Heinz-Walter Hoetter

Grausamer als das Böse



 

 

Die groß angelegte Säuberungsaktion hatte schon vor ein paar Tagen begonnen. Alles wurde gnadenlos niedergemacht und in Schutt und Asche gelegt.

 

Ich stand vor einer der vielen brennenden Hütten. Der Rauch wehte zu mir herüber und brannte in meinen Augen. Es roch nach verkohltem Holz und verbranntem Menschenfleisch. Ich musste unwillkürlich würgen und hätte mich beinahe übergeben, als ich die toten, aufgedunsenen Leiber der entsetzlich zugerichteten Kreaturen sah.

Doch noch viel schlimmer war der Umstand, dass sich die schrecklichen Bilder in meinem Kopf festgesetzt hatten. Sie waren wie gespenstische Schatten, die mich überall hin verfolgten.

Besonders in meinen nächtlichen Träumen wurde ich von den verzweifelten Todesschreien der Männer, Frauen und Kinder immer wieder heimgesucht, die im infernalischen Kugelhagel der ratternden Maschinengewehre zu Hunderten dahin gemäht wurden. Nicht alle waren gleich tot, sondern starben langsam und qualvoll vor sich hin. Ihre fürchterlichen Schreie, ihr klägliches Wimmern, Jammern und Stöhnen endeten erst, als die Männer mit den gnadenlosen Flammenwerfern kamen, um ihnen schließlich den Rest zu geben.

Ich wollte mir jetzt unbedingt eine Zigarette anzünden, griff nach der klobigen Schachtel in meiner rechten Jackentasche und zog mit zitternden Händen eine von den Dingern daraus hervor. Beim Anzünden wäre mir beinahe der Glimmstängel vor lauter innerer Unruhe, Angespanntheit und Nervosität wieder aus den Händen gefallen. Ich riss mich zusammen, hielt das Feuerzeug ruhig und sog einen Augenblick später genüsslich den Rauch der glühenden Zigarette in mich hinein.

Mittlerweile war mir kalt geworden. Ich knöpfte mir daher meine Jacke bis oben hin zu und ging eilig davon. Ein festes Ziel hatte ich nicht. Unterwegs dachte ich darüber nach, wie alles angefangen hatte.

***

Ich war damals der beste meines Jahrgangs gewesen, hatte nach Beendigung meines Studiums der Politikwissenschaften eine Anstellung bei der Regierung bekommen und frönte eigentlich ein ganz normales Junggesellendasein.

 

Dann machte man mir von oberster Stelle eines Tages dieses außergewöhnliche Angebot, das mein ganzes Leben verändern sollte. Im Grunde genommen war ich ein Mensch, der das Abenteuer liebte. Die Bezahlung war ungewöhnlich gut. Jedenfalls besser als alles, was ich bisher in meinem Leben je verdient hatte. Also sagte ich zu. Warum auch nicht? Wer jung und zielstrebig ist, einen hohen Lebensstandard pflegen wollte, Karriere machen und aufsteigen möchte, der kann einfach nichts anderes als dieser einmaligen Offerte zuzustimmen.

So bekam ich schließlich einen äußerst lukrativen Posten im Sicherheitsministerium, quasi als Agent, war häufig im Außeneinsatz, weckte auch schon nach kurzer Zeit die Aufmerksamkeit meiner Vorgesetzten wegen meiner Zielstrebigkeit und außerordenlich guten Leistungen.

Schnell stieg ich in der Hierarchie nach oben auf, bis ich eines Tages in eine geheime Abteilung abkommandiert wurde, wo ich erfuhr, wie naiv, dumm, einseitig und eingeschränkt mein bisheriges Verständnis von der Welt doch gewesen war. Ich erfuhr von Geheimnisse, die sogar hochrangige Regierungsvertreter, bis hin zum Präsidenten, verborgen blieben. Ich erhielt Beweise für Dinge, die ich bislang als Normalbürger für unmöglich gehalten habe.

Jenseits der tagtäglichen Realität in der Gesellschaft gab es noch eine Welt, die von ganz anderen Gesetzen beherrscht wurde. In dieser unsichtbaren Welt tobte ein unerbittlicher Kampf der Kräfte des Guten gegen die finsteren Mächte des Bösen.

Ich war darauf nur wenig vorbereitet und zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich, ob ich diesen ungewöhnlichen Aufgaben auch tatsächlich gewachsen war.

Aber wie kann man sich an den Wahnsinn gewöhnen, der unsichtbar unter den Menschen existiert? An das viele Elend und das entsetzliche Leid, das den unglücklichen Kreaturen widerfuhr, die sich Menschen nannten?

