Ich betrachtete den hölzernen Garderobenständer, der seinen Platz gleich neben der Bürotür gefunden hatte, und schweifte in Gedanken ab. An einem solchen hing seit kurzem also meine Uniform. Und nicht nur die, auch mein bisheriges Leben schien dort einen vorläufigen, wenn nicht sogar dauerhaften Aufenthaltsort gefunden zu haben. Ob mir beide jemals wieder von Nutzen sein könnten, stand in den Sternen, oder, um realistisch zu sein, beide waren Geschichte. Ich befand mich an einem Nullpunkt und musste mit Allem von ganz vorn beginnen. Dass es ca. 16 Millionen anderen Leuten momentan so ähnlich erging, war zwar nur ein schwacher Trost, aber immerhin wurde mir damit das Gefühl vermittelt, mit meinen Problemen nicht allein auf der Welt zu sein.
Ein kurzes Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. Das verdammte Selbstmitleid hatte mich so in Beschlag genommen, dass meine Besucherin, die sich hoffentlich auch als meine erste Klientin entpuppen würde, unbemerkt in mein Büro gelangen konnte.
„Ich nehme an, dass Sie zur LL-Detektei gehören?“, sagte sie.
„Ja“, erwiderte ich und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Lutz Lehmann, die LL-Detektei.“
„Marlies Rurick“, stellte sie sich ebenfalls vor. Sie hatte einen festen Händedruck.
„Bitte nehmen Sie Platz!“ Ich zeigte auf den Gästestuhl, der vor meinem Schreibtisch stand. Ich selber umrundete das imposante Möbelstück, das einen Großteil seiner hundertjährigen Karriere wahrscheinlich ausschließlich in Räumen wie diesen verbracht hatte, und blieb vor dem Bürosessel stehen. Erst als sie saß, tat ich es ihr gleich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
Statt zu antworten, widmete sie sich ihrer Handtasche. Sie öffnete sie und es schien mir, dass sie nach etwas suchte. Aber das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn es dauerte nur wenige Sekunden bis sie ein zusammengefaltetes Blatt in der Hand hielt, das sie mir über den Schreibtisch zuschob.
Ich nutze den kurzen Augenblick, in dem sie mit dem Inhalt ihrer Handtasche beschäftigt war, um sie zu mustern. Dass ich sie mit meinem 1,80 Meter um eine Kopfgröße überragte, hatte ich schon bemerkt als sie vor mir stand. Dass ihr wildfremde Männer auf der Straße wohl gelegentlich hinterherpfiffen, vermutete ich zwar nur, aber ich hielt es für sehr wahrscheinlich, dass dem tatsächlich so war. Sie trug ihr blondes Haar offen. Es fiel ihr bis zur Schulter. Auf ihrem Gesicht zeigten sich die ersten Fältchen, was sie mich auf Mitte dreißig schätzen ließ. Ob ihr trauriger Blick im Zusammenhang mit den Umständen stand, die sie in mein Büro geführt hatte, würde ich sicherlich bald erfahren.
„Bitte lesen Sie den Artikel!“, forderte sie mich auf.
Ich faltete das Blatt auseinander. Es handelte sich um eine Zeitungsseite. Auf der einen Seiten reihten sich Kleinanzeigen untereinander. Auf der anderen war ein ganzseitiger Unfallbericht abgedruckt, der auch drei Bilder von der Unfallstelle enthielt. Anhand der Fotos und der Beschreibung in dem Artikel, wusste ich, wo sich das tragisch Ereignis abgespielt hatte. Dort fuhr ich auch öfters entlang.
„Mein Mann hat das Auto gefahren“, erklärte sie mir, nachdem ich die Seite aus den Händen gelegt hatte.
„Mein aufrichtiges Beileid.“ Ihr Mann und die zweite Insassin des Wagens waren bei dem Unfall ums Leben gekommen.
„Danke.“ Ein kurzes Schluchzen schüttelte sie und sie blinzelte sich die aufsteigenden Tränen aus den Augen.
„Ich mache Ihnen einen Kaffee“, schlug ich ihr vor, um ihr Zeit zu geben, sich wieder zu fangen. „Nehmen Sie Milch und Zucker?“
„Ja.“ Ihre Antwort klang nicht so, als ob sie die Frage wirklich verstanden hätte, trotzdem kredenzte ich ihr einen Kaffee-Komplett und sie bedankte sich für den Service. Vorsichtig führte sie die Tasse an die Lippen und gönnte sich einen winzigen Schluck. Nach diesem kleinen Manöver hatte sie ihre Gefühle offenbar wieder im Griff. „Ich möchte, dass Sie herausfinden, wer die Frau war, die mit meinem Mann verunglückt ist!“
Jetzt wusste ich, weshalb sie mich aufgesucht hatte. Nun war es an mir, zu entscheiden, ob ich den Auftrag annehmen würde oder nicht. Obwohl diese Überlegung lediglich im Bereich des Hypothetischen existierte. Natürlich musste ich diesen Job erledigen. Schließlich hatte ich mich dazu entschlossen, meine Brötchen als Privatschnüffler zu verdienen und diese Karriere sollte jetzt mit dieser ersten Klientin ihren Anfang finden. Für einen Moment schwankte ich zwischen den Optionen, ihr mit einem knappen „Okay“ meine Bereitschaft zu signalisieren oder vorher ein bisschen herumzudrucksen, um so zu tun, als warteten noch tausend andere Fälle auf mich, die eventuell Vorrang vor den ihren hätten. Am Ende entschied ich mich für die kurze Variante. Ich glaubte, in ihrem Gesicht eine Spur von Erleichterung zu erkennen, als mir das „Okay“ über die Lippen gerutscht war.
