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Kafkas Brüste (HAPPY RABBIT)

>HAPPY RABBIT<

(oder „Kafkas Brüste“)
Eine Prag-Geschichte 

Yvonne und ich sind am 21.06.2026 in Prag angekommen. Wir hatten uns für das Post 120 Suites Hotel entschieden. Ob es nun wirklich 120 Zimmer hat, haben wir tatsächlich nie herausgefunden, aber wer Diversität liebt, der ist dort gut aufgehoben. Aus allen Ecken dieses Planeten zieht es Menschen genau dorthin. Vrchlického 290/100 150 00 Praha 5 ist die Anschrift. Günstig und gut. Uns hat es dort jedenfalls gefallen. Wir suchten nach einer Möglichkeit, frühstücken zu gehen. Als wir uns umsahen, bemerkten wir, nur 100 m vom Hotel entfernt, das Café & Bistro „Happy Rabbit“. Es wirkte bereits von außen sehr einladend. Es zog uns magisch an.

 

Da ich Hasen sehr liebe, wollte ich genau dort frühstücken. Auch Yvonne meinte: „Ja, das sieht doch sehr einladend aus. Lass uns das mal ausprobieren.“ Im Fenster bemerkte ich eine Einladung, die mir sehr gefiel. Mitten im Angebot.

 

„Unser Hase wartet auf Dich! Komm rein und streichel ihn!“ Dieser Aufforderung konnte ich mich nicht widersetzen. Im Happy Rabbit sah ich den Hoppel-Freund sofort. Langsam näherte ich mich und bot ihm die Hand zum Kennenlernen an. Dann wuschelte ich ihn durch. Ich war begeistert. Meine Freundin Yvonne hatte sich draußen hingesetzt. Wir lernten Ina und Nikola kennen, die Besitzer. Zu unserer Freude und Überraschung sprach Nikola hervorragend Deutsch. Mit Ina sprachen wir Englisch. Beide stets gut gelaunt und sehr freundlich.

Wir? Das ist zunächst einmal Yvonne aus Gelsenkirchen.

 

Und Gerd. Ich komme aus Köln-Lindweiler.

 

Für mich war es wichtig, jeden Tag den Hasen zu streicheln. Nur dann würde es ein guter Tag werden. So waren wir also jeden Tag, bevor wir etwas in Prag unternahmen, im Happy Rabbit. Kaffee, gut frühstücken, in der sengenden Sonne „vorglühen“ (es war wirklich jeden Tag, wie sagt man so schön in Deutschland, brüllend heiß), planen und Zigaretten rauchen. Denn wir sind beide heftige Raucher. Natürlich durften wir im Hotelzimmer nicht rauchen. Also beschränkten wir uns darauf, ab und an vors Hotel, auch mal nachts, zu gehen, und ansonsten im Happy Rabbit bei Kaffee und Sprudelwasser, jede Menge zu rauchen. Auch sind wir Koffein-Freaks. Kaffee ist für uns ein Lebensinhalt.

 

Um 8:30 Uhr öffnete unser „Glücklicher Hase“. Und ja, ich kann bestätigen, das süße Fellknäuel machte einen richtig glücklichen Eindruck. Warum auch nicht? Er wurde ja von jedem Gast geliebt, erfuhr sehr viel Aufmerksamkeit. Von mir ganz besonders, denn ich hatte mich bereits am 1. Tag in dieses knuffige Wesen verguckt. Als ich fragte, wie denn der kleine Wuschel heißt, hörte ich: slaný kroužek – oder so ähnlich. Ich spreche nämlich kein Wort Tschechisch. Auf den dämlichen Blick hin sagte Ina dann: „Donut!“ Aha, ja, damit konnte ich etwas anfangen. Ein wirklich gelungener Name für einen Hasen. Ich streichelte den kleinen Burschen. Dies würde demnach ein sehr guter Tag werden. Selbstredend.

