Klaus Mattes

Mattes Pochen 9 Der Lieblingsschüler

 

2018, Mai

Die Arbeitsaufnahme bei SLR – Sprachen lernen in Reuenthal (vor zwei Jahren) hatte sich von der grundsätzlichen Zusage Ende Mai bis zum Arbeitsbeginn Anfang September noch ziemlich hingezogen. Letztlich wohl, weil Ilija Erdogan immer zuerst drankommt, zu den Gesellschaftern gehörend, zugleich einziger Dozentenkollege, der jede in dieser Schule verfügbare Stunde mit seinem Unterricht belegen kann, von Montag bis Freitag, jeden Tag vormittags wie abends schon wieder, und fast immer, wenn einer seiner Kurse zu Ende geht, höchstens drei Tage warten muss, bevor der nächste beginnt. Damals war KM ans Hartz-Empfänger-Dasein gewöhnt und zufrieden, jetzt einmal, ausschließlich auf Grund seiner eigenen Aktivitäten, eine Stelle gefunden zu haben, die er bald antreten würde. Mithin für die von Seiten des Jobcenters zu gewärtigenden Trainings oder Coachings nicht mehr verfügbar zu sein.
 

(Für irgendetwas, letztlich meistens zu Lasten des Steuerzahlers und zur Dokumentation eigener Vermittlungsbemühungen für die mit ihm belasteten Jobcenter-Mitarbeiter. Von ihnen war zu hören: „Da haben wir eine gute Gelegenheit zur Überprüfung der Leistungsbereitschaft.“ Wobei es gegenüber denen, die keine Leistungsbereitschaft zeigten, keinerlei Konsequenzen gab. Manches Mal mussten die „Maßnahmen“ wohl auch schlicht mit sogenannten „Freiwilligen“ aufgefüllt werden, nachdem man sie im Vorjahr nun mal angefordert hatte, zur Bezahlung also verpflichtet war.)
 

Seit der Arbeitsaufnahme 2016 haben die Gewichtungen seiner Arbeits- und freien Tage sich nun anders entwickelt. Geld, wenn auch wenig, hat man als Langzeitarbeitsloser jeden Monat gleich viel (oder immer zu wenig). Jedoch keinen einzigen Cent, wenn man „Freier Dozent“ ist, für die „Ämter“ und Sozialkassen mithin als Kleinunternehmer gilt, dennoch vielleicht wochenlang keine Arbeit bekommt. Ein Schicksal, das vor allem im Sommer zuzugreifen pflegt, denn, weil die Mehrzahl der Kurse im Herbst startet und, mal mehr, mal weniger genau, neun Monate läuft, somit im Juni oder Anfang Juli endet (wie dieser hier, der bis Anfang Juli 2018 geht), es in diesen Integrationskursen keine Ferien gibt, ausgenommen zwei Wochen Weihnachtsferien sowie drei freie Wochen im August, fügt es sich so, dass der eine unter allen anderen Kollegen einen Kurs nach dem anderen hat, während der Rest der Belegschaft sich auf verlängerte Sommerferien einstellen kann. Ferien im Sommer ist so schön dann nicht, wenn man keine Einnehmen hat, die monatlichen Abbuchungen dagegen immer weiter laufen.
 