„Ich wende mich an Sie, weil ich von den Behörden keinerlei Auskünfte darüber erhalten habe, um wen es sich bei der Frau gehandelt hat. Sie scheint auch von niemanden vermisst zu werden. Niemand interessiert sich für ihr Schicksal.“
Einen Aspekt ließ sie dabei unerwähnt und so blieb mir nichts Anderes übrig, als sie darauf anzusprechen: „Glauben Sie, dass Ihr Mann eine Beziehung mit ihr hatte?“
Eine flüchtige Röte überzog ihr Gesicht. „Eigentlich nicht. Aber ich will, obwohl das jetzt keine Rolle mehr spielt, tatsächlich wissen, was zwischen ihnen gelaufen ist. Vorher kann ich mit der Sache nicht abschließen. Und das muss ich, denn das Leben geht weiter.“
Anschließend berichtete sie mir, dass ihr Mann ihre Eltern nach Hause gebracht hatte. Sie waren ein paar Tage bei ihnen zu Besuch gewesen. „Zum Glück ist es erst auf der Rückfahrt passiert, sonst …“ Wieder musste sie mit den Tränen kämpfen. Dann fuhr sie fort. Ihr Mann war nicht lange bei den Schwiegereltern geblieben, sondern hatte sich zügig auf die Rückfahrt gemacht und wäre auch ziemlich schnell heimgekehrt, falls das seine Absicht gewesen sein sollte. Vielleicht hatte er sich aber auch nur deshalb so beeilt, um die ominöse Fremde so bald wie möglich treffen zu können.
Der letzte Gedanke war natürlich reine Spekulation. Aber mir leuchtet ein, dass ihre Überlegungen wohl immer mit dieser zweifelhaften Vermutung enden mussten und dass das solange andauern würde, bis sie Gewissheit darüber erhielt, was wirklich geschehen war. Und mir traute sie offensichtlich zu, ihr diese Gewissheit verschaffen zu können.
Danach geriet unsere Konversation etwas ins Stocken. Um das zu überspielen, gab ich ihr meine Visitenkarte. Beim Betrachten des kleinen Kärtchens fiel ihr wohl die unübliche Telefonnummer auf, denn sie fragte: „Haben Sie so ein neumodisches Telefon, das man überall mit hinnehmen kann?“
Ich griff unter meinen Schreibtisch und holte einen schwarzen Kasten hervor, der mich immer an die russischen Funkgeräte erinnerte, die wir bei der Armee hatten. „Ja, hier ist das Schmuckstück. Ein C-Netz-Telefon. Er kostet zwar ein Vermögen, funktioniert dafür aber leider nicht überall. Falls Sie mich mal anrufen und mich nicht gleich oder überhaupt nicht erreichen, wird das wahrscheinlich an den Tücken der Technik liegen. Aber solange ich keinen Festnetzanschluss bekomme, muss ich mit dem Monsterapparat vorliebnehmen.“
Wenigstens zauberte diese kleine Einführung in die moderne Telefonie für kurze Zeit ein Lächeln auf ihr Gesicht, das meinen vorhin gewonnenen Eindruck, dass sie jenseits ihrer Trauer eine verdammte attraktive Frau war, bestätigte.
Anschließend ackerten wir noch die Formalitäten durch, die aus unserer Konversation hieb- und stichfest meinen ersten Fall werden ließen. Als wir beide unsere Unterschriften unter den Vertrag gesetzt hatten, gab ich ihr das Original und heftete die Kopie in meinem Auftragsordner ab.
Sie erhob sich und reichte mir zum Abschied die Hand. „Lassen Sie es mich wissen, sobald Sie irgendetwas in Erfahrungen gebracht haben!“ Sie war schon an der Tür, als sie sich noch einmal umdrehte. „Ich werde meinen Eltern Bescheid geben, dass Sie in den nächsten Tagen bei ihnen vorbeischauen. Tschüss!“
Am nächsten Morgen fixierte ich einen A4-Bogen mit Klebestreifen an der Scheibe meiner Bürotür. Auf dem Blatt informierte ich meine sicherlich zahlreich vorbeischneienden künftigen Klienten darüber, dass ich geschäftlich unterwegs wäre. Und ich forderte sie auf, sich einen Zettel aus der Box zu nehmen, die auf dem kleinen Tischchen gleich neben dem Zugang zum Büro stand, ihren Namen, ihre Adresse und ihre Telefonnummer – falls vorhanden – zu notieren und den Zettel durch den Briefschlitz in der Tür in meine Räumlichkeiten zu werfen. Das wirkte alles andere als professionell. Aber da ich in dem Teil des neuen Deutschlands praktizierte, der erst noch auf die technische Höhe der Zeit gebracht werden musste, war ich mir ziemlich sicher, dass in der näheren Umgebung wohnende Interessenten diese Art der Kommunikation akzeptabel fanden. Außerdem, aber das nur nebenbei angemerkt, rechnete ich nicht damit, dass wirklich jemand hier auftauchen würde.
Mit meinem schwarzen High-Tech-Apparat in der Hand, machte ich mich auf den Weg zu meinem Wagen, für den ich heute Morgen einen Parkplatz gleich vor der Eingangstür zu der kurzerhand zum Bürogebäude umfunktionierten ehemaligen Werkhalle gefunden hatte. Eigentlich war es Frevel, so einen Stellplatz zu verlassen, denn ich vermochte ja nicht vorauszusagen, wo ich parken musste, wenn ich zurückkam. Aber Geschäft war nun mal Geschäft.
Dem Wagen sah man zwar an, dass er schon ein paar Jährchen auf der Karosse hatte, aber immerhin war es kein Trabant und auch kein Wartburg, sondern eine West-Karre, so viel Stil musste ich mir in dieser neuen Zeit schon gönnen.
Da ich annahm, dass es meine Klientin irgendwie fertiggebracht hatte, ihre Eltern über mein Kommen zu informieren, wollte ich meine Ermittlungen bei ihnen beginnen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch den Unfallort in Augenschein nehmen, da ich ohnehin dort entlangkommen würde. Ich machte mich auf den Weg und war angenehm darüber überrascht, wie flott ich aus der Stadt herauskam. Normalerweise bewegte man sich um diese Tageszeit nur im Schneckentempo vorwärts.