Und jeder Tag in Prag wurde ein guter Tag. Es gab einen ganz speziellen Franz Kafka Tag. An diesem Tag haben wir alles unternommen, seinen Spuren zu folgen. Das Museum, der Friedhof, das Geburtshaus und der Franz Kafka Platz, einen vollen Tag widmeten wir dem großen Schriftsteller. Für mich ein Idol. Jedes geschriebene Wort las ich auch.

 

„Was futtern wir denn?“ Yvonne sah mich an. „Denke, wir futtern uns über die komplette Prag-Woche hinweg durch alles, was Freude macht!“ Im Aushang wurde ich fündig. Am liebsten wäre ich mindestens 3 Wochen geblieben. So viel gutes Futter… Und dieser wunderbare kleine „Donut“. Knuffiger kann ein Wesen doch wohl kaum sein. Niemals hatte ich, leider, eine kleine Knabberei für ihn dabei. Dies Fehlverhalten ist mir heute noch peinlich. Wenn schon das Herz für solch ein Lebewesen schlägt, dann nimmt man in der Regel doch ein Leckerli mit, wenn man diesen Hasen besucht, oder? Ich dachte nur an mich. Ein Egomane. Nur Boston Toast, Cappuccino, perliva voda, das wunderbar kalte, perlende Sprudelwasser, und Nikotin im Schädel.

 

Wir sichteten das Angebot.

„Leeeecker!“ Mein Hunger war riesig. Und ich hatte einen wunderbaren Cappuccino vor mir stehen. Einfach herrlich. So konnte ein Tag doch starten. An die ungewöhnlich starke Hitze mussten wir uns allerdings gewöhnen. Das war heftig.

 

Yvonne war einverstanden. Also nahmen wir uns jeden Tag ein anderes Frühstück vor. Ob süß oder herzhaft, hier hatte jeder Gast genügend Auswahlmöglichkeit. Wir entschieden uns täglich für eine herzhafte Variante. Ich mag ja morgens nicht so gerne Süßes futtern. Aber was uns von Ina und Nik nach draußen serviert wurde, das konnte sich sehen lassen. Oft haben wir bis in den späten Nachmittag durchgehalten, so reichhaltig ist unser Frühstück stets gewesen. Böhmische Küche probierten wir, echte tschechische Spezialitäten, wir waren immer begeistert. Ob Prager Burg, Karlsbrücke oder Goldenes Gässchen, wir waren überall. Wenzelsplatz und Altstädter Ring, das Jüdische Viertel oder die Astronomische Uhr, das wurde alles besichtigt. Uns hat das Tanzende Haus fasziniert und das Café Slavia. Schön war die Bootsfahrt auf der Moldau. Ein echtes Highlight, Sightseeing par excellence. Welch schönes Erlebnis.

 

Wir hatten ja nur eine Woche. Und dafür haben wir ganz schön viel unternommen. Braun gebrannt ging es wieder nach Hause. So viele Erinnerungen. So viele Fotos. Und es muss gesagt werden. Dies wird nicht meine letzte Reise nach Prag gewesen sein. Denn ich hatte vergessen, dem heiligen Johannes von Nepomuk auf der Karlsbrücke die Ehre zu erweisen. Die Legende besagt, dass das Streicheln der Statue mindestens ein Jahrzehnt Glück bringt. Und ich streichelte lediglich „Donut“. Das hat mir zwar viel Glück gebracht, es hält aber nun leider kein Jahrzehnt. Daher muss ich zurück nach Prag. Auch, um Donut wiederzusehen.

 

Ob Boston Toast, Frittata oder ein herzhaftes Omelette, wir hatten immer Freude an unserem Frühstück. Natürlich, nie haben wir es um 8:30 Uhr zum Happy Rabbit geschafft. Es war ja unser Urlaub. Aber eine Stunde später trudelten wir dann endlich ein. Hungrig, Kaffee durstig und mit Plänen im Kopf. Als ich Yvonne am Mittwoch fragte, was wir denn heute alles unternehmen wollten, dabei biss ich in diesen herrlichen Boston Toast, meinte sie trocken: „Heute werden wir die Brüste von Kafka sehen!“ Ich staunte nicht schlecht. „Die äh Brü… Brüste von Franz Kafka?“ Ich muss wohl ein einziges Fragezeichen abgegeben haben. „Nee“, meinte da Yvonne, „natürlich nicht. Wir sehen die Bürste von Kafka…“

Später dann, zwei perliva voda mussten schon sein bei dieser sengenden Hitze draußen (Sprudelwasser), nach dem üppigen Frühstück, etlichen Zigaretten und sehr viel Gelächter, klärte sich alles auf. Yvonne meinte die Büste.

