Meine lieben Leserinnen und Leser!
Ich schreibe manchmal seltsame und möglicherweise auch schlichte Geschichten, die ich hier zu Papier bringe. Ich verlange aber nicht, Glauben bei euch zu finden, das wäre vielleicht ein wenig zu viel verlangt.
Es gibt aber in unserem Leben immer wieder sonderbare Ereignisse und Begebenheiten, die mir in ihrem Verlauf mehr als seltsam erscheinen und nicht selten Entsetzen und Ungläubigkeit nach sich ziehen.
Hier ist so eine Geschichte.
Nun, seit meiner Kinder- und Jugendzeit war ich stets überall als gut erzogener Junge bekannt, weil ich ein weiches und gutmütiges Wesen in mir trug.
Besonders liebte ich Hunde, Katzen und auch Meerschweinchen, von denen mir meine Eltern einige als Lieblinge schenkten. Ich verbrachte sehr viel Zeit mit ihnen zusammen, so oft ich nur konnte und war dabei mehr als glücklich.
Wer die Zuneigung zu Tieren kennt, dem brauche ich auch nicht näher zu erklären, welch hohe Befriedigung ein echter Tierliebhaber dabei enpfinden kann, weil zum Beispiel besonders Hunde gegenüber Menschen ein selbstloses, aufopferdes und überaus treues Herz haben, was mich persönlich immer wieder in großes Erstaunen versetzt hat.
Wie ich schon erwähnte, liebte ich neben Hunden auch noch andere Tiere, besonders Katzen. Daher schenkten mir meine Eltern zu meinem 16. Geburtstag einen Kater, der nicht nur sehr groß und schön war, sondern ein komplett schwarzes Fell hatte, allerdings bis auf die vier Pfoten, die alle weiß wie Schnee waren und aussahen wie kleine Schuhe.
Manchmal behaupten ja einige abergläubische Zeitgenossen, dass Katzen verzauberte Hexen oder Magier seien, was ich persönlich natürlich für reinen Unsinn halte, weil kein vernünftiger Mensch an so etwas glaubt, denn Katzen sind nur Tiere, wenngleich sie auch wunderbare und zauberhafte Geschöpfe sind, die einem mit ihrer Zutraulichkeit ans Herz wachsen können.
Ich habe meinen Kater schließlich den Namen Quinn gegeben. Quinn bedeutet nämlich 'der Weise'. Er war mein ganz besonderer Liebling, mit dem ich oft und viel draußen in unserem Garten herum tollte.
Außerdem gab nur ich ihm was zu essen und zu trinken. Er begleitete mich wahrscheinlich auch deshalb überall treu hin. Wenn ich das Haus aus irgendwelchen Gründen verlassen musste, konnte ich ihn nur mit einigen Tricks davon abhalten, mir zu folgen. So musste ich sogar manchmal heimlich den Kellerausgang benutzen, um ihn abzuschütteln. Mir ging das stets ans Gemüt, wenn ich ihn dann am Wohnzimmerfenster mit großen Augen so herum sitzen saß und mir mit seinen Blicken traurig hinterher folgte.
Die Freundschaft mit Quinn dauerte sehr lange, jedenfalls so lange, bis ich schon weit über zwanzig Jahre alt war.
Leider verviel ich nach und nach der Trunksucht, wofür ich mich heute noch schäme. Ich begreife es selbst nicht mehr, was mit mir damals los gewesen ist und warum ich dem Alkohol in so hohem Maße zugeneigt gewesen war.
Aus einem ehemals guten Menschen wurde ich nach und nach zu einem bösen, was natürlich auch den anderen in meiner Umgebung auffiel, die mit mir zu tun hatten.
Mein Kater Quinn bemerkte diese negativen charakterlichen Veränderungen an mir ebenfalls, die schließlich immer launenhafter und unberechenbarer wurden.
Ich fing sogar an, nicht nur rohe, unflätige Worte gegenüber meinen Mitmenschen zu gebrauchen, sondern wurde auch im Laufe der Zeit immer grober und ausfälliger gegen meinen Kater, indem ich Quinn nicht nur vernachlässigte, sondern bisweilen sogar misshandelte, einzig und allein aus purer Lust am Quälen.
Eines Tages kam ich wieder einmal völlig betrunken nach Hause. Als ich zur Tür herein kam, wäre ich um ein Haar über Quinn gestolpert, der mir plötzlich über den Weg lief, was mich daraufhin in eine dämonische Wut versetzte, weil ich beinahe gestürzt wäre.
Ich stieß nicht nur einen furchtbaren Fluch aus, sondern trat so heftig nach ihm, dass er brutal an die gegenüber liegende Wand des Flures krachte und dort auf dem Boden halb bewusstlos regungslos liegen blieb. Nach einer Weile wachte er wieder auf und versuchte, sich davon zu schleichen, humpelte aber dabei doch sehr aufffällig, was auf eine schlimme Verletzung seiner rechten Vorderpfote hinwies. Er blutete außerdem aus einer Wunde am Kopf, was mich aber nicht weiter interessierte, weil ich einfach zu besoffen war.