An der letzten Ampel vor der Stadtgrenze bog ich auf die Fernverkehrsstraße – pardon Bundesstraße – ab, auf der ich bis zu meinem Ziel kommen würde. Leider hatte sich nur die Bezeichnung des Verkehrsweges von einem „F“ zu einem „B“ geändert, der klägliche Zustand der Fahrbahn erinnerte dagegen weiter an die verblichene DDR. Dass der Gatte meiner Klientin auf dieser löchrigen Piste verunglückt war, konnte nicht verwundern. Eher schien es ein Wunder zu sein, dass sich trotz der miserablen Gegebenheiten, relativ wenige Unfälle ereigneten.
Dort, wo der Mann mit seinem Auto von der Fahrbahn abgekommen war, tauchte die Straße in eine kleine Senke ab und das von beiden Seiten. Die Neigung könnte ihn dazu verführt haben, kräftig auf das Gaspedal zu treten. Und da sich der Unfall vor einem halben Jahr, also im Winter ereignet hatte, war es denkbar, dass ein vereister Straßenbelag dabei unterstützend gewirkt haben konnte.
In der Nähe der Stelle, wo es passiert sein musste, kreuzte ein Feldweg die Bundesstraße. Ich setzte den linken Blinker und bog ab. Außer einem Trecker, der nicht weit von der Straße entfernt auf einer Wiese Heu wendete, war niemand zu sehen, der eventuell die Absicht haben könnte, den Feldweg zu benutzen. Also hielt ich an und stieg aus. Das Auto ließ ich auf dem Weg stehen.
Dass hier vor sechs Monaten eine Tragödie zwei Menschen das Leben gekostet hatte, sah man dem Ort nicht an. Laut dem Zeitungsartikel war der Wagen aus unbekannten Gründen von der Fahrbahn abgekommen und auf die Wiese gerast. Dort sollte er sich mehrfach überschlagen und anschließend Feuer gefangen haben. Den irgendwann an der Unfallstelle anrückenden Feuerwehrleuten gelang es zwar, die Flammen zu löschen, aber für die beiden Insassen des Wagens kam jede Hilfe zu spät. Soweit der Unfallhergang. Ich schlenderte etwas umher. Wobei ich nicht einmal wusste, warum, denn der Ort würde mir nichts von dem Unfall preisgeben. Im Gegenteil. Er hatte einfach Gras über die Sache wachsen lassen und das war‘s dann auch schon.
Meine Klientin hatte es tatsächlich fertiggebracht, ihre Eltern in der kurzen Zeit von gestern Nachmittag bis heute Vormittag über mein Kommen zu informieren. Ob sie dabei auf die Dienste einer Brieftaube zurückgreifen musste, oder vielleicht sogar telepathische Fähigkeiten zum Einsatz gekommen waren, entzog sich meiner Kenntnis. Letztendlich spielte es auch keine Rolle.
Bevor ich mich vorstellen konnte, begrüßte mich der Vater meiner Klientin schon mit „Ach, der Genosse Privatdetektiv!“ Dafür fing er sich einen Ellenbogenrempler von seiner Frau ein und ich wies ihn mit einem schiefen Lächeln darauf hin, dass „Genosse“ wohl aus der Zeit gefallen sei. „Mir reicht es, wenn Sie mich mit Herr Lehmann oder von mir aus auch mit Lutz ansprechen.“
„Das war ja nur ein Scherz, Herr Lehmann“, entschied er sich für den ersten Vorschlag. „Kommen Sie erst einmal herein!“ Das Ehepaar Müller führte mich ins Wohnzimmer, wo ich in einem bequemen Sessel Platz nehmen durfte. Herr Müller setzte sich auf die Couch und Frau Müller verschwand gleich wieder. „Ich mache uns schnell einen Kaffee“, entschuldigte sie ihren Abgang. Solange sie in der Küche herumwerkelte, unterhielt ich mich mit ihrem Gatten über Gott und die Welt. Den eigentlichen Grund meines Kommens umschifften wir mehr oder weniger gekonnt. Erst als sie den Kaffee gebracht und sich neben ihren Mann auf die Couch gesetzt hatte, kam ich auf den Unfall zu sprechen. Doch ihre Darstellung der Geschehnisse brachte nichts ans Licht, was mir weiterhelfen konnte. Ihr Schwiegersohn war, nachdem er ihnen die Taschen aus dem Kofferraum geholt und sie ins Haus getragen hatte, wieder ins Auto gestiegen und losgefahren. Weder auf der Fahrt, noch bei der Ankunft hätte er nervös gewirkt, was für sie vielleicht ein Zeichen dafür gewesen sein könnte, dass er beabsichtigte, seine Frau zu betrügen.
„Sie werden nichts Derartiges herausfinden“, zeigte sich Herr Müller überzeugt. „Der Junge war in Ordnung. So etwas hätte er Marlies niemals angetan. Das Mädel steigert sich da in etwas hinein, was völliger Quatsch ist. Aber wir wollen ihr den Verdacht nicht ausreden. Machen Sie nur Ihren Job! Vielleicht findet sie ja ihren Seelenfrieden, wenn Sie ihr auch nur das bestätigen können, wovon wir die ganze Zeit reden.“ Seine Frau dachte ähnlich. Und ich hätte mich ihren Überzeugungen gerne angeschlossen, aber bei dem Unglück waren nun einmal zwei Opfer zu beklagen gewesen. Und irgendwie musste die Mitfahrerin ja ins Auto gekommen sein. „Vielleicht war sie eine Tramperin?“, deutete ich eine mögliche Erklärung an.
„Finden Sie es heraus!“ Herr Müller stand auf.