Die mittlerweile festgesetzten Monatsbeiträge werden automatisch vom Girokonto eingezogen und erst im Folgejahr, auch da erst, wenn ein paar Monate schon wieder vorbei sind, neu einjustiert. Nach Jahresrechnungen, die Finanzamt und Sozialversicherungen rückwirkend aufs gesamte Kalenderjahr errechnen, also egal, ob drei Monate voller Honorare waren oder völlig ohne. Was abgebucht wird, Steuer, „freiwillige“ Krankenversicherung, „freiwillige“ Rentenversicherung, kann KM bei der Bank nicht stoppen. Es geschieht so lange, wie der Überziehungskredit noch was hergibt. Die Jahre mit dem Corona-Virus werden das noch zeigen, dass solche Verhältnisse einen in existenzielle Nöte bringen können. Dann nämlich ist die staatliche Rentenversicherung von allen Seiten her mit Mails, schriftlichen Widersprüchen, Versuchen der telefonischen Gesprächsfindung in einem Maße überlastet, dass sie keine Rückmeldung mehr gibt, ob der Einwand je angekommen ist. Die monatlichen Beiträge werden immer weiter abgebucht, obwohl bekannt sein müsste, dass in allen Bundesländern mittlerweile Schulschließungen erlassen worden sind, die „freien“ Dozenten also nichts mehr verdienen, nicht weil sie sich irgendwie verhalten oder frei entschieden hätten, sondern weil man ihnen ihre Arbeit verboten hat. Die Betroffenen bekommen unbürokratisches „Arbeitslosengeld II“ ausgezahlt, das geht wirklich flott. Doch reicht dieses selbstverständlich hinten und vorne nicht aus, immer noch die „freiwillige“ Rentenversicherung aufzubringen. Corona-Hilfen zahlt die baden-württembergische Landesregierung nur der (privat geführten) Schule, nicht den von ihr engagierten Dozenten. (Das in den Schröder-Jahren für die Arbeitsverwaltungen noch relevante Wort „scheinselbstständig“ ist aus dem deutschen Wortschatz ausgeschieden.)
 

Im zwischen Herbst 2017 und Sommer 2018 laufenden Kurs befindet sich, - neben einer größeren Gruppe etwas widerwilliger Kosovaren aus dem Baubereich („Trockenbau“) und den jederzeit erwartbaren vereinzelten jüngeren Ehefrauen aus Pakistan, Indien, Italien, Polen, Rumänien, der Türkei, Kroatien oder Bosnien-Herzegowina, - vor allem auch der allzeit strahlende, unverbrüchlich lächelnde Lieblingsschüler Vithurshan Gunasingam (ca. 1996-) aus Sri Lanka, der außerdem auch noch unglaublich gut aussieht.
 

Von den kosovarischen Männern springen - nach und nach - einige ab - und das, trotz guter Leistungen, selbst noch kurz vor den Prüfungen für die Sprachzertifikate! Wasser auf den Mühlen des Kollegen Erdogan, der, immerhin ist er Unternehmensgesellschafter, seit einiger Zeit am erneuerten Konzept für Dozenten-Honorare bastelt, das sich um die Vorgaben des BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht scheren will. Also nicht jedem Lehrer für jede einzelne Stunde die gleiche Summe auszahlen will, vielmehr einem Lehrer, der viele Leute im Kurs hat, mehr Geld, seinen Kollegen, deren Kurse kleiner sind oder vielleicht erst im Lauf der Zeit kleiner wurden, weniger. Eine, wenn man so will, Dotierung nach Einschaltquoten, also Starqualität. (Und gemäß den persönlichen Beziehungen zu den im Geschäftszimmer Arbeitenden, von ihnen werden die Einstufungstests bei der Anmeldung abgenommen und sie sind es, die die Namenslisten für die Kurse zusammenstellen.)
 

Gutes Aussehen, Jugend, scharfer Verstand, freundliches Wesen haben den Asiaten zu Lehrers Liebling gemacht. Passend dazu sucht der Schöne sich den Sitzplatz direkt vor dem Pult aus. VB, bei dem es schwerfallen dürfte, ihn nicht zu mögen, der allerdings jugendlicher oder kindlicher auftritt, als man es von einem hiesigen Zwanzigjährigen erwarten würde, lebt mit der Familie seines Onkels in Litterkrauch. Er ist Single. Wie auch die Bauarbeiter und Maurer kommt er jeden Abend von der Arbeit. Er verkauft Hamburger bei BurgerKing in Lochgäu. Mal fährt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mal bringen Kollegen ihn im Auto, holen ihn nach dem Kurs auch mal ab. Auf seine S-Bahn muss er ansonsten noch eine halbe Stunde warten. Stets begleitet er derlei Geschichten mit einem charmantem Augenzwinkern. Ihn scheint nichts zu belasten. Es überrascht KM nicht zu erfahren, dass der Filialleiter den Sri Lanker zu überzeugen versucht, er solle sich bei BurgerKing für länger verpflichten und einen Ausbildungsvertrag unterschreiben, sobald das mit dem Sprachniveau B1 klar ist. Er sei clever, fleißig, die Kunden sehen ihn gern. Der kommende Restaurantmanager.
 

