Dunkle Wolken zogen auf und bald fing es an zu regnen. Ich lag unruhig in meinem Bett und wurde von einem schrecklichen Alptraum gequält.
***
Der schwere, hölzerne Eingang knallte hinter mir mit einem dumpfen Krach zu. Ich stürmte davon, als sei der Teufel hinter mir her. Ich hatte mich noch gerade rechtzeitig aus der Kirche retten können.
Ich stand etwas später keuchend im kühlen Schatten des alten Dorfplatzes. Mein Herz hämmerte wie wild gegen die Rippen, weil ich nach Luft schnappen musste.
Drinnen, in der Dunkelheit unter den weiten, gotischen Bögen, da lauerte etwas Unvorstellbares, das mir Angst eingeflößt hatte und mich zur Flucht veranlasste.
Es war etwas, das wohl kein Gott so haben wollte: Es waren hässliche Gottesanbeterinnen, aber nicht diese kleinen Insekten, die man aus dem Biologieunterricht kennt. Nein, sie waren hier, in dieser Kirche, grüne Monster mit starr blickenden Augen, die die Größe von Menschen angenommen hatten.
Und dann sah ich sie kommen, langsam, mit gebeugtem Rücken und einem Gebetsbuch in der Hand. Eine alte Frau, vielleicht achtzig Jahre oder älter, deren Augen von jahrzehntelanger Frömmigkeit bleich und glanzlos wirkten. Sie schien in Gedanken zu sein, von der Welt um sie herum völlig losgelöst, eine lebende Reliquie längst vergangener Zeiten.
Ich stellte mich ihr in den Weg.
„Passen Sie auf, die Kirche ist voller riesiger Gottesanbeterinnen! Gehen Sie da nicht rein!“, rief ich ihr zu. Meine Stimme überschlug sich fast vor Panik.
Sie blinzelte mich an, ihre Runzeln im Gesicht vertieften sich. Dann schüttelte sie langsam den Kopf, als wolle sie einen lästigen Floh abschütteln. „Hast du vielleicht Drogen genommen, mein Junge? Was redest du da für einen Unsinn, dass in der Kirche riesige Gottesanbeterinnen sein sollen? Was meinst du damit? Willst du mir Angst machen?“
So aufgeregt ich war, so laut ich auch warnte, die alte Frau glaubte mir einfach nicht. Vielmehr tippte sie sich mit dem langen Zeigefinger ihrer knöchernen Hand an die Stirn und murmelte: „Du brauchst Hilfe, mein Kind! Bitte lass' mich jetzt in Ruhe. Ich möchte endlich zum Beten in die Kirche gehen. Du hälst mich nur auf.“
Dann wandte sie sich ab, öffnete die hölzerne Tür mit dem großen Sprossenfenster des Nebeneinganges und verschwand dahinter im steineren Säulengang.
Ich wollte ihr noch ein paar warnende Worte hinterherrufen, doch meine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet an. Ich bebte unkontrolliert am ganzen Körper und konnte den nächsten Satz aus mir nicht mehr heraus schreien.
Stattdessen drückte ich mich jetzt vorsichtig ans kalte Mauerwerk der Kirche und starrte schließlich durch die Glasscheiben des Sprossenfensters der Tür.
Sekunden vergingen. Ich fing an zu schwitzen. Dann durchbrach ein schriller, entsetzlicher Todesschrei die Stille des Dorfplatzes, so wild und verzweifelt, dass mir das Blut in den Adern gefror. Ein Echo rollte über die Pflastersteine, dann wurde es ganz plötzlich wieder still.
Ich blickte abermals durch das Fenster, hinein in den dahinter liegenden Gang. Mein Blick verfinsterte sich, als ich etwas grauenvolles vernahm. Langsam, in schweren Intervallen, so als würden kräftige Kiefer an einem saftigen Stück Fleisch kauen, hörte ich ein ekelhaftes Geräusch. Es war das widerliche Schmatzen der hungrigen Gottesanbeterinnen, die sich gerade an der alten Frau gütlich taten. Ihre letzten, verzweifelten Schreie hallten noch in meinen Ohren, während ich mich in Panik auf und davon machte.
Ich konnte nichts mehr für sie tun. Meine Warnungen waren ungehört geblieben, weil sie mir nicht zuhören wollte. Das war ihr Todesurteil.
Noch während ich mich entfernte, blieb mein Blick kurz an eines der Kirchenfenster hängen, jenes bleiverglaste Mosaik, das den Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen zeigte. Im flackernden Licht der untergehenden Sonne schien es plötzlich so, als würde sich der Drache regen. Ein leises Knacken war zu hören und in der Dunkelheit hinter den bunten Scheiben bemerkte ich die Augen der Gottesanbeterinnen, wie sie mich anstarrten.
Die Kirche war lebendig und offenbar noch lange nicht satt.
Ich zog den Kragen meines Mantels fester um meinen kalten Hals und beschleunigte meine Schritte. Ich wollte nur noch weg von diesem Ort des Grauens, aber der Alptraum hielt mich fest.
Vielleicht würden bald wieder welche kommen, um in dieser unheimlichen Kirche beten zu gehen. Ich schwor mir, dass ich dann kein zweites Mal mehr schreien würde, um die Leute vor ihrem kommenden Unglück zu warnen.
Denn für mich blieb nur die Gewissheit, dass meine Warnungen wohl wieder im Wind verhallen würden und manche Monster, egal welcher Art, still in den dunklen Abgründen unserer Träume und Alpträume lauern.
(c)Heiwahoe

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2026.
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Nickname Sonnenschein
von Feli März
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