Damit endete mein kurzer Besuch. „Danke für den Kaffee.“
Auf der Rückfahrt beschäftigten mich zwei Gedanken. Zu allererst versuchte ich, mir einen Vers darauf zu machen, in welcher Beziehung die beiden Fahrzeuginsassen zueinandergestanden haben könnten. Meine Andeutung von eben, es könnte eine Tramperin gewesen sein, die der Mann meiner Klientin, zufällig mitgenommen hatte, stand auf wackligen Beinen. Wie wahrscheinlich war es, dass jemand mitten im Winter, bei eisigen Temperaturen, trampte? Und, falls das dennoch so gewesen sein sollte, wieso unternahm diejenige dann ihre Reise ohne Gepäck? Denn Überreste von Taschen oder Koffern waren, den Worten meiner Klientin nach, in dem ausgebrannten Wrack nicht gefunden worden.
Als ich den Straßenabschnitt erreichte, dieses Mal sogar in der richtigen Fahrtrichtung, an dem sich das Drama abgespielt hatte, unternahm ich den Versuch, das Unfallgeschehen zu rekonstruieren. Erneut schien es mir am Wahrscheinlichsten zu sein, dass die Straße damals vereist war, und der Fahrer nach einer Rutschpartie die Kontrolle über das Auto verlor, was zu den bekannten Folgen führte.
Als der Feldweg, auf dem ich vorhin schon einmal angehalten hatte, plötzlich neben mir auftauchte, trat ich auf die Bremse. Für dieses abrupte Manöver bedankte sich mein Hintermann mit einer aufblitzenden Lichthupe und einem anschließenden wohl wütenden Hupkonzert. Er kurvte um mich herum und zeigte mir den Mittelfinger als ich zu ihm hinüberschaute. Nachdem sich die Straße hinter mir im Innenspiegel als frei zeigte, setzte ich ein paar Meter zurück und bog dann erneut auf den Feldweg ein.
Der Bauer hatte in der Zeit, in der ich bei den Müllers gewesen war, das Heu auf der mehrere Hektar großen Wiese fertig gewendet. Jetzt machte er sich offenbar auf den Heimweg. Er kam mir entgegengefahren. Dass ich den Feldweg quasi blockierte, brauchte ihn nicht zu stören, denn er konnte mir bequem auf der Wiese ausweichen. Dabei musste er zwar ein Bisschen Heu wieder festfahren, aber das konnte ja kein Problem sein, weil er es beim nächsten Wenden wieder auflockern würde. Ich beschloss also im Auto sitzen zu bleiben, bis er an mir vorbeigefahren war. Doch das tat er nicht. Stattdessen steuerte er auf mich zu und brachte seine Maschine erst zum Stehen als deren Vorderräder die Stoßstange meines Wagens touchierten und mich ein Stück zurückschoben. Im selben Moment sah ich im Rückspiegel, dass ein Transporter von der Bundesstraße abbog und von hinten herangerollt kam, bis nur noch ein Grashalm zwischen mein Heck und seine Vorderfront zu passen schien.
Was ich da gerade erlebte konnte kein Zufall sein, aber der Sinn, der dahintersteckt, leuchtete mir im Moment nicht ein. Aus dem Trecker kletterte ein bullig gebauter Typ im Blaumann. Auf dem Kopf trug er einen zerbeulten Strohhut, was sein Aussehen wie eine Karikatur erscheinen ließ, über die ich aber nicht einmal schmunzeln konnte. Zum Glück entstieg dem Transporter auch nur eine einzelne Person. Im Außenspiegel erkannte ich, dass der Kerl ebenfalls gut im Futter stand. Irgendwie schienen sich die beiden zu ähneln.
Für einen Moment erwog ich, im Auto sitzen zu bleiben, um von hier aus zu beobachten, was die Kerle vorhatten. Allerdings wäre ich dann zu völliger Passivität verdammt gewesen und diesen Vorteil wollte ich ihnen nicht geben. Ich verließ also ziemlich forsch meinen schützenden Käfig. Das schien die beiden zu überraschen. Sie waren wohl davon ausgegangen, dass ich nicht aus dem Kokon schlüpfen würde. Ich lehnte mich mit den Rücken an die Fahrertür. „Kann ich euch irgendwie behilflich sein?“
Der Traktorist, der wesentlich ältere von beiden, eventuell der Vater vom Transporterfahrer, antwortete mir: „Vielleicht kannst du uns verraten, weshalb du hier herumschleichst?“ Dann klärte er den Jüngeren auf. „Vor zwei Stunden ist er schon einmal hier gewesen. Gut, dass du gerade jetzt gekommen bist, so können wir ihm mal auf den Zahn fühlen, was er an unserem Stück Wiese so interessant findet.“
Der Jüngere hatte plötzlich eine hölzerne Harke in der Hand. Woher das Werkzeug so schnell gekommen war, konnte ich mir nicht erklären, aber wahrscheinlich war er mit ihm schon aus dem Auto ausgestiegen. „Tja, dann verrat meinem Vater mal dein Anliegen!“ Das klang verdammt zynisch. „Wenn du Heu kaufen willst, macht er dir bestimmt einen guten Preis.“
„Aber, wenn du denkst, dass du dir dieses Land unter die Nägel reißen kannst, wie ihr verdammten Immobilienhaie das jetzt ständig im Osten tut, dann bist du auf dem Holzweg. Mehr als einen Satz heißer Ohren wird für dich hier nicht zu holen sein“, vollendete der Ältere im gleichen Tonfall wie sein Filius dessen Gedanken. „Das hier ist Bauernland und wird es auch bleiben, Es sei denn, irgendjemand schafft es, mich von hier zu vertreiben. Aber immerhin siehst du nicht so aus, als ob du derjenige sein könntest. Falls du dir das jedoch einbilden solltest, werden wir dir diese Flausen jetzt hier an Ort und Stelle austreiben.“
Das war eine deutliche Ansage, die sowohl ich als auch der Jungbauer verstanden hatten. Deshalb reagierten wir auch wohl fast synchron. Er, indem er mit der Harke ausholte, um sie mir über die Rübe zu ziehen. Und ich, indem ich mich nach vorn abrollte und damit vor dem Hieb in Sicherheit brachte. Dass sein Schlag ins Leere führen könnte, war ihm wahrscheinlich vorher nicht in den Sinn gekommen. Deshalb wurde ihm der Elan, den er hineingelegt hatte, jetzt zum Verhängnis. Er geriet ins Straucheln.
