein. Darauf kündigte ein verhaltenes Summen das Öffnen der nur 1,5 Meter hohen Tür an.
Sie sprang auf. Aha, dachte ich, der Eintritt in diesen Schrein geschieht in gebückter, sozusagen demütiger Haltung. Ich glitt in das Innere, sozusagen in die Seele des Automaten, hinein.

Ein niedriges hauchdünn aufgepolstertes Holz, eine Art Fußbank, befand sich auf dem Boden, der einen weichen Belag, mit biblischen Motiven versehen, aufwies. Die Decke und auch die Wände waren mit Motiven und gedruckten Malereien aus der sixtinischen Kapelle drapiert.

Ich hatte zweifellos das Gefühl, mich an einem sakralen Ort zu befinden.

Ein Monitor bzw. ein Display befand sich, um seine Mittelachse von innen nach außen drehend, in Augenhöhe, sobald ich mich auf die Bank niedergekniet hatte. In gut lesbaren Lettern wurden verschiedene Sprachen zur Wahl angeboten.
Orientalische Schriftzeichen waren übrigens nicht dabei.

Es handelte sich also, so meine Vermutung, um einen katholischen, allerdings an einer Ökumene interessierten Automaten, der mich zu dulden schien, weil ich der westlichen Hemisphäre abstammte und Deutsch als meine Muttersprache bereits per Tastatur eingegeben hatte.

Mich ließ das unbestimmte bleierne Gefühl nicht los, dass diese skurrile Beicht-Maschine meine Gesichtslinienparameter, meinen Teint und vielleicht sogar meine geistige und politische Gesinnung, ja und auch die knappe Fülle meiner Geldbörse, auf mysteriöser Weise analysiert haben könnte. Vielleicht kauerte ja hinter dem Bildschirm auch ein weiser, von irgendwelchen Tech-Oligarchen geschickter Gnom, ähnlich dem Maelzels Schachspieler in einer schrägen Story von Edgar Alan Poe.

Der Schriftsteller hatte sich in seiner Fabel eine geistreiche eiserne Schachmaschine ausgedacht, die einen zwergenhaften, hochintelligenten und bislang ungeschlagenen Schachspieler im Räderwerk und Brustkasten der Maschine verbarg.

Alle schachversessenen Spieler, die es mit dieser Maschine aufnahmen, gingen geschlagen und mit gesenktem Haupt nach Hause .

Nun aber zurück zu meiner momentanen Situation: Ich saß oder kauerte relativ bequem in diesem Automaten. Auf dem Bildschirm wurden mir verschiedene Optionen angeboten. Z.B. die Möglichkeit einer Seelsorge, oder einer lobgepriesenen Religionsberatung. Als ich die Option "Sünden vergeben" angetippt hatte, erschien auf dem Schirm, liebe Freunde ihr werdet es nicht glauben, Papst Leo XIV. – als animierte Person oder Avatar. Welch ein kleines oder sogar großes Wunder sich mir da offenbarte.

Der Pope trug eine Art Zivilkleidung, ein schlichtes seidenes Hemd, mit einem Stehkragen und einem purpurroten gestickten Kreuz auf der Herzseite.

Mir der exzellenten Bildung des Popen absolut bewusst, wunderte ich mich nicht darüber, dass er auch der Deutschen Sprache mächtig war.

Er sagte folgende Worte, dabei schaute er mir offen und freundlich in das Gesicht, ein gutmütiges Lächeln umspielte seine Lippen:

Mein Sohn, Du willst die Beichte ablegen, sei gewiss, alles was du hier in diesem Beichtstuhl äußern wirst, wird nur in unser beider Herzen sein.

Keiner wird davon erfahren. Und nun sprich, berichte mir deine begangenen Sünden.

Als "Ausgetretener" und auch nicht "Katholik" kannte ich mich mit den Bräuchen im Beichtstuhl so gar nicht aus. Hatte ich irgendwelche Sünden begangen? Was waren den Sünden, fragte ich mich. Um dieser mir nun ein wenig unangenehm gewordenen Situation mit den noch folgenden Hinterfragungen möglichst schnell zu entgehen und diesen heiligen Schrein fix wieder zu verlassen, dachte ich mir verschiedene Dinge aus, die ich als Sünde bezeichnen würde. Außerdem wollte ich dem Heiligen Vater höflich – und gewiss auch aufrichtig – und ergeben sein. Worte formten sich träge in mir. Dann legte ich los:

Ich habe meine Frau betrogen, entglitt es mir stoßhaft.

Mir stockte der Atem über diesen Satz, den meine Lippen so leichtfertig verlassen hatten. Das war gelogen. Bullshit, ich liebte meine Frau.

Du hast also Deine Frau betrogen. Fahre fort mein Sohn.

Ich war sehr zornig gegenüber einem Mann an der Kasse im Supermarkt, weil er sich verrechnet hatte. Und dann habe ich – nun hätte ich mir einen wahren Kanon von Sünden ausdenken können, weil ich langsam in Fahrt kam – einen Menschen schwer betrogen beim Verkauf meines schrottreifen Autos.

