Klaus Mattes

Mattes Orgasmieren 9 Rickenbacher Range

 

2015, September 9, Mittwoch

Unerwartetes Vorstellungsgespräch für die Arbeit eines Werbetexters in der Agentur Rickenbacher Range bei Mannheim. KM hatte am vorletzten Tag seines halben Jahres mit betreuten Bewerbungen in den Räumen der Startrampe seine Mappe dorthin per Mail gesandt, überwacht von der Dozentin Regina Henkenhaf.
 

Vom 1. März an hat er eine Menge Bewerbungen verschickt, an deren Chancen er entweder nie glaubte oder wo er die angebotene Arbeit am liebsten nicht hätte machen wollen. Es ging da oft nur noch darum, die sommerlich stickigen und schwülen Leerdrehstunden in der Startrampe mit irgendetwas halbwegs Sinnvollem umzubringen. (Die von der vormaligen Mathematiklehrerin Henkenhaf angebotenen Übungen mit Aufgaben fürs Programm Microsoft Excel konnte er als Sinnvolles nicht betrachten. Zum Einen hatte er zu verschiedenen Zeitpunkten in seinem Leben Excel schon gelernt, es daheim aber nie besessen, in irgendwelcher Arbeit auch noch nie gebraucht.)
 

Ihm ist klar, dass es im „Flüchtlingsjahr 2015“ in seiner Stadt Arbeit gäbe, die er theoretisch übernehmen könnte, hier im Kurs sonst allerdings keiner, nämlich: Unterricht in Deutsch als Fremdsprache. Noch einmal Lehrer werden? Nachdem er 2011 in dieser Funktion mehr oder weniger vom Hof gejagt worden war und sich davor schon gesagt hatte, okay, ein allerletztes Mal versuche ich es noch. Es bleibt dabei, solange seine Fallmanagerin im Jobcenter und die hier von der Startrampe auf so eine Idee nicht kommen, wird er sie nicht mit der Nase drauf stoßen.
 

Mit der Zeit wurde es dann aber schon seltsam, hätte den anderen Kursteilnehmern auch mal auffallen müssen: Die von der Startrampe haben ihn nicht ein einziges Mal mit einem Vermittlungsvorschlag konfrontiert, ja, haben nicht mal nachgeschaut, wofür er sich denn da bewarb und wieso nie was rumgekommen war, nicht mal ein Praktikum. Man ließ ihn einfach machen, ließ ihm alle Freiheit, alleine vor sich hin zu wurschteln.
 

Man kann nur noch spekulieren darüber, aber es dürfte was damit zu tun gehabt haben, dass die Coaches, Regina Henkenhaf und Wolf Leiser, von einer der Laienschriftsteller-Kolleginnen aus dem Forum krasspubliziert, einer gewissen „Sabrina“, dieselbe ihrerseits schon länger und an mehreren Orten im nordbadischen Raum als Sprachlehrerin tätig, also Freie Dozentin, eine Selbstständige, die für Unternehmen arbeitete, welche staatlicherseits als private Bildungsträger geführt werden, ohne staatliche Kursbestellungen allerdings nicht existenzfähig sind, für die Startrampe in Reuenthal galt nichts anderes, es wohl unterm Siegel der Kollegenfreundschaft gesteckt bekommen hatten, dass jedes Mal, wenn sie einen achtstündigen Unterrichtstag abrissen, ein gewisser, ihr, der Sabrina, mit Klarnamen gar nicht bekannter „Alter_Prof“ in krasspubliziert seine Kolumne unter dem Titel „Lummeln an der Startrampe“ mit den neuesten Entwicklungen dieser Hundstage vorstellte. Sie sollten besser ein bisschen aufpassen, auch wenn das Medium natürlich kaum jemanden erreiche.
 