Währenddessen nutze ich den Schwung meiner Vorwärtsrolle, um gleich wieder auf die Beine zu kommen. Bevor ich mich wieder dem Harkenschwinger widmete, rammte ich seinem Vater, der scheinbar in das Getümmel eingreifen wollte, vorsorglich meinen rechten Fuß in die Magengegend. Den Tritt hatte ich mit fast zärtlicher Zurückhaltung ausgeführt, trotzdem warf er den Traktoristen zusammengekrümmt ins Gras.
Dass er so ausgetrickst worden war und zudem sein Vater am Boden lag, stachelte die Wut des Jungen an. Zu seinem Unglück waren sein aufbrausender Charakter und seine Geschicklichkeit im Zweikampf zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Außerdem hatte er das Pech, sich ausgerechnet einen waschechten Ex-Fallschirmjäger als Sparingpartner ausgesucht zu haben, der während seiner aktiven Dienstzeit in unzähligen Stunden darauf gedrillt worden war, in Situationen wie dieser, die Oberhand zu behalten. Es erwies sich auch als bedauerlich für den wütenden Landwirt, dass das Ziel meines Kampftrainings darin bestanden hatte, mit gleichwertigen Gegnern fertig zu werden und nicht mit übergewichtigen Milchreisbubies. So kam es, wie es kommen musste. Ehe er mich wieder richtig attackieren konnte, stand ich hinter ihm. Ich drückte ihm das Knie ins Kreuz und den Harkenstiel gegen den Kehlkopf.
„Wollen wir weitermachen oder reden?“, fragte ich die beiden Raufbolde.
Der Vater rappelte sich hustend und keuchend hoch. „Verdammt noch mal, bist du Rambo?“, fluchte er, bevor er auf meine Frage einging. „Lass den Jungen los und erzähle uns, was du hier willst.“
Ich sah ihm an, dass er es ehrlich meinte. Die Harke flog im hohen Bogen ins Heu und der junge Kerl vor die Füße seines Vaters. Ich hatte es mir nicht verkneifen können, ihn mit einem kräftigen Tritt in den Hintern dorthin zu stoßen.
Sein Erzeuger half ihn auf die Beine. „Also, schieß los!“
Bevor ich seiner Aufforderung folgte, salutierte ich ihnen militärisch zu. „Darf ich mich erst vorstellen: Fallschirmjäger a. D., Lutz Lehmann.“
Seine Erwiderung überrascht mich ein wenig. „LSK/LV? Bei der Truppe war ich auch. Allerdings nur 18 Monate.“
Dass wir quasi Kameraden waren, schien einen Sinneswandel bei ihm bewirkt zu haben. Er wandte sich an seinen Sohn. „Hol uns mal drei Bier aus dem Transporter! Soweit ich mich daran erinnern kann, waren diese Hupfdohlen nicht nur begnadete Killer, sondern hatten auch ständig Durst. Das stimmt doch, Genosse Fallschirmjäger?“
Was für ein Tag! Jetzt wurde ich schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunde als „Genosse“ tituliert und konnte mir aussuchen, ob das ein schlechtes oder ein gutes Omen oder einfach nur Zufall war.
Als der Junge mit dem Bier zurückkam, köpften wir die Flaschen und prosteten uns zu. „Ich bin Kurt. Und mein Knabe heißt Bernd“, übernahm der Alte die Vorstellung für beide. Dann kommentierte er noch einmal die aktuelle Situation mit einem Feixen in der Stimme. „Was für ein Blödsinn, sich ausgerechnet mit einem Fallschirmjäger anzulegen. Wenn mir das vorher klar gewesen wäre, hätte ich auf die Rauferei verzichtet und gleich mit dem Bier angefangen.“ Anschließend wurde er wieder ernst. „Jetzt, wo ich weiß, dass wir aus demselben Stall kommen,
„Da kann ich euch beruhigen“, stellte ich klar. „Mich treibt etwas ganz Anderes hierher. Es handelt sich um den Unfall, der im Winter passiert ist und der zwei Menschen das Leben gekostet hat.“
Kurt wurde sofort hellhörig: „Hast du deine Seele einer Versicherung verkauft?“
„Wieder falsch“, konnte ich ihn beruhigen. Um nicht länger um den heißen Brei herumreden zu müssen, klärte ich die beiden darüber auf, wieso ich hierhergekommen war. Also, ich gab keine Interna preis, aber setzte sie so weit ins Bild, dass sie sich einen Vers auf mein Anliegen machen konnten.
„Darüber sollten wir uns nicht hier unterhalten“, meinte Kurt und wollte wohl damit andeuten, dass er einiges über den Unfall wusste. „Wenn du etwas Zeit hast, würde ich vorschlagen, dass du mit zu uns nach Hause kommst. Dort können wir dir sicherlich ein paar Fragen beantworten.“
Bernd trank sein Bier aus. „Okay“, sagte er dann. „Ich fahr mal schon los. Bringst du den Trecker mit?“
„Den lassen wir hier!“, entschied Kurt. „Ich fahre mit Lutz mit, falls der in seiner Karre auch einen schnöden Gefreiten a. D. herumkutschiert.“
Kurt dirigierte mich zu einem beachtlichen Bauernhof im nahegelegenen Dorf. Die Gebäude befanden sich in einem bemerkenswert guten Zustand, also zumindest, wenn man berücksichtigte, dass das vor nicht allzu langer Zeit sicherlich noch ein LPG-Objekt gewesen war. Und solche Anwesen boten in der Regel einen eher bemitleidenswerten Anblick.