Wie fast alle von den männlichen Teilnehmern raucht VB in der Pause. Sie stehen unten vor der Treppe, bei den Schaufenstern der um diese Zeit geschlossenen Geschäfte. Durch seine Arbeit fühlt KM sich angespannt und hat keine Lust, sich zum Kumpel der „anderen Männer“ zu machen, der Normalen. Er, seit seiner Krankheit strikter Nichtraucher, geht schnell vorbei, wandert dann langsam einmal um den Block herum, einen Becher mit Kaffee in der Hand. VB hält ihn kurz auf. So den Kontakt zu den im Kursraum verbliebenen Frauen, mehrheitlich slawischen oder türkischen Frauen, hat er nun auch nicht – und hier unten ist Albanisch die gängige Sprache. Der Reize des entzückenden Knabens ist KM sich wohlbewusst, genau darum geht er ihm eher aus dem Weg. Er möchte nicht, dass sich das mit dem Lieblingsschüler vielleicht auch noch zu anderen Kursen herumspricht. Den Scherz unter ein paar Frauen hat er schon überlebt. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass fast alle im Kurs, selbst die ganz Jungen, verheiratet sind, nicht jedoch der Lehrer und sein Lieblingsschüler, hatte eine, für alle zu vernehmen, gesagt, dann könnten die doch heiraten. (Der Altersunterschied beträgt in etwa 40 Jahre.)
 

Die Reize dieses Jungen locken auch einen Außenstehenden an, den KM als lästige Schmeißfliege vor 20 Jahren schon nicht mochte. Es war in den fünf Jahren gewesen, die er im Pomeranzengarten an der Seite von Knut Köber (1954-2013, 59 Jahre) und mit dem Studenten Alexander Gottschick (ca. 1967-) verbracht hatte. Zu beiden gibt es seit wenigstens 15 Jahren keinen Kontakt mehr, auch nicht zum Kalabreser Mimmo (ca. 1969-). Dieser spitznasige Redselige war aus der Reuenthaler Südstadt gekommen, im Pomeranzengarten dann einer, der „mit Pausen dazwischen“ sporadisch auftrat, immer darauf abhob, „nicht wirklich schwul“ zu sein, vor allem mit „den Alten“ nichts machen zu können, aber sehr geil, so geil wäre er, von „schönen Jungen“ einen geblasen zu bekommen. Ob Mimmo je einen Beruf gelernt, mehr Schulbildung als die Anfangsgründe des Schreibens und Lesens erworben hat, kann KM nicht wissen. Deutlich war im 20. Jahrhundert schon gewesen, Mimmo ist so unwillig wie auch unfähig, sich in irgendeiner Arbeit länger paar Wochen, allenfalls Monate zu halten. Eine Zeitlang hatte er das als sein mentales Problem bezeichnet. Ihm wäre das Recht auf Therapie zuzugestehen, das Arbeitsamt müsste sie zahlen. (AG brachte ihm eine Zeitlang Deutsch bei, jedoch nach ein paar Nummern Sex kamen sie über Kreuz, erzählten nur noch Schande über den jeweils anderen, sofern der es nicht hörte. Sprachtalent besitzt dieser Italiener allerdings, mittlerweile spricht er Hochdeutsch wie auf einer Bühne oder im Fernsehen, Schauspieler wollte er immer schon werden.) Bis ans Ende seines dritten Lebensjahrzehnts hat Mimmo bei den Eltern gewohnt. Auf deren Unterstützung er sich immer noch verlassen zu können scheint. Für einen gelegentlichen Graseinkauf am ZoberCenter scheint es ihm zu reichen.
 

