Istvan Hidy

Grüne Welle und Freie Fahrt

Früher war die Welt noch übersichtlich.

Es gab den Autofahrer und den Fußgänger.

Der eine fuhr. Der andere schimpfte.

Man kannte sich. Man mied sich. Man verachtete sich mit einer wohltuenden Ehrlichkeit.

Der Fußgänger behauptete, die Straße gehöre ihm, weil er zuerst da gewesen sei.

Der Autofahrer behauptete, sie gehöre ihm, weil er sie bezahle.

Beide verfügten über ausgezeichnete Argumente.

Deshalb hörte ihnen niemand zu.

Dann kam das Fahrrad.

Nicht das Fahrrad an sich. Das gab es seit Generationen. Jeder hatte als Kind eines. Es quietschte, hatte mehr Flicken als Schlauch und ein Licht, das zuverlässig nur dann versagte, wenn ein Polizist auftauchte.

Nein, ich meine das moderne Fahrrad.

Das Fahrrad mit Auftrag.

Es fährt nicht einfach von A nach B. Es erlöst das Klima, verbessert die Gesellschaft und macht seinen Besitzer zu einem Menschen mit gutem Gewissen.

Seit diesem historischen Augenblick begann eine merkwürdige Verwandlung.

Straßen, die jahrzehntelang zwei Fahrspuren besessen hatten und auf denen Radfahren bisweilen sogar verboten war, verloren plötzlich eine davon. Parkplätze verschwanden geräuschlos. Dafür tauchten rote Streifen auf dem Asphalt auf – zunächst vereinzelt, dann überall.

Je länger die roten Streifen wurden, desto kürzer wurde die Geduld der Autofahrer.

Und desto länger wurden die Staus.

Motoren liefen. Abgase stiegen auf.

Man erklärte uns, das diene dem Umweltschutz.

Fortschritt ist überhaupt ein bemerkenswertes Wort.

Früher brauchte ich zehn Minuten zur Arbeit.

Heute brauche ich dreißig.

Offenbar fährt man besonders nachhaltig, wenn man möglichst lange stillsteht.

Vielleicht stößt ein Motor im Leerlauf weniger CO₂ aus, sofern ausreichend viele Menschen fest daran glauben.

Besonders bewundere ich dabei unsere deutsche Gelassenheit.

Der Franzose hätte längst Barrikaden errichtet.

Der Italiener würde hupend das Rathaus belagern.

Der Amerikaner hätte einen Anwalt gefunden.

Der Deutsche sagt:

„Da wird sich schon jemand etwas dabei gedacht haben.“

Dann reiht er sich ordnungsgemäß hinten im Stau ein.

Wir sind ein erstaunlich gut erzogenes Volk.

Tief in unserer Seele wohnt noch immer jener höfliche Untertan, der sich entschuldigt, wenn ihm jemand auf den Fuß tritt.

Aber irgendwann hat selbst die Geduld Feierabend.

Deshalb gründe ich jetzt die Partei „Die Freie Fahrt“.

Unser Wahlprogramm ist erfreulich übersichtlich.

Erstens: Jede Baustelle muss fertig werden, bevor sie unter Denkmalschutz gestellt werden kann.

Zweitens: Eine grüne Welle soll ihren Namen verdienen.

Drittens: Wer von den Autofahrern immer neue Straßenopfer verlangt, zahlt künftig freiwillig Fahrradsteuer.

Ich gebe zu: Das ist weder gerecht noch vernünftig.

Aber seit wann ist Vernunft die treibende Kraft deutscher Verkehrspolitik?

Am Ende wird unsere Partei vermutlich grandios scheitern.

Nicht etwa, weil unsere Ideen schlecht wären.

Sondern weil niemand rechtzeitig zur Gründungsversammlung kommt.

Wir stehen im Stau.

Auf der einzigen verbliebenen Fahrspur.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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