Er schien meinen anerkennenden Blick mitbekommen zu haben. „Das ist altes Familieneigentum“, erklärte er mit unüberhörbaren Stolz in der Stimme. „Und das wird es auch bleiben!“ Anscheinend traute er mir immer noch zu, ein inkognito agierender Immobilienhai zu sein.
Bernds Transporter parkte vor einem Scheunentor. Dorthin wies mich auch Kurt mit einem kurzen Nicken. Als wir ausstiegen, lotste er mich allerdings nicht in die Scheune, sondern öffnete eine Tür, die sich vielleicht fünf Meter rechts neben dem großen Einlass befand. Hier hatte sich die Bauernfamilie einen Party-Raum eingerichtet, der die Gemütlichkeit einer gern- und vielbesuchten Kneipe ausstrahlte. Obwohl ich das Refugium zum ersten Mal betrat, überkam mich das Gefühl, an diesem Ort schon unzählige Male versackt zu sein.
„Setz dich!“, forderte mich Kurt auf, und Bernd, der hinter dem selbstgezimmerten Tresen stand, brachte drei Bier an den Tisch, der natürlich ein runder Stammtisch war. Unsere Flaschen klirrten aneinander. „Dich hat also der Unfall hierher geführt“, stellte Kurt fest, nachdem er seine Flasche abgesetzt hatte.
Ich bestätigte seinen Gedanken und wiederholten im Groben noch einmal, wieso mich die Sache beschäftigte. Danach herrscht eine ganz Weile Ruhe, die Bernd irgendwann mit einem Räuspern unterbrach. „Willst du es ihm wirklich erzählen? Ich traue ihm nicht, auch wenn er bei demselben Haufen gedient hat wie du.“
Wie sich das Eine mit dem Anderen in Verbindung bringen ließ, war mir zwar nicht ganz klar, aber trotzdem wartete ich natürlich gespannt darauf, wie Kurt reagieren würde. Zuerst nahm er noch einen kräftigen Schluck, dann verfinsterten sich seine Züge. In mir stieg schon die Befürchtung auf, dass er sich den Bedenken seines Sohnes anschließen könnte. Zum Glück irrte ich mich in diesem Punkt.
„Okay“, begann er schließlich. „Dann spitz mal deine Löffel. Und, das will ich gleich am Anfang klarstellen, ich werde dir keine Räuberpistole auftischen. Die verdammte Geschichte ist vom ersten bis zum letzten Wort wahr!“
Musste ich mich auf eine Märchenstunde vorbereiten oder warum hob er das extra hervor? Als er nach einer Stunde zum Schluss kam, schwirrte mir die Frage immer noch im Kopf herum. Was mir hier gerade zu Ohren gekommen war, glich wirklich einer Räuberpistole. Wenn er sich die Geschichte aus den Fingern gesogen hatte, sollte er seinen Job an den Nagel hängen und Thriller-Autor werden. Diese Story würde ihn jeder Verlag aus den Händen reißen. Wenn das Berichtete jedoch stimmte, wäre es noch schlimmer, auch für mich, denn meine Klientin könnte mich ohne Zweifel für verrückt erklären, wenn ich ihr das als Ergebnis meiner Recherchen präsentiere und mir schlicht die Zahlung des vereinbarten Honorars verweigern.
„Hast du das der Polizei erzählt?“, fiel mir die spontane Frage zu dem Gehörten ein.
„Verrate mir erst, ob du mir glaubst!“, konterte Kurt mein Ansinnen.
„Ob ich dir glaube, spielt keine Rolle“, wich ich ihm aus. „Meine Klientin muss dir glauben bzw. mir, wenn ich sie damit konfrontiere. Und ich will ehrlich sein: wäre ich an ihrer Stelle, würde ich unseren Vertrag zerreißen und keinen Pfennig für die Ermittlungen herausrücken.“
„Immerhin bist du ehrlich“, ging Kurt auf meinen Einwand ein. „Und ich bin Realist genug, eine solche Reaktion zu akzeptieren. Deshalb habe ich es mir auch erspart, mit der Geschichte bei den Bullen anzutanzen. Sie hätten mich bloß ausgelacht.“
Damit hatte er wohl recht. „Trotzdem danke für das Bier und …“ Ich stand auf. „Ich kann dich wieder zu deinem Trecker bringen, wenn du willst.“
So einfach gab sich Kurt allerdings nicht geschlagen. Er angelte sich einen Bierdeckel und notierte auf dessen Rückseite seine Telefonnummer. „Also, ich stehe zu dem, was ich erzählt habe. Falls du der Meinung bist, dass es deine Kundin auch hören sollte, dann ruf mich an.“
Ich nahm den Deckel und drückte ihm im Gegenzug eine Visitenkarte in die Hand. „Du hast auf dem flachen Land eine Festnetznummer?“, wunderte ich mich.
„Ja“, bestätigte er, trotz der jetzt leicht angespannten Situation, grinsend. „Das ist sozusagen eine sozialistische Altlast. Hier war das LPG-Büro. Zum Trecker komme ich auch ohne dich.“ Als ich schon die Tür in der Hand hatte, rief er mir hinterher: „Ich bin gespannt, ob wir uns wiedersehen?“
„Nicht nur du“, gab ich über die Schulter zurück.
Zwei Tage später saß Marlies Rurick in meinem Büro. „Haben Sie schon etwas in Erfahrung bringen können?“
„Jein“, antwortete ich mehrdeutig. Wie schön wäre es gewesen, diese Unterhaltung am Telefon zu führen, dann hätte ich wenigstens meinen dümmlichen Gesichtsausdruck vor ihr verbergen können.