So eine Verbindung zwischen krasspubliziert und Startrampe hätte KM nie für möglich gehalten. Sie muss bis zum heutigen Tag auch immer noch als reine Hypothese gehandelt werden. Man hat ihn nie darauf angesprochen oder etwa wegen irgendwas zur Rede gestellt. Aber irgendwann war es einfach nicht mehr zu übersehen, wie giftig sie ihn ansahen oder stumm und wie unangenehm berührt von ihm wegsahen, wenn er in den Pausen in den Gängen ihre Wege querte. Mehrfach ergingen sie sich vor dem Stuhlkreis in gekränkten Klagen. Es komme leider vor, dass Leute an derlei Maßnahmen teilnähmen, die sich innerlich ihnen zugleich verweigerten. Dabei würde es sich doch um freiwillige Maßnahmen handeln. Die Teilnehmer würden von den Fallmanagerinnen jeweils in Einzelgesprächen doch hingewiesen auf diese Freiwilligkeit. Sie alle müssten überhaupt nicht hier sein und sich dann deswegen sogar noch schikaniert fühlen. Jeder hätte Nein sagen können, sie waren gefragt worden, sie hatten ihre Unterschrift freiwillig geleistet! Prompt, als Herr Störk einmal polterte, ob der gewohnte Excel-Unterricht denn gar nicht mehr stattfinde, er mache ihm am meisten Spaß und bringe ihm auch was, war der Blick der Henkenhaf in die aufgesperrten Augen des KM geschnellt, denn erst in der Vorwoche hatte der sich in seiner krasspubliziert-Folge über diesen wiederkehrenden Qualifikations-Verlegenheits-Inhalt MS Excel lustig gemacht. Eilends hatte sie dann wieder weggeschaut, weil ihr aufgegangen war, dass sie gerade die Redaktion gezeigt hatte, die KM inzwischen von ihr erwartete.
 

Erstaunlicherweise ist - unter Hunderten von Agenturen, bei denen er während mehr als zehn Jahren vorstellig wurde – die Rickenbacher Range die Einzige, die nicht sofort mit Absage antwortet („tut uns Leid, bei der Vielzahl der Bewerber, wünschen Ihnen alles Gute“), sondern davor noch mehrere Texter-Aufgaben gelöst haben möchte, die sich in einem Attachment zur Mail befinden. So soll der Bewerber sich die Funkwerbung für eine Versicherung ausdenken, die junge Menschen anspricht, Deutschen die Regeln einer Schweizer Lokalsportart erläutern, eine Rede für den amerikanischen Präsidenten entwerfen („dear fellow greatest Americans“).
 

Sein Unternehmen hat Ricky Rickenbacher 1988 gegründet, ist aber erst vor einer Handvoll Jahren aus den Quadraten in die platte Rheinebene hinaus gezogen, in einen von einem Meisterarchitekten eigens für ihn geplanten und getürmten Würfel aus naturbelassenem Beton und Glas. Rickenbachers hellgrauer Würfel liegt im Norden der zur Schlafsiedlung mutierten, ehemals bäuerlichen Gemeinde Heddesheim, nicht weit von der Karl-Drais-Schule, wo sich, jedenfalls vom oberen Stockwerk herab, neben dem Chefbüro befindet sich ein verglaster Besprechungsraum, die Räumlichkeiten sind enorm hoch, eine schöne Aussicht auf den nahegelegenen Badesee auftut. (Ansonsten macht das Anwesen einen festungsartigen Eindruck. Der Chef hat sich noch ein paar Äcker dazu gekauft, alles mit kamerageschmückten, übermannshohen Doppelstabmattenzäunen umgeben. Um den Würfel herum gibt es, den Kunststeinvorplatz ausgenommen, auch noch eine dünne Sichtbetonwand, sodass man aus den Fenstern des Erdgeschosses den See nicht sehen wird.)
 

Bei der Anreise im Inter-Regio-Express und nachher in der langen, schmalen Unterführung des Mannheimer Hauptbahnhofs, oben auch in der Shopping-Halle und auf dem Vorplatz sind KM viele schwarzbärtige junge Männer aufgefallen, geradezu Heerscharen, die ihm wie Araber auf einem Kreuzzug vorkamen. Das sind die Flüchtlinge. Von ihnen sieht man im, in der Tiefebene brutzelnden Heddesheim aber keinen Einzigen. Jedoch Herr Rickenbacher scheint sich soeben erst von den Nachrichten losgerissen zu haben. Mit ausgestreckter Hand stürzt er sich dem telefonisch herauf Gemeldeten wutschnaubend entgegen. „Und? Haben Sie Ihren Refugee heut schon umarmt? Das ist ja so ein Zirkus, den die mit uns veranstalten!“ Gemäß den in seinen Coachings erhaltenen Hinweisen geht der Bewerber mit keiner Silbe oder fragenden Miene darauf ein. Man solle sich hüten, weltanschauliche Äußerungen könnten als gar nicht so gemeinte Provokationen oder Stressoren instrumentalisiert werden.
 