Mein früheres, sanftes und liebevolles Ich in mir schien mich offenbar völlig verlassen zu haben. Es wich immer mehr einer aufkommenden, teuflischen Bosheit.
Der Alkohol hatte in der Tat mein einstiges gutes Wesen verändert. Wenn ich heute bisweilen daran denke, was ich Quinn alkoholisiert angetan habe, der doch ein völlig unschuldiges Tier war, wird mir nachträglich noch ganz übel. Ich bereue meine Taten zutiefst.
Meine Ausschweifungen in den Alkohol wurden immer hefiger und bald hatte ich so gut wie keine Kontrolle mehr über mich.
Wenn mich Quinn in diesem Zustand sah, der sich mittlerweile langsam wieder gut erholt hatte, floh er jedesmal vor mir in panischer Angst davon. Mein Kater, der mich einst so geliebt hatte und sich friedlich schnurrend an mich schmiegte, schien bei meinem Anblick in höchstes Entsetzen zu geraten.
So kam es auch, dass er eines Tages unbemerkt zur Tür hinaus lief, als ich gerade wieder einmal torkelnd nach Hause kam und vergas, sie im Suff zu schließen.
Erst am nächsten Morgen, als ich meinen Rausch einigermaßen ausgeschlafen hatte, bemerkte ich, dass mein Kater nicht mehr da war.
Der zweite und dritte Tag verging und Quinn tauchte einfach nicht mehr auf.
Etwa eine Woche später bemerkte ich, dass sich vor meiner Garageneinfahrt manchmal eine schwarze Katze aufhielt, die ich natürlich gleich für Quinn hielt.
Ich lief sofort nach draußen, um das schwere Lattentor zu öffenen, damit er ungehindert auf mein Grundstück laufen konnte. Es war tatsächlich Quinn mit den vier schneeweißen Pfoten. Ich habe ihn auf Anhieb wiedererkannt.
Doch als ich näher kam, sah ich mit Entsetzen, dass er nur noch eine bloße, geisterhafte Erscheinung war, die ich mit meinen zitternden Händen einfach nicht fassen konnte. Ich griff wie durch einen spukhaften, wabbernden und körperlosen Nebel.
Dann bemerkte ich, wie mich Quinn plötzlich mit seinen großen, traurigen Augen ansah und dabei langsam die rechte Pfote anhob, als wolle er sich von mir für verabschieden. Danach verschwand er immer mehr, löste sich langsam auf und verschwand im Nichts. Nur sein schmales Halsband lag auf einmal vor mir auf dem Boden auf dem sein Name draufstand, das ich ihm vor vielen Jahren eimmal gekauft hatte.
Es wäre jetzt reiner Wahnsinn, etwas über meine Gedanken zu sagen, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen. Ich fragte mich immer wieder, ob es doch nur eine Netzhautspiegelung oder eine bloße Einbildung war? Oder hat mich mein toter Kater wirklich ein letztes Mal als Geist besucht, um sich von mir für immer zu verabschieden?
Ein paar Tage später fand ein Nachbar auf der gleichen Straßeseite, der zwei Häuser weiter von mir weg wohnt, eine tote schwarze Katze im hohen Gras gleich neben der Straße liegen. Da er davon wusste, dass ich die ganze Zeit schon nach meinem Kater suchte, nahm er sofort an, dass es sich um Quinn handeln muss. Er brachte ihn in einer alten Plastikplane zu mir, damit ich ihn identifizieren konnte.
Ja, es war Quinn, der wohl von einem Auto überfahren worden ist und an seinen Verletzungen gestorben war. Ich fühlte mich irgendwie für seinen Tod mit verantwortlich und habe ihn kurz darauf hinter meinem kleinen Gartenhäuschen begraben, wo sich ein kleines eingerahmtes Bild von ihm an diesem Platz befindet. Jetzt ist er wieder Zuhause - für immer.
Seit diesem sonderbaren Ereigniss mit meinem Kater Quinn meide ich jeden übermäßigen Genuss von Alkohol in jeder Form und bin mittlerweile sogar zum echten Abstinenzler geworden.
Heute weiß ich, dass auch Tiere Wesen sind, die ebenfalls eine Form von Seele haben müssen bzw. über ein artspezifisches Bewusstsein verfügen.
Wie sagte schon Aristoteles? „Alles Lebendige hat eine Seele.“
Aus der Erkenntnis über das Wesen des Lebendigen gehört seit Aristoteles die »analogia entis«. Diese grundlegende Ähnlichkeit allen Seins (deshalb analogia) hat immer auch beinhaltet, dass alles Lebendige nur insofern lebt, weil es eine seelische Komponente hat: So haben Pflanzen eine Seele (die anima vegetativa), die Tiere ebenfalls (eine anima sensitiva) und schließlich auch der Mensch (der eine anima rationalis sein eigen nennt).
Nur für die letztgenannte anima rationalis gilt, dass sie unsterblich und Träger der Individualität ist; aber ebenso sicher ist, dass Tiere selbstverständlich ebenfalls eine Seele besitzen, die, wie die Seele des Menschen, Unsterblichkeit vom Geist der Schöpfung erfährt.
ENDE
(c)Heiwahoe
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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2026.
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