„Ich wollte Ihnen heute eigentlich schon eine Anzahlung da lassen“, eröffnete sie mir. „Aber für ein ,Jein‘ gebe ich kein Geld aus. Das verstehen Sie doch hoffentlich!“
Es sah so aus, als ob sie nach diesem knappen Statement auf Nimmerwiedersehen verschwinden wollte, was ich ihr nicht einmal verübeln konnte. Das führte dazu, dass plötzlich zwei Seelen in meiner Brust gegeneinander tobten. Die eine forderte: „Sag es ihr!“. Die andere bestand darauf, dass ich sie gehen lassen sollte und mit ihr mein Honorar. Während ich diesem imaginären Duell noch meine Aufmerksamkeit schenkte, hielt ich plötzlich Kurts Bierdeckel in der Hand. Ich hatte keine Ahnung, wie er dort so plötzlich hingeraten war. „Um ehrlich zu sein, habe ich den Fall schon gelöst!“ Das passte natürlich überhaupt nicht zu meinem anfänglichen Herumgedruckse, aber irgendwie musste ich sie ja am Gehen hindern, und das schien mir am einfachsten damit gelingen zu können, wenn ich sie ein bisschen auf die Folter spannte.
„Ach! Auf einmal“, höhnte sie. Sie schob den Stuhl zurück, was unweigerlich darauf hindeutete, dass sie verschwinden wollte.
In meiner Verzweiflung rollte ich den Bierdeckel zu ihr hinüber. Sie hielt ihn fest, bevor er vom Schreibtisch kullern konnte. „Derjenige, dessen Telefonnummer darauf steht, hat mir eine sehr … sagen wir einmal … phantasievolle Geschichte erzählt, die den Unfallhergang beschreibt. Ich würde Sie gern mit ihm bekannt machen. Hören Sie sich an, was er zu sagen hat, und entscheiden sie danach, wie plausibel Ihnen das Ganze erscheint!“
Eine Weile kämpfte sie mit sich. „Von mir aus!“, entschied sie dann. „Ich muss einen Schlussstrich unter die Sache ziehen! Und viel schlimmer als meine eigenen Albträume kann die Begegnung mit Ihrer Quelle ja auch nicht werden.“
Ich wuchtete mein schwarzes Technikwunder auf den Schreibtisch und tippte Kurts Nummer auf der Tastatur ein. Jetzt galt es erst einmal, darauf zu hoffen, dass mir das C-Netz hold war. Und es tat mir tatsächlich den Gefallen. Kurts Stimme erklang. So knapp wie möglich, schilderte ich ihn mein Anliegen. Immer in Sorge, dass die Verbindung im nächsten Moment zusammenbrechen könnte. Natürlich stimmte er einem Treffen zu, schließlich entsprang ein solches ja seiner Intention. Nachdem meine Klientin mit dem vorgeschlagenen Termin einverstanden war und ich ihn Kurt bestätigt hatte, verweigerte die Technik den Dienst. Meine wiederholten Versuche ihn noch einmal zu erreichen, schlugen allesamt fehl. Aber das Wichtigste war ja geklärt, sodass ich die Kiste verärgert wieder unter dem Schreibtisch verstauen konnte.
Am Nachmittag des nächsten Tages lenkte ich meinen Wagen auf Kurts Anwesen. Neben mir saß Marlies Rurick. Da ich annahm, dass Kurt unser Treffen im Party-Raum stattfinden lassen wollte, fuhr ich dorthin. Als der Motor mit einem letzten Tuckern erstarb, öffnete sich bereits die Tür zur besagten Lokalität. Kurt trat heraus und ich musste zwei Mal hinschauen, um ihn zu erkennen. Statt dem Blaumann trug er heute Zivil, also ein T-Shirt und Jeans und bestätigte mit dieser Garderobe die alte Weisheit „Kleider machen Leute!“
Er schien auch noch über andere Qualitäten zu verfügen, die ich ihm, unserer nur kurzen Begegnung geschuldet, gar nicht zugetraut hätte. Er öffnete die Beifahrertür für meine Klientin. „Kurt Damme“, stellte er sich bei ihr vor, als sie ausgestiegen war. Mir nickte er zu.
„Marlies Rurick“, nannte meine Klientin ihren Namen und ließ sich von Kurt in den Party-Raum führen. Ich folgte ihnen.
Drinnen setzten wir uns wieder an den Stammtisch, den dieses Mal ein Tafeltuch zierte. Drei Kaffeegedecke sowie ein Sahnekännchen und eine Zuckerdose vervollständigten die Dekoration, was wohl bedeutete, dass, wenn überhaupt, erst später mit Bier zu rechnen war.
Bevor Kurt ebenfalls Platz nahm, verschwand er in dem kleinen Raum hinter dem Tresen und brachte eine Kaffeekanne mit. Nachdem er eingeschenkt hatte, stellte er seine Frage: „Sie halten es also für möglich, dass meine Geschichte stimmt?“
„Um das beurteilen zu können, müsste ich sie erst kennen“, antwortete sie. Diese knappe Antwort ersparte mir den Hinweis, dass sie noch völlig im Dunkeln darüber tappte, was mit ihrem Mann eigentlich geschehen war.
„Ich dachte, du hättest …“, wandte sich Kurt an mich.
„Nein!“, unterbrach ich ihn schnell. „Was da passiert ist, sollte sie schon von dir als Augenzeugen erfahren.“
„Okay“, akzeptierte er meine Entscheidung. Dann wandte er sich meiner Klientin zu. „Wenn Sie bereit sind, würde ich Ihnen den Hergang schildern, so wie ich ihn mitbekommen habe.“
Marlies Rurick nickte ihm zu.
„An dem Nachmittag war ich draußen auf Jagd. Oder besser gesagt, ich hätte gejagt, wenn ich nicht Zeuge dieses Unfalls geworden wäre. Ich befand mich am Anfang der Wiese, auf der wir uns kennengelernt haben, Lutz. Von dort aus ist es zwar noch ein Stückchen bis zur Bundesstraße, trotzdem konnte ich ganz gut erkennen, was sich abspielte.“ Das Geschehen, das er daraufhin schilderte, stimmte in etwa mit dem Inhalt des Zeitungsartikels überein.