Nach stressigen Kreativ-Sessions im Team könnte man den feurigen Kopf draußen im See kühlen, lächelt der Chef, dem aufgegangen ist, dass der erste Eindruck wohl zu rau ausfiel. KM denkt aber auch schon mit Sorge, dass eine Arbeit im innerlich noch trister wirkenden unverputzten Beton, unumgänglich mit Umziehen verbunden sein muss. Zwar geht es mit dem Inter-Regio-Express nach Mannheim recht flott, doch dann muss man vor dem Hauptbahnhof wohl immer an die zwanzig Minuten warten, bis eine kleine Straßenbahn ankommt, die bis Heddesheim dann auch noch eine geschlagene halbe Stunde braucht. Und dann kommt noch eine Viertelstunde zu Fuß.
 

Das Innere des Würfels lässt an eine futuristische Denkfabrik denken. Ein sämtliche Etagen umgreifendes Atrium, es scheint sich wirklich nur um zwei Stockwerke zu handeln, obwohl man sich in beeindruckender Höhe befindet, alle Räume scheinen wenigstens drei Meter hoch zu sein. Es beansprucht so ein gewaltiges Volumen, dass die Ateliers drumherum wie angepappte Besenkammern wirken. Man sieht allenthalben in sie hinein, alle Türen sind offen, alle Köpfe mucksmäuschenstill über ihre Jobs gebeugt. Bei Relations Advance war es auch immer so. Und auch dort, dass die Tür vom Chef die eine war, die fast immer zu war. Durch die man auch nicht hineinsehen konnte wie hier durch die Glastüren und die in Richtung Atrium aus Glas angefertigten Wände. Was man allerdings hier oben beim Chef und im Besprechungsraum auch nicht kann. Hier ist das Glas geriffelt und weiß wie Milch. Leider ist das Glasdach über dem Innenhof ebenfalls nicht ganz durchsichtig, sondern mit Sonnenmilch eingekremt, sodass in diesem großzügig dimensionierten Würfel etwas wie Höhlenatmosphäre herrscht, immerhin gut gekühlt. Draußen war es gerade noch sehr heiß mit einer stechenden Sonne im blauen Firmament.
 

An der Wand ein riesiges, gerahmtes, signiertes Poster von Tom Petty and The Heartbreakers, daneben eine sicher befestigte, rot glänzende Rickenbacker-E-Gitarre, in der Ecke eine mehrstöckige Glasvitrine mit Nippes und Devotionalien, noch mehr Mini-Rickenbackers in kleinen Gitarrenständern, allerlei Harley-Davidson-Kram.
 

Auf der Rückfahrt (auf die Möglichkeit, Bewerbungskostenzuschuss zu beantragen, verzichtet er) fühlt es sich mulmig an. RR hat durchblicken lassen, dass er ihm die Stelle geben wird. Allerdings auch, dass er sich geärgert hätte, weil er sich für zwei andere Bewerber vor ihm schon entschieden hatte, diese dann einen Rückzieher gemacht hätten. KM fürchtet, dass er sich in die Höhle von noch mal einem kleinbürgerlichen Pascha begeben könnte, der wieder davon ausgehen wird, dass die ihm Untergebenen bzw. Unterworfenen sich begeistert zu Tode mühen fürs Aufwachsen seines Kontos. Was hat er mit den proletarisch hemdsärmeligen Mannheimern zu schaffen, die neben einer stinkenden Chemie im waldbefreiten Flachland der im zweiten Krieg verlorenen Schönheit ihrer Stadt nachweinen? Heddesheim, alles Kleinfamilien mit Eigentum, dürfte freie Singleswohnungen auch gar nicht bieten. Im Kurs war es noch so einfach, sich für dergleichen zu bewerben, sobald man es im Stelleninformationssystem entdeckte.
 