 

„Wenn einer bei 40 Grad zu denken versucht“, kicherte ich. Auch Yvonne musste da lachen. Und so planten wir unseren heutigen Tag. Er wurde wunderschön. Ich hatte ja auch den Donut gestreichelt. Da konnte doch gar nichts schiefgehen.

 

Auf der Karlsbrücke ließ sich Yvonne porträtieren. Dieses Bild habe ich bis heute leider nicht sehen dürfen. Warum enthält sie es mir vor? Ist es so schlecht geworden? Keine Ahnung. Ich hatte dem Künstler extra nicht zugeschaut. Hätte ich in der Zwischenzeit mal lieber die Statue des heiligen Johannes von Nepomuk gestreichelt. Aber nein, lieber musste ich all das Volk angaffen, dass da auf der berühmten Brücke vorüberzieht. Japaner, Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Spanier und Niederländer. Diese Sprachvielfalt, all diese Menschen. Prag ist ein richtiger Publikumsmagnet. Es gibt überall etwas zu sehen. Die Musik, all die Sprachen, so viele Eindrücke. Ich starrte, vergaß die Zeit. Dann, nach vielleicht 25 Minuten meldete sich plötzlich Yvonne. „Fertig!“ Ich sah das Ergebnis zwar nicht, aber Yvonne machte einen zufriedenen Eindruck.
 

Es gab wohl an die drei Dutzend Glanzpunkte während unserer Prag-Reise. Ob im Wachs- oder Horror-Museum, meine Eindrücke waren vielfältig und wunderbar. Sicher gehörte auch die Tour im offenen Bus zu den herrlichsten Erlebnissen. Schön fand ich es auch auf dem Schiff. Moldau und Schiffstour, das  passt einfach zusammen. Und Yvonne hielt tapfer der immensen Hitze stand. Sie achtete auf mich, den Glatzenträger, und veranlasste, dass ich eine Base Cap kaufte. Ohne wäre es wohl eine Katastrophe geworden…

Traurigstes Erlebnis: Ich stand vor Kafkas Grab und heulte. Schönstes Erlebnis: Die wunderbare Fahrt auf der Moldau, bei sanfter Brise und Aperol Spritz. Wir fühlten uns wirklich beschwingt und so heiter, Yvonne zeigte ihr strahlendstes Lächeln, saugte an der Zigarette und dem Aperol Spritz, es war einfach wundervoll. Ob bei Gulasch und böhmischen Klößen plus Pilsener Urquell, ob beim heftigen Gruseln im Folterkeller oder bei der Begegnung mit George Clooney, Brad Pitt und Bruce Willis bei „Madame Tussauds Prague“, stets hatten wir Spaß und waren begeistert. Prag hat so unendlich viel zu bieten. Historisch neben modern, skurril neben konservativ, immer aber interessant. Und es gab da noch ein Erlebnis, unser schrecklichstes Erlebnis. Gleich bei der Ankunft am Bahnhof, nach ewig langer Zugfahrt, war mir das gesamte Urlaubs-Budget (1785 Euro) gestohlen worden, natürlich mit allen Dokumenten. Die Katastrophe!