Einfach weiterleben wie bisher und so tun, als sei alles normal und in bester Ordnung? Mein Innerstes sträubte sich zwar dagegen, aber ich akzeptierte letztendlich den Horror der Gegenwart. Ich nahm sie einfach so hin, wie sie war. Ich tat es im Prinzip ehrlich gesagt nur, um meines eigenen Überlebenswillens wegen. Der Job war zwar grausam und brutal, den ich hier machte, aber er wurde einfach zu gut bezahlt. Außerdem wollte ich auch meine Karriere nicht aufs Spiel setzen, machte deshalb einfach weiter und verdrängte alle kritischen Gedanken über meine Arbeit, die nur meine Psyche belasteten.

Gedankenverloren stand ich da und rauchte nervös an meiner qualmenden Zigarette, bis plötzlich dieser Max Pine, einer meiner Kollegen aus der internen Sicherheitsabteilung, mit dem züngelnden Flammenwerfer auftauchte. Er steckte in einem feuerfesten Schutzanzug, schob sein Visier hoch und rief: „Wir müssen weiter, Steven. Diese verfluchten Kreaturen dürfen nicht länger am Leben bleiben. Jeder Funke der Rebellion muss ausgelöscht werden mit Feuer und Stahl.“

Ich sah in seine kalten Augen, in denen sich etwas Unmenschliches spiegelte. Meine Gedanken drifteten zu der verborgenen Wahrheit, die ich entdeckt hatte: Die Säuberungsaktion war nicht nur ein brutaler Krieg gegen Aufständische. Sie war Teil eines dunklen Rituals, einer Beschwörung uralter Mächte, die auf der Asche der Toten eine neue Herrschaft errichten wollten.

„Stan,“ sagte ich leise und meine Stimme bebte dabei, „was ist, wenn wir dabei mehr zerstören als nur den Widerstand? Wir könnten vielleicht selber zum Bösen werden, wenn wir diese befallenen Kreaturen vernichten?“

Er lachte bitter. „Mann oh Mann, Steven. Sie nicht so naiv. Hier geht es schon lange nicht mehr um Menschen oder Politik. Es ist ein Krieg der Welten. Und du, ja genau du, hast dich dafür entschieden, dagegen anzukämpfen. Also denkt nicht so viel nach und mach' einfach mit.“

Ein plötzlicher Knall ließ mich aufschrecken. Aus den letzten Überresten eines rauchenden Gebäudes stiegen schwarze Gestalten empor, geisterhafte Kreaturen, die zwischen Realität und Albtraum wandelten. Sie brüllten und schrien, ein wütender Chor des Verderbens in Menschengestalt. Die wahre Schlacht begann erst jetzt, und ich machte mich bereit.

Ich zerdrückte schnell die Reste meiner Zigarette im verbrannten Staub unter meinen Schuhen, zog mein glühendes Schwert hervor, nicht irgendein Schwert, sondern ein Artefakt, das mir von der geheimen Abteilung anvertraut worden war. Es war ein so genannter Lichtbringer. Es war das letzte Mittel gegen die Schatten des Bösen. Entschlossen trat ich jetzt mutig vor, denn ich wusste, dass es jetzt auch für mich kein Zurück mehr gab.

Das heilige Feuer loderten auf und mit jedem Hieb meines Schwertes durchtrennte ich die Schatten aus der Unterwelt. Es war ein Kampf um die Seele unserer Welt, und ich führte ihn mit gnadeloser Härte, wie ich es gelernt hatte.

Im Herzen der Finsternis angekommen entdeckte ich schließlich den Ursprung des Grauens. Eine uralte Macht, gefangen in den Flammen der Hölle und menschlichem Blut.

 

Doch das Licht des Hoffnungsschimmers in mir entfachte sich zu einem Inferno, gegen das selbst die tiefste Dunkelheit nicht bestehen konnte. Ich wurde zu einem grausamen Berserker des Guten, der das Böse gnadenlos vernichtete, wo es auftauchte.

Und so stand ich da, mit brennendem Herzen und entschlossenem Blick, zwischen Asche und Feuer, zwischen Schatten und Licht, bereit, die Welt neu zu erschaffen oder in ihr für immer zu versinken.

 

Aber ich wusste, dass wir am Ende den Sieg davon tragen würden, denn das Gute kann nur gewinnen, wenn es grausamer als das Böse ist.

 

Und ich war mehr als grausam.

Ende

 

(c)Heiwahoe

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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