Es soll ein ganz gewöhnlicher Morgen im amerikanischen Finanzministerium gewesen sein.
Kaffee. Börsenberichte. Die tägliche Kontrolle, ob der Dollar über Nacht noch Weltleitwährung geblieben ist.
Dann landete die neue Ausgabe der NZZ auf dem Schreibtisch von US-Finanzminister Scott Bessent.
Er begann mit dem Artikel über Amerika.
32 Billionen Dollar Staatsschulden. Ein politisches System, das sich zuverlässig nur noch auf neue Defizite einigen kann. Zinsen, die schneller steigen als die Hoffnung. Eine Notenbank, die eines Tages womöglich zwischen Preisstabilität und Staatsfinanzierung wählen muss. Und als letzter Ausweg: Inflation. Die elegante Kunst, Gläubiger zu enteignen, ohne ihnen offiziell etwas wegzunehmen.
Bessent seufzte.
Dann schlug er die nächste Seite auf.
„Chinas blinde Flecken.“
Alternde Bevölkerung. Immobilienkrise. Überschuldete Provinzen. Ideologische Starrheit. Zu viel Partei, zu wenig Reform. Ein Staat, der seine strukturellen Probleme durchaus erkennt, aber lieber an Stellschrauben dreht, als die Fundamente anzutasten.
Bessent las aufmerksam.
Dann noch einmal.
Schließlich legte er die Zeitung langsam auf den Tisch, blickte zum Washington Monument und sagte leise:
„Ich hätte lieber die chinesischen Probleme gehabt.“
Sein Staatssekretär runzelte die Stirn.
„Sir? Dort wächst die Wirtschaft kaum noch. Der Immobilienmarkt steckt fest. Die Bevölkerung schrumpft. Die Provinzen sind hoch verschuldet.“
Bessent nickte.
„Ja. Aber wenn Peking ein Problem erkennt, schreibt es wenigstens einen Fünfjahresplan.“
Er tippte auf den ersten Artikel.
„Wir schreiben Wahlkämpfe.“
Kurzes Schweigen.
„Die Chinesen streiten darüber, ob der Staat zu viel Kontrolle ausübt.“
Er klopfte erneut auf die Zeitung.
„Bei uns streitet man inzwischen darüber, ob zwei plus zwei eine parteipolitische Meinung ist.“
Ein Berater wandte ein, China verdränge seine strukturellen Probleme.
„Natürlich“, antwortete Bessent. „Aber wir finanzieren unsere strukturellen Probleme inzwischen mit neuen Schulden, deren Zinsen wir wiederum mit noch mehr Schulden bezahlen. Das besitzt immerhin die Eleganz einer mathematisch vollkommen sauberen Spirale.“
Er griff zum Taschenrechner.
32 Billionen Dollar.
4,5 Prozent Zinsen.
Sechs Prozent Defizit.
Dann legte er den Rechner wieder beiseite.
„Wissen Sie“, sagte er nachdenklich, „wenn China seine Probleme falsch diagnostiziert, wächst es vielleicht nur noch mit drei Prozent. Wenn wir unsere weiter ignorieren, wächst irgendwann nur noch der Schuldendienst.“
Der Raum verstummte.
Schließlich fragte ein Mitarbeiter vorsichtig:
„Was machen wir jetzt? Sparen?“
Bessent lachte so laut, dass selbst die Porträts früherer Finanzminister erschrocken wirkten.
„Mein Junge“, sagte er, „wir sind in Washington.“
Gelächter.
„Steuern erhöhen?“
„Unmöglich.“
„Sozialprogramme kürzen?“
„Politischer Selbstmord.“
„Militärausgaben senken?“
Jetzt wurde es still.
„Dann bleibt wohl nur Inflation.“
Bessent nickte.
„Genau. Inflation ist die einzige Steuer, über die der Kongress nicht abstimmen muss.“
Er nahm einen Schluck Kaffee.
„Die Chinesen glauben, ihr System sei im Grunde richtig – nur die Umsetzung müsse verbessert werden.“
Er blickte erneut auf den Artikel über Amerika.
„Wir glauben inzwischen, unser System funktioniere hervorragend – solange die Notenbank am Ende alle Staatsanleihen aufkauft.“
Wieder Schweigen.
Schließlich faltete Bessent die Zeitung zusammen.
„Eigentlich ein beneidenswerter Gegner“, murmelte er.
„Wer?“
„Die Chinesen.“
„Warum?“
„Weil sie ihre Probleme wenigstens noch für Probleme halten.“
Er deutete auf den Stapel amerikanischer Haushaltspläne.
„Wir nicht mehr.“
„Wie meinen Sie das?“
Bessent lächelte müde.
„Wenn man den Elefanten im Raum lange genug mit frisch gedruckten Dollars tapeziert, sieht ihn irgendwann niemand mehr.“
Draußen wehte die amerikanische Flagge.
Drinnen liefen bereits die Vorbereitungen für die nächste Emission von Staatsanleihen.
Schließlich muss auch Optimismus finanziert werden.
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Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2026.
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