Der grobschlächtige, billig hochgezogene, seither heruntergekommene Betonklotz vom Anfang der 1970-er Jahre umfasst nicht nur ein Hotel (in den oberen Etagen), den Bildungsträger Arbeit, Wohlsein, Zukunft (KM aus der Zeit der dunkelgrünen Handtücher in Erinnerung), die kaufmännische Übungsfirma von KMs künftigem Arbeitgeber Hall und Treffer, im ersten Obergeschoss eine kosovarische Diskothek, sondern dazu noch eine Shots-Bar, den Billardsalon sowie einen Biertresen im Passagenbereich des Erdgeschosses. Vor Jahren gab es hier auch eine Sex-Live-Show mit Kabinen mit Münzeinwurf. Aus jener Zeit existiert noch immer der verborgene Durchgang zum Hinterhof; man konnte das wenig respektable Lokal betreten, ohne von Passanten draußen auf der großen Straße gesehen zu werden. (Später wird das geschlossen werden, nachdem in der Nachbarschaft Gewerberäumlichkeiten zum Teil abgerissen, dann neu überbaut werden, um als Singles-Eigentumswohnungen auf den Markt zu gelangen. Die Parkplätze sind dann für die jungen Singles; ständiges Hin und Her irgendwelcher dubioser Männer vor deren Balkonen ist nicht erwünscht.)
 

Vor dem Klotz, dort, wo es noch einige der an der Wallstraße raren Parkplätze gibt, pflegen sich, weil man oben im Gebäude nicht rauchen kann, zur Halbzeit, bald nach 19 Uhr, die Teilnehmer von KMs Kursen zu sammeln. Auch aller anderen Kurse, außer denen des Kollegen Erdogan. Dessen Leute gruppieren sich um ihn selbst herum, auf der Treppe, von der Glastür bis hinunter bis zur Straße, je nachdem, wie viele es sind. Zwar herrscht Rauchverbot dort oben und der Fluchtweg soll frei bleiben, aber abends, wenn alles andere droben im Haus schon zu hat, ist gegen einen Miteigentümer eines Miete zahlenden Unternehmens kaum was zu machen. Rauchen auf dem Logenplatz gestattet ihm, sich mit seinen Leuten in deren Landessprache unterhaltend, ein kleines Auge auf andere Kurse und das soziale Klima zwischen deren Teilnehmern und Lehrern zu haben.
 

Den herumwieselnden Italiener ignoriert KM geflissentlich. Ob er dem Kollegen oder seinem eigenen Kurs je schon aufgefallen ist, immerhin ist der oft hier, allein, unablässig in Bewegung, als könne er was verpassen, das weiß KM nicht.
 

Bei der Bierbar dort hinten drin handelt es sich um die „schon ewig“ von einer Frau geführte Zirbenstube. Ursprünglich hatte diese weiter oben in der Wallstraße sich befunden (in der jetzt zugeschütteten Unterführung) und ist nach dem Umzug über die Erde immer noch die Anlaufstelle für eigentlich immer nur ältere Männer, die etliche Stunden ihrer Tage dem Biergenusse geweiht haben. Es existiert noch jener alte, später dann doch gesperrte „Ameisenpfad“, vom einzigen Schwulenlokal der Stadt, dem Club Paravent, über die Wallstraße herüber, vorbei an der Ausweichtheke Zirbenstube, hinaus in den Hinterhof, zum Pomeranzengarten hinüber und ins gleich dahinter aufragende Hochhaus. Im Hochhaus wohnen Walter (1965-2019, 54 Jahre), Wirt des Club Paravent, sowie dessen Ehemann, dort wohnt auch der mit Walter gut befreundete, bei ihm gerne einkehrende „ewige Single“ Willi Ritter (ca. 1940-, damals ca. 78 Jahre), vormaliger Inhaber des Sexshops mit dem größten Teilsortiment für Schwule, für ein paar Jahre dann noch Betreiber einer Pommesbude im sommers geöffneten Freibad einer Nachbargemeinde. Von Willi weiß man, dass er es zu Hause nicht lange aushält, als geselliger, gesprächiger Mensch Abend für Abend an den Theken verschiedener Lokale vorbeischaut, Club Paravent und Zirbenstube auch, sich, im Gegensatz zu einem weiteren älteren Schwulen, der ebenfalls im Hochhaus wohnt, aber stets gut im Griff hat, sodass Willi, wenn er mitternächtlich durch den Park spaziert, recht gut unterwegs sein kann, aber nicht besoffen. Der, der eigentlich immer besoffen ist, rastet im Park seltener, nämlich vor allem freitags, nach ein Uhr nachts. Dann müsste er zurück in die Wohnung, zu seinem Freund, einem, sagt man, Neger, KM hat diesen noch nie gesehen, fürchtet sich aber wohl ein wenig, schläft erst noch einen Teil des Rausches auf der kalten Parkbank aus, deren Kälte ihm dank des Alkohols entgeht. Obwohl wir uns gerade nur bei einigen wenigen Gästen jener Bierkneipe hinten in der Passage aufgehalten haben, dürften wir die Sorte Mensch schon ganz gut vor Augen haben, wegen denen Mimmo seinerzeit, vor 20 Jahren, verkündet hatte, nur Kaputte und Versager und Alte seien noch da; es lohnte sich doch überhaupt nicht mehr.
 