Gibt es noch weitere Sünden, die Du begangen hast?

Ja, ich war hochmütig, als ich meinen Chef in der Firma sagte, er könne mich am Allerwertesten lecken, weil er ständig Überstunden von mir verlangte aber mein Gehalt nicht aufstocken wollte!

Herrje, was war in mich gefahren, ich hätte mich nun als Dieb, als Raubmörder und Betrüger hinstellen können. Ich versank förmlich in einem tiefen Sumpf von erdichteten Sünden, die ich gar nicht begangen hatte.

Einen Machtmissbrauch hätte ich mir aber nicht angedichtet, weil ich keine Macht hatte. Diese Sünde überließ ich jenen Geistlichen, die vom Weg abgekommen waren.

Weil nun eine massive Übelkeit in mir aufstieg, stoppte ich meine Erzählungen darüber, was ich so alles auf dem Kerbholz hatte.

Weitere Sünden habe ich nicht begangen, bekannte ich nun kleinlaut und ergriffen.

Die Bedenklichkeit ausdrückenden Gesichtszüge des obersten Klerikers wichen und wurden wieder sehr weich wie zuvor.

Nun gut. Ich erteile Dir eine Buße.

Du wirst ein Vaterunser sprechen und Dich bei den Menschen entschuldigen, denen Du mit Ehebruch, Zorn, Hochmut und Betrug und anderen Sünden Schaden zugefügt hast.

Ja, sagte ich brav. Es war doch alles aus den Fingern gesogen, dachte ich erschrocken und bekam augenblicklich ein schlechtes Gewissen.

Ich hätte diesen Beicht-Kasten niemals betreten sollen.

Dann nickte ich in den Bildschirm hinein, zeigte meine ehrliche Betroffenheit über mich selbst und erhielt aus einem flachen Schlitz einen kleinen Zettel oder Bon.

Deine Sünden sind dir vergeben, mein Sohn. Gehe hin in Frieden, fügte der Papst hinzu. Sein Gesicht wurde jetzt aber sehr ernst.

Lüge mich niemals an, denn – den Pontifex Maximus anzulügen IST eine wahre und maximale Todsünde.

Der Bildschirm fiel in sich zusammen, wurde zu einem winzigen Kreuz in der Mitte, welches mit der Dunkelheit verschmolz.

Bevor ich dem Kasten entgeistert und in gebeugter Haltung entstieg, sah ich noch aus meinem Augenwinkel heraus, dass in einem anderen Kontext sogar Oblaten und Wein gereicht wurden. Dass kostete fünfunddreißig Euro. Mir war aber weder nach Wein noch nach Kartoffel- oder Weizenstärke.

Als die kleine Tür hinter mir schwer ins Schloss fiel, schaute ich mich verstohlen um.

Anschließend ging ich einen Kaffee trinken und wollte mir Zeit geben, das Erlebte etwas sacken zulassen. Der kleine Zettel lag vor mir auf dem Tisch. Darauf stand:

Schön, dass Sie gebeichtet haben, beehren sie uns bei Bedarf gerne wieder und geben sie eine Bewertung oder einen Like auf der Seite „www. beichtautomat.va“ ab. Das „va“ steht übrigens für Vatikan.

War dieser Zettel nicht ein deutlicher Beweis dafür, dass Mittelalter und Neuzeit bzw. christliche Gewohnheiten und künstliche Intelligenz sich merklich angenähert hatten?

Und noch viel mehr. Hier verschmolzen die blutige Vergangenheit und eine moderne, kritisch zu hinterfragende Gegenwart des christlichen Glaubens, zu einer zeitlichen und modernen Verbundenheit.

Über die Skurrilität und auch die Selbsttäuschung des Beichtens in einer Maschine hatte ich noch tagelang nachzudenken.

 

Prolog:

Erst nach dem Schreiben dieser Geschichte recherchierte ich zum Thema Beichtautomat. In Luzern wurde ich quasi fündig.
Bernhard W. Rahe, Juni 2026

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Bernhard W. Rahe).
Der Beitrag wurde von Bernhard W. Rahe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Bernhard W. Rahe als Lieblingsautor markieren

Buch von Bernhard W. Rahe:

cover

1979 Transit ins Ungewisse von Bernhard W. Rahe



Die Story spielt im Jahr 1979. In einem geheimen Forschungslabor an der Sowjetischen Grenze entwickelt ein genialer Wissenschaftler eine biologisch hochbrisante Substanz, die die Menschheit zu vernichten droht, sofern der “Stoff“ in falsche Hände gerät. Der besessene Virologe “Ramanowicz“ tauft seinen biologischen Kampfstoff auf den Namen “AGON XXI“. Die BRD ist darüber informiert!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Bernhard W. Rahe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Traummaschine von Bernhard W. Rahe (Surrealismus)
Förderverein der Profiteure (FDP) von Norbert Wittke (Satire)
Ein Tag der besonderen Art von Susanne Kobrow (Wie das Leben so spielt)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen