Istvan Hidy

Volkstracht: Tyrannei

Mode ist eine merkwürdige Erscheinung. Was gestern noch als geschmacklos galt, gilt morgen als Ausdruck von Charakter. Das betrifft nicht nur Kleidung. Auch politische Leidenschaften kennen ihre Kollektionen. Und manches, was längst im historischen Altkleidercontainer verschwunden schien, erlebt plötzlich ein erstaunliches Comeback.

Zum Beispiel die Tyrannei.

Stephen Greenblatts Buch Der Tyrann liest sich deshalb weniger wie eine literaturwissenschaftliche Abhandlung als wie der Katalog einer politischen Herbstkollektion. Shakespeare hatte sämtliche Modelle bereits entworfen. Richard III., Macbeth, Julius Caesar – sie alle tragen unterschiedliche Gewänder, doch der Schnitt ist derselbe: grenzenlose Selbstgewissheit, unstillbarer Machtwille und die Überzeugung, das Gemeinwesen beginne erst mit dem eigenen Namen.

Neu ist daran wenig.

Neu ist allenfalls, mit welcher Begeisterung die alte Ware wieder nachgefragt wird.

Greenblatt erinnert daran, dass Shakespeare sich nie allein für den Tyrannen interessierte. Ihn faszinierte vor allem dessen Umgebung. Die Schmeichler. Die Mitläufer. Die Karrieristen. Jene höfischen Akrobaten, die ihre Wirbelsäule täglich der politischen Wetterlage anpassen. Ohne sie wäre jeder Tyrann bloß ein unangenehmer Mensch mit übergroßem Ego.

Auch diese Figuren haben sich modernisiert.

Sie heißen heute Kommunikationschef, Parteistratege, Spin-Doktor, Oligarch, Medienunternehmer oder Influencer. Wo einst Hofpoeten Lobeshymnen dichteten, formulieren heute PR-Agenturen Narrative. Aus dem höfischen Ausrufer wurde der Nachrichtensender, aus dem Marktplatz die Plattform, aus dem Hofklatsch der Algorithmus. Der Weihrauch ist derselbe geblieben. Nur der Diffusor ist digital.

Der Tyrann selbst reist inzwischen mit leichtem Gepäck. Krone und Zepter braucht er nicht mehr. Eine Kamera genügt. Ein Mikrofon ist hilfreicher als ein Schwert, ein Smartphone wirkmächtiger als jede Fanfare. Früher musste man den Marktplatz beherrschen. Heute reicht es, den Nachrichtenzyklus zu dominieren.

Doch Greenblatts eigentliche Pointe liegt woanders.

Tyrannen kommen selten an die Macht, weil sie genial wären. Sie kommen an die Macht, weil sie ein dankbares Publikum finden. Der Ruf nach dem »starken Mann« ertönt merkwürdigerweise immer dann besonders laut, wenn die Wirklichkeit kompliziert wird. Plötzlich erscheinen Zweifel als Schwäche, Kompromisse als Verrat und demokratische Verfahren als lästige Zeitverschwendung. Wer einfache Antworten verspricht, gilt als entschlossen. Wer nachdenkt, als unsicher.

Die Nachfrage nach einfachen Wahrheiten ist ungebrochen. Das Angebot floriert.

Populisten sind schließlich die einzigen Händler, die komplizierte Probleme zum Sonderpreis verkaufen.

Shakespeare hätte darüber vermutlich gelächelt. Er wusste, dass die Verführung der Macht nicht beim Herrscher beginnt, sondern beim Publikum. Richard III. verführt nicht nur den Hof, sondern auch die Zuschauer. Macbeth regiert nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Hoffnung seiner Gefolgsleute, vom Glanz der Macht etwas abzubekommen. Tyrannen leben von einer Währung, die erstaunlich krisenfest ist: der Bereitschaft anderer, ihnen zu glauben.

Der moderne Bürger erklärt zwar mit Vorliebe, er misstraue jeder Autorität. Nur merkwürdigerweise gilt das nie für jene Autorität, die seine eigenen Vorurteile bestätigt.

Vielleicht ist genau das die unbequeme Botschaft von Greenblatts Buch. Tyrannen sind keine Naturkatastrophen. Sie fallen nicht vom Himmel. Sie werden gewählt, beklatscht, entschuldigt, nachgeahmt und – wenn alles gutgeht – irgendwann wieder beklagt.

Shakespeare hätte das kaum überrascht. Der Mensch, wusste er, wechselt seine Überzeugungen schneller als seine Gewohnheiten.

Die Tyrannen wechseln ihre Uniformen, ihre Parolen und ihre Fahnen.

Das Publikum wechselt nur die Begeisterung.

Die Mode vergeht. Die Volkstracht bleibt: Tyrannei.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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