Angie Pfeiffer

Das Mädchen von damals

Sie:
Er war immer da. Manchmal stellte sie sich vor, wie es wäre ihn zu treffen. Nach so langer Zeit. Ob sie ihn erkennen würde? Ob er enttäuscht wäre? Schließlich hatten sie sich als junge Menschen gekannt. Nun waren beide schon länger als ein halbes Jahrhundert auf der Welt. In ihrer Erinnerung war er jung, sie konnte ihn sich nicht mit grauen Haaren und Falten vorstellen.
Woran war es damals gescheitert? Sie konnte es nicht einmal mehr sagen. Sie war gegangen, ohne großartige Erklärung. Hatte ihm wehgetan, wissentlich und ohne Bedauern, hatte noch ein wenig mit ihm gespielt und ihn bis zum Schluss hoffen lassen.
Sie war so jung gewesen, begierig das Leben auszukosten, nicht in der Lage sich fest zu binden. Er engte sie ein, klammerte, war eifersüchtig und besitzergreifend. Er sprach von einer gemeinsamen Zukunft, schleppte sie in Möbelhäuser, schaute sich vorsintflutliche Wohnzimmerschränke an, während sie vor sich hinträumte. Sie wollte Einzigartigkeit, Leben am Limit, alles, aber auf keinen Fall Bürgerlichkeit. Insgeheim machte sie sich über ihn lustig, ließ ihn reden, verließ ihn, als er sie langweilte.
Lange, nachdem sie ihn verlassen hatte, kam das Gefühl des Verlustes. Doch da hatte sie schon die Enttäuschung gekostet. Unmerklich brauchten sich die Illusionen der Jugend im zermürbenden Alltag auf, waren plötzlich nicht mehr da, ließen sie bitter und müde zurück.
Manchmal, wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie das Mädchen von damals hinter der grauen Maske. Es lächelte verwegen, doch ein wenig unsicher. Manchmal lächelte sie zurück, doch meist war der Augenblick vorbei, bevor sie es richtig erkennen konnte.
Was, wenn sie einfach versuchen würde Kontakt mit ihm aufzunehmen? Sie tat den flüchtigen Gedanken schnell ab, denn sicher bewohnte er inzwischen sein rustikales Wohnzimmer mit einer anderen Frau, war glücklich, hatte die Kinder, die er sich mit ihr wünschte.

Er:
Er hatte sie nie vergessen können, hatte sich zusammen mit ihr stark und unbesiegbar gefühlt, wollte sie halten und für sie da sein, machte Zukunftspläne. Er verstand nicht, warum sie einfach wegging, ihn tief verletzt allein ließ.
Er hatte andere Frauen gehabt, konnte sich nicht mehr an alle erinnern. Nur ihr Gesicht kannte er immer noch in allen Einzelheiten, dachte manchmal an ihr schiefes Lächeln, wenn er über die gemeinsame Zukunft sprach.
Seine Ehe war gescheitert. Man hatte sich „im Guten“ getrennt ohne schmutzige Wäsche zu waschen. Doch wusste er, dass seine Frau niemals die Zuneigung bekommen hatte, die sie verdiente. Sie liebte ihn, doch war er nicht in der Lage zurückzugeben, was er von ihr empfing.
Manchmal malte er sich aus, wie es sein würde, wenn er das Mädchen von damals wieder treffen würde. Ob er sie wohl erkennen könnte? Ob sie enttäuscht wäre? Es war so lange her, doch für ihn blieb sie ewig jung.
Das eine oder andere Mal war er in Versuchung gekommen, doch die Bedenken ließen ihn schnell wieder vernünftig werden: Sicherlich war sie mit jemand anderem glücklich, führte das Leben so, wie sie es sich erträumt hatte.

Sie:
Langsam, als wäre er zerbrechlich legte sie den Telefonhörer auf. Sie hatte es gewagt! Der Drang ihn wieder zu sehen, mit ihm zu sprechen war übermächtig geworden.
Es stellte sich als ganz einfach heraus, denn er wohnte immer noch in der selben Stadt wie damals, stand sogar im Telefonbuch. Zögernd hatte sie seine Nummer gewählt, bereitete sich auf seine Stimme vor. Doch er nahm den Hörer nicht ab.
Heute hatte sie es noch einmal versucht, hoffend und gleichzeitig ängstlich. Sein Sohn war an den Apparat gekommen und sie fragte nach ihm. Ein beklommenes Schweigen folgte. Dann kam die Antwort und die Worte hallten immer noch in ihrem Kopf wieder: „Es tut mir schrecklich leid, aber mein Vater ist ganz plötzlich verstorben.“
Sie lächelte, während sie das Salz ihrer Tränen schmeckte, denn jetzt würde er für sie immer jung bleiben.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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