Heinz-Walter Hoetter

Das Märchen von Walther und Yrmengiede



 

 

 

Weit, weit vor unserer Zeit, in einem fernen Land, das von dichten Wäldern und tiefen Seen geprägt war, lebte ein junger Adelsmann namens Walther. Er war bekannt für seinen edlen Geist und seine Tapferkeit, doch sein Herz gehörte ungeteilt einer einzigen Person, der wunderschönen und sanften Yrmengiede, die Tochter eines Schmieds war.

Yrmengiede war jung und lieblich, ihr Lachen klang wie das Lied der Vögel im Frühling und ihre Augen funkelten heller als die Sterne in klarer Nacht.

 

Walther hatte sie beim einem Ausritt mit seinem Pferd gesehen, wo sie still am Fluss saß und mit geschickten Händen feine Schmuckstücke aus Bronze fertigte. Beide waren sogleich ineinander verliebt. Von diesem Moment an wollte Walther nicht mehr von ihrer Seite weichen.

Doch das Königreich, das über ihre Heimat herrschte, lag in tiefer Trauer. Der alte König war gestorben und mit ihm schwand die Zuversicht der Menschen. Im prächtigen Königssaal, hoch oben auf seinem Thron, saß die Königin, eine Frau von erhabener Würde, doch ihr Herz war schwer. Sie blickte sorgenvoll auf ihren jüngsten Sohn Vasolte, einem Mann voller Gier und Eifersucht.

Vasolte konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sein älterer Bruder Walther als Thronfolger bestimmt war. Sein Hass wuchs mit jedem Tag und so wandte er sich der dunklen Magie zu, um seinen heimtückischen Plan zu verwirklichen. Ein finsterer Magier erschien ihm, dessen Augen dunkelrot leuchteten, wie glühende Kohlen eines Feuers.

„Vaters Platz begehre ich,“ flüsterte Vasolte mit bitterem Zorn. „Mein Bruder soll nicht König werden. Vertreibe ihn vom Hof, lass ihn nicht leben, nimm ihm die Macht. Verzaubere ihn durch einen Trank, und zur Belohnung gebe ich dir die Hand der Prinzessin, dazu Land und Reichtum.“

Der Magier, listig und durchtrieben, stimmte zu und bereitete einen geheimnisvollen Wein. Tief in der Dunkelheit, in der Stille des Schlosses, fand Walther diesen Trank auf seinem Tisch. Unwissend nahm er eine tiefen Schluck aus dem Becher, ahnungslos gegenüber dem dunklen Zauber, der ihn erwartete.

Im ersten Moment senkte sich eine bleierne Müdigkeit über ihn und dann, mit einem schmerzvollen Krächzen, verwandelte er sich langsam in einen Vogel. Federn sprießten aus seiner Haut, seine Arme wurden Flügel. Er war nicht länger ein Mensch, sondern ein schwarzer Rabe, von Fluch und Gram getrieben.

Verzweifelt und gebrochen erhob Walther sich in die Lüfte. Hoch flog er empor, suchte nach seiner geliebten Yrmengiede, die in der Schmiede ihres Vaters saß, ahnungslos und verträumt, während Funken von Feuer und Eisen ihre Welt erfüllten.

Da kam ein schwarzer Rabe zu ihr geflogen, landete sanft auf ihrem Fensterbrett und sprach mit krächzender Stimme: „Ich wurde von einem Magier meines Bruders in einen Raben verwandelt, meine Geliebte. Ich werde aber immer bei dir bleiben und in deiner Nähe sein.“

Yrmengiede erschrak zutiefst. War dies ein Geist? Ein Dämon? Sie konnte den Vogel nicht erkennen, nicht als den Walther, den sie liebte. Ihr Herz zersprang beinahe vor Schmerz und Scham.

Doch der Rabe rief bitterlich: „Ich bin’s, Walther, dein Geliebter! Erkennst du mich nicht?“

Ihre Angst wich langsam einer tiefen Traurigkeit. „Wer hat dir das angetan, mein Prinz? Sag es mir!“ Ihre Stimme bebte vor Sorge.

„Vasolte, mein Bruder, ist der Bösewicht,“ klagte der Rabe. „Sein Hass trieb ihn zu finsteren Mächten. Der böse Magier verzauberte mich mit einem Trank, den ich unter dunklem Zwang trank. Nun muss ich in dieser Form leben, weit weg von allem Menschlichen.“

Yrmengiede, vom Schmerz erfüllt, doch entschlossen erwiderte sie: „Lass unsere Liebe nicht durch diesen Fluch zerbrechen. Flieg, mein Geliebter, bring mir den Zauberwein! Ich werde denselben Trank zu mir nehmen und dir folgen, als Rabenfrau an deiner Seite.“

Ohne zu zögern spannte Walther die Flügel aus und stieg wieder empor, auf der Suche nach dem magischen Trank. Seine schwarzen Federn glänzten im Sonnenlicht, als er über Berg und Tal flog. Bald kehrte er zurück mit dem kostbaren Wein, der ihre beider Schicksale miteinander verbinden sollte.

Dann trank Yrmendiede den Zaubertrank. Augenblicklich verwandelte sie sich in einen Raben, ebenso schwarz und stolz und frohlockte leise neben Walther. Ein neues Leben begann, frei von menschlicher Gestalt, doch voller Liebe und Hoffnung.

Über den weiten Himmel und Erde hinweg flogen sie nun als Rabenpärchen, der Wind trug sie durch ferne Länder, durch Zeiten und Räume.

 

Aber das Königreich des neidischen Vasolte verblasste zusehends und löste sich bald im ins Nichts auf. Nur die Geschichten und Sagen blieben zurück. Sie erzählen von einem Paar, dessen Liebe so stark war, dass selbst der finsterste Zauber sie nicht brechen konnte.

Walther und Yrmengiede, das verzauberte Rabenpärchen, leben noch heute, ihre schwarz glänzenden Schwingen erzählen von einer unsterblichen Liebe, die alle Zeiten überdauert.

 

Und wenn ihr mal ein Rabenpärchen seht, dann könnte es wohlmöglich Walther und Yrmengiede sein.



ENDE

 

©Heiwahoe

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