Wie einchecken im Post 120 Suites Hotel? Bei all der großen Enttäuschung seit dem Diebstahl hatte uns die Uber Fahrerin auch noch 50 Euro für die Fahrt zum Hotel abgeknöpft, eine Frechheit (angeblich hatte sie überhaupt kein Wechselgeld). Ich sollte den Personalausweis wenigstens als Foto vorlegen. Doch, kein Wunder, war ich völlig aufgelöst. Das Geld komplett weg, Panik, Horror, was tun? Ich suchte in der Galerie und fand nichts, dabei waren die Fotos bei OneDrive. Dass die uns dennoch in unser Bett ließen, ist ein kleines Wunder. In der Tat konnten wir sogar, sorgenschwer, schlafen. Aber das lag eher an Becherovka, einem Kräuterbitter aus dem tschechischen Karlsbad, 38 %, noch im Hauptbahnhof Prag gekauft, kurz vor dem Diebstahl meiner Geldbörse. Diese Katastrophe musste ich später mit Yvonne auf einer Prager Polizeiwache schildern. Ich hatte ewig kein Englisch mehr gesprochen. Und nun schildere einen raffiniert ausgeführten Diebstahl am Bahnhof, schildere, wie deine Brieftasche im Detail aussieht, beschreibe alle Dokumente und Ausweise.

Horror pur. Letztlich finanzierten wir den Urlaub, gönnten uns dennoch (und wie aus Trotz) alles, was wir uns hatten gönnen wollen. Yvonne verwaltete die Finanzen, bedacht gab sie das Geld aus. Aperol Spritz war, ab und an, drin.

So dürfen wir also behaupten: Es war traurig, wunderschön und auch schrecklich plus süß. Auf den Horror mit dem gestohlenen Urlaubsgeld und all meinen Dokumenten hätte ich wirklich gern verzichtet, alles andere sind Erinnerungen, auf die ich nicht verzichten möchte. Muss Yvonne mal fragen, ob sie da ganz ähnlich denkt. Sie hatte nämlich teilweise ganz andere Probleme. Bei einem Handy-Spiel schaffte sie den Level 72 nicht, das hat sie schier um den Verstand gebracht. Da sitzt sie, konzentriert am Problem schuftend, vor unserem Hotel. Verbissen ist das richtige Wort. Denn Yvonne ist wirklich die Kämpferin vor dem Herrn. Aufgeben ist keine Option. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie glücklich sie war, als sie eines Tages, vor Glück überquellend, stolz das Display vor meine Nase hielt. Sie hatte ‚72‘ gepackt! Und es gab immer mehr Jubelstürme, denn nach und nach fielen auch weitere Hürden nie gekannter Schwierigkeiten. Zigarette, allein, in voller Konzentration, vor dem Hotel, alle anzischend, die es wagten, sie auch nur anzusprechen und um eine Zigarette zu bitten, hoch motiviert und stets kämpfend, meisterte die großartige Frau schließlich auch jenen Königslevel, der die Krone beschert. „Machst Du jetzt weiter?“ fragte ich, Laie und Dösbaddel, die überglückliche Yvonne, die gerade den Endgegner besiegt hatte. „Geht nicht, da sind doch keine weiteren Level!“

 

HAPPY RABBIT – Love & Joy, Plzeňská 1125/160, 150 00 Praha 5 Smíchov, Tschechien, Café & Bistro, Ina und Nikola, Donut & bestes Essen. Wenn Prag-Besuch, dann auch HAPPY RABBIT.
 

Auf dem Weg nach Hause, es war eine quälend lange Fahrt, wir mussten bei sengender Hitze bis nach Berlin im Zug bei gefühlt 42 Grad, stehen, fiel mir ein, dass ich leider dort im Happy Rabbit vergessen hatte, eine Pinsa zu essen. Weiß bis heute nicht, was das ist. Aber ich wollte unbedingt solch eine Pinsa probieren. Ina und Nik bieten das an. Werde ich je eine Pinsa essen? Dazu werde ich wohl nach Prag fahren müssen. Und dann esse ich Pinsa und sehe natürlich Donut, die lieben Wirtsleute Ina und Nikola. Vielen Dank für alles!

Wie kann ein Urlaub traurig, wunderschön, schrecklich und süß sein? In der Reihenfolge wird aufgeklärt: Kafka, Moldau, Diebstahl und Donut.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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