Meine Klientin folgte dem Bericht mit versteinerter Miene, doch ich sah ihr an, dass sie mit den Tränen kämpfte. Erst als Kurt ein Detail erwähnte, von dem bisher nirgendwo die Rede gewesen war, schreckte sie auf.
„Warum der Wagen von der Straße abgekommen war, kann ich nicht sagen, aber er raste jedenfalls ein Stück über die Wiese, bis er stehenblieb“, erinnerte sich Kurt. „Ich war mir nicht sicher, ob die Insassen die Holperei halbwegs glimpflich überstanden hatten, konnte mir jedoch nicht vorstellen, dass sie dabei ums Leben gekommen waren, es sei denn, der Schreck hätte sie außer Gefecht gesetzt. Ich legte meine Flinte ins Gras und hastete los. Weit kam ich nicht, dann ging mir die Puste aus. Ich musste einen Moment verschnaufen …“
„Und da ist der Wagen explodiert“, setzte Marlies Rurick seine Erzählung fort.
„Nein“, korrigierte sie Kurt. „Dann näherte sich ein zweites Auto. Es bog von der Bundesstraße auf den Feldweg ab. Der Fahrer stieg aus, eilte zur Unfallstelle. Ich war froh, dass er sich um die Unfallopfer kümmern würde, denn ich konnte immer noch nicht weiter, behielt das Geschehen aber im Auge. Und das war gut so.“
Meine Klientin hing jetzt an seinen Lippen, sog jedes seiner Worte auf und drängelte „Nun erzählen Sie schon weiter!“, als er sich erst einmal einen Schluck Kaffee gönnte.
„Also, der Fremde zerrte die Fahrertür auf und spähte ins Innere. Ob er mit jemanden sprach, konnte ich aus der Entfernung nicht hören. Nach einer Weile umrundete er das Auto und werkelte an der Beifahrertür herum, bis auch sie aufschwang. Dann lief er zurück zu seinem Wagen. Ich dachte schon, er wolle abhauen. Das machte er aber nicht. Er fuhr näher an die Unfallstelle heran, stieg aus und öffnete anschließend seinem Kofferraum. Unter sichtlichen Mühe hievte er etwas heraus, legte es sich über die Schultern und schleppte es zur Beifahrerseite Ihres Mannes. Ich bin mir verdammt sicher, dass es eine menschliche Gestalt war, die er in das Unfallauto verfrachtete. Anschließend kehrte er zu seinem Gefährt zurück und kramte erneut im Kofferraum herum. Da er deshalb keinen Blick für die Umgebung hatte, lief ich weiter, leider gelang mir das nur in gemächlichem Tempo. Dann ging alles ziemlich schnell. Er hatte einen Kanister aus dem Kofferraum geangelt, dessen Inhalt er über den Wagen Ihres Mannes kippte. Im nächsten Moment flammte ein Feuerzeug auf. Den Rest können Sie sich denken. Der Kerl schaffte es in seine Karre und haute ab.“ Kurt machte ein trauriges Gesicht. „Und ich sah
Marlies Rurick war kreidebleich geworden. Die Geschichte hatte sie verständlicherweise mitgenommen. „Wie hat die Polizei auf ihre Aussage reagiert?“
„Verraten Sie mir erst, ob Sie mir glauben?“ Kurt reagierte fast mit denselben Worten auf ihre Frage, mit denen er auch mir geantwortet hatte.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie mit ehrlich klingender Stimme. „Wenn es tatsächlich so gewesen ist, könnte ich natürlich endlich einen Schlussstrich unter diese tragische Geschichte ziehen, müsste jedoch meinen Mann tausendmal um Verzeihung bitten, weil ich an seiner Treue gezweifelt habe. Andererseits klingt das Ganze auch so, als hätten Herr Lehmann und Sie das Ganze von A bis Z erfunden, um mich … mich abzuzocken.“
„Sehen Sie“, ging Kurt noch einmal auf ihre Frage ein. „Genau wegen der Zweifel, die Sie da ansprechen und die ich Ihnen nicht übelnehmen kann, weiß die Polizei nichts davon. Aber …“ Statt weiterzureden, stand er auf und verschwand wieder im Raum hinter dem Tresen. Mit einem Fotoalbum unterm Arm kam er zurück. Er legte es vor uns auf den Tisch und begann darin zu blättern. Auf den Bildern war ausnahmslos erlegtes Wild zu sehen. Wildschweine, Rehe, ein Fuchs, unzählige Hasen und Federvieh. Aber die wollte uns Kurt offensichtlich nicht zeigen. Als er fast bis zur letzten Seite geblättert hatte, hielt er inne und nestelte ein Foto aus dem Album. Was es zeigte, konnte ich nicht erkennen. Marlies Rurick schien es genauso zu ergehen.
„Ich habe Westverwandtschaft“, eröffnete Kurt jetzt ein völlig anderes Thema. „Die haben mir schon vor Jahren eine Polaroidkamera mitgebracht. Ihr wisst schon, das sind die Dinger, mit denen man Sofortfotos machen kann. Seitdem bin ich begeisterter Fotograf. An dem Tag hatte ich das Ding auch dabei. Und obwohl ich es nicht bis zu dem Kerl geschafft habe, konnte ich ihn wenigstens knipsen. Dabei ist auch seine Karre mit auf das Bild geraten. Und, was Sie vielleicht noch mehr interessieren wird, das Nummernschild lässt sich auch erkennen.“
„Verdammt noch mal Kurt“, entfuhr es mir da. „Warum hast du mir das nicht verraten?“
Auf die Antwort darauf warte ich noch heute …
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Im 2.Teil der Geschichte kann Lutz Lehmann den Fall lösen.
Er ist auf meiner Webseite unter GESCHICHTEN --> KRIMI --> EIN MYSTERIÖSER UNFALL Teil 2 zu finden. Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Andreas Paul).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.07.2026.
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