Es dürfte aber nicht stimmen, dass der Handelsplatz für Cannabis, der sich unterm Betonklotz in dieser wenig gemütlichen Passage eingenistet hat, wegen dieser Bierschwemme und dem nächtlichen Heimweg von Schwulen entstanden war, auch nicht wegen der Shots Bar, die ist noch neu. Eher scheint es mit dem Billardsalon was zu tun haben und mit dem versteckten Parkplatz natürlich. Doch als KM, im Herbst 2016 bereits, den jetzt doch mindestens Mittvierziger Mimmo dort kreiseln sieht, kapiert er sofort, was den Flaneur hinzieht. Um so klarer wird das, wenn er, seitdem der junge Asiate hier raucht, wie um den Honigtopf surrt, sich augenscheinlich Gedanken macht, ob er die alte Freundschaft nicht noch mal ausgraben und dazu nutzen kann, sich in ein Gespräch fremder Leute zu mengen, von denen der Schönste ihn ziemlich geil gemacht hat.
 

Im Park damals hatte Mimmo sich jeden zu greifen versucht, der Anfang zwanzig oder darunter war. Er, der das Gegenteil von schüchtern und zartfühlend war, hatte sich dazwischen geworfen, was und wer immer sich dort getroffen hatte, und dafür gesorgt, dass das Geschehen sich um ihn, den Platzhirschen, den Löwen jener Savanne, drehte. Hatte von seinen Erfolgen als Kleindarsteller in Musicals des Stadttheaters erzählt, keine Pausen für irgendwelche Antworten, ausgenommen „Ja, gehen wir“, gelassen. Jedoch waren, das stimmte doch auch, meistens überhaupt keine so Jungen und Schönen dort. So hatte unter den Altvorderen sich ergeben, dass Mimmo mit dem zweiten Groß-Ego der oft fast sprachlosen Parkrunde, dem gerade frisch arbeitslos gewordenen, jedoch ein Vermögen geerbt habenden Knut Köber ins Duell der Selbstzelebratoren geriet. Es war weniger freundlich und aggressiver ausgegangen, als sie zu Beginn eine Weile erst noch getan hatten.
 

Mimmo wollte Knut beschämen, indem er von Jünglingen schwärmte, bei denen es keine Rolle spiele, ob sie hetero, bi oder schwul wären. Man könne sie offen und bei Tageslicht in der Fußgänger ansprechen, sich ihnen etwas sympathisch machen, anregen, ob eine große, fette afghanische Tüte in Mimmos Wohnung nicht eine gute Idee wäre. Dazu führe er Pornos vor, nehme die Burschen in seinen Arm oder dergleichen, das ergebe sich, man müsse nur immer vorangehen. Irgendwann war dieses Gespräch dann entgleist. KK neigte schon immer dazu, eingeschnappt zu sein, sich wegen irgendwas schmählich verletzt zu fühlen, was aber vielleicht nur von ihm so gesehen wurde. Dann trumpfte er als starker Mann auf; jetzt würden die Fäuste fliegen, wenn diese Unverschämtheiten nicht endeten. Aber ein lebenslanger Aufschneider und lebenskünstlerischer Kalabrese wie Mimmo knickt nicht einfach weg. Der blaffte kalt: „Ich brech dir dein Knie!“ Das machte er zwar nicht, aber der Ofen war aus gewesen. Der Italiener lief eine Weile noch herum. Man schnitt ihn aber. Man sah den nicht mehr. Keiner aus dem Knut-Kreis hätte sich mit ihm einlassen können, ohne dafür die jahrelange Freundschaft zu Knut zu opfern. KM war das nicht mal ungelegen gekommen. Auf die unendlichen Selbstvermarktungsmonologe dieses Spracheroten war er nicht mehr neugierig.
 

