Es muss ein herrliches Gefühl sein, zu glauben, ein einziges blondes Toupet habe die älteste Demokratie der Neuzeit aus der Bahn geworfen. Das macht die Welt angenehm übersichtlich. Bösewicht gefunden, Abspann, Popcorn wegwerfen.
Nur dumm, dass Demokratien nicht an Frisuren erkranken.
Donald Trump war nie der Unfall der amerikanischen Geschichte. Er ist die Rechnung, die Jahrzehnte später auf dem Tisch gelandet ist. Und wie jede Rechnung wird sie nicht kleiner, nur weil man den Kellner beschimpft.
Amerika liebt seine Gründungsmythen: das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder seines Glückes Schmied sei. Gleichzeitig leben Millionen Menschen in völlig unterschiedlichen Realitäten – informiert von Medienlandschaften, die dieselbe Welt betrachten wie zwei Menschen, die aus gegenüberliegenden Fenstern auf verschiedene Planeten blicken.
Und dann wundert man sich über Polarisierung.
Die politische Debatte wurde irgendwann zur Realityshow. Nicht trotz der Medien, sondern mit ihrer tatkräftigen Unterstützung. Jede Provokation wurde zur Breaking News, jeder empörte Tweet zur nationalen Schicksalsfrage. Das Land diskutierte pausenlos über den nächsten Eklat, während unter der Bühne längst die Fundamente knirschten.
Der Brandmelder bekam mehr Sendezeit als das Feuer.
Trump war dabei der perfekte Hauptdarsteller: laut, hemmungslos, unberechenbar – und vor allem quotenstark. Für Nachrichtensender war er das, was Zucker für Softdrinks ist: gesundheitlich fragwürdig, aber geschäftlich ein Selbstläufer.
Und das Publikum spielte mit.
Die eine Hälfte erklärte ihn zum Messias, die andere zum Antichristen. Einig waren sich beide Seiten nur in einem Punkt: dass sich die gesamte amerikanische Geschichte offenbar um einen einzigen Mann drehen müsse. Fast rührend. Eine Nation mit über drei Jahrhunderten Geschichte wird ihrer Komplexität entkleidet und bequem auf einen Rentner mit goldenem Haarspray projiziert.
Praktischer lässt sich politische Selbstentlastung kaum organisieren.
Dabei lagen die eigentlichen Konflikte längst offen: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, das Misstrauen gegenüber Institutionen, ein politisches System, das Kompromisse behandelt wie eine ansteckende Krankheit, und eine Öffentlichkeit, in der Fakten oft nur noch als Meinungen mit schlechtem Marketing auftreten.
Trump hat all das nicht geschaffen.
Er ist lediglich durch eine Tür gegangen, die andere jahrzehntelang offengelassen hatten.
Das eigentliche Kunststück bestand darin, anschließend den Türgriff verantwortlich zu machen.
Vielleicht ist genau das die amerikanische Spezialität des 21. Jahrhunderts: Man verwechselt den Spiegel mit dem Pickel. Also zerschlägt man den Spiegel und erklärt den Tag für gerettet.
Vielleicht wird die Nachwelt einmal milde darüber lächeln – nicht über Trump, sondern über eine Supermacht, die ernsthaft glaubte, ihre tiefsten gesellschaftlichen Widersprüche seien das Werk eines einzelnen Mannes. Als hätte ein Präsident Ungleichheit erfunden, Misstrauen gesät, den Kulturkampf bestellt und die politische Lagerbildung höchstpersönlich mit einem Filzstift in die Verfassung geschrieben.
Trump ist möglicherweise genau das: kein Architekt des Hauses, sondern der Mann, der das bröckelnde Mauerwerk mit einer Presslufthammer-Show sichtbar machte. Das Publikum stritt anschließend erbittert über den Presslufthammer – und kaum jemand fragte noch, warum die Wand überhaupt einsturzgefährdet war.
Vielleicht ist das die größte Ironie dieser Epoche: Nicht Trump ist der eigentliche Schock, sondern die Erkenntnis, dass ein erheblicher Teil der amerikanischen Gesellschaft ihn nicht trotz der bestehenden Widersprüche wählte, sondern gerade wegen ihnen.
Und Millionen klatschten. Die einen begeistert, die anderen empört.
Beide Seiten vereint in der stillen Vermeidung der Frage, warum das Haus überhaupt so baufällig geworden ist.
Vielleicht müsste der alte Satz neu formuliert werden: Völker bekommen nicht die Politiker, die sie verdienen. Sie bekommen irgendwann jene, die ihre ungelösten Widersprüche am lautesten verkörpern.
Denn Trump ist nicht das Problem.
Er ist die Quittung.
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Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2026.
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