In etwa war das Ganze wohl so ein Fall wie jene Land-Buchhändlerin damals, Frau Magali Rot, die, nachdem sie ihre zweite Buchhandlung im Nachbarort aufgemacht hatte, auf einmal merkte, dass sie mit nur einem einzigen, akademisch vorgebildeten Auszubildenden in seinem zweiten Lehrjahr von der finanziellen Seite her es kaum noch stemmen konnte, also sofort noch so einen brauchte, aber woher denn nehmen, wenn das Lehrjahr erst zu einem Drittel gelaufen war. Und genau in jenem Augenblick hatte das Arbeitsamt ihn ihr geschickt. Aber nein, stimmt nicht, er selbst war das gewesen, der freiwillig in eine Falle hinein gelaufen war, später mit drei Monaten Geldsperre dafür gebüßt hatte, dass er sich dann doch noch hatte rauswinden können.
 

KM schlägt die möglicherweise letzte Chance zu einer Lebenswende aus. Er wird Ricky Rickenbacher wieder los, indem er die Rede auf seinen Schwerbehinderten-Grad und die sich ergebende Notwendigkeit von Erholungsphasen bringt. Er lügt ein wenig: „Ich traue mir das, ehrlich gesagt, dann doch nicht mehr zu. Ich habe mich, ehrlich gesagt, wohl etwas überschätzt.“ Gefährlicher kann's im Umgang mit der Behinderten-Beauftragten im Reuenthaler Jobcenter jetzt noch werden, Yvonne Bittermann. (Wobei nun doch gesagt werden muss, dass es allmählich auffällt, wie oft die mit ihm Beauftragten von der Arbeitsverwaltung sich als Frauen herausstellen und zwar solche, die überhaupt nicht in der Stadt, vielmehr irgendwo recht weit draußen auf dem Lande und dort anscheinend in Eigentum leben. YB ließ irgendwann fallen, nicht zuletzt deswegen sei sie für die langzeitarbeitslosen Behinderten zuständig geworden, weil sie selbst auch behindert sei, aber wie, das weiß er nicht.) Für YB führt er seine Absage auf die große Entfernung und die damit einhergehende Notwendigkeit eines Umzugs, den er sich nicht leisten könne, zurück. Das nur per Brief. Er telefoniert nicht, sucht sie nicht auf. Und dass es nie eine Antwort gibt, rechnet er ihr hoch an. Hätte sie ihn nicht zum dritten Mal sperren können, weil er nicht arbeiten ging, obwohl er's hätte tun können?

 

(Und hätte er, wo er schon aufs Geld für die Fahrkarte verzichtete, nicht die gesamte Rickenbacher-Einladung einfach verschweigen können, bzw. zumindest hinterher behaupten können, die hätten ihm abgesagt? Aber das hat er sich nicht getraut. Frau Henkenhaf in der Startrampe hat immer noch diese Liste, auf der steht, er hat sich Ende August 2015 als Texter bei Rickenbacher Range in Mannheim beworben.) (Sowieso glaubt er, die Dame ein für alle Male los zu werden, als er im nächstfolgenden Sommer dann doch als Deutschlehrer für Migrantenströme anfängt und nicht gleich untergeht. Irrtum allerdings, wie sich im Zusammenhang mit dem Corona-Virus 2021 herausstellen wird, als er ein weiteres Mal zum „Kunden“ des Jobcenters und der YB darin wird.)
 

Ricky Rickenbacher gibt mit dem Alter seine Geschäftsleitung der Rickenbacher Range auf. Diese ist mittlerweile eine Aktiengesellschaft, im Aufsichtsrat der AG sitzt er schon noch. Auch das Reuenthaler BMW-Haus ist noch Kunde. Einen zweiten Betonwürfel mit gebogenen Monumentalfenstern à la Kanzleramt hat der Chef sich ins weitläufig umdrahtete Gelände stellen lassen. In ihm lebt er immer weiter in Glück und Segen mit all seinen Lieben, wenn sie nicht gestorben sind.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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