Schließlich kommt es zu einem Zwischenfall. Die zwei Lehrer, mehr sind es in diesen Wochen um 21 Uhr nicht mehr, verfügen über ihre eigenen Schlüssel. Bislang war es das Normale, dass KM sein Unterrichtsende exakt auf 21 Uhr hin terminierte und dann, nach ein paar Aufräumarbeiten, das Haus verließ, während drüben beim Kollegen meist noch was ging. Er ließ die Außentüre also offen. In den Sommermonaten können die Türen nicht geschlossen werden. Auf irgendeine Art muss im nicht klimatisierten Klotz ein schwaches Lüftchen erweckt werden. Offene Fenster, das ist nur in der Pause möglich, sonst ist es zu laut, von den vorbeirasenden süddeutschen Boliden und Motorrädern herauf. In den neulich verflossenen Wochen hat sich dieser Ablauf aber verschoben. Jetzt lässt der Kollege seine Teilnehmer eine Viertelstunde oder 10 Minuten vor neun „springen“, wodurch KM nunmehr an sich der Letzte ist und somit fürs Löschen der Lichter, Herunterfahren von Kaffeeautomat und Kopierer zuständig und fürs Abschließen. Doch der Kollege scheint nicht wirklich davon überzeugt, dass er es draufhat, an seine Verantwortung auch wirklich jedes Mal zu denken. Er geht daher, falls er wirklich früher weggeht, leise vor der halb offenstehenden Tür vorbei und schaut nach, ob da noch Unterricht ist, und wenn dann kein Unterricht mehr ist, der Lehrer aber noch da, kommt er herein und sagt etwas wie: „Ich bin dann weg. Sie schließen heute also ab.“ An diesem besagten Abend im Mai hat das bislang aber noch nicht stattgefunden, denn, wie KM sehr wohl deutlich gehört hat, nur der Kurs ist weg, der Kollege kramt drüben bei sich noch herum.
 

Insofern kommt das nicht nur völlig unvorbereitet, sondern auch unwillkommen, als der schöne Jüngling mit einem Mal sein Oberhemd aufknöpft und mit nacktem Oberkörper vor ihm steht. Wegen der Zeit bis zur Bahn ist der Sri Lanker noch etwas geblieben, als Einziger, hat sich unterhalten mit ihm und, als der Lehrer fragt, wieso er seine Heimat verlassen und sich für Deutschland entschieden hat, dessen Sprache er nicht konnte, mit einem Onkel zusammenwohnt, mit dem es wohl nicht so gut läuft, kommt die Antwort, auf der Insel hätte es Probleme gegeben. Ja welche denn, fragt KM und bekommt jetzt keine Antwort, sondern einen oberhalb der Gürtellinie schön glatten, dunkelbraunen, für seinen Geschmack eher zu viel als zu schwach muskelbepackten Rücken zugedreht, in dem sich vernarbte, einst tiefe Verletzungskerben abzeichnen. „Wie ist denn das passiert?“, fragt er und fügt gleich hinzu: „Aber ziehen Sie sich doch wieder an!“
 

Das lasse sich so einfach nicht erklären, sei eine lange Geschichte, sagt VB. Was Anregung zum privaten Treffen sein könnte, doch KM geht darauf nicht ein. In den verbleibenden Wochen gibt es kein diesbezügliches Gespräch mehr. Was aus VB wird, erfährt er dann auch nie. Im Internet taucht dessen Name mehrmals und von Personen in unterschiedlichen Ländern auf, doch keiner sieht so gut aus wie der, den Mimmo gern mitgenommen hätte.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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